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Full text of "Zeitschrift für Politik 12.1922/23"

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Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W 8 





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Inhaltsverzeichnis zum zwölften Band 


Seite 
Einleitung e un pi ea a a ea Be 1 
Abhandlungen 
Brinkmann, Carl: Das angelsächsische Staatenproblem . . ... .... 125 
Gide, Charles: Frankreich und das Reparstionsproblem . . . 2... . 289 
Gothein, Georg: Steuern, Reparationsleistungen und Valuta . ..... 67 
Herkner, Heinrich: Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum 
Denutschtäm. re ee ES, 137 
Gouttenoire de Toury, Fernand: Die Schuld am Kriege . . . ... . . 8 
Grabowsky, Adolf: Das Wesen der imperialistischen Epoche . . .. . . 30 
Hardt, Fred B.: Italien nach dem Kriege `. . .» . 2 222200 .2. 885 
Harnack, Axel von: Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 235 
Immelen, M.: Der Faszismus . . .. 2: 2 2 2 2 20222. 485 


Koigen, David: Programmatischer Entwurf zu einer Soziologie der russischen 
Revolution (Zusammenbruch und Selbstschutz des russischen Reiches) 304 
Levi Della Vida, Giorgio: Lage und Tendenzen der auswärtigen Politik 


Italiens c- 5:4. 427 
Schmidt, Richard: Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europäischen 

Parteileben.. 1, 2 =. u. 4 osoo we aa Wei en 4 
Schnee, Heinrich: Die Kolonialmandate MR en ee re nie Das EES 161 
Schneider, Oswald: Frankreichs Finanzpolitik . . . - - - - 2 2.2... 205 
Seignobos, Charles: Die öffentliche Meinung Frankreichs und der Vertrag 

von Versailles ........ EEEE EE ERER E E ` 80 
Spiegel, Ludwig: Graf Taaffe . . .. 2: 2 2 000 nern. 514 


Valentin, Veit: Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsver- 
trags. Eine Aufzeichnung des Botschafters General v. Schweinitz. 
Eingeleitet auf Grund der diplomatischen Akten des u Amts 217 

Lichtenberger, Henri: Die gegenwärtige Krisis . . . - ». .e 852 

Stählin, Karl: Aus den diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes 1871 
bie 1914. 

I. Das deutsch-österreichische Bündnis und seine Anbauten bis 1884 384 

II. Bismarcks Verhältnis zu England und Frankreich 1879—1885 . 843 

III. Die Balkankrisen 1885—1886 . . . 22 22020. — 
Wilson, Frederick W.: Großbritanniens auswärtige Politik . . ..... 78 


Zum Stand der politischen Probleme 


(Zusammenfassende und vergleichende Übersichten) 


Adler, Franz: Das Sprachenrecht in der Tschechoslowakischen Republik 468 
Burckhardt, Georg: Staatsphilosophische Probleme der Gegenwart . . . 521 


Chronik der Gebietsverschiebungen infolge der Friedensverträge 


Fleischer, Paul: Der deutsche Osten - . ... 2. 2 222.0. ee er AIS 
Kaestner, Paul Jakob: Der deutsche Osten . - - . 2 2 2 2 2 2 000. 565 
Kutzscher, Gerhard: Die nationalpolitische Struktur und Problematik Groß- 
FOMANIENE. s "ei. ru E CR er en g 875 
Scheidewin, Wolfgang: Der deutsche Westen... 2.2 22200. 104, 561 


Seeparowycz, Helene: Ost-Galisien . - - - - 2» 2: 2: 2 2 22er 866 


IV Inhaltsverzeichnis zuın zwölften Band 





Friedensverträge und Wiederaufbau der Welt Seite 

Mannhart, Hans: Kritisches und Positives aus den Hauptkulturländern. 
England (Erster Bericht) . . . 2:2 2 Cor nr rn. 248 
Roepke, Fritz: Frankreich (Erster und zweiter Bericht) . .... . 264, 542 
Rothbarth, Margarete: Amerika (Erster Bericht) . . . . .. 22200 552 

a 

Gooch, G. P.: Die politische Situation in England und die englisch-deutschen 
Beziehungen a wie. ne. an Erna sr 456 
- Gottlieb, Albert: Zur ostgalizischen Frage . . . 2 2 22200. 479 
Grosse, Ernst: Die Wirtschaftspolitik der Mächte in China SE E dE 463 
Kulemann, Wilhelm: Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes. . . ... 181 
Simons, Walter: Völkerrecht und Arbeitsrecht . . .. .. o .... 172 

Besprechungen 

Bergsträßer, Ludwig: Geschichte der politischen Parteien in Deutschland 
(Adolf 'Grabowaky) ccs a re 0.0 0 a ea A Ri Ze Ee 281 

Brandt, Otto: A. W. Schlegel: Der Romantiker und die Politik (Else 
ee, oe a echt E e de ee re ee S 287 
Chinaliteratur, Deutsche (Andreas Walther) . . . . e. 2» 2222000. 193 

Delbrück, Hans: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen 
Geschichte. 2. Teil. Die Germanen (Hans F. Helmolt)..... . 201 
Fischbach: Allgemeine Staatslehre (Georg Burckhardt). . . . . 2... 527 
Gantt: Organisation der Arbeit (Georg Burckhardt) . . .. . . 2. 540 


Hildebrandt: Norm und Verfall des Staates (Georg Burckhardt) . . . . 529 
Kantorowicz, Ludwig: Die sozialdemokratische Presse Deutschlands. Eine 


soziologische Untersuchung (Paul Hirschmann) . . ... 2.2... 285 
Kjellén: System der Politik (Georg Burckhardt). . . . s.s.s.. 6524 
Leibholz: Fichte und der demokratische Gedanke (Georg Burckhardt). 539 
Leibrock: Arbeitsgemeinschaft (Georg Burckhardt). . .... e . 540 
Lins: Staat und Arbeit (Georg Burckhardt) . . . . ».... e, 540 
Nitti, Francesco: Das friedlose Europa (Julius Wolf) ... 2»... 481 
Oncken, Hermann: Die historische Rheinpolitik der Franzosen (Gustav 

Mayer)... a. ea 121 
Planck: Der deutsche Staatsgedanke (Georg Burckhardt). . . . . 687 
Radbruch, Gustav: Kulturlehre des Sozialismus. Ideologische Betrach- 

tungen (Alfred Vierkandt). . . » 2 2 2 2 2 ernennen 384, 539 


Salin: Platon und die griechische Utopie (Georg Burckhardt) . . . . . 580 
Schulze-Sölde: Der Einzelne und sein Staat (Georg Burckhardt) . . . . 522 


Spann: Der wahre Staat (Georg Burckhardt) . . . 633 
Sulzbach, Walter: Die Grundlagen der politischen Parteibildung (Alfred 
Vierkandt) a a ee ee EE d E . 284 


Sylvester: Aristokratie und Sozialismus (Georg Burckhardt). . . . . . . 639 

Voigt, Andreas: Das wirtschaftsfriedliche Manifest. Richtlinien einer zeit- 
gemäßen Sozial- und Wirtschaftspolitik (Fritz Karl Mann) ..... 278 

Wuessing, Fritz: Geschichte des deutschen Volkes vom Ausgang des acht- 
zehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart (Mario Krammer).. . . . . 122 


Sach- und Personenregister . . . . 2 2 2 rennen ne 669 
Autorenregister.... Te u ee ie ie 580 


Zum Beginn des XII. Bandes 


Nach einer mehrjährigen, durch die Wirrnis der deutschen 
öffentlichen Zustände nach dem Krieg verursachten Pause legen 
wir dem weiten Kreise unserer Bezieher und Freunde das erste 
Heft des XII. Bandes der „Zeitschrift für Politik“ vor. Wir sind 
gewiß, daß unsere Freunde sich über das Wiedererscheinen der 
Zeitschrift genau so freuen wie wir: schließen dürfen wir das aus 
der sehr großen Zahl von Anfragen wegen des Schicksals der Zeit- 
schrift, die uns in dem leeren Zwischenraum zugekommen sind. 

In der Tat hat die „Zeitschrift für Politik‘ ihren festen Platz 
in der wissenschaftlichen Presse nicht nur Deutschlands, sondern 
— wir dürfen ruhig sagen — Deutschlands und des Auslandes. 
Sie war (wenn wir von dem frühen Versuch Rankes absehen) das 
erste deutsche Spezialorgan für politische Forschung, ein Organ, 
das bewußt alle Zweige der Politik umfaßte, und sie ist dies auch 
geblieben bis auf diesen Tag. Das Ausland konnte aus ihr den 
Stand der politischen Forschung in Deutschland ablesen, zumal 
sie sich nicht nur keinem Zweig der Politik, sondern auch keiner 
Richtung der wissenschaftlichen Politik verschloß. Sie ist niemals 
das Organ irgend einer wissenschaftlichen Schule gewesen: um- 
fassend wie die Politik selber sollte auch der politische Gesichts- 
kreis der Zeitschrift sein. 

Es wird nicht bestritten werden, daß in einer Epoche, in der 
die Politik so stark im Vordergrund steht wie noch niemals, ein 
Organ noch mehr als früher Anspruch auf Berücksichtigung ver- 
dient, das die großen politischen Ereignisse wissenschaftlich zu 
durchleuchten trachtet. Demgemäß soll künftig die Zeitschrift, 
ohne irgendwie ihren Forschungscharakter zu verlieren, ein gegen 
früher aktiveres Gepräge tragen. Sie wird sich weit mehr noch 
als bisher den brennenden Fragen der Gegenwart zuwenden. 

Hierbei wird naturgemäß im Mittelpunkt stehen die Betrach- 
tung der Friedensverträge, die den Weltkrieg abgeschlossen 
haben. Die Zeitschrift soll die Zentrale gleichsam bilden der 
internationalen Erörterung der Friedensvertragsprobleme, und ea 
sollen hierbei namhafte Staatsmänner, Gelehrte und Publizisten 

Zeitschrift für Politik. 12. | 1 


2 l Zum Beginn des XII. Bandes 





des In- und Auslandes beteiligt werden. Kritik der Friedensver- 
träge aber bedeutet Wiederaufbau der Welt, denn mit der 
Negation allein ist wenig getan. Wir haben das Bestreben, die 
„Zeitschrift für Politik“ zu einem internationalen wissenschaft- 
lichen Wiederaufbauorgan zu machen, wobei den Vorrang, gemäß 
den Traditionen der Zeitschrift, die Erörterung der politischen 
Fragen haben wird. Nicht vernachlässigt werden soll die Be- 
handlung der wirtschaftlichen Probleme, aber der Staat steht uns 
über der Wirtschaft, die Politik hat die Dinge der Wirtschaft zu 
lenken. Dieser Gesichtspunkt unterscheidet die Zeitschrift scharf 
von manchen anderen literarischen Versuchen — im Inland wie 
im Ausland — zum Wiederaufbau der Welt. 

Nicht nur in Aufsätzen soll dieser, heut wichtigste, Teil der 
Politik behandelt werden, sondern auch in ständigen Referaten. 
Möglichst für jedes Kulturland wird ein besonderer Referent be- 
stellt werden, der die Aufgabe hat, alle bedeutsamen Anregungen, 
die in dem betreffenden Lande in Rede oder Schrift zu den 
Problemen der Friedensverträge und des Wiederaufbaus der Welt 
geäußert werden, zu erwähnen und kritisch zu beleuchten. Außer- 
dem sind ständige Referate vorgesehen für die durch die Friedens- 
verträge erfolgten Gebietsverschiebungen. Es soll berichtet 
werden, wie sich Politik und Wirtschaft in den Gebieten, die von 
einem Staat auf den anderen übergegangen oder die von einer 
fremden Macht besetzt sind, entwickelt haben. Im vorliegenden 
Heft befinden sich bereits zwei derartige Aufsätze, der eine über 
die deutsche Westmark, der zweite über die deutsche Ostmark. 

Dazu wird nach wie vor der Rezensionenteil besonders ge- 
pflegt werden. Schon bisher durften die Literaturberichte der 
„Zeitschrift für Politik“ der Beachtung sicher sein. Künftig sol 
jedoch der Besprechungsteil noch ausgebaut werden, indem alle 
bedeutsamen Bücher, die zum Wiederaufbau und zur Kritik der 
Friedensverträge erscheinen, eingehender Erörterung unterzogen 
werden. 

Die Zeitschrift geht von Deutschland aus, aber sie ist nicht 
deutsches Propagandaorgan. Streng objektiv, wie es ihrem alten 
wissenschaftlichen Namen entspricht, tut sie ihr Werk. Sie möchte 
helfen, in die vergiftete Welt unserer Tage den Frieden zurück- 
zubringen durch das einzige, was der Völkerversöhnung dienen 
kann: völlige Objektivität und wahre Wissenschaftlichkeit. Bei 
solcher Wahl des Standpunkts darf die Zeitschrift auf die Teil- 
nahme aller Kulturländer rechnen, nicht zum wenigsten auf die 
der neutralen Nationen. Denn diese sind es, die vielleicht heute 


Zum Beginn des XII. Bandes 3 


am schwersten unter dem Zustand der Welt leiden, und sie sind 
es auch, die am dringendsten wünschen, daß mit gerechtem Sinne 
die zerstörte Welt wieder aufgebaut werde. 

In welcher Weise wir vorzugehen streben, zeigt bereits das 
gegenwärtige Heft. Wir haben dem französischen Historiker 
Charles Seignobos das Wort erteilt, obwohl seine Ansichten der 
deutschen Auffassung nicht durchweg günstig, ihr zum Teil sogar 
scharf entgegengesetzt sind. Aber es handelt sich um den wissen- 
schaftlichen Aufsatz eines ausgezeichneten Gelehrten, um einen 
Beitrag, der sich aufs ernsthafteste bemüht, Erkenntnis zu ver- 
breiten. Freilich haben wir uns veranlaßt gesehen, den Ausfüh- 
rungen von Seignobos ein Nachwort hinzuzufügen, und wir werden 
in ähnlichen Fällen entsprechend verfahren, wobei wir natürlich 
dem beteiligten Schriftsteller die Erwiderung freistellen. 

Um den Zeitereignissen schneller folgen zu können, wird die 
Zeitschrift künftig, statt wie bisher viermal im Jahre, sechsmal 
im Jahre erscheinen. Die ausländischen Artikel — natürlich 
sämtlich Originale, wie überhaupt der gesamte Inhalt unserer Zeit- 
schrift — werden wir in der Regel in eigens angefertigter deutscher 
Übersetzung wiedergeben. ` 


Richard Schmidt Adolf Grabowsky 


Abhandlungen 


I 


Der Gedanke der „Großen Koalition“ im 
europäischen Parteileben 
Von Richard Schmidt 


Als diese Zeitschrift vor fünfzehn Jahren ins Leben trat, mußten 
gleich die programmatischen Betrachtungen ihrer ersten Blätter 
den Nachdruck darauf legen, daß sie als eine ihrer vornehmsten 
Aufgaben, wo nicht als die Hauptaufgabe schlechthin, das plan- 
mäßige Studium des Parteilebens unsrer modernen Staaten zu 
pflegen haben werde. Eine auf rationelle Analyse gegründete 
Anschauung und Beurteilung des individuellen Staatslebens, eines 
Volkes, wie sie der Staatsmann und der politisch gereifte Bürger 
für die psychologische Behandlung des eignen Volkes wie für den 
erfolgreichen Verkehr mit der fremden Nation unbedingt bedarf, 
kann nur aus dem Parteileben der fraglichen Gemeinschaft ihren 
Maßstab entnehmen, gleichviel ob es sich um die Stellungnahme 
zu den dauernden Verfassungseinrichtungen oder um die Ausein- 
andersetzung mit der politischen Entschließungs- und Empfindungs- 
weise eines Einzelfalls handelt. In der Parteibildung wird einer- 
seits die soziale Struktur des Volkes als fester Niederschlag faB- 
bar, so wie sie andrerseits durch die aus ihr hervorgehenden 
Wünsche nach gesetzlichen Reformen oder nach verwaltenden 
Maßnahmen die Richtung für das geben, was vom Staate erwartet 
wird. Parteiprogramme, Parteikundgebungen oder Parteibestre- 
bungen sind der Nährboden des Rechts und die Quelle der Im- 
pulse für politische Entschließungen, und ein Staatsmann, der 
erfolgreich sein wollte, hat sich zu allen Zeiten an diesem Metronom 
orientiert, so wie der Mißerfolg, der einem Politiker beschieden 
war, im Zweifel in der Unkenntnis des Machtverhältnisses, des 
Geistes der Parteien, insbesondere der psychologischen Eigenart 
ihrer Führer, seinen Grund hatte. 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 5 


Man wird es deshalb jetzt, wo unsre Zeitschrift für wissenschaft- 
liche Politik nach einer Pause ihre Funktion wieder aufnimmt, 
nicht für Pedanterie halten, wenn sie von Anfang an den alten 
Ausgangspunkt wieder zu gewinnen sucht. Denn wenn man in der 
niederdrückenden Atmosphäre der herrschenden Verworrenheit 
das zu fixieren sucht, dem das Bemühen der sachlichen, frucht- 
baren Politiker gewidmet ist, so findet man es in nichts anderem 
als in der Gesundung und vernünftigen Umgruppierung der Partei- 
verhältnisse. Keines der Ziele, die die europäischen Staaten heute 
verfolgen, läßt sich ohne diese Voraussetzung erreichen. Diese 
letzten Ziele selbst freilich heißen anders: Wiederaufbau des Wirt- 
schaftslebens, Wiederherstellung der Einheit der Weltwirtschaft, 
Beschränkung der Rüstungen und Verwirklichung des wahren 
Friedens oder — alles andere schon im Keime in sich zusammen- 
fassend — Revision der Friedensverträge. Aber kein Ein- 
sichtiger kann darüber im unklaren sein, daß die führenden 
Politiker die Herkulesarbeit, die mit den genannten Schlagworten 
gemeint ist, ernsthaft in Angriff nehmen, geschweige denn be- 
wältigen können, wenn sie nicht auf lange Frist hinaus freie Be- 
wegung und ungestörtes Fortarbeiten an dem Wiederaufbau- 
programm gewährleistet erhalten. Abhängig von den Parlamenten, 
wie die Regierenden in den Siegerstaaten ebenso wie in den be- 
siegten und den neutralen Staaten heute nun einmal sind, bedürfen 
sie zur Stetigkeit und sicheren Berechnung der Regierungspolitik 
vor allem anderen einer auf lange konsolidierten Partei- 
formation. Nur wenn eine Regierung gebildet und in Betrieb er- 
halten werden kann, die die politischen Repräsentanten aller 
hauptsächlichen Produktivschichten der Nation hinter sich hat, 
die nicht jeden Augenblick durch eine noch wenige Tage zuvor 
unvoraussehbare Kombination aus der Macht gesetzt werden kann, 
nur dann kann allmählich eine planmäßige Überleitung in erträg- 
liche Zustände des Landes und in Wechselwirkung mit den übrigen 
Ländern des Kontinents überhaupt versucht werden. So ist es 
kein Zufall, wenn bei allen Nationen die Gründung einer „großen 
Koalition“ zur Diskussion steht. Das ist nicht nur in Deutschland 
so, wo das Schlagwort seit zwei Jahren die Lage beherrscht. 
Sondern man meint das gleiche auch mit dem Projekt einer 
„Centre Party“ oder „National liberal Party“ in England oder mit 
dem eines „Blocks der Mitte“, von dem am 28. Oktober 1921 die 
„Humanité“ sprach, oder mit der „faszistischen‘ Idee in Italien. 
Man ist sich darüber klar geworden, daß ohne ein williges Sich- 
ineinanderfügen vieler auch seh» heterogener und bisher feind- 


6 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


licher Parteigruppen keine der europäischen Regierungen die 
Festigkeit des Eingreifens und die Allseitigkeit des Wirkens ge- 
winnen kann, die erforderlich sind, um die zerstörenden Kräfte 
eines ungesunden Parteilebens in ihre Schranken zu weisen, die 
heute die dauernde und höchst dringende Gefahr sowohl für das 
Land, in dem sie sich bilden, wie für jedes ihrem Weiterwirken 
ausgesetzte Nachbarland darstellen. 

Um die Tragweite des Problems anschaulich zu machen, be- 
darf es einer kurzen Umschau unter den allgemeinen Gegen- 
sätzlichkeiten, die sich im europäischen Parteileben — durch den 
Krieg und seine Folgen nicht erst geschaffen, aber sehr verstärkt 
— geltend machen. 


I. International-diktatorische und national- 
demokratische Parteibildung 


Daß in den parlamentarisch regierten Großstaaten ganz be- 
stimmte ungesunde Formen der Parteiorganisation ihr Wesen 
treiben, weiß jeder. Aber ihre Ausdehnung und Stärke wird nicht 
immer genug gewürdigt. Sie sind in allen den Organisationen 
internationaler oder besser: übernationaler Art verkörpert, 
die sich auf einem wirtschaftlichen oder geistigen Sonderinteresse 
aufbauen, mag man ihre Grundlage als eine Klasse, oder als 
ein Bekenntnis, oder als beides bezeichnen. 

Man denkt dabei meist allein an die rote, die kommu- 
nistische Internationale, deren Sammelprinzip in der Tat 
beides — Klassengemeinschaft wie Bekenntnisgemeinschaft — ist. 
Ihre über die Nationen ausgreifende Organisation ist nach außen 
am sichtbarsten, und selbstverständlich ist ihr das gesunde staat- 
liche Arbeiten zersetzender Einfluß außer Zweifel. Zwar ist ihre 
Schlagkraft augenblicklich gering bei der tiefen Gährung, in der 
sie sich befindet. Zwischen dem Ausgangsgebilde, der doktrinär 
evolutionistischen „Zweiten“ Internationale von Amsterdam, 
einer lockeren Föderation von Parlamentsausschüssen, und der 
dritten Internationale von Moskau mit ihrer schroffrevolutio- 
nären, schroffzentralistisch-diktatorischen Tendenz steht außer der 
vermittelnden Halbheit der „Wiener Arbeitsgemeinschaft‘‘ die ganz 
andersartige individualistische Richtung, die in Frankreich durch 
den Syndikalismus, in Deutschland durch die Unabhängige Sozial- 
demokratie, wenigstens in der Art, wie sie ursprünglich orientiert 
war, vertreten ist und die gemäß ihrem Evangelium, das Heil in 
der revolutionären Aktion des selbstherrlichen Individuums und 





Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 7 


der kleinen Gruppen lokaler Räte zu suchen, es zu einer inter- 
nationalen Organisation, einer „Vierten‘ Internationale bisher noch 
gar nicht gebracht hat’). So lähmen sich zurzeit die verschiedenen 
Bewegungen des weltbürgerlich gesinnten Proletariats, vergiftet 
durch zahllose persönliche Feindseligkeiten, fortgesetzt unterein- 
ander. Aber immerhin absorbieren schon diese Kämpfe viele 
Kraft; man weiß, wie die gedeihliche Zusammenarbeit innerhalb 
des nationalen Parlaments gerade in Deutschland durch sie er- 
müdet und heruntergezerrt wird. Und nun gesellen sich dazu die 
beiden anderen übernationalen Verbindungen, die erst infolge des 
Kriegs in ihrer die Staaten überbrückenden Tendenz hervorge- 
treten sind. Seit der letztverstorbene Papst Benedikt XV. es ver- 
standen hat, den Katholizismus in Italien. selbst durch seinen 
Adjutanten Luigi Sturzo zum erstenmal in einem weltlich-politi- 
schen Wahlverein, der Unione Elettorale Cattolica, zusammenzu- 
schließen und auch im italienischen Parlament eine konfessionelle 
Fraktion, den Partito Popolare Italiano, zu begründen, verfügt die 
Kurie an ihrem eigenen Sitz über ein politisches Organisations- 
zentrum, das mutmaßlich schon jetzt weit stärker auf das Partei- 
leben der übrigen Länder einwirkt als man hört oder bemerkt. 
In Deutschland findet sie hier in der seit 50 Jahren und besonders 
seit 1890 festesten Partei, die das politische Leben hat, von vorn- 
herein den Boden bereitet, und in Frankreich eröffnet sich in ihr, der 
„Irennungsgesetzgebung‘“ der Vorkriegszeit zum Trotz, eine neue 
Aussicht, seit die Kammern sich herbeigelassen haben, den diplo- 
watischen Verkehr mit dem Vatikan wieder aufzunehmen, in ab- 
sehbarer Zeit einer Erneuerung des Konkordats wieder zuzu- 
steuern’). 


1) Im November 1920 wurde berichtet, daß die Führer der Rechts- 
unabhängigen Ledebour, Crispien und Rosenfeld eine Auslandsreise — 
zunächst nach Stockholm — antreten würden, um mit gleichgerichteten 
Elementen des Auslandes die Gründung einer Vierten Internationale 
in die Wege zu leiten. Vgl. über die Umstände, unter denen sich diese 
Bestrebungen entfalteten, u. III S. 20. Bei dem im Text Gesagten wird 
natürlich nicht verkannt, daß die Unabhängige Partei am Ende des 
Krieges und nach der Revolution die Fühlung mit ihren ursprünglichen 
Idealen ganz verloren hat und zurzeit mit dem französischen Syndikalis- 
mus kaum noch verglichen werden kann. Das wird durch das Schicksal 
ihrer Zersetzung bestätigt. 

?) Die rückläufige Bewegung begann schon am 30. November 1920 
in dem mit Zweidrittelmehrheit gefaßten Kammerbeschluß, daß ins 
Budget die Mittel für Errichtung einer neuen Gesandtschaft beim 
Heiligen Stuhl einzustellen seien. Daß dabei von der Regierung 
die Zusicherung gegeben werden mußte, die Geltung des Trennungs- 





6 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


licher Parteigruppen keine der europäischen Regierungen die 
Festigkeit des Eingreifens und die Allseitigkeit des Wirkens ge- 
winnen kann, die erforderlich sind, um die zerstörenden Kräfte 
eines ungesunden Parteilebens in ihre Schranken zu weisen, die 
heute die dauernde und höchst dringende Gefahr sowohl für das 
Land, in dem sie sich bilden, wie für jedes ihrem Weiterwirken 
ausgesetzte Nachbarland darstellen. 

Um die Tragweite des Problems anschaulich zu machen, be- 
darf es einer kurzen Umschau unter den allgemeinen Gegen- 
sätzlichkeiten, die sich im europäischen Parteileben — durch den 


Krieg und seine Folgen nicht erst geschaffen, aber sehr verstärkt 
— geltend machen. 


I. International-diktatorische und national- 
demokratische Parteibildung 


Daß in den parlamentarisch regierten Großstaaten ganz be- 
stimmte ungesunde Formen der Parteiorganisation ihr Wesen 
treiben, weiß jeder. Aber ihre Ausdehnung und Stärke wird nicht 
immer genug gewürdigt. Sie sind in allen den Organisationen 
internationaler oder besser: übernationaler Art verkörpert, 
die sich auf einem wirtschaftlichen oder geistigen Sonderinteresse 
aufbauen, mag man ihre Grundlage als eine Klasse, oder als 
ein Bekenntnis, oder als beides bezeichnen. 

Man denkt dabei meist allein an die rote, die kommu- 
nistische Internationale, deren Sammelprinzip in der Tat 
beides — Klassengemeinschaft wie Bekenntnisgemeinschaft — ist. 
Ihre über die Nationen ausgreifende Organisation ist nach außen 
am sichtbarsten, und selbstverständlich ist ihr das gesunde staat- 
liche Arbeiten zersetzender Einfluß außer Zweifel. Zwar ist ihre 
Schlagkraft augenblicklich gering bei der tiefen Gährung, in der 
sie sich befindet. Zwischen dem Ausgangsgebilde, der doktrinär 
evolutionistischen „Zweiten“ Internationale von Amsterdam, 
einer lockeren Föderation von Parlamentsausschüssen, und der 
dritten Internationale von Moskau mit ihrer schroffrevolutio- 
nären, schroffzentralistisch-diktatorischen Tendenz steht außer der 
vermittelnden Halbheit der „Wiener Arbeitsgemeinschaft‘‘ die ganz 
andersartige individualistische Richtung, die in Frankreich durch 
den Syndikalismus, in Deutschland durch die Unabhängige Sozial- 
demokratie, wenigstens in der Art, wie sie ursprünglich orientiert 
war, vertreten ist und die gemäß ihrem Evangelium, das Heil in 
der revolutionären Aktion des selbstherrlichen Individuums und 











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licher Parteigruppen keine der europäischen Regierungen die 
Festigkeit des Eingreifens und die Allseitigkeit des Wirkens ge- 
winnen kann, die erforderlich sind, um die zerstörenden Kräfte 
eines ungesunden Parteilebens in ihre Schranken zu weisen, die 
heute die dauernde und höchst dringende Gefahr sowohl für das 
Land, in dem sie sich bilden, wie für jedes ihrem Weiterwirken 
ausgesetzte Nachbarland darstellen. 

Um die Tragweite des Problems anschaulich zu machen, be- 
darf es einer kurzen Umschau unter den allgemeinen Gegen- 
sätzlichkeiten, die sich im europäischen Parteileben — durch den 


Krieg und seine Folgen nicht erst geschaffen, aber sehr verstärkt 
— geltend machen. 


I. International-diktatorische und national- 
demokratische Parteibildung 


Daß in den parlamentarisch regierten Großstaaten ganz be- 
stimmte ungesunde Formen der Parteiorganisation ihr Wesen 
treiben, weiß jeder. Aber ihre Ausdehnung und Stärke wird nicht 
immer genug gewürdigt. Sie sind in allen den Organisationen 
internationaler oder besser: übernationaler Art verkörpert, 
die sich auf einem wirtschaftlichen oder geistigen Sonderinteresse 
aufbauen, mag man ihre Grundlage als eine Klasse, oder als 
ein Bekenntnis, oder als beides bezeichnen. 

Man denkt dabei meist allein an die rote, die kommu- 
nistische Internationale, deren Sammelprinzip in der Tat 
beides — Klassengemeinschaft wie Bekenntnisgemeinschaft — ist. 
Ihre über die Nationen ausgreifende Organisation ist nach außen 
am sichtbarsten, und selbstverständlich ist ihr das gesunde staat- 
liche Arbeiten zersetzender Einfluß außer Zweifel. Zwar ist ihre 
Schlagkraft augenblicklich gering bei der tiefen Gährung, in der 
sie sich befindet. Zwischen dem Ausgangsgebilde, der doktrinär 
evolutionistischen „Zweiten“ Internationale von Amsterdam, 
einer lockeren Föderation von Parlamentsausschüssen, und der 
dritten Internationale von Moskau mit ihrer schroffrevolutio- 

nären, schroffzentralistisch-diktatorischen Tendenz steht außer der 
vermittelnden Halbheit der „Wiener Arbeitsgemeinschaft‘‘ die ganz 
andersartige individualistische Richtung, die in Frankreich durch 
den Syndikalismus, in Deutschland durch die Unabhängige Sozial- 
demokratie, wenigstens in der Art, wie sie ursprünglich orientiert 
war, vertreten ist und die gemäß ihrem Evangelium, das Heil in 
der revolutionären Aktion des selbstherrlichen Individuums und 








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der kleinen Gruppen lokaler Räte zu suchen, es zu einer inter- 
nationalen Organisation, einer „Vierten“ Internationale bisher noch 
gar nicht gebracht hat’). So lähmen sich zurzeit die verschiedenen 
Bewegungen des weltbürgerlich gesinnten Proletariats, vergiftet 
durch zahllose persönliche Feindseligkeiten, fortgesetzt unterein- 
ander. Aber immerhin absorbieren schon diese Kämpfe viele 
Kraft; man weiß, wie die gedeihliche Zusammenarbeit innerhalb 
des nationalen Parlaments gerade in Deutschland durch sie er- 
müdet und heruntergezerrt wird. Und nun gesellen sich dazu die 
beiden anderen übernationalen Verbindungen, die erst infolge des 
Kriegs in ihrer die Staaten überbrückenden Tendenz hervorge- 
treten sind. Seit der letztverstorbene Papst Benedikt XV. es ver- 
standen hat, den Katholizismus in Italien: selbst durch seinen 
Adjutanten Luigi Sturzo zum erstenmal in einem weltlich-politi- 
schen Wahlverein, der Unione Elettorale Cattolica, zusammenzu- 
schließen und auch im italienischen Parlament eine konfessionelle 
Fraktion, den Partito Popolare Italiano, zu begründen, verfügt die 
Kurie an ihrem eigenen. Sitz über ein politisches Organisations- 
zentrum, das mutmaßlich schon jetzt weit stärker auf das Partei- 
leben der übrigen Länder einwirkt als man hört oder bemerkt. 
In Deutschland findet sie hier in der seit 50 Jahren und besonders 
seit 1890 festesten Partei, die das politische Leben hat, von vorn- 
herein den Boden bereitet, und in Frankreich eröffnet sich in ihr, der 
„Irennungsgesetzgebung‘“ der Vorkriegszeit zum Trotz, eine neue 
Aussicht, seit die Kammern sich herbeigelassen haben, den diplo- 
ınatischen Verkehr mit dem Vatikan wieder aufzunehmen, in ab- 
sehbarer Zeit einer Erneuerung des Konkordats wieder zuzu- 
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1) Im November 1920 wurde berichtet, daß die Führer der Rechts- 
unabhängigen Ledebour, Crispien und Rosenfeld eine Auslandsreise — 
zunächst nach Stockholm — antreten würden, um mit gleichgerichteten 
Elementen des Auslandes die Gründung einer Vierten Internationale 
in die Wege zu leiten. Vgl. über die Umstände, unter denen sich diese 
Bestrebungen entfalteten, u. III S. 20. Bei dem im Text Gesagten wird 
natürlich nicht verkannt, daß die Unabhängige Partei am Ende des 
Krieges und nach der Revolution die Fühlung mit ihren ursprünglichen 
Idealen ganz verloren hat und zurzeit mit dem französischen Syndikalis- 
mus kaum noch verglichen werden kann. Das wird durch das Schicksal 
ihrer Zersetzung bestätigt. 

3) Die rückläufige Bewegung begann schon am 80. November 1920 
in dem mit Zweidrittelmehrheit gefaßten Kammerbeschluß, daB ins 
Budget die Mittel für Errichtung einer neuen Gesandtschaft beim 
Heiligen Stuhl einzustellen seien. Daß dabei von der Regierung 
die Zusicherung gegeben werden mußte, die Geltung des Trennungs- 





6 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


licher Parteigruppen keine der europäischen Regierungen die 
Festigkeit des Eingreifens und die Allseitigkeit des Wirkens ge- 
winnen kann, die erforderlich sind, um die zerstörenden Kräfte 
eines ungesunden Parteilebens in ihre Schranken zu weisen, die 
heute die dauernde und höchst dringende Gefahr sowohl für das 
Land, in dem sie sich bilden, wie für jedes ihrem Weiterwirken 
ausgesetzte Nachbarland darstellen. 

Um die Tragweite des Problems anschaulich zu machen, be- 
darf es einer kurzen Umschau unter den allgemeinen Gegen- 
sätzlichkeiten, die sich im europäischen Parteileben — durch den 
Krieg und seine Folgen nicht erst geschaffen, aber sehr verstärkt 
— geltend machen. 


I. International-diktatorische und national- 
demokratische Parteibildung 


Daß in den parlamentarisch regierten Großstaaten ganz be- 
stimmte ungesunde Formen der Parteiorganisation ihr Wesen 
treiben, weiß jeder. Aber ihre Ausdehnung und Stärke wird nicht 
immer genug gewürdigt. Sie sind in allen den Organisationen 
internationaler oder besser: übernationaler Art verkörpert, 
die sich auf einem wirtschaftlichen oder geistigen Sonderinteresse 
aufbauen, mag man ihre Grundlage als eine Klasse, oder als 
ein Bekenntnis, oder als beides bezeichnen. 

Man denkt dabei meist allein an die rote, die kommu- 
nistische Internationale, deren Sammelprinzip in der Tat 
beides — Klassengemeinschaft wie Bekenntnisgemeinschaft — ist. 
Ihre über die Nationen ausgreifende Organisation ist nach außen 
am sichtbarsten, und selbstverständlich ist ihr das gesunde staat- 
liche Arbeiten zersetzender Einfluß außer Zweifel. Zwar ist ihre 
Schlagkraft augenblicklich gering bei der tiefen Gährung, in der 
sie sich befindet. Zwischen dem Ausgangsgebilde, der doktrinär 
evolutionistischen „Zweiten“ Internationale von Amsterdam, 
einer lockeren Föderation von Parlamentsausschüssen, und der 
dritten Internationale von Moskau mit ihrer schroffrevolutio- 
nären, schroffzentralistisch-diktatorischen Tendenz steht außer der 
vermittelnden Halbheit der „Wiener Arbeitsgemeinschaft‘ die ganz 
andersartige individualistische Richtung, die in Frankreich durch 
den Syndikalismus, in Deutschland durch die Unabhängige Sozial- 
demokratie, wenigstens in der Art, wie sie ursprünglich orientiert 
war, vertreten ist und die gemäß ihrem Evangelium, das Heil in 
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der kleinen Gruppen lokaler Räte zu suchen, es zu einer inter- 
nationalen Organisation, einer „Vierten“ Internationale bisher noch 
gar nicht gebracht hat’). So lähmen sich zurzeit die verschiedenen 
Bewegungen des weltbürgerlich gesinnten Proletariats, vergiftet 
durch zahllose persönliche Feindseligkeiten, fortgesetzt unterein- 
ander. Aber immerhin absorbieren schon diese Kämpfe viele 
Kraft; man weiß, wie die gedeihliche Zusammenarbeit innerhalb 
des nationalen Parlaments gerade in Deutschland durch sie er- 
müdet und heruntergezerrt wird. Und nun gesellen sich dazu die 
beiden anderen übernationalen Verbindungen, die erst infolge des 
Kriegs in ihrer die Staaten überbrückenden Tendenz hervorge- 
treten sind. Seit der letztverstorbene Papst Benedikt XV. es ver- 
standen hat, den Katholizismus in Italien selbst durch seinen 
Adjutanten Luigi Sturzo zum erstenmal in einem weltlich-politi- 
schen Wahlverein, der Unione Elettorale Cattolica, zusammenzu- 
schließen und auch im italienischen Parlament eine konfessionelle 
Fraktion, den Partito Popolare Italiano, zu begründen, verfügt die 
Kurie an ihrem eigenen. Sitz über ein politisches Organisations- 
zentrum, das mutmaßlich schon jetzt weit stärker auf das Partei- 
leben der übrigen Länder einwirkt als man hört oder bemerkt. 
In Deutschland findet sie hier in der seit 50 Jahren und besonders 
seit 1890 festesten Partei, die das politische Leben hat, von vorn- 
herein den Boden bereitet, und in Frankreich eröffnet sich in ihr, der 
„Irennungsgesetzgebung“ der Vorkriegszeit zum Trotz, eine neue 
Aussicht, seit die Kammern sich herbeigelassen haben, den diplo- 
matischen Verkehr mit dem Vatikan wieder aufzunehmen, in ab- 
sehbarer Zeit einer Erneuerung des Konkordats wieder zuzu- 
steuern’). l 


') Im November 1920 wurde berichtet, daß die Führer 
unabhängigen Ledebour, Crispien und Rosenfeld eine ae 
zunächst nach Stockholm — antreten würden, um mit gleichgerichtet 
Elementen des Auslandes die Gründung einer Vierten Internati de 
in die Wege zu leiten, Vgl. über die Umstände, unter denen sich die S 
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winnen kann, die erforderlich sind, um die zerstörenden Kräfte 
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darf es einer kurzen Umschau unter den allgemeinen Gegen- 
sätzlichkeiten, die sich im europäischen Parteileben — durch den 
Krieg und seine Folgen nicht erst geschaffen, aber sehr verstärkt 
— geltend machen. 


I. International-diktatorische und national- 
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I. International-diktatorische und national- 
demokratische Parteibildung 


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Aussicht, seit die Kammern sich herbeigelassen haben, den diplo- 
ınatischen Verkehr mit dem Vatikan wieder aufzunehmen, in ab- 
sehbarer Zeit einer Erneuerung des Konkordats wieder zuzu- 
steuern’). 


1) Im November 1920 wurde berichtet, daß die Führer der Rechts- 
unabhängigen Ledebour, Crispien und Rosenfeld eine Auslandsreise — 
zunächst nach Stockholm — antreten würden, um mit gleichgerichteten 
Elementen des Auslandes die Gründung einer Vierten Internationale 
in die Wege zu leiten. Vgl. über die Umstände, unter denen sich diese 
Bestrebungen entfalteten, u. III S. 20. Bei dem im Text Gesagten wird 
natürlich nicht verkannt, daß die Unabhängige Partei am Ende des 
Krieges und nach der Revolution die Fühlung mit ihren ursprünglichen 
Idealen ganz verloren hat und zurzeit mit dem französischen Syndikalis- 
mus kaum noch verglichen werden kann. Das wird durch das Schicksal 
ihrer Zersetzung bestätigt. | 

2) Die rückläufige Bewegung begann schon am 30. November 1920 
in dem mit Zweidrittelmehrheit gefaßten Kammerbeschluß, daß ins 
Budget die Mittel für Errichtung einer neuen Gesandtschaft beim 
Heiligen Stuhl einzustellen zeien. Daß dabei von der Regierung 
die Zusicherung gegeben werden mußte, die Geltung des Trennungs- 


D N 





8 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


Aber die weitaus aktivste und für die gegenwärtige Lage 
Europas unmittelbar bedrohlichste parteibildende Macht bedeutet 
natürlich das internationale Großkapital. Das Prototyp 
seiner Organisation im Rahmen eines Einzelstaats bildet — wie 
für das internationale Proletariat die Moskauer Zentrale — das 
zentralisierte Verbandssystem der Banken und Großunterneh- 
mungen in den Vereinigten Staaten, — die Stelle der modernen 
Staatenwelt, wo der Typus eines von einer Wirtschaftsklasse be- 
herrschten Staatswesens schon vor dem Krieg seiner Vollendung 
sehr nahe gekommen war. Da der Krieg in seinem Verlauf 
diesen Finanzmächten in bisher unbekanntem Maße eine Ein- 
wirkung auch auf Zentral- und Südamerika eröffnet hat, so 
reicht die Herrschaft der Wirtschaftsklasse tatsächlich bereits 
weiter als die des Staats. Immerhin hat gerade in Amerika ihr 
Einfluß neuerdings ein starkes Gegengewicht erhalten. Der ge- 
gebene Kontrollfaktor des finanziellen Spekulantentums, die Staats- 
bank, die in der Union früh geschaffen worden, aber auch rasch 
wieder verkümmert war, hat endlich in der Errichtung eines 
„Bundesreserveamts‘ einen Ersatz gefunden, und wenigstens die 
Möglichkeit ist dem Staat damit geboten, die finanziellen Ge- 
barungen der Großbanken und der von ihnen finanzierten Unter- 
nehmungen seinem Einblick und eventuell Eingriff zu unterwerfen. 
Um so bedeutsamer ist es deshalb, daß in demselben Augenblick 
die großen Finanzinstitute Europas über den Bereich der Finanz- 
verwaltungen der einzelnen Staaten hinweg- und aus ihrer Auf- 
sicht herauswachsen. Was hierüber behauptet wird, veran- 
schaulicht am besten ein Aufsatz des französischen National- 
ökonomen Francois Delaisi in der Wochenschrift „Progr&s 
civique“, der die für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen 
Frankreich und Deutschland so überaus verhängnisvolle Besetzung 
der rheinischen Kohlenhäfen Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort im 
März 1921 geradezu auf die Manöver eines englisch-französischen 
Unternehmerkonsortiums zurückführt, darauf berechnet, ihren 
deutschen Rivalen Hugo Stinnes zu maßregeln, weil er ihren Aus- 
dehnungsplänen in Österreich durch eigene Pläne hindernd in den 
Weg getreten war’). Gewiß lassen sich solche Darstellungen im 


gesetzes sollte dadurch nicht berührt werden, ist um so mehr belanglos, 
als bekanntlich die vom Trennungsgesetz erstrebte Herabdrückung der 
Nationalkirche zu einem Gemenge von privaten Religionsvereinen ohne- 
hin nicht geglückt war. 

H Delaisi schildert den Vorgang so, daß der durch den Krieg rein 
aus den Ingenieur- und Unternehmerkreisen emporgetragene Industrie- 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 9 


Einzelfall nur schwer auf ihre Zuverlässigkeit kontrollieren. 
Aber die Realität einer Richtung, die in ihrer Gesamterschei- 
nung auf den Verfolg ihrer klassenegoistischen Ausbeutung über 
die Grenzen der Einzelstaaten weg und auf Benutzung der staat- 
lichen Organe als bloer Werkzeuge hinstrebt, ist angesichts der 
Masse der einzelnen Vorgänge offenkundig, und damit zeigt sich 
das Gegenbild des internationalen Proletariats als eine nicht 
ıninder bedrohliche, ja im augenblicklichen Zustand wohl als eine 
viel akuter bedrohliche Organisation internationalen und dikta- 
torischen Charakters. Denn der überstaatliche Großkapitalismus 
befolgt bei seinen Unternehmungen keine anderen Richtlinien als 
die Rätediktatur des Proletariats. Er wirkt seiner Allmacht zu- 
liebe werteverwüstend, solange die staatlichen Gewalten ihm nicht 
entgegentreten, ganz ebenso wie die bolschewistischen Diktatoren 
mit ihren unbeschränkten Kommissionen, und zwar im Effekt zum 
Schaden des eigenen Landes nicht wesentlich anders wie zum 
Schaden der fremden Länder. Die Herrschenden in Moskau über- 
lassen, um die Alleinherrschaft ihres Klubs und ihrer Prinzipien 
zu erhalten, ebenso kaltblütig Millionen der eigenen Bevölkerung 
dem Hungertod wie sie in Deutschland, in Polen und anderswo 
den Bürgerkrieg mit seiner ganzen Öffentlichen und privaten Misere 


diktator Loucheur, erst am Ende des Krieges und seit dem Frieden zum 
Berufspolitiker gewandelt, mit der von ihm geleiteten Société generale 
dentreprises ursprünglich selbst Anstalten getroffen hätte, das Wieder- 
aufbauwerk in Frankreich gemeinschaftlich mit Stinnes zu organisieren; 
der neuernannte französische Botschafter in Berlin Charles Laurent, 
vorher Präsident der „Union des Industries metallurgiques et minières“, 
sollte ihn dabei unterstützen. Aber der Konzern der englischen 
Banken, der damals bereits die finanzielle Wiederaufrichtung Öster- 
reichs und seiner Nachfolgestaaten in die Hand genommen hatte, 
wußte Loucheur und Stinnes zu trennen und das französisch-deutsche 
Projekt durch eine englisch-französische Gründung zu verdrängen, die 
nit einem ungeheurtn Kapital sich in den Besitz aller Hilfsquellen des 
früheren Donaureiches setzte. Und als nunmehr Stinnes, um sich schad- 
los zu halten, die Aktien der Alpinen Montangesellschaft, der be— 
"eutendsten Eisenerzgesellschaft in Steiermark, und zwei Metallfabriken 
:n Graz und Triest erwarb, um mit Hilfe seiner Ruhrkohlen eine öster- 
reichische Eisenindustrie in Gang zu bringen, wußte Loucheur die Er- 
füllungsweigerung des deutschen Auslandsministers Simons auf der 
Londoner Konferenz zu benutzen, um die Kohlen- und Koksausfuhr aus 
“ect Ruhr-Häfen durch französische Militärbesetzung zu sperren. Lloyd 
George, von dem englischen Botschafter in Berlin, Lord d’Abernon, im 
Sinne des Konzerns instruiert, gab sich den Anschein, sich dem Drängen 
Briands nach neuen „Sanktionen für die Erfüllung der deutschen Repa- 
rationspflicht“ zu fügen. 


. 10 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


nähren, um die für die Ausbreitung ihres Systems günstige see- 
lische Disposition zu schaffen. Und im Hauptpunkt in dem 
gleichen Geist arbeitet die Spekulationssucht der englischen und 
französischen Industriekapitänee Um die für den Weltverkehr 
zentralen Zinklager Oberschlesiens in polnische Hände, d. h. in 
Wahrheit in die eigene Hand zu bringen, reißen sie das tausend- 
jährige gesunde Kulturland Oberschlesien unbekümmert in Stücke, 
wie sie durch die Zehntausende ihrer afrikanischen Söldner die 
Rasse, die Sittlichkeit, die Gesundheit beliebiger Landstriche 
feiner altfranzösischer Provinzialkultur herunterwirtschaften*). Und 
bei alledem ist das bedrohlichste, daß die Verstärkung des einen 
Internationalismus wie immer die Stärkung des andern Extrems 
zur Folge haben muß. Die Übergriffe und zerstörenden Maßregeln 
des internationalen Finanzringes muß mehr als alles andere der 
bolschewistischen Propaganda einer Mission des internationalen 
Kommunismus Nahrung geben, sowie umgekehrt der pharisäische 
Abscheu vor der proletarischen Organisation die Plutokratie an- 
stachelt, ihre eigenen Anstrengungen zu verdoppeln. Unverkenn- 
bar gibt es Kräfte, die der frevelhaften Taktik ernsthaft zutreiben, 
das ältere deutsche Kulturgebiet bis zur Weser oder bis zur Elbe 
zu besetzen wie Napoleon in den Reunionen von 1810 und das 
östliche Deutschland dem Terrorismus der Bolschewisten zu über- 
lassen. 

So wäre unter dem hemmungslosen Schalten solcher Partei- 
bildungen ein rationeller Wiederaufbau Europas aussichtslos, 
und nur eine Verständigung der Art könnte zu einem Ziele 
führen, wie sie in der Tat von den umsichtigen und sachlichen 
Politikern längst betrieben wird, eine Zusammenarbeit, die die 
verschiedenartigen Interessen der geschlossenen Wirtschaftsgebiete 
der Nationalstaaten je nach deren Eigenart zum Ausgangspunkt 
nimmt. Aber — und damit kommen wir auf das zu Anfang Ge- 
sagte zurück — die Regierungen aller Großstaaten sind nur dann 
im Innern und nach außen aktionsfähig, wenn sie ihrerseits auf 
einem heimischen Parteien-Konzern fußen, der fähig und ermächtigt 
iat, für alle lebenswichtigsten Interessengruppen des Landes das 
Wort xu führen und Weisungen zu ertfilen. Auch die Parteien 
müssen auf sohr breiter Linie zusammenarbeiten, wenn die 
deatruktivo Arbeit der internationalen Koterien rechts und links 
paralysiort und gebunden werden soll. Befehden sich die boden- 


— . — * — 


%) „Veurre" moldet mißbilligend April 28 die Garnisonierung von 
Algeriern und Senegalnegern in Toul, Verdun und Montauban. 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 11 


ständigen Parteien untereinander, um jede für sich im Lande 
möglichst viel Macht an sich zu reißen, so sind die Profitierenden 
unvermeidlich die Milliardäre oder die Kommunisten, Northcliffe 
und Loucheur oder Radek und Tschitscherin oder beide. Erst 
recht wirkungslos für eine positive Befestigung der inneren Zu- 
stände wird es natürlich bleiben, wenn man neue Parteien ins 
Leben ruft, die sich ausschließlich das zur Aufgabe stellen, die 
internationalistischen Parasiten einer aufstrebenden Kulturarbeit 
im Lande zu paralysieren, zu negieren. Das macht eigentümlicher- 
weise das Wesen der jüngsten Parteigründung in Italien aus, die 
unter dem Namen der „Faszisten‘“ die Hebung des Nationalen 
im Staat zu ihrem einzigen positiven Programm erheben, in Wahr- 
heit aber nur negativ und mit lärmenden Alluren gegen jedes den 
nationalen Geist zersetzende Element, Monopolismus, Internatio- 
nalismus, Doktrinarismus eifern. Im Grunde läuft das faszistische 
Programm gewiß, soweit man überhaupt dem zuchtlosen Gebilde 
einen klaren Kern abgewinnen kann, auf den Kampf gegen alle 
die Mächte hinaus, deren gefährliches Wirken im vorhergehenden 
gekennzeichnet wurde, auf Antikapitalismus, Antiklerikalismus, 
Antikommunismus. Aber ohne den guten Willen, mit anderen 
Parteien Fühlung zu nehmen, vermehren sie nur die Verwirrung, 
und man kann wohl sagen, daß in Italien die Parteiverhältnisse 
unter allen europäischen Staaten die diffusesten sind, die Stellung 
der Regierung — wie die ununterbrochenen Kabinettswechsel der 
letzten beiden Jahre beweisen — die unsicherste ist’). So lenkt 
die Unzulänglichkeit dieses merkwürdigen, ja abnormen Abhilfe- 
versuchs um so handgreiflicher auf die Ausgangsbetrachtung 
zurück. M. a. W. wirksame Garantien gegen das Mächtigwerden 
einer klassenegoistischen Organisation über die gemeinnützige 
Politik des Staates können nur in einer zielbewußten und zähen 
Regierung liegen, und sie wiederum ist in politischen Ver- 


5) Gegenüber der Charakterisierung des Faszistenführers Mussolini 
(im Popolo d'Italia), das Faszistenprogramm sei Anti-Monopolismus, Anti- 
Internationalismus, Anti-Demagogismus, macht dermodernistische Katholik 
Romolo Murri (im Resto del Carlino 24. 12. 22) geltend, die neue Partei 
habe außer jenem negativen auch ein positives Element, nämlich: gegen- 
über allen untergeordneten Interessen den Faktor der Nation als Haupt- 
sache zu betonen. Das ist nichts neues, wie es ja durch den Namen 
der Partei (Vergleich mit den „Fasces“, dem zusammengeschnürten 
Rutenbündel) zum Ausdruck gebracht wird. Aber der Text zeigt, daß es 
für den Wert der Partei nichts besagt. Das wesentliche ist, daß eine 
einzelne Partei dem nationalen Gedanken keinen wirksamen Nach- 
druck zu geben vermag. 


12 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 





hältnissen wie denen der europäischen Staaten nur auf der 
Grundlage eines freundnachbarlichen Zusammenwirkens, einer 
Koalition der Parteien zu beschaffen. 

Erst wenn man die für alle europäischen Staaten gemeinsame 
Schwierigkeit ins Auge gefaßt hat, wird man die lösungsbedürftige 
Aufgabe bei den verschiedenen Nationen auf ihre Chance prüfen 
können, und da zeigt sich nun freilich, daß die außerordentliche 
Verschiedenartigkeit der Lagerung ihrerseits weitere Schwierig- 
keiten schafft. Am einleuchtendsten wird das an dem Verhältnis, 
Frankreichs und Deutschlands zueinander, die von ent- 
gegengesetzten Punkten aus das gleiche Ergebnis gewinnen müssen, 
wenn ein befriedigender Gesamtzustand erreicht werden soll. 


U. Die Idee des „Blocks der Mitte“ 


“In Frankreich hinterließ der Krieg um deswillen eine für 
die Gesundung Europas besonders ungünstige Situation, weil die 
Mächte, die einer Verständigung der Nationen im Wege stehen, 
bereits in der Vorkriegszeit in außergewöhnlicher Stärke ent- 
wickelt gewesen waren. Sie mußten sich unter dem Einfluß des 
Siegs nur noch mehr verstärken. Die letzten zwei Jahrzehnte vor 
1914 hätten zunächst in der bekannten Kette unablässiger Macht- 
kämpfe zwischen klerikalen, bürgerlich-liberalen und sozialisti- 
schen Kreisen einen Zustand geschaffen, der schließlich außer der 
Armee nur noch einen realen Machtfaktor übriggelassen hatte, den 
Ring der führenden Männer des Großkapitals, der Großbanken 
und der Großindustrie. Ihre oft besprochene Organisation, der der 
amerikanischen Milliardäre nicht viel nachstehend, war muster- 
gültig‘). Aber die Versumpfung, die Tat- und Geistlosigkeit des- 
politischen Lebens, die durch die Herrschaft der Plutokratie über die 
Wahlen und Ministerbesetzungen, die Presse, die Öffentlichen Ar- 
beiten, kurz über die ganze staatliche Maschinerie herbeigeführt 
worden war, hatte in unternehmenden Persönlichkeiten der Be- 
rufspolitiker verschiedenster Parteifärbung eine Grundstimmung 
erzeugt, die zu neuen Taten drängte, seien es Reformen, sei es auch 
— Krieg. Zwischen dem Klerikalen Barrès und dem Radikalen 
Clemenceau, dem ehemaligen Gambettisten Poincaré und den sozia- 


eo Material für die Rekonstruktion dieser Hergänge vgl. im VIII. 
und IX. Band dieser Zeitschrift in meinem Aufsatz über die „innere 
Lage Frankreichs vor dem Kriege“ (VIII, 189ff., 1915) und in den 
ergänzend sich anfügenden Ausführungen Ritzenthalers über die „Finanz- 
lage Frankreichs vor dem Kriege“ (IX, 218, 1916). 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 13 


listischen Renegaten Millerand, Briand, Viviani, — zwischen ihnen 
allen und den Führern der Armee konnte sich trotz mancher 
persönlichen Verfeindung das geheime Einverständnis bilden, das 
der Finanzoligarchie und der Kammer wider ihren Willen schließlich 
den Krieg aufzwang. Und nun erhitzte sich an seiner Leidenschaft 
der in allen Schichten der französischen Bevölkerung seit langem 
aufgespeicherte Drang nach Erneuerung einer kolonial wie kon- 
tinental erobernden Macht und Glanzstellung der Nation, des 
demokratisch umgeformten Imperialismus Ludwigs XIV. und der 
beiden bonapartischen Epochen, des sprichwörtlich gewordenen 
„Bonapartisme demagogique“, — ein Drang, der durch den uner- 
warteten siegreichen Ausgang eine Erfüllung fand, die die Nation 
in völligen Rauschzustand versetzte. Aber wie die Opfer des 
Ariegsverlaufs die Geldaristokratie wirtschaftlich am stärksten 
getroffen hatten, so kam auch der Gewinn ihr in gesteigertem 
Maße zugute, und deshalb mußte sich aus den ersten Neuwahlen 
(November 1919) ein Senat und eine Kammer ergeben, in deren 
vorwaltendem Geist das bürgerliche Ideal eines französischen 
Kulturvorrangs in der Welt und das sehr materielle Gründer- 
und Spekulantenbedürfnis des Großkapitals einen unheilvollen 
Bund eingingen. 

Er gibt auch heute noch der Politik Frankreichs die Signatur. 
An die Stelle der Kammermajorität der Linken mit Übergewicht 
der radikalen und radikal-sozialistischen Gruppen, die noch in den 
Wahlen von 1914 herrschend geblieben waren, hat der „Natio- 
nale Block“ seine Mehrheit der Rechten gesetzt”). Er um- 
GB tief in die frühere Linke hineingreifend, ca. 450 Abgeordnete 
unter etwa 610, in der Weise freilich, daß die Führung nicht bei 
den ca. 100 Männern der äußersten Rechten, den Klerikalen der 
„Action liberale‘ und den Monarchisten der „Groupe conservateur“ 
gelegen ist, sondern bei der „demokratisch-republikani- 
schen Entente“. Ihrerseits aus allen möglichen Cliquen meist 
rein persönlicher Art, Gruppe Arago, Bonnefay, Tardieu, Raiberti 


) Die Kammerwahlen von 1914, obwohl von der Regierung auf das 
Stichwort der Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit gestellt, 
hatten ihr nur einen halben Erfolg gebracht. Sie hatte auf der Rechten 
Oe Mandatzahl von 1910 nur von 148 auf 223 erhöht (59 klerikale Action 
berale, 31 monarchistische Groupe conservateur, 133 gemäßigte Republi- 
kaner). Der herrschende Block sank von 363 auf 303 (133 Gauche republi- 
caine. 60 Gauche radicale, 83 Gauche radical-socialiste, 27 Républicains 
socialistes). Die Sozialisten vermehrten sich auf 68 Sitze der Einheits- 
partei und 6 Dissidenten. Die Zusammensetzung der Kammer von 1910 
sgl. Z. VIII S. 160, 


12 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


hältnissen wie denen der europäischen Staaten nur auf der 
Grundlage eines freundnachbarlichen Zusammenwirkens, einer 
Koalition der Parteien zu beschaffen. 

Erst wenn man die für alle europäischen Staaten gemeinsame 
Schwierigkeit ins Auge gefaßt hat, wird man die lösungsbedürftige 
Aufgabe bei den verschiedenen Nationen auf ihre Chance prüfen 
können, und da zeigt sich nun freilich, daß die außerordentliche 
Verschiedenartigkeit der Lagerung ihrerseits weitere Schwierig- 


keiten schafft. Am einleuchtendsten wird das an dem Verhältnis, 


Frankreichs und Deutschlands zueinander, die von ent- 
gegengesetzten Punkten aus das gleiche Ergebnis gewinnen müssen, 
wenn ein befriedigender Gesamtzustand erreicht werden soll. 


U. Die Idee des „Blocks der Mitte“ 


“In Frankreich hinterließ der Krieg um deswillen eine für 
die Gesundung Europas besonders ungünstige Situation, weil die 
Mächte, die einer Verständigung der Nationen im Wege stehen, 
bereits in der Vorkriegszeit in außergewöhnlicher Stärke ent- 
wickelt gewesen waren. Sie mußten sich unter dem Einfluß des 
Siegs nur noch mehr verstärken. Die letzten zwei Jahrzehnte vor 
1914 hätten zunächst in der bekannten Kette unablässiger Macht- 
kämpfe zwischen klerikalen, bürgerlich-liberalen und sozialisti- 
schen Kreisen einen Zustand geschaffen, der schließlich außer der 
Armee nur noch einen realen Machtfaktor übriggelassen hatte, den 
Ring der führenden Männer des Großkapitals, der Großbanken 
und der Großindustrie. Ihre oft besprochene Organisation, der der 
amerikanischen Milliardäre nicht viel nachstehend, war muster- 
gültig‘). Aber die Versumpfung, die Tat- und Geistlosigkeit des 
politischen Lebens, die durch die Herrschaft der Plutokratie über die 
Wahlen und Ministerbesetzungen, die Presse, die öffentlichen Ar- 
beiten, kurz über die ganze staatliche Maschinerie herbeigeführt 
worden war, hatte in unternehmenden Persönlichkeiten der Be- 
rufspolitiker verschiedenster Parteifärbung eine Grundstimmung 
erzeugt, die zu neuen Taten drängte, seien es Reformen, sei es auch 
— Krieg. Zwischen dem Klerikalen Barrès und dem Radikalen 
Clemenceau, dem ehemaligen Gambettisten Poincaré und den sozia- 


°) Material für die Rekonstruktion dieser Hergänge vgl. im VIII. 
und IX. Band dieser Zeitschrift in meinem Aufsatz über die „innere 
Lage Frankreichs vor dem Kriege“ (VIII, 189ff., 1015) und in den 
ergänzend sich anfügenden Ausführungen Ritzenthalers über die „Finanz- 
lage Frankreichs vor dem Kriege“ (IX, 218, 1916). 


I 


— —— S 


— — 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 13 


listischen Renegaten Millerand, Briand, Viviani, — zwischen ihnen 
allen und den Führern der Armee konnte sich trotz mancher 
persönlichen Verfeindung das geheime Einverständnis bilden, das 
der Finanzoligarchie und der Kammer wider ihren Willen schließlich 
den Krieg aufzwang. Und nun erhitzte sich an seiner Leidenschaft 
der in allen Schichten der französischen Bevölkerung seit langem 
aufgespeicherte Drang nach Erneuerung einer kolonial wie kon- 
tinental erobernden Macht und Glanzstellung der Nation, des 
demokratisch umgeformten Imperialismus Ludwigs XIV. und der 
beiden bonapartischen Epochen, des sprichwörtlich gewordenen 
„Bonapartisme demagogique“, — ein Drang, der durch den uner- 
warteten siegreichen Ausgang eine Erfüllung fand, die die Nation 
in völligen Rauschzustand versetzte. Aber wie die Opfer des 
Kriegsverlaufs die Geldaristokratie wirtschaftlich am stärksten 


"getroffen hatten, so kam auch der Gewinn ihr in gesteigertem 


Maße zugute, und deshalb mußte sich aus den ersten Neuwahlen 
(November 1919) ein Senat und eine Kammer ergeben, in deren 
vorwaltendem Geist das bürgerliche Ideal eines französischen 
Kulturvorrangs in der Welt und das sehr materielle Gründer- 
und Spekulantenbedürfnis des Großkapitals einen unheilvollen 
Bund eingingen. 

Er gibt auch heute noch der Politik Frankreichs die Signatur. 
An die Stelle der Kammermajorität der Linken mit Übergewicht 
der radikalen und radikal-sozialistischen Gruppen, die noch in den 
Wahlen von 1914 herrschend geblieben waren, hat der „Natio- 
nale Block“ seine Mehrheit der Rechten gesetzt”). Er um- 
faßt, tief in die frühere Linke hineingreifend, ca. 450 Abgeordnete 
unter etwa 610, in der Weise freilich, daß die Führung nicht bei 
den ca. 100 Männern der äußersten Rechten, den Klerikalen der 
„Action liberale“ und den Monarchisten der „Groupe conservateur“ 
gelegen ist, sondern bei der „demokratisch-republikani- 
schen Entente“. Ihrerseits aus allen möglichen Cliquen meist 
rein persönlicher Art, Gruppe Arago, Bonnefay, Tardieu, Raiberti 


) Die Kammerwahlen von 1914, obwohl von der Regierung auf das 
Stichwort der Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit gestellt, 
hatten ihr nur einen halben Erfolg gebracht. Sie hatte auf der Rechten 
die Mandatzahl von 1910 nur von 148 auf 223 erhöht (59 klerikale Action 
liberale, 31 monarchistische Groupe conservateur, 133 gemäßigte Republi- 
kaner). Der herrschende Block sank von 263 out 303 (133 Gauche républi- 
caine, 60 Gauche radicale, 83 Gauche radical-socialiste, 27 Républicains 
socialistes). Die Sozialisten vermehrten sich auf 68 Sitze der Einheits- 
partei und 6 Dissidenten. Die Zusammensetzung der Kammer von 1910 
vgl. Z. VIII 8. 








; — — Ber Gedanke der roen. — Am. Se — o 





er a. EE fast 200 Köpfe — enii sie. — 5 
. nach Bedarf noch aus der angrenzenden: demokratischen ‚Linken. ` 


-` (ea. 90) und der republikanischen Linken (ca. 50) oder aus radi- 
-kalen Elementen nach weiter links. Alle Kadinettschefs der Nach- 


kriegszeit, Clemenceau, Millerand, Leygues, Briand baben sich auf 

sie zu stützen gehabt. und. demgemäß ibr Reden und Handeln nach e 
der in ihr herrschenden.: Stin. nung einrichten. müssen, die am prò ` 
vozierehisten und. unruhlgsten in der selbst in ihrer. ‚ersprüng- 
‚lichen Zahl von nur 18. Mitgliedern buntachnekigen. „ep ublikani- 





sehen, radikalen und sozislistischen Union“, bei den Wahlen von 
— Milfersnd und Tardieu, Clemeneraus. engstverbündetem Gefolgs- - 
mann, begründet, zum Ausdruck. kam. Und diese Stimmung. ist. 
Om monarchiselen. ins demokratische übersetzt. — jene Auf 
` geblasenheit. des. französischen Barock, wie sie ‚uns in Schilde 
“Tungen - einsichtiger zeitgenössischer Beobachter: genau ebenso TUAN 


den Jahren des: westfälischen Friedeusschlusses, dieses Vor ` 
< läufers des Versailler Friedens, in. der Ära Mazarins, entgegen: 
| mn, Mit dem altrevolutionären, rousseauischen Geiste, den viele ` 
nach in der treibenden Strömung: des. ‚heutigen Frankreich findes 
‘nöchten, bat sie nichts mehr zu tun, Schon in den letzten Pint o. 
—— Jahren ` "ER VW dem Krieg: waren die ‚Schlagworte A 
Ä Tationssucht. dar Änterjagd, der allgemeinen. Vogt. kurz 
den ‚Systems der Geldoli | | 
Almvsphäre nach dem’ ‚Krieg sind ihre letzten Reste verdampft. . 
Aler such die Ansätze eines lauteren und begeintarungatitigen 3% 
:  Btrobens sach Öffentlieber Kritik und gemeinnütziger Hingabe, die 





Ge sich In der Reäktion gegen die Dreyfusaffäre in Charles. Peguy, T 
Andr Gide ua. geregt hatten, haben ihre seelische Freiheit uod 


Mun bofruchtende Kratt im Überwallen des nstionalen Dünkel ` 
“ngabid. Wis früher der Rousseauismus für die Korruption der 
„Röpubligne des. Camarades“, int jetzt der „Esprit nouvean“ zum 
Haten Sege Wr Ze „Action directe” det ‚siegreichen SH 
Hemd gar Der wirkliche Geist der herrschenden = 


N EE prachtvalle. Belasiongt; dia der: 
Gosundte der Republik. Venedig Battista Nani im Jahre. 1048 über die 
hertwolnpden Kreise Frapkreiche an die: heimische Regierung erstattet 





nhie heratigesunken. In der. erhitzten S 


Sie iph in den voi mir hersysgagebenen „Büchern. Er: staatsbürgerliche . — 
Milde" iw Rowikius ‚Unlversalbikfiothek ip: Übers e As Sehleinite — 


errehlanon (Non), ein images ` Besandischefisbericht: Ger KLS EE 
` Kranckvpich Masarlish — 


ya Väntftepnsaiz au dén — Buch. von Ernst Räbert Garin E 
läis ` ENSCH Ze neuen Frankreich, — aus dem 





e — 
d — 
a 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 15 





Schicht ist die rohe Aufhäufung von Macht und deren rücksichts- 
lose Benutzung — zum Herauspressen deutscher Reparationen 
für die Masse des chauvinistischen Bürgertums und ihre Leiter 
in der Kammer, zum Zusammenraffen von Kohlen- und Erzlagern, 
von Eisenbahnen und Industriebetrieben für die Finanzgrößen, die 
hinter der Kammer und ihrem Ministerium stehen. 

Daß die militaristische und annexionistische Überreiztheit mit 
ihren den Kriegszustand fortsetzenden Rüstungen, mit der Unruhe 
und Spannung und mit der geistigen Verrohung, die die ewigen 
offiziellen Entrüstungen und Wutausbrüche des Parlaments oder 
der Presse im Gefolge haben, eine Rückkehr der Nation zu ge- 
stdneter produktiver Arbeit, zum Wiederaufbau der zerstörten 
sebiete, zu jeder innern Reform empfindlich hemmt, ist in weiten 
Kreisen der französischen Bevölkerung längst durchgedrungen, — 
gewiß in größeren Schichten, als denen, die es vor dem Terrorismus 
der Zeitungen laut werden lassen'°). Auch in der Kammer hat sich 
deshalb verhältnismäßig rasch der Plan hervorgewagt, solche Ab- 
geordnete des Nationalen Blocks, bei denen der Paroxysmus zu 
verrauchen begonnen hat, von der extremen Rechten loszulösen 
und mit besonnenen Elementen der Linken und der sozialistischen 
Parteien zu einer neuen Mittelpartei zusammenzufügen. Aber das 
Ergebnis solcher Bemühungen ist bisher äußerst gering gewesen, — 
vor allem infolge der vielbesprochenen organisatorischen Unreife, 
an der das französische Parteileben in seiner Totalität noch immer 
krankt. Bekanntlich ist sowohl die Maschinerie der Parteien in 
den Massen der Wähler wie auch die Disziplin in den Fraktionen 
der Kammern eine höchst unvollkommene. Zwischen den Abge- 
ordneten, die sich nominell zu denselben Parteigruppen rechnen, 
wie zwischen den dem Programm nach nächstverwandten Gruppen 
besteht kein fühlbarer und parlamentarische Pflichten begründen- 
der Zusammenhang; jene „incoh6rence“, wie sie Clemenceau früher 





der Leser das Bild gewinnt, als wenn Gide, Rolland, Claudel, Peguy mit 
ihrem edel empfundenen Idealismus als typische Repräsentanten des 
modernen Frankreich gewertet werden müßten, oder gar zu den willkür- 
lichen Konstruktionen von Heinrich Mann, der (Berliner Tageblatt 
Mai 1921) Napoleon selbst im Gewand des demokratischen Musterhelden 
vorführt, führt neuerdings Otto Grautoff, Zur Psychologie Frankreichs 
(Preuß. Jahrb. 187, 1922, S. 187) zu dem richtigen Standpunkt zurück, der 
dem Geist, der in der breiten herrschenden Schicht Frankreichs allein 
maßgebend ist, gerecht wird. 

“) Eine Stimme aus dem Kreise der Clarté, der diesem Ziele zu- 
— vgl. in dem Aufsatz von Gouttenoire de Toury in diesem Heft der 

:itschrift, 





15 Schmidt. Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 





mit satanischer Genugtuung zu konstatieren liebte, ist zum System 
ernoben. Und ebensowenig spürt der Abgeordnete den Druck der 
Gefolgschaft seines Wahlkreises, von der kleinen Zahl der Notabeln 
des Komitees abgesehen, denen er nach einem stillschweigenden 
Frinzip der Versicherung auf Gegenseitigkeit die üblichen größeren 
wie kleineren Gefälligkeiten an Stellenvermittlung, Konzessionie- 
run usw. zu verschaffen verptlichtet ist. Aber für die führenden 
Muer der Partei ist die Truppe ihrer eigenen Anhänger nicht zu 
“nassen, Über ihre Stellungnahme läßt sich nicht verfügen und 
'tichts sicheres vorausberechnen. Auch die Einführung der Pro- 
sertionalwahl (1919) hat daran nichts ändern können. 

Ganz ungeeienet für eine Initiative zur gemäßigten Neu- 
zruppierung der Parteien ist selbstverständlich die sozia- 
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Vey herrschenden Gruppen der Versuch gemacht worden, dergroßen 
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Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 17 





bisherige Regierungsmehrheit, in die Entente républicaine hinein 
den Keil zu treiben, der die mehr links gerichtete Gruppe Arago von 
den mehr nationalistischen Mitgliedern unter Tardieu und Raiberti 
freimachen und zum Anschluß an die gemäßigten Elemente der 
Linken, an die demokratische und die republikanische Linke, 
eventuell auch an Schichten der Radikalen prädisponieren sollte. 
Die Kammer stimmte mit 166 Stimmen Mehrheit zu”). 

Das Experiment schien zu glücken. Für den Augenblick wurde 
erreicht, daß die Gruppe Tardieu-Raiberti selbst die Trennung von 
den bisherigen Ententegenossen vollzog. Manche sahen einen 
„Block der Mitte“ als Anfang einer neuen dauerhaften Majori- 
tät Briands bereits als begründet an'*). Aber von Dauer sollte die 
Gründung nicht werden. Die Abwanderung des Tardieu-Flügels 
verstärkte sofort wieder die äußere Rechte, die von Briand bei 
seiner Kabinettsbildung zurückgedrängt worden war, und die 
Konferenz von Cannes bot Gelegenheit, dem abwesenden, mit Lloyd 
George über die Antezedenzien von Genua verhandelnden Premier 
in den Rücken zu fallen und ihn mit Hilfe des Präsidenten Mille- 
rand zugunsten eines Kabinetts Poincaré zu beseitigen‘). 


2) Allerdings war gleich hier auffallend, daß seine Mehrheit stetig 
sank. Bei seinem Regierungsantritt (Januar 1921) hat Briand ein Ver- 
trauenazvotum von 475 gegen 63 erhalten (412 Stimmen Mehrheit), vor 
der Londoner Konferenz (März 21) 387 gegen 125 (262 Mehrheit), vor 
der Ausreise nach Washington (Mai 21) 419 gegen 171 (248 Mehrheit). 

35) Die sozialistische „Humanité“ vom 28. Okt. 1921: „Die Sache hatte 
folgenden Anschein: ein Block der Rechten — ihm gegenüber ein in 
Bildung begriffener Block der Linken; zwischen beiden der Minister- 
präsident, der den Zusammenbruch des nationalen Blocks kommen sieht, 
das Spiel des Blocks der Linken zu unterstützen. Die Wirklichkeit sieht 
anders aus und der „Temps“ legt Wert darauf uns vorzubereiten. Herr 
Briand will eine Majorität aufstellen, die sich nicht auf die Linke, 
sondern auf die Mitte stützen würde.“ 

4) Ganz persönlich gegen Poincaré setzt Delaisi die aufklärende 
Ausführung seines schon früher (vgl. o S. 9) entwickelten Haupt- 
gedankens fort, daß die französische Regierung jetzt mehr als je unter 
der Leitung der großen Finanz- und Unternehmergruppen stehe. In der 
amerikanischen „New York World" hat er ganz neuerdings (April 1922) 
in Ergänzung eines gleichgerichteten Artikels von Pierpont Noyes, dem 
bisherigen Vertreter der Vereinigten Staaten in der Rheinlandkom- 
mission, gerade Poincaré als „Agenten“ des Comité des Forges (Schneider- 
Creuzot) und des Comité des Houillöres (bisher Oharles Laurent), denen 
sich neuerdings auch das Comité des Textiles angeschlossen hat, ange- 
schuldigt. Das Londoner Regierungsblatt „Pall Mall Gazette“ hat den 
Artikel Delaisis unter dem Titel „Frankreichs Versuch Europa zu be- 
herrschen“ in extenso abgedruckt. Mit Vorsicht ist auch dies Urteil 
aufzunehmen. 


Zeitschrift für Politik. 12. 2 


16 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


mit satanischer Genugtuung zu konstatieren liebte, ist zum System 
erhoben. Und ebensowenig spürt, der Abgeordnete den Druck der 
Gefolgschaft seines Wahlkreises, von der kleinen Zahl der Notabeln 
des Komitees abgesehen, denen er nach einem stillschweigenden 
Prinzip der Versicherung auf Gegenseitigkeit die üblichen größeren 
wie kleineren Gefälligkeiten an Stellenvermittlung, Konzessionie- 
rung usw. zu verschaffen verpflichtet ist. Aber für die führenden 
Männer der Partei ist die Truppe ihrer eigenen Anhänger nicht zu 
fassen. Über ihre Stellungnahme läßt sich nicht verfügen und 
nichts sicheres vorausberechnen. Auch die Einführung der Pro- 
portionalwahl (1919) hat daran nichts ändern können. 

= Ganz ungeeignet für eine Initiative zur gemäßigten Neu- 
gruppierung der Parteien ist selbstverständlich die sozia- 
listische Partei. Ohnehin numerisch stark geschwächt, steht 
sie mehr denn je hin und hergerissen zwischen der gemäßigten 
und der schärferen Strömung des internationalen Proletariats'"); 
sie ist nicht aktionsfähig. Dagegen ist aus dem Kreis der vor dem 
Krieg herrschenden Gruppen der Versuchgemacht worden, der großen 
Rechten einen Block der vereinigten Linken gegenüberzustellen. 
Führer der radikal-sozialistischen Partei Painlev& und Herriot 
traten im Oktober 1921 mit dem Programm einer „republikani- 
schen Liga“ hervor, das die Tätigkeit des Staats von der 
aggressiven auswärtigen Politik äuf innere Aufgaben — Ausgleich 
des Steuersystems, Organisierung des Kredits für die Mittelklassen, 
Hebung der Landwirtschaft, Erleichterung höherer Bildung für 
Mittellose — hinlenken sollte. Und unter diesen Umständen hielt 
es auch das Kabinett Briand für angezeigt, von der Alleinherr- 
schaft des Nationalen Blocks abzurücken. Auf den frischen Erfolg 
der Teilung Oberschlesiens gestützt, begann Briand selbst in seine 


u) Die politische Organisation der Arbeiter, die Partie socialiste 
unifiée, hat sich auf dem Parteitag von Tours (Januar 1921) in drei 
Richtungen gespalten, in die Anhänger der dritten (Moskauer) Inter- 
nationale, in die der zweiten (Amsterdamer) Internationale, die an der 
Zusammenarbeit mit den Bürgerlichen festhalten (résistants) und die 
Reconstructeurs (Longuet), die zwischen beiden Extremen vermitteln; 
der Internationale 21. Die wirtschaftliche Organisation der Ar- 
beiter, die Confédération generale de travail, hat auf dem Gewerk- 
schaftskongreß von Lille (Juli 1921) denselben Kampf zwischen 
Sozialismus und Kommunismus ebenfalls ohne festes Ergebnis durch- 
gefochten. Auch hier fand sich gegenüber dem Antrag auf bedingungs 
lose Unterordnung unter die Moskauer Exekutive eine Kompromißgruppe ` 
(Jouhaux), die sich mit dem Antrag auf Austritt aus der Amsterdamer 
Internationale begnügte. So dominierte die Mehrheit, die nach der 
letzteren orientiert ist. 








Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 17 





bisherige Regierungsmehrheit, in die Entente républicaine hinein 
den Keil zu treiben, der die mehr links gerichtete Gruppe Arago von 
den mehr nationalistischen Mitgliedern unter Tardieu und Raiber 
freimachen und zum Anschluß an die gemäßigten Elemente der 
Linken, an die demokratische und die republikanische Linke, 
eventuell auch an Schichten der Radikalen prädisponieren sollte. 
Die Kammer stimmte mit 166 Stimmen Mehrheit zu’?). 

Das Experiment schien zu glücken. Für den Augenblick wurde 
erreicht, daß die Gruppe Tardieu-Raiberti selbst die Trennung von 
den bisherigen Ententegenossen vollzog. Manche sahen einen 
„Block der Mitte‘ als Anfang einer neuen dauerhaften Majori- 
tät Briands bereits als begründet an’*). Aber von Dauer sollte die 
Gründung nicht werden. Die Abwanderung des Tardieu-Flügels 
verstärkte sofort wieder die äußere Rechte, die von Briand bei 
seiner Kabinettsbildung zurückgedrängt worden war, und die 
Konferenz von Cannes bot Gelegenheit, dem abwesenden, mit Lloyd 
George über die Antezedenzien von Genua verhandelnden Premier 
in den Rücken zu fallen und ihn mit Hilfe des Präsidenten Mille- 
rand zugunsten eines Kabinetts Poincaré zu beseitigen’*). 


#9) Allerdings war gleich hier auffallend, daß seine Mehrheit stetig 
sank. Bei seinem Regierungsantritt (Januar 1921) hat Briand ein Ver- 
trauensvotum von 475 gegen 63 erhalten (412 Stimmen Mehrheit), vor 
der Londoner Konferenz (März 21) 387 gegen 125 (262 Mehrheit), vor 
der Ausreise nach Washington (Mai 21) 419 gegen 171 (248 Mehrheit). 

33) Die sozialistische „Humanité“ vom 28. Okt. 1921: „Die Sache hatte 
folgenden Anschein: ein Block der Rechten — ihm gegenüber ein in 
Bildung begriffener Block der Linken; zwischen beiden der Minister- 
präsident, der den Zusammenbruch des nationalen Blocks kommen sieht, 
das Spiel des Blocks der Linken zu unterstützen. Die Wirklichkeit sieht 
anders aus und der „Temps“ legt Wert darauf uns vorzubereiten. Herr 
Briand will eine Majorität aufstellen, die sich nicht auf die Linke, 
sondern auf die Mitte stützen würde.“ 

#) Ganz persönlich gegen Poincaré setzt Delaisi die aufklärende 
Ausführung seines schon früher (vgl. o S. 9) entwickelten Haupt- 
gedankens fort, daB die französische Regierung jetzt mehr als je unter 
der Leitung der großen Finanz- und Unternehmergruppen stehe. In der 
amerikanischen „New York World“ hat er ganz neuerdings (April 1922) 
in Ergänzung eines gleichgerichteten Artikels von Pierpont Noyes, dem 
bisherigen Vertreter der Vereinigten Staaten in der Rheinlandkom- 
mission, gerade Poincaré als „Agenten“ des Comité des Forges (Schneider- 
Creuzot) und des Comité des Houillöres (bisher Charles Laurent), denen 
sich neuerdings auch das Comité des Textiles angeschlossen hat, ange- 
schuldigt. Das Londoner Regierungsblatt „Pall Mall Gazette“ hat den 
Artikel Delaisis unter dem Titel „Frankreichs Versuch Europa zu be- 
herrschen“ in extenso abgedruckt. Mit Vorsicht ist auch dies Urteil 
aufzunehmen. 


Zeitschrift für Politik. 12. 2 


18 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


Seitdem ist der Rückfall in die militaristische und verständi- 
gungsfeindliche Behandlung der europäischen Fragen nach Art 
Clemenceaus zur Tatsache geworden, und während der Genua- 
tagung hat Poincaré seine Tonart der direkten Aktion verschärft, 
zum Teil gewiß, weil die äußerste Rechte in Presse und Kammer 
noch viel wilder tobt und ein Kabinett Tardieu im Anrücken ist. 
Eine Umgruppierung der Kammer ist auf absehbare Zeit nicht in 
Sicht. Das Bündnis des nationalen Imperialismus mit dem inter- 
nationalen Großkapitalismus wirkt weiter. Auch für Belgien, 
das für jetzt unerörtert bleiben mag. 


II. Die Idee der „Großen Koalition“ 


Wie die maßvolleren Politiker Frankreichs aus der ein- 
seitigen Rechtsorientierung der Regierungspartei, streben die 
Deutschen seit zwei Jahren aus der einseitigen Linksorientierung 
heraus. Sie arbeiten daran mit derselben Langsamkeit und Müh- 
seligkeit und bisher mit dem gleich problematischen Erfolg. 

Zu der Zeit, als die Revolution sich durchgesetzt und die Natio- 
nalversammlung sich konstituiert hatte, war das Verhältnis der 
Parteien durch die Lage bestimmt, die das Zentrum im Verlauf 
des Krieges durch den Übertritt‘von dem Block der Rechten auf 
die linke Seite geschaffen hatte. Die nunmehrigen „Mehrheits- 
parteien‘“, Zentrum, Demokratie und beide sozialdemokratische 
Gruppen, die die Regierung bildeten, waren nach außen die Wort- 
redner des Verständigungsfriedens um jeden Preis, nach innen die 
Wegweiser zur republikanischen Verfassung mit „Unitarisierung“ 
und „Sozialisierung“. Die Trümmer des ehemals regierenden 
Blocks, Deutschnationale und Volkspartei trennten sich von der 
Mehrheit durch die bewußte Anlehnung an die monarchische, 
förderalistische, bürgerlich-kapitalistische Tradition. Bei dem 
Übergewicht des arbeiterpolitischen Flügels im Zentrum, bei dem 
raschen Sinken des demokratischen Einflusses zwischen den ersten 
und zweiten Wahlen gab das Verhältnis der Parteien im ersten 
Jahre annähernd das Bild des Kampfs der proletarisch-international 
gerichteten Kräfte gegen die bürgerlich-nationalen. Wie die Ab- 
stimmung über die Reichsverfassung war auch die Stellungnahme 
zur Vorbereitung und zur Unterzeichnung des Friedensvertrag8 
noch der Ausdruck der ursprünglichen Gruppierung’®). 


15) Annahme der neuen RBeichsverfassung nur mit den 282 Stimmen 
der Demokraten, des Zentrums und der Sozialdemokraten gegen 
Stimmen der beiden Rechtsparteien und vereinzelten Stimmen der äußer- 
sten Linken. 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 19 





Erst als die verheerenden Wirkungen des Friedensvertrags, 
die Unvereinbarkeit der von ihm auferlegten Lasten mit einem 
Wiederaufbau Deutschlands sichtbar wurden, bahnte sich im Lauf 
des Jahres 1920 der Zug zu einer Umgruppierung der Parteien 
an'®). Auch für Deutschland mußte das alte Axiom jeder produk- 
tiven Politik, wonach die erste Pflicht des Staats die Pflege der aus- 
wärtigen Politik ist, wieder zur Geltung gebracht werden, wenn 
sie auch bei seiner äußeren Schwäche nur im Wege des Verhandelns 
und der geistigen Druckmittel möglich war, und in diesem Rahmen 
wurde das Sterile einer bloßen hartnäckigen Verweigerung jeder 
Erfüllung, wie sie die äußerste Rechte für angemessen hielt, ebenso 
einleuchtend wie das Verderbliche und Würdelose einer Haltung 
unbedingter dienstwilliger Fügsamkeit gegen die früheren Feinde, 
der Politik der „blinden Erfüllung“, die die radikalen Linken, 
besonders die unabhängig-kommunistischen Schichten auf Kosten 
der „Reichen“ zur Parole machte. Es mußte für die Organe des 
deutschen Volkes darauf ankommen, den Neutralen, wie den ge- 
mäßigten Elementen der Vereinigten Staaten, Englands und 
Italiens die Bereitschaft zur Erfüllung der unvermeidlichen Kriegs- 
entschädigungen in den möglichen Grenzen zum Bewußtsein zu 
bringen, darüber hinaus aber allen die eigene Existenzmöglichkeit 
bedrohenden Exzessen des Obersten Rates und vor allem Frank- 
reichs einen zähen Widerstand entgegenzusetzen. Hierzu aber 
bedurfte es eines geschlossenen, stetigen Vorgehens von Regierung 
und Volksvertretung und des unbedingten Zurücktretens aller 
Parteistreitigkeiten über die neueren Fragen oder um die Frage 
der Herrschaft hinter dem Verhalten gegen das Ausland. Inner- 
halb des englischen Reichs zeigten soeben die Bewegungen in 
Irland, Ägypten und Indien, was das einmütige Vorgehen der Be- 
völkerung auch bei völliger militärischer Machtlosigkeit gegenüber 
einem scheinbar übermächtigen Gegner durchzusetzen vermag. 

Es machte unter diesen Umständen einen starken Eindruck, 
als im Dezember 1920 einer der Zentrumsführer, der katholische 
Gewerkschaftsvorsitzende Stegerwald, bei einer Rede in Essen 
intensiv auf die Notwendigkeit der Sammlung der Parteien um 
eine starke christliche vaterländische Volkspartei als Mitte und 
unter Abstoßung der extrem rechten wie der extrem links ge- 


185) Noch im April 1922 ist auf der Tagung der Deutschen Gesell- 
schaft für Völkerrecht ohne Widerspruch festgestellt worden, daß die 
deutsche öffentliche Meinung, vor allem die deutsche Juristenwelt, an- 
fänglich an der Kritik des Versailler Friedensvertrags überhaupt nicht 
mitgearbeitet hat. e 





20 Schmidt. Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 





richtetem Elemente hinwies“). Manche Vorgänge der Zeit 
schienen dem allerdings zuwider zu laufen. vor allem das große 
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Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 21 





mit der Volkspartei rechts, mit der SPD. links in Verbindung 
setzen konnte. 

Schon im April1921 zeigten sich jedoch Hemmungen auf beiden 
Flanken der geplanten Koalition, als Stegerwald selbst berufen 
wurde, als Ministerpräsident ein preußisches Kabinett zu bilden. 
Seinem Verlangen, neben Zentrum, Demokraten und Mehrheits- 
sozialismus auch die deutsche Volkspartei an der Regierung zu 
beteiligen, stieß sofort auf den Widerstand der Sozialdemokraten, 
und nach unerfreulichen Formalstreitigkeiten endete die Kabinetts- 
bildung damit, daß ihr zwar die Volkspartei, die Mehrheits- 
sozialisten aber nicht beitraten. Ende Mai ergab sich für das 
Reich gerade das entgegengesetzte. Da das Reichsministerium 
Wirth auf das neue Ultimatum des Obersten Rates erneut dem 
Kurs der blinden Erfüllung zuneigte, erfolgte der Abmarsch der 
deutschen Volkspartei nach rechts, und der disharmonische Zu- 
stand wurde zur Tatsache, daß im Reich nunmehr von einem 
Ministerium regiert wurde, in dem die Sozialdemokratie maß- 
gebend vertreten war, während — umgekehrt wie in Preußen 
— die Volkspartei fehlte'’). Im weiteren Verlauf des Sommers 
erhielt die Erscheinung dadurch ein Gegengewicht, daß in der 
demokratischen Partei und sogar im Zentrum eine Verstärkung 
des rechten Flügels sichtbar wurde. Aber Anfang August drängte 
der politische Mord an Erzberger, dem früheren Führer des linken 
Zentrumflügels, die Reichsregierung zur Verhängung des Aus- 
nahmezustands im Reich mit der Richtung gegen die Gegner der 
republikanischen Verfassung, also gegen Rechts, und nun kom- 
plizierte sich der ohnehin perverse Zustand dahin, daß zu der- 
selben Zeit im zweitgrößten Bundesstaat, in Bayern, nicht nur 


19) Immerhin schloß sich auch jetzt die Deutsche Volkspartei von 
der Unterstützung der Regierung nicht vollständig aus, Bei der Schluß- 
abstimmung vom 4. Juni erhielt die Regierung auf die kritischen Fragen 
das Vertrauen mit einer doppelten Mehrheit bestätigt. Der Reichs- 
tag erklärte sein Einverständnis damit, „daß die Regierung alles daran 
Setzt, um die übernommenen Verpflichtungen gegenüber den 
Alliierten zu erfüllen“, in der Mehrheit von Demokraten, Zentrum, 
bayr. Volkspartei, Mehrheitssozialisten und Unabhängigen (213) gegen 
77 Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten, während sich die 
Deutsche Volkspartei nur der Stimme enthielt (48). Dem zweiten Teil 
des Antrags, wonach „der Reichstag die Erklärung der Reichsregierung 
über Oberschlesien billigt“, stimmte die Volkspartei sogar zu, während 
die Unabhängigen ihn ablehnten. Für ein Mißtrauensvotum stimmten 
nur die Deutschnationalen und Kommunisten, die es beantragt hatten 
(Ablehnung mit 261 gegen 77). 


20 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


richtetem Elemente hinwies™). Manche Vorgänge der Zeit 
schienen dem allerdings zuwider zu laufen, vor allem das große 
Wachstum der deutsch-nationalen und deutsch-volksparteilichen 
Mandate bei den ersten Reichstagswahlen des Sommers 1920, das 
sich — auf Kosten der Demokraten — in Landtagswahlen auch 
in der Folgezeit fortsetzte. In den stärksten Widerspruch mit 
den gegebenen Verhältnissen setzte sich also die Idee Stegerwalds 
besonders im Hinblick auf Bayern; denn hier war die Bildung 
eines Ministeriums v. Kahr schon seit 1919 auf Grund einer aus- 
gesprochen rechten Koalition erfolgt, einer Mehrheit, in der 
selbst die Demokraten nur geduldet waren, während die Herrschaft 
sich zwischen der „Bayrischen Mittelpartei‘“, einem Gemisch 
von deutsch-nationalen und volksparteilichen Elementen, und der 
„BayrischenVolkspartei‘, einem vorwiegend rechts gerichteten 
und partikularistisch orientierten Zentrum, teilte. Aber andre 
Erscheinungen waren dem Gedanken entgegengekommen, in erster 
Linie die unmittelbar zuvor hervortretende Zersetzung der Un- 
abhängig-sozialistischen Partei. Auf dem Hallischen Parteitag im 
November 1920 hatte sich unter den agitatorischen Einwirkungen 
Sinowjews die Mehrheit der Parteidelegierten dem Kommando der 
Moskauer Internationale gefügt, sich also der diktatorischen 
Zentralstelle des Kommunismus angeschlossen und tatsächlich die 
eigene Partei gesprengt). Die völlig radikal gewordene Linke 
rückte damit, während der Rest der offiziellen Partei unter Ditt- 
mann und Crispien ihre Bedeutung verlor, von den Mehrheits- 
sozialisten viel stärker ab. Die letzteren wurden also zwar nicht 
für das Aufgehen in einer großen Mittelpartei, wohl aber für eine 
„große Koalition‘ geeigneter, die Zentrum und Demokraten 


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17) Ntogorwald hatte bereits unmittelbar nach der Revolution (De- 
zembeor 1918) den Versuch gemacht, die christlich-nationalen Arbeiter 
beider Bokenntnisse zu einer christlichen Volks- (nicht Arbeiter-) Partei 
zunnumimenzuführen, und damit den Kern der Mittelgruppe einer Koali- 
(lun pu schaffen, die andere Parteien von rechts und von links an sich 
nnkliodern kann. Er war damals ungehört geblieben. 


1) Dor Anschluß an die Moskauer Internationale wurde mie 237 


gogon 1806 Stimmen beschlossen. Crispien erklärte darauf namens des 
roohten Flügels (der Minderheit), daß der Beschluß der Mehrheit deren 
rlioht yum Eintritt in die kommunistische Partei und den Austritt 


nun dor UNP, bedeute, und verließ mit dem rechten Flügel den Saal. — 
Dio weiteren Entwicklungen, die bekanntlich sowohl innerhalb der Un- 
nlliängigen wie auch innerhalb der kommunistischen Partei zu neuen 
Npaltungon und Nougruppierungen geführt haben, sind hier nicht von 
Enteros, 





— 


Schmidt. Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 21 





mit der Volkspartei rechts, mit der SPD. links in Verbindung 
setzen konnte. 

Schon im April1921 zeigten sich jedoch Hemmungen auf beiden 
Flanken der geplanten Koalition, als Stegerwald selbst berufen 
wurde, als Ministerpräsident ein preußisches Kabinett zu bilden. 
Seinem Verlangen, neben Zentrum, Demokraten und Mehrheits- 
sozialismus auch die deutsche Volkspartei an der Regierung zu 
beteiligen, stieß sofort auf den Widerstand der Sozialdemokraten, 
und nach unerfreulichen Formalstreitigkeiten endete die Kabinetts- 
bildung damit, daß ihr zwar die Volkspartei, die Mehrheits- 
sozialisten aber nicht beitraten. Ende Mai ergab sich für das 
Reich gerade das entgegengesetzte. Da das Reichsministerium 
Wirth auf das neue Ultimatum des Obersten Rates erneut dem 
Kurs der blinden Erfüllung zuneigte, erfolgte der Abmarsch der 
deutschen Volkspartei nach rechts, und der disharmonische Zu- 
stand wurde zur Tatsache, daß im Reich nunmehr von einem 
Ministerium regiert wurde, in dem die Sozialdemokratie maß- 
gebend vertreten war, während — umgekehrt wie in Preußen 
— die Volkspartei fehlte’’). Im weiteren Verlauf des Sommers 
erhielt die Erscheinung dadurch ein Gegengewicht, daß in der 
demokratischen Partei und sogar im Zentrum eine Verstärkung 
des rechten Flügels sichtbar wurde. Aber Anfang August drängte 
der politische Mord an Erzberger, dem früheren Führer des linken 
Zentrumflügels, die Reichsregierung zur Verhängung des Aus- 
nahmezustands im Reich mit der Richtung gegen die Gegner der 
republikanischen Verfassung, also gegen Rechts, und nun kom- 
plizierte sich der ohnehin perverse Zustand dahin, daß zu der- 
selben Zeit im zweitgrößten Bundesstaat, in Bayern, nicht nur 


19) Immerhin schloß sich auch jetzt die Deutsche Volkspartei von 
der Unterstützung der Regierung nicht vollständig aus. Bei der Schluß- 
abstimmung vom 4. Juni erhielt die Regierung auf die kritischen Fragen 
das Vertrauen mit einer doppelten Mehrheit bestätigt. Der Reichs- 
tag erklärte sein Einverständnis damit, „daß die Regierung alles daran 
setzt, um die übernommenen Verpflichtungen gegenüber den 
Alliierten zu erfüllen“, in der Mehrheit von Demokraten, Zentrum, 
bayr. Volkspartei, Mehrheitssozialisten und Unabhängigen (213) gegen 
ti Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten, während sich die 
Deutsche Volkspartei nur der Stimme enthielt (48). Dem zweiten Teil 
des Antrags, wonach „der Reichstag die Erklärung der Reichsregierung 
über Oberschlesien billigt“, stimmte die Volkspartei sogar zu, während 
die Unabhängigen ihn ablehnten. Für ein Mißtrauensvotum stimmten 
nur die Deutschnationalen und Kommunisten, die es beantragt hatten 
(Ablehnung mit 261 gegen 77). 


22 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 
EEN 


die Regierung des Ministeriums Kahr eine ausgesprochen rechts- 
politische Zusammensetzung bewahrte, sondern sogar der Aus- 
nahmezustand mit ausgesprochener Richtung gegen Links hin 
aufrechterhalten geblieben war. Für eine Klärung der Lage setzten 
sich vor allem Stegerwald als Haupt der preußischen Regierung 
zwischen Reichsregierung und bayrischer Landesregierung ver- 
mittelnd ein, und sie wurde bis zu gewissem Grade im September 
erreicht: die Reichsregierung nahm ihre scharfe Ausnahmeverord- 
nung zurück und ersetzte sie durch eine gemäßigtere Form — 
andrerseits verstand sich das bayrische Ministerium nicht nur zur 
Aufhebung des Ausnahmezustandes, sondern darüber hinaus zur 
völligen Umbildung seiner Regierungsmehrheit im Landtag: die 
deutschnational gefärbte „Mittelpartei‘‘ wurde abgestoßen und die 
herrschende Koalition auf bayrische Volkspartei, demokratische 
und sozialdemokratische Partei beschränkt —, was bei der rechts- 
gerichteten Natur der führenden Katholikenpartei eine Annähe- 
rung an den Gedanken der großen Koalition bedeutete. Auch für 
das Reich und für Preußen war damit der Weg geebnet, und in 
der Tat faßte Ende September der Parteitag der SPD. in Görlitz den 
Beschluß, daß den Mehrheitssozialisten bei der Regierungsbildung 
im Reich und in den Ländern freie Hand zur Zusammenarbeit 
mit der Volkspartei zu lassen sei. Man durfte nun auf den Ein- 
tritt der Volkspartei in die Reichsregierung, auf den der 
Sozialisten in das preußische Ministerium hoffen. Die Idee 
Stegerwalds schien der Verwirklichung nahe. 

Gleichwohl erwies sich die Erwartung schon nach wenig Tagen 
als verfrüht”), und die verhängnisvolle Entscheidung des von 
Frankreich diplomatisch beherrschten Völkerbunds über die Zer- 
reißung Oberschlesiens verdarb alles. Er erschütterte das Ver- 
hältnis der Reichtagsparteien von neuem. Obwohl gerade gegen- 
über diesem unerhörten Druck der Mächte der breite Zusammen- 
schluß der Mittelparteien doppelt nötig gewesen wäre, und volks- 
parteiliche und demokratische Führer wie Stresemann und Petersen 
mit aller Energie dafür arbeiteten, wurde er in letzter Stunde 
zwischen den 23. und 26. Oktober vereitelt, — unter so gehässigen 
Unnstäinden, daß nicht nur die Aufnahme der Volkspartei in das 
nou gebildete Kabinett unterblieb, sondern nunmehr sogar dessen 
demokratische Mitglieder, der Wiederaufbauminister Rathe- 


mm Offiziollo Anfrage der Mehrheitssozialistischen Fraktion an die 
Unnhhängige, unter welchen Bedingungen sie bereit sein würde, sich 
an dor Rogierung zu beteiligen, Anfang Oktober. 








Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 23 


nau und der Justizminister Schiffer, sich davon zurückzogen, so 
daß die Koalition in der Reichsregierung Wirth wesentlich auf 
Zentrum und Mehrheitssozialisten einschrumpfte?”). Es wirkte wie 
Ironie, daß kurz darauf (Anfang November) im preußischen 
Ministerium die große Koalition tatsächlich zustande kam, freilich 
unter sehr ungünstigen Umständen, nämlich um den Preis der 
Demission des Hauptvertreters dieses Programms, Stegerwalds 
selbst, der seinen Kredit als ausgleichender Faktor anscheinend 
auf den verschlungenen Pfaden der eben geschilderten Kombi- 
nationen verbraucht hatte; es war ein sozialistischer Minister- 
präsident, der an seiner Stelle zwei Volksparteiler neben Zen- 
trumsmännern und Demokraten ins Kabinett eingliederte””). 

Die Idee ist seitdem auch für den Reichstag nicht fallen ge- 
lassen worden. Die Arbeit an den durch die Reparationsforde- 
rungen der Mächte nötig gewordenen neuen Steuern führten im 
Januar 1922 die fünf Mittelparteien zu Verständigungen zusammen, 
die Anfang März feste Gestalt gewannen. Während der Vorbe- 
reitung des Steuerkompromisses fand sich wenigstens die demo- 
kratische Partei wieder bereit, an der Regierung teilzunehmen”). 
Aber die Volkspartei nahm noch während der gleichen Wochen 
gelegentlich einer Aussprache gegnerische Haltung gegenüber dem 
Ministerium ein, und überhaupt hat der Rückblick auf die Vor- 
gänge des vergangenen Jahrs keinen Zweifel darüber aufkommen 
lassen, wie zwiespältig der Geist der parlamentarischen Kräfte 
noch ist, von denen die Konsolidation einer leistungsfähigen, d. h. 
vor allem zu maßvollem, aber zähem Widerstand gegen Frankreich 
fähigen Mehrheit abhängt. Es ist ohne Wert, den Gerüchten per- 
sönlicher Intriguen nachzugehen, die von der einen oder der 
andern Seite oder von beiden Seiten her, vor allem im Oktober 


21) Neben den Zentrumsmitgliedern (Wirth, Hermes, Giesberts) und 
den Sozialisten (Bauer, Köster, Braun, Robert Schmidt, Radbruch) hlieb 
als Demokrat nur der Wehrminister Geßler und der nicht partei-, sondern 
fachmäßige Verkehrsminister Gröner. 

#) Unter dem sozialistischen Präsidium Brauns wurden neben den 
Sozialisten Severing und Siering, dem Demokraten Wendorff, dem Zen- 
trumspolitiker Am Zehnhoff aus der Deutschen Volkspartei der Finanz- 
minister v. Richter und der Unterrichtsminister Boelitz entnommen. 

ss) 31. Januar Ernennung Rathenaus, der allerdings nicht Mitglied 
der demokratischen Fraktion war, aber Ende Oktober mit Schiffer der 
Aufforderung der Fraktion zum Verlassen des Kabinetts gefolgt war, 
zum Minister des Auswärtigen. In verallgemeinerter Form gab der 
Hamburger Vertreter Petersen in einer ostensibeln Rede in Magdeburg 
(19. Februar) die Absicht der demokratischen Partei kund, die Re 
gierungspolitik wieder zu unterstützen. 


e 


24 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


1921, das Gelingen des Erstrebten vereitelt haben sollen. Sicher 
ist, daß ebenso zahlreiche Mitglieder der Volkspartei von deutsch- 
nationalen, wie große Gruppen der Mehrheitssozialdemokratie von 
unabhängigen und kommunistischen Einflüssen rein persönlicher 
Art nicht loskommen können. Zugleich hat sich gezeigt, wie stark 
— je nachdem fördernd oder hemmend — der von der Reichsver- 
fassung Preuß offiziell für tot erklärte Bundesstaatscharakter 
Deutschlands bei der Parteiumbildung und Kabinettsbildung noch 
ins Gewicht fallen kann. 


IV. Die Idee der „Centre Party“ 


Die Gegenüberstellung der französischen und der deutschen 
Parteikombination und der beiderseitigen Versuche, aus ihr heraus 
auf ein festeres Terrain zu gelangen, macht deütlich, mit welcher 
Verantwortlichkeit England gegenwärtig belastet ist. Nur die 
gefestigte Tradition seines Parteisystems, das trotz der imperia- 
listischen Struktur des Staats bis zum Weltkrieg immer ein wahr- 
haft demokratisches geblieben war, kann seiner Regierung die 
Grundlage schaffen, den übrigen Nationen aus ihrer Verstrickung 
in international-diktatorische Interessenpolitik den Weg zu ge- 
sunden Verhältnissen zu bahnen. Aber Vorbedingung hierfür wäre 
freilich, daß es sich zu allererst selbst von jenen Polypenarmen 
freimachte. Denn Zwiespältigkeit und Verwirrung ist auch in 
die englische Parteipolitik durch den Krieg hineingetragen worden, 
ja, sio hat sich nach dem Krieg erst recht gesteigert. 

Den Anstoß zur Zersetzung hatte bekanntlich die Tatsache 
gegeben, daß England, als es von den russischen und französischen 
Kriegstreibern und von Kitchener in den Krieg hineingedrängt 
wurde, unter der Regierung eines liberalen Kabinetts stand, das 
bin vor kurzem noch mit Außerster Energie antikapitalistische 
Stonerpolitik, Sozialpolitik, radikale Reform des Oberhauses und 
Homorulo für Irland betrieben hatte, Wurde schon Lloyd George 
aollist, wie wir heute wissen™, noch widerwilliger als selbst 
noin damaliger Kabinettschef Asquith für den Krieg gewonnen, 80 
war die Unlust bei der Hälfte der Fraktion und bei noch weiteren 
Kreisen der Partei im Lande noch größer. und die liberalen Führer 
h Wuten den Pellsige in Wirklichkeit mit der Gefolgschaft der 
wüdttartetitkechen nnd industrialistischen Kreise der Rechten ein, 


DA J i h A wë D 
— die Krittssben Tage vor Kriegsausbruch steht seit dem Juli- 
hutt don Wen ue de Nanon tr der Bericht des damaligen französischen 


Veiane uu andon, Pan’ Lambkan, des Rruders des Berliner Bot- 
anhaa Aniye Cambon, eur Verfügung 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 25 


die in Lord Northcliffe ihren rührigsten und lautesten Agenten 
besaßen. Die Verschiebung war eine offene, seit Lloyd George im 
Dezember 1916 mit Asquith und allen zum Verständigungsfrieden 
geneigten Parteigenossen direkt gebrochen und im Dienst der Idee 
des Diktatfriedens offiziell sein eigenes Koalitionskabinett mit 
Bonar Law, dem konservativen unionistischen Führer begründet 
hatte. Und die allerverhängnisvollste Wendung trat ein, als der 
Premier diese Koalitionspolitik nach rechts auch beibehielt, als er 
im Dezember 1918 die Khakiwahlen machte, damit zu Hause 
einer Mehrheit von 320 Konservativen und 50 Unionisten in den 
Sattel half, neben der seine eigenen 120 Anhänger fast ver- 
schwanden, und damit zugleich bei den Friedensverhandlungen 
machtlos in das französische Fahrwasser hineintrieb; denn erst 
durch die von ihm erhobenen Konservativen siegte im Friedens- 
vertrag und für die nächste Zukunft überhaupt der Geist der inter- 
nationalen Spekulation über den der gesunden territorialen und 
allgemein-europäischen Politik. Und damit wiederum wurde jetzt 
erst die Stimmung der zur Bedeutungslosigkeit von 37 herab- 
gesunkenen „Unabhängigen Liberalen“, der kleinen Asquith- 
Fraktion, und der gewissenhaften Liberalen im Lande verwundet, 
die ihm zu Gefallen seinerzeit ihre Bedenken mühsam überwunden 
hatten?®), ebenso die der jungen, inzwischen auf 65 angewachsenen 
Labour Party, die er im Kriege zum Dienst gepreßt, ihrer alten 
Garantien im Lohnkampf beraubt hatte und die er jetzt, wo sie 
das Entgelt für das Geleistete verlangten, im Widerspruch zu 
seinen eigenen abenteuerlichen Versprechungen bei den Wahlen 
schroff in ihre Schranken zurückwies. 

Aber immerhin vollzog sich die Umstellung nach der konser- 
vativen Seite und die Hingabe der Regierungspolitik an den Kapi- 
talismus in England doch nicht so rückhaltlos wie in Frankreich. 
Bis zu gewissem Grade hielt das Kabinett die alte demokra- 
tische Linie ein. Bei der Neuregelung der Rechte der weißen 
Kolonien, Irlands, schließlich auch Ägyptens und Indiens kam 
Lioyd George dem Interesse der Länder in einem Grade entgegen, 
durch den alle politischen Konzessionen der Vorkriegszeit weit 
überboten wurden. Darin lag die Anerkennung eines Prinzips, 
das konsequenterweise auch die besiegten Staaten des Feestlands 
für sich anzurufen das Recht hatten: was Ägypten und dem soeben 


=) Die Wandlungen in der Mentalität der Altliberalen während des 
Krieges, z. B. Gardiners, Wells, kennzeichnet auf der Grundlage von 
Irene Cooper Willis „how we went into the war“ Lujo Brentano in der 
Frankf. Ztg. 11. Febr. 22 („Der englische Liberalismus“). 


26 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 


im blutigen Aufstand niedergeworfenen Irland zugestanden wurde, 
durfte man Deutschland nicht verweigern. Und in jener Politik 
und in nebenhergehenden Maßregeln zum Schutz der Arbeiter 
gegen die um sich greifende Arbeitlosigkeit, gegen die rasch ein- 
setzende Lohndrückerei der Industriemagnaten lag auch wieder 
das Zurücklenken zu dem liberalen Programm. Rasch reagierte 
der schroffe Konservatismus gegen den koalitionsbrüchigen Kabi- 
nettschef, um so weniger gehemmt, als Anfang 1920 sich der zähe 
und sachliche Politiker von den Geschäften zurückzog, der als 
Führer des linken konservativen Flügels Lloyd George die Durch- 
führung seiner Rolle überhaupt erst ermöglicht hatte, Bonar Law, 
an dessen Stelle nunmehr der für die äußere Rechte weit weniger 
autoritäre AustinChamberlain den Verbindungsmann zu bilden hatte. 

Zieht man zu allem noch in Erwägung, daß unter dem Ein- 
druck von dem Zickzackkurs des Premiers eine konservative 
Gruppe unter Lord Robert Cecil bereits in die Opposition getreten 
ist, daß die scharfe Richtung der Rechten andrerseits von einer 
liberalen Gruppe unter Lord Grey in ihrer Abkehr von Lloyd 
George unterstützt wird, so zeigt sich, wie es in England allgemein 
anerkannt ist. die bestehende Parteigruppierung als unhaltbar. 
Klar bietet sich für England und im Weiterwirken für Europa die 
Chance, der Herrschaft des internationalen Kapitals und der 
Tendenz der internationalen Parteibildung überhaupt zu entgehen, 
und hier das Prototyp einer alle Landesinteressen zusammen- 
fassenden „großen Koalition“ zu gestalten, und es fragt sich nur, 
auf welchem Wege das zu denken wäre. 

IaB die Arbeiterpartei die entscheidende Aktion nicht in 
die Hard nehmen kann. scheint festzustehen. obwohl im Laufe 
Cs Jabes 19M wisse organisatorische Impulse in ihrem Schoof 
darauf I2 deuren schienen als wende sie in Koalition mit dem 
LC "E e eine Mehrheit im Farlamez: und unter Unterstützung 
vr Masiszännern der alten Parteien in der auswärtigen Politik, 
im Riran vor Heer und Florie ein Br zen bilden können. Diese 
irhıme sind raseh verrauchn Es hat sich ereit, daß die Labour 
Pany in bwm ent rwangiabrien Besichen viel zu unfertig, zu 

KE "SC ee und in Lier Gu ëc ben Richtung zu 
SSTA SL Le DE nur ewa Jr Hälfte der englischen 
Aren ser uwer deren, die se ana Inden sich alle Stand- 
SIE DRIN NS — Chauvinist bës rum extremen 
5 Swan äh Alien Lt die Peate ut ieizen, Gerade die 
WI Are Dwr an wegen aien uruppe der Unab- 
—— Ge e KEN NAIARA NAAM rud TUNAS Snowden, 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteilleben 27 


sind im Zusammenwirken beider Hauptparteien bei den Wahlen 
mit sorglicher Absichtlichkeit ausgeschaltet worden. 

Aber auch die Rückkehr zu dem System der zwei Parteien des 
alten Stils stößt auf Widerstände. 

Formal betrachtet und im Sinne der traditionellen parlamen- 
tarischen Praxis hätte — so hat es kürzlich (18. März) die „Nation“ 
ausgesprochen — schon lange nichts im Wege gestanden, daß die 
konservative Partei von ihrer Mehrheit Gebrauch machen, Lloyd 
George mit seinen Anhängern abstoßen und unter eigenen Führern 
-- etwa Lord Derby als Premier — ein Kabinett bilden würde. 
Dann bliebe dem Allmächtigen von bisher nichts übrig als seiner- 
seits den Weg zu den Unabhängigen Liberalen zurück zu 
suchen, und die Gruppe um den politisch verbrauchten Asquith 
hat zu erkennen gegeben, daß sie bereit sei, die Koalitions- 
liberalen wieder in sich aufzunehmen. Gleichwohl fehlt offenbar 
auf beiden Seiten der rechte Mut zur einfachen Erneuerung des 
früheren Zustands. Schon auf der Linken war durch die Ver- 
gangenheit das Vertrauen zwischen den ehemaligen Parteigenossen 
zu empfindlich gestört, und auf Anschluß der Arbeiter ist kein 
Verlaß. Aber auch die Rechte möchte nicht kurz vor den Neu- 
wahlen mit ihren Regierungsgrundsätzen auf die Probe gestellt 
sein. Vor allem droht für den Fall einer rein konservativen 
Kabinettsbildung das Problem Irlands mit neuer schwerer Ver- 
wirrung. Noch ist bei der Emanzipation der anderen Insel das 
Verhältnis zwischen dem katholisch-nationalistischen Hauptteil 
und dem protestantisch-englischen Nordirland ungelöst geblieben. 
Der erstere lehnt sich an die liberale, Ulster an die konservative 
Partei des englischen Parlaments. Also kann auch nur eine ge- 
mischte Regierung zwischen ihnen den Frieden stiften. Dies und 
anderes erklärt es, warum es sich weder die Konservativen noch 
die Liberalen zutrauen, im Wahlkampfe untereinander und zu- 
gleich beide im Kampf mit der Arbeiterpartei, der man trotz ihrer 
genannten Schwächen doch ca. 200 Mandate prophezeit, für sich 
allein eine regierungsfähige Majorität erringen zu können. 

Bo weisen alle Erwägungen auf die Notwendigkeit, die 
Koalition von Links und Rechts in Anlehnung an den bestehenden 
Zustand aufrechtzuerhalten, aber den Sitz der Koalition bei den 
Neuwahlen nach Links zu verschieben. Mit diesem, seit 
dem Sommer 1921 vordringenden Gedanken hat Lloyd George die 
englische Entwicklung in dieselbe Richtung hineinzusteuern ge- 
sucht, die dann, wie gezeigt (S. 16), im Herbst auch Briand für 
Frankreich einzuschlagen suchte. Es gilt, die ungefähr 200 Mandate 


28 Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition- im europ. Parteileben 





am konservativen äußern Flügel von der Gesamtpartei abzuspalten, 


mit den Gemäßigten und den früherer Unionisten dagegen und 


den Koalitions-Liberalen zusammen in ein Wahlbündnis mit den 
Unabhängigen Liberalen einzutreten und außerdem eine Arbeits- 
gemeinschaft mit dem verständigungsgeneigten Teile der Labour 


Party herbeizuführen. Um Weihnachten 1921 erreichte der Plan 
seine größte Popularität. Auch gut konservative Politiker, der 
Kanzler Lord Birkenhead, Minister Churchill betrieben Ver. ` 
trauenskundgebungen für Lloyd George. Der Kabinettschef ` 


selbst gründete am 20. Januar für die künftige Wahlbewegung 
den Rahmen einer Parteimaschinerie seiner Anhänger, um einen 
Ersatz dafür zu schaffen, daß die eigentliche, von Gladstone her- 


rührende Organisation der liberalen \Wahlvereine im Lande im 
Moment der Spaltung von 1916 bei den Unabhängigen Liberalen 
geblieben war: dieser „National liberal Council“, zunächst 


nur ein Schema ohne rechten Inhalt. sollte den Sammelpunkt der 
neu zu begründenden Centre Party abgeben. Die Führer der 
Extremen, der „Unentwegten“, der Die-Hards, standen murrend in 


Isolierung. Schon verbreiteten sich Gerüchte, das Bollwerk des 


Torytums. das der „Times“ selbst. werde die Schwenkung nach 
links mitmachen. und die Mitbesitzer der Zeitung. Ellerman und 


Walter, hätten die Absicht. ihren Sozius Northcliffe in seinem | 


Aktienbesitz auszukaufen und damit beiseite zu schieben. Seitdem 
haben die neuen Schwierigkeiten in der Irlandpolitik, die Map. 
erfolge in Cannes gegenüber Poincaré und — wie man annehmen 


darf — die weiterschreitenden Abmachungen zwischen dem 


englischen und dem französischen Großkapital die Stellung des 
Premiers erschüttert. Trotz der großen Anstrengungen Arthur Bal- 
fours und Austin Chamberlains, ihre Fraktion zu entscheidenden 
Kundgebungen für die Politik Lloyd Georges zu bewegen, wurde 


nichts erreicht. Der unionistische Einpeitscher Sir George Younger 


zettelte ganz offen eine Gerenkundgehung gegen den Kabinetts- 


leiter an, die es Lloyd George nur mangelhaft zu unterdrücken 


gelang, und die „Zugvörel‘‘ wie Churchill und Birkenhead be- 
gannen sich für den Fall einer konservativen Ministeriumsbildung 
ılemonstrativ den Die-Hards zu nähern. Aber noch ist nichts ent- 
schieden. Die Gemäßigten der Rechten erhalten die Fühlung mit 


dom, der nun schon seit 15 Jahren die Geschicke Englands lenkt, 


aufrecht, und auch der Ausgang der Konferenz von Genua hat die 
Intscheidung, die man von ihr erwartete, nicht gebracht. 

Und damit logt in der künftigen Parteigruppierung und 
Kabinettakumbination Fnglands auch das, was für die nächsten 


Schmidt, Der Gedanke der „Großen Koalition“ im europ. Parteileben 29 


Schicksale Deutschlands entscheidet. Die Centre Party würde ja 
zugleich den Versuch enthalten, sich dem engen Zusammenarbeiten 
mit den einseitigen Vertretern der englischen Großfinanzinteressen, 
mit Frankreich und, was dasselbe ist, mit dem internationalen 
Spekulantentum zu entziehen. Denn die Rechtskonservativen sind 
¿s vor allem, die die Verbindung mit dieser Sphäre herstellen. Und 
sieht man die Sache so, dann eröffnet der Verlauf der eben abge- 
schlossenen Genua-Konferenz keine glücklichen Aspekten. Greif- 
bare Ergebnisse sind bekanntlich nicht erzielt. Überall wird bei den 
offiziellen Schlußreden auf Zukunftshoffnungen vertröstet. Lloyd 
George hat mit Genugtuung das Zustandekommen eines „Inter- 
nationalen Konsortiums‘“ zum Wiederaufbau Europas gerühmt 
und die große Zahl der Milliarden, die es bereits zusammengebracht 
hat. Aber man gewinnt den Anschein, als ob die praktischen 
Fragen, die an diesem Wiederaufbau in erster Linie interessieren, 
einerseits der russische „Staatskapitalismus“ sei, die Aufrecht- 
erhaltung des Rechts der proletarischen Diktatur, den Privatbesitz, 
auch den belgischen und französischen, für den Zweck ihrer Herr- 
schaft zu expropriieren, andrerseits und hauptsächlich die Ver- 
teilung der russischen Petroleumquellen zwischen englisch-nieder- 
läindischem und amerikanischem Großkapital und andre Pläne für 
den Erwerb von Rohstofflagern, Eisenbahnkonzessionen oder 
(roßwerken der Industrie. Niemanden wird es beikommen, das 
Berechtigte solcher Pläne und Unternehmungen in Frage zu stellen, 
die speziell für die Herstellung des zerrütteten Rußland ebenso 
unentbehrlich sind wie für den Gewinn der gründenden Finanziers. 
Aber das entscheidende ist, daß diese Pläne von jeder Regierung 
ınd jeder Volksvertretung beherrscht und in das Zweck- 
system des gesamten Staats und in den staatlichen 
Interessenverband jeder Volksgemeinschaft nach der 
Artihres Landes eingefügt werden, daß ihre Träger sich nicht 
zu einseitig klassenegoistischen und internationalen Herrschern 
über alle Ministerien und Parlamente aufwerfen, wie es zu 
Anfang (o. I) dargelegt wurde. Und welche Garantien gibt gerade 
in dieser Kernfrage der leitende Staatsmann des britischen Reichs? 
Er ist auch für seine Landsleute ein noch nicht entziffertes Blatt, 
geschweige denn für uns. Seine Stellung ist jetzt problematischer 
denn je. Ist sein politischer Wille klar und fest auf das erste 
Liel gerichtet? Oder ist er selbst nur Werkzeug im politischen 
System der zweiten Sorte? Solange das unklar ist, ist ein ge- 
sundes Parteisystem überall um so notwendiger. 


II 


Das Wesen der imperialistischen Epoche 
Von Adolf Grabowsky 


Inhalt: 
I. Die gegenwärtige Geschichtsepoche VI. Imperialistische Methode 
II. Der Ursprung des Imperialismus VIL. Wirtschaft und Staat 
III. Der Feudalimperialismus VIII. Sozialimperialismus 
IV. Der Kommerzimperialismus IX. Die Zukunft des Imperialismus 


V. Die Literatur über den Imperialismus 
I. Die gegenwärtige Geschichtsepoche 


Es ist häufig gerade das Schicksal der meist gebrauchten Be- 
griffe, daß sie am wenigsten wissenschaftliche Konsistenz haben. 
Dies ist leicht zu begreifen, da eben solche Begriffe meist Agita- 
tionsschlagworte sind, an die sich die Wissenschaft nicht gern 
herantraut, weil sie ihr allzu tagespolitisch dünken, oder aber die 
Wissenschaft verzichtet resigniert auf feste Begrenzungen und 
nimmt das Schillernde der politischen Begriffe mehr oder weniger 
kritiklos hinüber. So ist es dem Begriff Imperialismus ergangen. 
Noch der neueste Bearbeiter der Materie, Othmar Spann’), hält 
eine eindeutige Begriffsbestimmung des Imperialismus für un- 
möglich, weil der Begriff keinen einheitlichen Gegenstand habe. 
Gewiß, man kann die allerverschiedensten Tendenzen als Impe- 
rialismus bezeichnen, man kann zu den allerverschiedensten 
Epochen Imperialismus feststellen, aber es sollte doch erheblich 
zu denken geben, daß das Wort Imperialismus gerade erst in der 
neuesten Zeit aufgetaucht ist. Unsere neueste Geschichtsepoche 
hat diesen Begriff geboren, er ist verquickt mit diesem Entwick- 
lungsstadium, und es hat schon denkökonomisch keinen Sinn, ihn 
wahllos auf frühere Zeiten zu übertragen. Mit anderen Worten: 
Imperialismus ist nicht irgendwelche Machtpolitik oder Weltpolitik, 
wie sie zu irgendeiner Zeit einmal betrieben worden ist, sondern 
eine ganz bestimmte Weltpolitik, wie sie einer ganz bestimmten 
Geschichtsepoche entspricht. Es gibt keine verschiedenen Imperia- 


1) In der 4. (neuesten) Auflage des Handwörterbuchs der Staats- 
wissenschaften. 





Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 31 


lismen, wie man landläufig meint?), sondern es gibt nur einen 
Imperialismus, den heutigen. Was früher an Weltpolitik ge- 
leistet wurde, das ist seinem Wesen nach mit dem Imperialismus 
nicht zu vergleichen. Diese Ausdehnungsbestrebungen sind, so- 
weit sie mehr als nur zufällig waren, höchstens Vorstufen des Im- 
perialismus, aber nicht der Imperialismus selber. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht hier und da früher 
schon das Wort Imperialismus gebraucht worden ist. Man hat nach 
dem Wort in älteren Veröffentlichungen gesucht und hat gefunden, 
daß es manchmal benutzt worden ist zur Kennzeichnung der Re- 
gierungsform Napoleons I. und III. und daß man zu jener Zeit 
darunter die Herrschaftsweise eines Imperators verstand. Heine 
verwendet es, um die willkürliche und unzuverlässige Politik des 
französischen Kaisertums zu charakterisieren. Auch wird es um 
1857 in einer deutschen Schrift mit Bezug auf englische Aus- 
dehnungspolitik gebraucht”). Aber das sind alles gelegentliche 
Nennungen. Reif für den Ausdruck Imperialismus wurde die Welt 
erst, als eine ganze Epoche begann stehend unter weltpolitischen 
Gestirnen, eine Epoche, in der nicht ein Reich nur Weltpolitik 
machte, die anderen höchstens Gegenspieler abgaben wie zur Zeit 
des Imperium Romanum, sondern in der der gesamte Staaten- 
komplex von weltpolitischen Ideen und Zielen beherrscht wird. 
Die Staaten sind in die Welt hineingeschleudert und kämpfen nun 
auf Weltschauplatz und Weltmarkt um Weltgeltung. Das ist die 
Epoche des Imperialismus. 

Sie ist nicht denkbar ohne den Kapitalismus, der die Staaten 
aus ihrer Vereinzelung gelöst hat, ohne sie doch deswegen als 
Staaten zu beschneiden. Ja im Gegenteil: der Kapitalismus hat sie 
vermöge seiner national zusammenballenden Tendenz erst einmal 
ganz stark zusammengefaßt, um sie alsdann in den gegenseitigen 
Wettkampf zu schleudern. Gestraffte Staats- und Wirtschafts- 
körper ringend um ihren Anteil an der Welt! So trainiert der 
Sportsmann seinen Körper zum Kampf. Der Nationalismus hat 
die Völker trainiert, und die so geschulten Völker traten in die 
imperialistische Konkurrenz. 


”) Vgl. vor allem die unten näher besprochene Schrift von Schum- 
peter, Zur Soziologie der Imperialismen, Tübingen 1919. 

a Vgl. Müller-Boedner, Der Einfluß des imperialistischen Ge- 
dankens auf die neue Entwicklung Deutschlands in „Die Hochschule“ 
(1921 3./4. Heft). Wilhelm Bauer, Das Schlagwort als sozialpsychische 
und geistesgeschichtliche Erscheinung in „Historische Zeitschrift“ (Band 
CXXII 1920) erklärt ausdrücklich, der frühere Gebrauch des Wortes 
Imperialismus habe mit dem gegenwärtigen nichts zu tun. 


32 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


Zu jeder Zeit haben Völker und Staaten geschwankt zwischen 
den beiden Polen Isolation und Verflechtung. Niemals hat sich 
— und das gilt selbst für die Urwaldvölker — ein Volk völlig 
isoliert gestaltet, immer waren die Beziehungen zu anderen 
Völkern da. Aber bald überwog die eine Tendenz, bald die andere, 
ein wirkliches Hin- und Hergerissenwerden zwischen den beiden 
Polen fand doch nur selten statt. Die imperialistische Epoche ist 
dadurch bezeichnet, daß Völker und Staaten in unerhörter Weise 
hin und her getrieben werden zwischen Isolation und Verflechtung. 
Ökonomisch ist im wesentlichen die Verflechtung gegeben, politisch 
die Vereinzelung, ökonomisch herrscht der weltumspannende Kapi- 
talismus, politisch der Nationalismus und die straffe Staatsorgani- 
siertheit. Rückt der Nationalismus hier und da in den Hintergrund, 
so wird die harte Staatsstruktur nur um so deutlicher sichtbar. Aber 
auch innerhalb der einzelnen Faktoren ist noch eine Spannung 
zwischen Isolation und Verflechtung sichtbar, eine Gespaltenheit, wie 
sie z.B. in der unten noch zu besprechenden Tatsache zum Ausdruck 
kommt, daß die — in der Regel — schutzzöllnerische Industrie 
isolierende, der — in der Regel — freihändlerische Kommerz ver- 
flechtende Tendenzen aufweist. Ganz deutlich tritt diese Ge- 
spaltenheit im kulturellen Faktor zutage: der Nationalismus hat 
die einzelnen Kulturen intensiv ausgebildet, bis zur Betonung 
sogar einer streng an der Scholle haftenden Heimatkunst, auf der 
anderen Seite aber sehen wir wieder kulturelle Verflochtenheiten 
in Gesinnung und Lebensform, wie z. B. das gute Europäertum 
Nietzsches. Isolation und Verflechtung zugleich aber äußert sich 
in der immer deutlicher werdenden Interessengemeinschaft der 
Kontinente. Schon kündigt sich leise ein Paneuropäismus an, und 
es wird nur darüber gestritten, ob England zu dieser europäischen 
Gemeinschaft gehört oder nicht. Auch ein Panasiatismus erscheint 
am Horizont — einen Panamerikanismus haben wir schon seit 
langem. Innerhalb dieser kontinentalen Verflechtungen wieder 
engere Interessengemeinschaften: Mitteleuropa, die slawischen 
Länder Europas (Panslawismus), das mohammedanische Vorder- 
asien und Nordafrika (Panislamismus), ein Panäthiopismus, der 
irgendwie Zentralafrika zu erfassen scheint. Verflechtung und Ab- 
schließung zugleich‘). 


¢4) Ein kurz vor dem Kriege erschienenes Buch: Ruedorffer 
(Riezler), Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart (Stuttgart u. 
Berlin 1914), versucht in ähnlicher Weise zwei Grundtendenzen der ge- 
schichtlichen Entwicklung zu unterscheiden; Ruedorffer nennt sie die 
nationale und die kosmopolitische. Kosmopolitisch aber ist hier ein 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 33 


Das Bleibende in diesem Hin und Her ist der Staat. Die 
eminente Zusammenfassung der Staatstätigkeit ist absolut not- 
wendig in der imperialistischen Epoche Die Staaten können 
sich in der Weltkonkurrenz nicht behaupten, wenn sie nieht 
möglichst geschlossene Gebilde werden. Auch die Selbstverwal- 
tung, das Selfgovernment, dient so der Zentralisation, denn es 
soll nur, indem es die einzelnen Staatsglieder besser befriedigt, der 
Staatsfestigkeit dienen. 

Diese Organisiertheit der Staaten äußert sich nun wieder im 
organisatorischen Vorgehen in der Welt. Imperialismus ist plan- 
mäßige Weltpolitik, machtpolitische Planwirtschaft: Hauptunter- 
scheidungsmerkmal des unserer Epoche angehörenden Imperialis- 
mus von jeder früheren Großmachtpolitik. 


H Der Ursprung des Imperialismus 


Der moderne Begriff des Imperialismus fällt zusammen mit der 
organisierten Ausbreitung derjenigen Macht, die zuerst den Kapi- 
talismus ausbildete und damit in nie gekanntem Maße für den 
Wearenexport arbeitete: Englands. Der englische Export suchte sich 
Märkte, entweder völlig neue oder solche, die vordem anderen 
evropäischen Völkern gehört hatten. Es suchte sich ferner Roh- 
stoffgebiete. Auf die mannigfaltigste Weise geschah das: durch 
Kolonien, Stützpunkte, Bündnisse, missionarische Tätigkeit und so 
weiter, alles aber geschah, zum Unterschied von früher, planmäßig 
oder wenigstens richtungsmäßig. Das englische Weltreich war 
gleichsam zufällig entstanden oder, wie es Seeley in seinem grund- 
legenden Buch „The expansion of England“ (im Jahre 1883) aus- 
drückt: „Es hat beinahe den Anschein, als ob wir die halbe Erd- 
kugel in einem Anfall von Geistesabwesenheit erobert und be- 
völkert hätten.“ Nunmehr aber erkannte England, daß mit solcher 
zufallsmäßigen Ausbreitung nichts zu machen sei in einer Epoche, 
wo höchste organisatorische Zusammenfassung aller Kräfte ge- 
boten war, um den eigenen Kapitalismus durchzusetzen und gegen 
neuheraufkommende Mächte bestehen zu können. Was es früher 
betrieben hatte, war Kolonialpolitik gewesen oder die Nieder- 
ringung eines ganz bestimmten Konkurrenten, jetzt organisierte 


schlechtes Wort, denn die Verflechtung braucht durchaus nicht immer 
die Welt zu umgreifen. Bei dem Begriff national aber kommt wieder 
der Staat zu kurz. Außerdem leidet die an sich interessante Schrift 
daran, daß sie zwar die moderne Weltpolitik in großen Zügen heraus- 
arbeitet, nicht aber den eigentlichen Imperialismus, 


Zeitschrift für Politik. 12. 3 


34 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


sich die Welt kapitalistisch, der Weltverkehr führte die Völker 
Stirn an Stirn zusammen, und es erschien für das englische Reich 
notwendig, seine Fundamente zu verstärken oder vielleicht sogar 
erst zu legen. Dies war für England um so dringlicher, als es bei 
Ausbildung zum Industriestaat und bei Vernachlässigung der Land- 
wirtschaft angewiesen war auf den Freihandel, um seine Arbeiter 
hillig zu ernähren, um also auch billig zu fabrizieren. Wirtschaft- 
lich war ihm die Geschlossenheit im Mutterland verrammelt, so 
mußte es daran gehen, sich eine Geschlossenheit in weiteren 
Grenzen zu suchen. Das ist der Gedanke des britischen 
Empire. 

Der erste englische Schriftsteller, der ein weltpolitisches Pro- 
gramm moderner Art entwickelte, Charles Dilke in seinem Buche 
„Greater Britain“ vom Jahre 1869, prägt das Wort „Greater 
Britain“, kennt aber noch nicht den Begriff Imperialismus. Der 
Begriff muß im England der siebziger Jahre entstanden sein, 
ein bestimmter Urheber läßt sich nicht nachweisen. Sehr ver- 
ständlich, da mit dem Beginn einer neuen Denkrichtung sich 
von selbst und an vielen Orten gleichzeitig der dazugehörige 
Begriff einzustellen pflegt. Die im Jahre 1884 gegründete 
Imperial Federation League hat den Begriff dann populär 
gemacht. Sie verficht das Programm eines engeren Zusammen- 
schlusses des britischen Reiches in wirtschaftlicher und politischer 
Hinsicht. Hier wird bereits die eigentümliche Verbindung des wirt- 
schaftlichen und des politischen Moments deutlich, die für die 
imperialistische Epoche wesentlich ist. Mit Recht macht Felix 
Salomon in seiner unten zu berührenden Schrift „Der britische 
Imperialismus“ darauf aufmerksam, daß Disraeli, so sehr er auch 
Wortführer der organischen Weltausbreitung wurde, sich in der 
Praxis doch einseitig meist mit Indien befaßt hat. Auch Dilke 
hat noch nicht die Notwendigkeit des politischen und wirt- 
schaftlichen Zusammenschlusses von Mutterland und Kolonien 
klar gesehen, ihm stand die Kulturgemeinschaft am nächsten. 
Diese politische sowohl wie wirtschaftliche Verbindung kommt 
gleich in der ersten Reichskonferenz zum Ausdruck: im Jahre 
1587, als zum Regierungsjubiläium der Königin Viktoria die 
Häupter der wichtigsten Kolonien in London zusammen kamen. 
Das Problem des Reichszollvereins und das Problem des Reichs- 
wehrvereins standen damals gleichberechtigt nebeneinander. Aus 
wirtschaftlichen Antrieben hat sich der Imperialismus entwickelt, 
die Wirtschaft aber rief nach der festen Staatsform, weil sie wußte, 
daß sich nur mit einem geschlossenen, wehrhaften Staat operieren 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 35 


läßt. Sie brauchte den Staat, wollte aber doch die Möglichkeit 
haben, den Staat nach Belieben zu unterjochen oder sogar zu ver- 
werfen. Gerade das hat in der imperialistischen Epoche den hin- 
und herwogenden Kampf zwischen Wirtschaft und Staat erzeugt. 
Aber der Staat hatte die Tradition, hatte Verwaltung und Be- 
amtentum, Heer, Rechtsprechung und nicht zuletzt die ideellen 
Werte. So ist zwar der Staat mit Parteien und Presse von der 
Wirtschaft total durchsetzt worden — siehe besonders Amerika und 
seine Trusts —, aber er galt doch instinktiv immer mehr als 
die Wirtschaft. Die Wirtschaft klammert sich an den starken Staat, 
auch wenn sie sich über ihn erhaben dünkt. Sie klammert sich in 
normalen Zeiten an ihn und erst recht in Zeiten der Krise. Der 
Staat siegt, freilich ein Staat, in dem die Wirtschaft dominiert. 
Aber der Primat des Staates über die Wirtschaft wird doch offen 
oder stillschweigend anerkannt, und er kommt erst recht dann zur 
Geltung, wenn er einmal vergessen worden ist. 

Der Staatsrechtler ohne wirtschaftliche Kenntnisse wird das 
Wesen des Imperialismus niemals erfassen können, auf der anderen 
Seite aber wird auch der Wirtschaftler, dem der Staatsbegriff 
fremd ist und der Politik mit Wirtschaft schlechthin identifiziert, 
niemals dem Imperialismus näher kommen. Wer nicht den Primat 
des Staats über die Wirtschaft begriffen hat, wer nichts weiß vom 
starken Staat, der zwar überall abhängt von der Wirtschaft, diese 
aber doch zu meistern und für seine Zwecke zu nutzen versteht, weil 
die Wirtschaft ohne ihn hilflos ist, der wird am Wesen des Imperia- 
lismus vorbeigehen. Letzten Endes rührt das Übergewicht des 
Staates daher, daß es keine einheitliche Wirtschaft gibt, wohl aber 
einen — im großen ganzen — einheitlichen Staat. Die Wirtschaft 
zerfällt in Wirtschaften, von denen jede privatwirtschaftlich denkt, 
das volkswirtschaftliche Element aber ist wieder beim Staat kon- 
zentriert. 

In der Tatsächlichkeit freilich hat gerade in der imperialisti- 
schen Epoche sich der Staat immerfort aufs äußerste gegen die 
Zersetzung durch wirtschaftliche Gewalten zu wehren. Sehr 
natürlich: überall sind die Produktions- und Distributionsprozesse 
so mächtig geworden, daß sie das Ansehen des Staates ver- 
dunkeln, insbesondere aber in Ländern, wo infolge revolutionärer 
Umwälzungen die neue Regierung noch nicht fest im Sattel sitzt. 
So sehen wir im heutigen Deutschland, dem der starke Staat 
bitter notwendig wäre, eine Auflösung der Staatsidee, nicht 
zum geringsten übrigens auch erklärbar durch die Reaktion 


gegen die höchste Anspannung des Staatsgedankens, die Staats- 
x Ki 


36 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


allmacht, wie sie der Krieg uns gebracht hat"). Mit schärfster 
Eindringlichkeit können wir sagen, daß die Schaffung einer Wirt- 
schaftsmacht neben oder über der Staatsgewalt eine Abirrung vom 
rechten Wege ist und daß sie nur dazu führen kann, Deutschland 
in der gegenwärtigen Epoche noch mehr in den Hintergrund zu 
schieben, als dies nach dem verlorenen Kriege ohnehin der Fall 
ist. Deshalb ist auch die von Rudolf Steiner mit großer Propa- 
ganda verfochtene „Dreigliederung des sozialen Organismus“ — 
Teilung des Staates in Wirtschaftsstaat, Rechtsstaat, Geistesstaat 
— entschieden abzulehnen®). Nicht umsonst ist die von Locke 
und Montesquieu begründete, eine Zeitlang als einzige Möglichkeit 
gepriesene und praktisch vielfach versuchte Gewaltenteilung im 
modernen Staat außer Übung gekommen, so weit sie unbedingte 
Geltung verlangte. Der moderne Staat hat, wie der absolute Staat, 
eine letzte Quelle der Staatsgewalt konstituiert, weil jedes soge- 
nannte Gleichgewicht der Gewalten schließlich nicht das Gleich- 
gewicht fördert, sondern nur den Staat ins Schwanken bringt: 
man bestrebt sich ängstlich, die Gewichte zu verteilen, und die 
Einheitlichkeit des Staates geht in die Brüche. Heute ist die 
Theorie so weit, daß sie die drei Gewalten nur höchstens als drei 
Funktionen der einheitlichen Staatsgewalt gelten läßt. Ob dabei 
die letzte Quelle der Staatsgewalt im Volk liegt — die sogenannte 
Volkssouveränität —, ob beim Fürsten oder wo sonst, ist in diesem 
Zusammenhange gleichgültig. Jedenfalls sind Bismarckischer Macht- 
staat und heutiger Volksstaat darin einig, nicht in der Verteilung 
der Gewalten, sondern in der Einheit der Gewalten das Kraft- 
zentrum zu suchen. Und daß zum Beispiel im heutigen Deutsch- 
land diese Einheit praktisch so wenig erreicht worden ist, läßt den 
Machtstaat als Vorbild um so deutlicher werden. 

So reichen die imperialistischen Wurzeln tief in den Macht- 
staatsgedanken, der ja durch Hegel und Ranke theoretisch be- 
gründet und durch Bismarck zu neuem Leben erweckt worden ist 
(zu neuem Leben, denn Machtsstaaten — nämlich mächtige 
Staaten mit bestimmten außenpolitischen Prinzipien, überhaupt 
starker außenpolitischer Orientierung — hat es zu allen Zeiten ge- 
geben). Aber der imperialistische Staat ist doch ganz etwas 
anderes als der Machtstaat, insbesondere der Bismarckische. Das 


— — 





°) Vgl. dazu Bonn, Die Auflösung des modernen Staates, Berlin 
1921, und meine Besprechung dieser Schrift im „Neuen Deutschland“ 
(Novemberheft 1921). 

©) Vgł meinen Aufsatz im „Neuen Deutschland“: „Steinersche 
Dreigliederung und Gildensozialismus“ (Maiheft 1921). 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 37 


zeigt sich schon daraus, daß Bismarck im Grunde jeder Expansion 
widerstrebte. Sein Programm war die Einigung und Konsolidie- 
rung Deutschlands als mitteleuropäischer Macht, nicht aber das 
Ausgreifen Deutschlands in die Welt. Er dachte feudaleuropäisch 
machtpolitisch, nicht aber weltkapitalistisch machtpolitisch. Ihm 
als ostelbischem Landedelmann war die Welt eigentlich immer 
etwas Fremdes und Bösartiges. Er kümmerte sich darum, be- 
herrschte blendend die großen weltpolitischen Probleme, aber 
benutzte sie doch nur, um die anderen Großmächte damit zu be- 
schäftigen, sie also abzulenken von Deutschland. Er hat negative, 
nicht positive Weltpolitik gemacht. 


II. Der Feudalimperialismus 


Wie aber keine Epoche für sich selber besteht, sondern jede 
durchtränkt ist von Einflüssen der vorigen, vorvorigen und so 
weiter, so läßt sich der Feudalismus zunächst aus dem Imperia- 
lismus nicht wegdenken. Er bestimmt den Charakter der ersten 
Periode des Imperialismus. Diese Periode nennen wir die feudal- 
imperialistische. 

In die feudalimperialistische Periode ragt hinein der Macht- 
staatsgedanke Hegelschen und Bismarckischen Gepräges (der 
nichts anderes war als der Gegenschlag gegen die kosmopolitische 
Knochenerweichung des Staates in unserer klassizistischen Epoche), 
es ragen aber auch hinein die militärischen Feudalismen, her- 
stammend aus sehr viel älteren Zeiten, die Anschauung, daß Kon- 
flikte zwischen den Völkern nur mit der Schärfe des Schwerts zu 
erledigen sind. Je militärischer der Staat in seiner ganzen Struktur, 
eine desto größere Rolle spielt der feudale Einschlag in seinem 
Imperialismus. In Preußen-Deutschland, wo das gesamte politische 
Leben durchsetzt war mit dem militärischen Gedanken, mußte der 
feudale Einschlag besonders wirksam sein. Aber auch in Frank- 
reich, dessen Grundidee immer war: militärische Beherrschung 
des Kontinents, und das wirtschaftlichem Denken überhaupt ferner 
steht. 

Noch von andersher kamen feudale Einflüsse. Der Imperialis- 
mus mit seinem Ausgreifen in die Welt bietet starken Persönlich- 
keiten Raum und Weite. Die Kolonialpolitik, dieser Vorläufer des 
Imperialismus, dies unorganisierte Ausgreifen über die Welt hin 
ist lange Zeit von Abenteurern getragen worden. Der ausge- 
sprochene Abenteurertyp verschwindet in der imperialistischen 
Epoche und macht Platz dem Typ des mehr oder weniger kon- 


38 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


dottierehaften Politikers, wie Cecil Rhodes’) einer war oder Leander 
Starr Jameson oder Charles Milner oder Horatio Herbert Kitchener 
oder Evelyn Baring Cromer. Ein solcher Politiker arbeitet mit allen 
Mitteln, auch mit den feudalmilitärischen. Aus dieser Periode 
stammt der Ausdruck Industriekapitän mit seinem militärischen 
Einschlag. 

Ganz besonders aber wird der Feudalismus ausgelöst durch den 
Nationalismus, und hier vor allem durch den Nationalismus der 
jungen Völker. Dieser Nationalismus hat den Imperialismus in 
gofährlichem Maße kriegerisch durchwachsen. 

Das Nationalgefühl der Neuzeit war ursprünglich keineswegs 
aygressiv, sondern lediglich sammelnd, organisatorisch. Es diente 
dur Abrundung einer vernünftigen Wirtschaft und erfüllte zugleich 
ideelle Forderungen, insofern es jedes Volkes geistig durchknetete. 
Zum Nutzen der Volksgesamtheit geschah das, denn jedes Kultur- 
volk strebte nun danach, in fruchtbarem Wettbewerb andere 
zu überflügeln. Historisch wickelte sich der Prozeß folgender- 
maßen ab: 

Der heutige Staat ist aus dem absoluten Fürstenstaat des 
achtzehnten Jahrhunderts hervorgegangen. Dieser Fürstenstaat 
war in bezug auf die Souveränität des Staates, namentlich in bezug 
auf seine Unabhängigkeit nach innen, ein enormer Fortschritt. Der 
zerklüftete Ständestaat des Mittelalters verschwand; der Fürst 
setzte sich durch gegenüber den zentrifugalen Tendenzen, und in- 
dem er seine Souveränität begründete, begründete er damit doch 
zugleich die Souveränität des Staates. Dieser Prozeß war not- 
wendig geworden, weil in der bereits anbrechenden Wirtschafts- 
konkurrenz der verschiedenen Staatsgebilde — leise kündigte sich 
schon der Welthandel an — nur der straff zusammengefaßte Staat 
auf Erfolg hoffen konnte. Am gewaltigsten ist der Kampf in Frank- 
reich, Richelieu hier gegen den Adel die gewaltigste Gestalt. Man 
hat schr richtig gesagt, daß Richelieu eigentlich nicht den König, 
noudern den Staat absolut machte, daß der König nur das Symbol 
ward für den neuen festgefügten Staat. 

Deshalb zog auch den Nutzen aus dieser Entwicklung gar nicht 
iler König, sondern eine neu heraufkommende Schicht: das Bürger- 
tum. In diesem kommerziell und industriell sich entwickelnden 


"a 


| *) Kinn klinzende Charakteristik von Rhodes unter der Kapitel- 
Div suhuift „Bin Imperialistischer Typus“ bei v. Schulze-Gaever- 
Mite, „Meltincher Imperialismus und englischer Freihandel zu Beginn 


dun auanelpnten Jahrhunderte.“ München und Leipzig. 1. Aufl. 1906. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 39 


Staatsgebilde wurde das Bürgertum sehr bald der Träger des In- 
dustrialismus und Kommerzialismus. Natürlich mußte das Bürger- 
tum darauf aus sein, seine Basis, den straffen Staat, immer noch 
mehr zu straffen, das Wirtschaftsgebiet des Staates immer noch 
größer zu machen. Um aber auf die Dauer siegreich gegen den 
absoluten König und die jetzt — ein sehr bemerkenswerter, aber 
selbstverständlicher Umschlag — mit dem König verbundenen 
Feudalen zu sein, mußte es die nationalen Volkskräfte unter demo- 
kratischem Gesichtspunkt aufrufen. So erwuchs aus wirtschaft- 
lichen und demokratischen Bestandteilen das Nationalgefühl der 
Bourgeoisie, ein dem Kern nach friedliches Nationalgefühl, da dem 
Bürgertum daran liegen mußte, in Frieden Handel zu treiben, und 
da ihm noch mehr daran liegen mußte, nicht mit Erweckung der 
kriegerischen Instinkte zugleich auch dem Feudalismus wieder 
in den Sattel zu helfen. | 

Und dennoch hat das Bürgertum den Feudalismus wieder in 
die Macht eingesetzt. Es hatte nicht die Fähigkeit — und das war 
seine große Leere — ein völkisches Idealbild aufzustellen. Dazu 
fehlte ihm die Leidenschaftlichkeit, ja selbst die leidenschaftliche 
Geste. Der alte Ritter war solch ein Idealbild gewesen. Deshalb 
mußte sich das Bürgertum an die Ideologie des alten Feudalismus 
klammern, wie es sich ja auch rein tatsächlich durch Heirat, 
Stellenjägerei und so weiter mit dem alten Adel versippte. Auf 
diese Weise flossen kriegerische Tendenzen in die Bourgeoisie, aus 
dem bürgerlichen Nationalgefühl wurde der Nationalismus. Und 
dieser Nationalismus gefiel schließlich auch wirtschaftlich dem 
Bürgertum, da es erkannte, daß es am Ende auch durch kriege- 
risches Vorgehen erhebliche: Wirtschaftserfolge erzielen konnte. 
Industrie und feudalistische Landwirtschaft gingen geradezu ein 
Wirtschaftsbündnis miteinander ein: sie garantierten sich gegen- 
seitig den Schutzzoll. 

War aber dieser bürgerlich-feudale Nationalismus in den Groß- 
staaten doch einigermaßen gemildert, weil immer wieder die alten 
bourgeoisen Instinkte ans Licht drängten, so war er in den soge- 
nannten jungen Völkern überaus aggressiv. Während nämlich die 
Großstaaten in nationaler Beziehung einigermaßen saturiert waren, 
mußten die jungen Völker, wozu vorzugsweise Nationen in Öster- 
reich und auf dem Balkan zählen, erst noch ihre nationale Geltung 
erlangen. Das peitschte dort einen extremen Nationalismus hoch. 
Urd auch hier wieder war die Bourgeoisie Träger, nicht die große 
Masse, die mit dem Eindringen des modernen Sozialismus sogar 
immer mehr internationale Tendenzen in sich aufnahm (wenn 


40 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


sie auch längst nicht so international war und ist wie in den 
alten, schon saturierten Nationalstaaten). Was die alten Völker 
vor hundertfünfzig Jahren schon erreicht hatten, ein nationales 
Wirtschaftsgebiet, das suchte die Bourgeoisie der jungen Völker 
sich erst zu erkämpfen, und so herrschten hier in Wirtschaft 
wie in Politik engste nationale Erwägungen. Dieser auf die 
Spitze getriebene Nationalismus der jungen Völker hat die feuer- 
gefährlichen Stoffe auf der Welt erst eigentlich zum Brennen ge- 
bracht: der Weltkrieg ist durch den serbischen Konflikt gerufen 
worden, der serbische Konflikt aber war nur eine Folge der beiden 
vorangegangenen Balkankriege. 


IV. Der Kommerzimperialismus 


l Andeutungsweise war von der Friedlichkeit der kommerziell- 

kapitalistischen Tendenzen soeben die Rede. Und nun gelangen wir 
immer mehr in die Tiefe unseres Themas. Ist es richtig, daß der 
Imperialismus eine Folge des kapitalistischen Zeitalters ist mit 
seiner Eröffnung von Weltverkehr und Weltmarkt, so ist der Im- 
perialismus in beträchtlichem Maße friedlicher Natur. Der Handel 
hat den Frieden nötig, Handelskonflikte werden grundsätzlich 
friedlich erledigt, da der Handel nach der ratio geht und weiß, 
daß der Krieg ein schlechtes Geschäft ist. Norman Angell brauchte 
für das Wirtschaftsleben sein bekanntes pazifistisches Buch nicht 
erst zu schreiben, der Handel kennt den Unsinn des Krieges vom 
rein ökonomischen Standpunkt aus schon längst. 

Aber wie jedes Ding in der Welt und jeder Mensch sich erst 
durchzuringen hat zu seinem eigensten Wesen, so ist auch dem 
Imperialismus eine schwere Entwicklung vorgeschrieben. Seine 
Bestimmung ist, sich zunächst auszuleben in der feudalimperia- 
listischen Periode, um hernach erst indiekommerzimperia- 
listische zu gelangen, in den Zeitraum, da die feudalen Ten- 
denzen weit stärker als bisher unterdrückt sind von den kom- 
merziellen. Durch das schon betrachtete Wirtschaftsbündnis zwi- 
schen Landwirtschaft und Industrie wird zwar die Industrie feuda- 
lisiert, die Landwirtschaft aber auch schließlich kommerzialisiert, 
sie wird händlerisch, verliert ihre ritterlichen Instinkte®). Wie 
diese Entwicklung weltanschaulich zu beurteilen ist, das ist in 
der vorliegenden Studie nicht darzustellen. Man kann sehr wohl 


D Vgl. Brinkmann, Weltpolitik und Weltwirtschaft im neun- 
zehnten Jahrhundert (Die Bücherei der Volkshochschule Bd. 18). Biele- 
feld und Leipzig 1921 (S. 60). 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 41 


auf dem Standpunkt stehen, daß die Kommerzialisierung der Welt 
eine totale Verarmung der Menschheit bedeutet, weil alle heroi- 
schen Taten, ja vielleicht sogar die heroischen Instinkte ver- 
rotten. Immerhin ist man von einer Verhaustierung des Menschen 
— wie man das genannt hat — dann noch weit entfernt, denn 
der Kommerzkampf geht ja weiter, geht weiter sogar im 
stürmischen Maße, und wenn die kriegerischen Zusammenstöße 
zurückgedrängt sind, so treten die kommerziellen nur um so 
schroffer hervor. Friedlich also ist der Imperialismus seinem 
Wesen nach nur in dem Sinne, daß er unkriegerisch ist, un- 
militärisch, unheroisch, unfeudal, davon abgesehen aber ist er 
genau so bei Gelegenheit auf Kampf gestellt wie die eigentlich 
feudale Epoche und wie die halbfeudale, die wir als feudalimperia- 
listisch bezeichnen und als Frühperiode des Imperialismus rechnen. 

Dazu kommt noch eins: die Herkunft des imperialistischen 
Staates vom Machtstaat zeigt sich darin, daß der Gewaltcharakter 
des Machtstaats bald leiser, bald lauter in den imperialistischen 
Staat überschwingt. Nicht als ob Machtstaat und Gewaltstaat das- 
selbe wären, aber ein mächtiger Staat neigt doch immer zur Macht- 
überschreitung, und schon diese Neigung gibt ihm eine gewaltpoli- 
tische Note. Wir haben von der Spannung zwischen Weltverflechtung 
und Staatsisolation gerade in der imperialistischen Epoche ge- 
sprochen; wir sahen auch schon, daß diese Spannung am Ende stets 
zugunsten des Staates ausschlägt, wenn auch manchmal nur in 
geringem Maße. Nun, in diesem geheimen gewaltpolitischen Leben 
des imperialistischen Staates liegt nicht nur einer der Gründe für 
die schließliche Überlegenheit des Staates gegenüber den wirtschaft- 
lichen Verflechtungstendenzen, sondern auch ein Hauptgrund für 
die Tatsache, daß die Friedlichkeit des Imperialismus niemals 
bis zu dem Punkte des Pazifismus gedeiht. Vielleicht wird die 
Welt friedlich, aber nicht die Gesinnung, und das erst ist doch 
wahrer Pazifismus. 

Immerhin ist in der kommerzimperialistischen Periode die 
händlerische Gesinnung schon so weit fortgeschritten, daß im 
Anzeigenteil von Zeitschriften Staaten genau so inserieren wie 
Banken oder Industrieunternehmungen. Unter der Redaktion von 
John Maynard Keynes läßt der „Manchester Guardian“ wirtschaft- 
liche Wiederaufbaunummern erscheinen. Sie kommen in fünf 
Sprachen heraus und dringen damit weithin über die Erde. Im 
Inseratenteil nun zeigt sich die Tschechoslowakei an als Staat, 
Sowjetrußland als Staat, Estland als Staat, Rumänien als Staat, 
Litauen als Staat. Alle diese jungen Länder empfehlen sich und 


42 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten in Form der Annonce dem 
internationalen Kapital — teilweise auf vielen Seiten. Wo wäre 
das in einer früheren Epoche möglich gewesen, wo wäre das auch 
nur möglich gewesen in der feudalen Periode des Imperialismus! 
Das ist spezifisch kommerzimperialistisch: Ausdruck einer ganz 
neuen, international händlerischen Weltgesinnung. 


V. Die Literatur über den Imperialismus 


Umgekehrt als wir betrachtet Josef Schumpeter in seiner 
schon genannten Schrift den Imperialismus. Für ihn ist der Im- 
perialismus nicht etwa nur in seinen Anfängen feudalistisch durch- 
setzt, sondern er ist ihm überhaupt ein feudaler Rest früherer 
Epochen, ein Atavismus. Er denkt marxistisch, so daß die Pro- 
duktionsverhältnisse ihm maßgebend sind für die Ideologien, aber 
er ist der Meinung, daß oftmals frühere Produktionsverhältnisse 
in die späteren hineinragen. Das sei der Fall beim Imperialismus. . 
Kapitalismus und Imperialismus hätten nichts miteinander zu tun, 
der Kapitalismus sei geradezu antiimperialistisch. Auch uns ragt 
die feudale Epoche in die kapitalistisch-imperialistische, aber für 
uns ist das feudale Wesen des Imperialismus gleichsam ein Fremd- 
körper, für Schumpeter die Wurzel. Er sieht gar nicht die Ent- 
wicklung im Imperialismus, ganz starr ist er ihm, ganz antiquiert, 
im letzten also unlebendig: weit hergeholt und überholt. Damit steht 
im Zusammenhang, daß Schumpeter ausdrücklich von Imperialismen 
spricht, nicht vom Imperialismus. Für ihn ist der heutige Imperia- 
lismus nur eine fossile Wiederholung früherer weltpolitischer 
Tendenzen, für uns dagegen, wie schon ausgeführt, etwas, das 
unserer, gerade unserer Epoche charakteristisch ist. Die früheren 
sogenannten Imperialismen sind für uns weltpolitische oder macht- 
pclitische Maßnahmen, die mit dem eigentlichen Imperialismus 
nichts zu tun haben. | 

Wie wenig konkret Schumpeter der Imperialismus erscheint, 
zeigt schon seine Definition. Imperialismus ist nach ihm die objekt- 
lose Disposition eines Staates zu gewaltsamer Expansion ohne an- 
gebbare Grenzen. Er meint damit etwa folgendes: Ist anzunehmen, 
daß ein Staat seine aggressive Stellung aufgibt, sobald er konkrete 
Einzelinteressen erreicht hat, so kann von Imperialismus keine 
Rede sein. Anders dagegen, wenn ein Staat sich ausdehnt, um 
sich auszudehnen, kämpft um zu kämpfen, siegt um zu siegen, 
Herrschaft ausübt um der Herrschaft willen. In diesem Falle 
erstrebt er nichts Einzelnes, sondern etwas Ganzes, nämlich Vor- 
machtstellung, Weltherrschaft oder Ähnliches. Das ist eine Tendenz 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 43 


ins Uferlose über jede angebbare Grenze hinaus, eventuell bis zur 
Erschöpfung der Kraft. Dieser Staat steht unter dem Motto plus- 
ultra, und das nennt Schumpeter echten Imperialismus. 

Mit solcher Definition aber ist wenig anzufangen. Wenn der 
Rankische Grundsatz, daß Staat Macht bedeutet, richtig ist, so hat 
eine Macht immer die Tendenz zur Machterweiterung in sich. Ein 
Staat hält sich nur durch eine Fülle von Potenzen, seien das nun 
militärische, organisatorische, nationalistische, technische oder 
endlich kulturelle Potenzen. Diese Potenzen sind bei jedem Staat 
anders gelagert, ihre Summe ist das, was wir Macht nennen. 
Und je größer der Staat, desto größer die Tendenz zur Erweiterung 
dieser Macht. Erst recht gilt das von einem Gewaltstaat, an den 
Schumpeter in erster Linie zu denken scheint. Somit müßten alle 
großen Mächte aller Zeiten imperialistischen Charakter gehabt 
haben; dann würde imperialistische Politik nichts anderes sein 
als Großmachtpolitik; wir hätten also einen altgewohnten Begriff 
vor uns, und es wäre nicht recht einzusehen, weshalb man plötzlich 
den neuen Namen Imperialismus gebrauchen sollte. Unlogischer- 
weise aber greift Schumpeter nun aus der geschichtlichen Ent- 
wicklung eine Reihe von Großmächten heraus und schreibt gerade 
diesen eine imperialistische Politik zu. 

Alle Beispiele aber, die Schumpeter nennt, haben mit der 
organisatorischen, methodischen Ausbreitung der modernen Groß- 
und Weltmächte nichts zu tun und haben auch nichts zu tun mit 
den inneren Notwendigkeiten, die jeden Staat, sofern er überhaupt 
Verwärtsdrang besitzt und nicht lediglich passives Glied der 
Staatenwelt ist, die jeden Staat, selbst die kleineren, beseelen. 
Diese Notwendigkeiten traten, wie wir sahen, auf im Gefolge der 
kapitalistischen Ära. Es heißt für jeden Staat, seine imperialisti- 
schen Notwendigkeiten begreifen; am frühesten und zugleich am 
weitschauendsten hat dies England getan. Ein weiter Teil auch 
des englischen Liberalismus ist von der Notwendigkeit imperialisti- 
schen Vordringens entflammt worden. Gladstone war klein- 
englisch, sein Schüler, Lord Rosebery, ist ein typischer Vertreter 
des liberalen Imperialismus. Erinnert sei nur an seine berühmte 
Rede vom 1. März 1893, in der er sagte’): „Wir sind augenblicklich 
dabei, Ansprüche für die Zukunft darzutun. Wir haben in Betracht 
zu ziehen nicht, was wir jetzt gebrauchen, sondern was wir in 
Zukunft gebrauchen werden.“ Imperialistisches Denken auf Gene- 


a Vgl. die empfehlenswerte Quellensammlung von Felix Salomon, 
Britischer Imperialismus von 1871 bis zur Gegenwart. Leipzig 1915 S. 11. 


44 Grabowsky, Das Wesen der imperislistischen Epoche 





rationen hinaus! Negativ aber heißt das natürlich auch: Abstoßen, 
was in der Zukunft nicht gebraucht wird. Dies Werk gerade be- 
treibt jetzt England. Und auch in Deutschland befestigt sich die — 
leider sehr theoretische — Lehre, daß unser alter verzettelter 
Kolonialbesitz ein Fehler war und daß wir die Rückgewinnung 
gewisser Kolonien gar nicht erstreben sollten. Kein Weltreich 
früherer Zeiten hat jemals so methodisch gedacht, alle sind sie 
gerade an ihrem Überappetit zugrunde gegangen. Von Scharukin, 
König der Assyrer, wird berichtet, daß er Stämme unterworfen 
habe, die kein Weiser und Schriftgelehrter kannte und die noch 
nie Abgaben gebracht hatten", Einfach also aus Landhunger 
drang er immer weiter vor, gleichgültig, ob die neuen Länder zu 
dem Bestand seines Reiches paßten. Das hat der Erweiterung des 
geographischen Gesichtskreises gewiß sehr genützt, hat aber der 
inneren Struktur der erobernden Reiche außerordentlich geschadet. 
Die Verführung lag nahe: die Erde war damals noch frei, und uner- 
meßliche Länder lagen dem zu Füßen, dersiemitstarker Hand packte. 
Schon die gleich zu Anfang erwähnte Tatsache, daß in der imperia- 
listischen Epoche jedes Weltreich nicht volle Weltherrschaft, sondern 
nur Anteil an der Weltherrschaft erstreben kann, zwingt den Staat 
heute zu methodischer Berechnung"). Nicht mehr die ganze Welt 
steht ohne große Widerstände offen, ein Nebeneinander der großen 
Mächte existiert, und in diesem Nebeneinander muß sich jede 
Macht mit höchster Überlegung, unter Anspannung aller Kräfte, 
einrichten. Weltmächte gibt es, aber keine Weltmacht mehr. Das 
schließt nicht aus, daß subjektiv jedes der großen Völker sich 
auserwählt fühlt, der Welt das Heil zu bringen — vielleicht ist 
das sogar das Kennzeichen des großen Volkes, aber auch die 
Religion, welche es auch sei, denkt ja heute nicht mehr ernstlich 
daran, alleinherrschend zu sein in der Welt, obwohl sich doch jede 
gewiß als ausschließliche Heilbringerin vorkommt. So müssen die 
Weltreligionen wie die Weltmächte sich aufeinander einstellen. 

Den politisch genialen Römern ist bereits eine Ahnung auf- 
gegangen, daß Herrschaft ohne Planmäßigkeit ein Unding ist. 
Das zeigt die Herkunft des Wortes imperare. Imperare kommt von 
parare, und dies heißt etwas bereiten, gehörig einrichten, zu etwas 
Vorkehrungen treffen. Der Stamm ist par, ein Stamm, der auch 


1) Vgl. Georg Schneider, Die geographischen Grundlagen der 
wichtigsten Großreiche in „Helmolts Weltgeschichte“. 5. Bd. 2. Aufl. 
Leipzig und Wien 1919. 

11) Vgl. dazu Oberhummer, Imperialismus. Das britische Weltreich 
und die imperialistischen Staatenbildungen früherer Zeit. Wien 1920. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 45 


in pario, peperi, partum, parere, gebären, zeugen, erwerben, ver- 
ursachen wirksam ist. Imperare heißt also eigentlich: etwas ge- 
hörig organisieren, imperium die gehörige Anordnung, die macht- 
volle Organisation. In Fortsetzung dieser etymologischen Analyse 
würde Imperialismus bedeuten: Streben nach einer Organisation, 
die die Macht am sinnvollsten garantiert. Und dies ist in der Tat 
der heutige Inhalt des Begriffs. Was die Römer nur ahnten, hat 
die imperialistische Epoche der Neuzeit verwirklicht. 

Trotzdem also Schumpeter im Entscheidenden, in der Begriffs- 
bestimmung, versagt, hat er doch Wesentliches zur geistigen Er- 
fassung des Imperialismus beigetragen. Wie schon angedeutet, 
bewegt sich die sonstige deutsche Literatur meist auf Schumpeters 
Standpunkt, es habe zu den verschiedensten Zeiten Imperialismus 
gegeben. Für den Leipziger Historiker Felix Salomon'*) ist der 
britische Imperialismus der Gegenwart nur eine Form des britischen 
Imperialismus überhaupt: er stellt daneben einen merkantilistischen 
Imperialismus Großbritanniens im siebzehnten und achtzehnten 
Jahrhundert und einen mittelalterlichen Imperialismus dieses 
Reiches. Ganz anders urteilt Friedjung'*): Der Imperialismus ist 
ihm eine deutlich hervorspringende Entwicklungsstufe im Gefolge 
der kapitalistischen Ära. Er versieht die letzten Jahrzehnte der 
geschichtlichen Entwicklung mit der gemeinsamen Etikette „Zeit- 
alter des Imperialismus“. Allerdings führt das historisch bedeut- 
same Buch doch ideengeschichtlich und soziologisch — und damit 
natürlich auch begrifflich — zu sehr mageren Ergebnissen. Eben- 
falls von einem Zeitalter des Imperialismus spricht Erich Marcks 
an verschiedenen Stellen, so in seiner Rede „Der Imperialismus 
und der Weltkrieg". Aber er verschmäht es doch ausdrücklich, 
sich auf das Gebiet der Theorie zu begeben, wenn er freilich auch — 
im Oktcber 1915! — die glänzende Prognose abgibt, es werde der 
Weltkrieg das Zeitalter des Imperialismus nicht beenden, sondern 
er werde nur ein Vorgang sein innerhalb dieses Zeitalters. Damit 
hat er doch den Sinn des Imperialismus getroffen’). Eine kurze, 
aber vorzügliche Darstellung der Haupttatsachen der imperia- 
listischen Epoche findet sieh in der schon oben genannten Schrift 


39) Der britische Imperialismus. Leipzig 1916. 

15) Das Zeitalter des Imperialismus 1884—1914 Zen L Er "an 
II. Bd. 1922. Ein III. Bd. wird noch erscheinen. 

se) Leipzig 1919. 

13) Allerdings stellt sich Marcks die Weiterer» er Zee Dogera- 
lismus rein kriegerisch vor. Daß dies ein Irre = sr. an wein 
aus dem Gesagten und wird im folgenden u... 2.2.7 fra E marien. 


46 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


Brinkmanns „Weltpolitik und Weltwirtschaft im neunzehnten 
Jahrhundert“. Brinkmann begnügt sich wie Friedjung, geschicht- 
lich die Epoche zu umreißen, die Verve aber, mit der es tut, führt 
unmittelbar zu begrifflichen Erkenntnissen, Viel stärker theoretisch 
gerichtet ist das grundlegende, allgemein bekannte Werk von 
Schulze-Gaevernitz, das ebenfalls bereits erwähnt wurde. Aber 
Schulze-Gaevernitz spürt zwar, daß der britische Imperialismus 
der Gegenwart und unmittelbaren Vergangenheit etwas Einzig- 
artiges ist, etwas Unvergleichbares und Unverwechselbares, aber 
er hat das doch im Begrifilichen nicht genügend fundamen- 
tiert. Immerhin, die ideengeschichtliche Ableitung des britischen 
Imperialismus ist vortrefflich, wenn auch seit dem ersten Er- 
scheinen des Werkes im Jahre 1906 manches — auch in deutscher 
Sprache — zur tieferen Erfassung der Materie vollbracht worden 
ist, zum Teil in Einzeluntersuchungen’®). Schulze-Gaevernitz 
selbst hat sich leider an dieser Arbeit nur wenig beteiligt, wie er 
sogar die zweite Auflage seines Werkes, trotzdem sie bald zehn 
Jahre nach der ersten erschien, unverändert in die Welt hat gehen 
lassen. 

Man versteht den Imperialismus überhaupt nicht, wenn man 
nicht den Charakter der modernen Weltmacht begriffen hat, denn 
der Imperialismus wird doch im wesentlichen von den heutigen 
Weltmächten getragen. Sie stellen die eigentlichen Heerführer 
der imperialistischen Epoche dar. Das Größte nun zur Er- 
gründung der modernen Weltmacht hat der Schwede Rudolf 
Kjellén geleistet. Kurz vor dem Weltkriege erschien, gleichsam 
als Präludium zu dem Krieg, die deutsche Ausgabe seines Werkes 
„Die Großmächte der Gegenwart“. Kjellens Ziel war Darstellung 
des Lebens der großen Mächte, Naturgeschichte der großen 
Mächte. Ihm sind die Großmächte der Gegenwart Lebewesen, 
von elementaren Regungen erfüllt, bluthafte Organismen mit 


1) Vgl. z. B. Else Kemper, Carlyle als Imperialist, Zeitschr. für 
Politik, XI. Bd. S. 115 ff. Bedenklich ist freilich der Versuch der Ver- 
fasserin, zwei Richtungen des englischen Imperialismus zu unterscheiden, 
die beide von Carlyle ihren Ausgang genommen haben sollen. Seeley 
soll den imperialen Zusammenschluß verkörpern, J. A. Cramb (Haupt- 
werk „Origin and Destiny of Imperial Britain“) die koloniale Ex- 
pansion. Vorsichtig fügt die Verfasserin hinzu, das seien die beiden 
„theoretischen“ Entwicklungsströme. Aber es ist überhaupt ganz aus- 
geschlossen, die Festigung des Empire und seine methodische Ausbrei- 
tung (unter Umständen — siehe Schluß von Kapitel VI — seine metho- 
dische Verkleinerung) zu scheiden. Das eine ist die innere, das andere 
die äußere Politik des Empire. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialisiischen Epoche 47 


lebendigen Eigenschaften, brennend von dem Trieb, ihr eigenes 
Wesen in der Welt auszuwirken. Diese Betrachtungsart war 
an sich nicht neu, aber sie ist erst von dem Schweden mit 
höchster Intensität durchgeführt worden. Kjellén begnügte 
sich dabei nicht mit der Darstellung der Großmacht als einer 
Macht, die den Willen hat zu größerer Macht, sondern ihm 
kam es vor allem darauf an, aus den Großmächten heraus einen 
neuen, höheren Begriff zu formen, den der Weltmacht. Über dem 
alten Großmachtsbegriff hat sich nach ihm — und diese Erkennt- 
nis war grundlegend — ein neuer Begriff erhoben, wie über dem 
Dreadnought der Superdreadnought: der Begriff der planetarischen 
Macht oder der Weltmacht. (Ich habe diese Staaten gelegentlich 
Monumentalstaaten genannt, ein Begriff, den Kjellen in seinem 
Buch „Studien zur Weltkrise‘‘ akzeptiert hat.) Die Elite der Groß- 
mächte steigt zu Weltmächten empor. 

Immerhin war Kjellén zu sehr von dem Begriff der Großmacht ` 
und Weltmacht fasziniert, um den Begriff des Imperialismus ge- 
nauer zu studieren. Er leitete das Dasein der großen Mächte aus 
deren spezifischen Bedingungen ab, ergründete aber nicht näher 
die Epoche, aus der sie alle hervorwuchsen, die Epoche, die doch 
die spezifischen Bedingungen überhaupt erst zur Wirksamkeit 
brachte, die Epoche, die auch die kleineren Staaten imperialistisch 
durchsetzte oder wenigstens berührte, weil doch alle, soweit sie 
überhaupt kapitalistisch erfaßt sind, gleichmäßig dem Ausdehnungs- 
drang des Kapitalismus unterliegen. In dieser Hinsicht ist über- 
haupt weit mehr als von der bürgerlichen Wissenschaft beigetragen 
worden zur Theorie des Imperialismus von der marxistischen 
(telehrsamkeit. 

Namentlich der Kommunismus und Bolschewismus hat hier er- 
hebliche Arbeit getan. Von früheren Schriften ist zu nennen Radek 
„Der Imperialismus und die deutsche Arbeiterklasse‘ (einige Jahre 
vor dem Kriege erschienen), von späteren Lenin „Der Imperialismus 
als jüngste Etappe des Kapitalismus‘ (im Kriege 1915 geschrieben, 
russisch aber erst 1917, deutsch 1921 veröffentlicht"); schließlich 
Rosa Luxemburg „Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag 
zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus“ 181. Vorarbeit 
für diese ganze sozialistische Literatur hat das bedeutende Werk 
von Rudolf Hilferding „Das Finanzkapital‘‘ (Wien 1911) geleistet. 


17) Bibliothek der Kommunistischen Internationale, 9. Band, Ham- 
Lurg 1921. i 
38) Berlin 1913. 





48 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


Lenin hat nicht unrecht, wenn er sagt, daß im Grunde alle sozia- 
listische Kritik des Imperialismus von Hilferding und dann auch 
von J. A. Hobson (zuerst erschienen London 1902) abhängt. Gerade 
durch den Einfluß von Hobson aber, der ein typischer englischer 
Liberaler und Pazifist ist mit sozialistischem Einschlag, kam in 
die sozialistischen Darstellungen des Imperialismus etwas Morose: 
und Kleinliches. Der Sozialismus hat, wie ja schon der Titel de: 
Leninschen Buches zeigt, den Imperialismus als kapitalistische: 
Phänomen erkannt, aber anstatt marxistischer Bejahung des Im- 
perialismus, wie man doch annehmen sollte — je stärker der Im- 
perialismus, desto näher der Sozialismus —, kommt im wesentlichen 
gehässige Kritik heraus. Die Schriften werden antiimperialistisch 
und agitatorisch. Unter den namhaften sozialistischen Schrift- 
stellern sind es eigentlich nur Heinrich Cunow und Karl Renner 
(wenn man die sehr an der Grenze des Sozialismus stehenden 
. Lensch und Plenge nicht nennen will), die den Imperialismus als 
historische Notwendigkeit bejahen, ihn sogar preisen als enorme 
Entwicklung aller produktiven Kräfte: diese beiden aber stehen 
nicht auf der sozialistischen Linken. Trotz glänzenden Einsichten 
in den Imperialismus leistet das meiste in seiner Bekämpfung 
Rosa Luxemburg. Dieser Haß verwirrt ihr schließlich vollkommen 
den Blick. Wenn Schumpeter bei seiner ganzen Einstellung den 
Imperialismus als feudalen Rest bezeichnet, so ist das begreiflich, 
wenn aber Rosa Luxemburg das Kommerzstadium des Imperialis- 
mus gar nicht sieht und kurzweg konstatiert, daß der Imperialis- 
mus an Gewalttätigkeit zunehme sowohl in seinem aggressiven 
Vorgehen gegen die nichtkapitalistische Welt wie in der Ver- 
schärfung der Gegensätze zwischen den konkurrierenden kapita- 
listischen Ländern, so ist das einigermaßen verwunderlich. Alle 
diese Nachschriften nach Hilferding sind zudem noch sehr 
doktrinär; auch diese Linie hat Hilferding vorgezeichnet. Marx 
hatte beweisen wollen, daß im Kapitalismus die freie Konkurrenz 
allmählich zu einer Kapitals- und Produktionskonzentration wird 
und daß diese Konzentration zu Monopolen führt. Für die Nev- 
marxisten ist der monopolistische Kapitalismus in seinen Trusts 
und Kartellen geradezu identisch mit dem Imperialismus. Die 
vorimperialistische Phase des Kapitalismus, das ist die Periode 
der freien Konkurrenz, die imperialistische die des Monopol 
Dies Monopol aber ist ein Monopol des Finanzkapitals: die Indu- 
strie wird abhängig von einer Finanzoligarchie. 

DI Vgl. Herkner, Die Arbeiterfrage, 7. Aufl. 2. Bd. S. 529 ff. 
Berlin und Leipzig 1921. 





Grabowskr,. Das Wesen der imperialistischen Epoche 49 





In Wirkiicäkeit liegen die Verhältnisse sehr viel komplizierter. 
Es konnte eine Zeitlang tatsächlich erscheinen, als ob die Indu- 
vrie, insbescLidere die Großindustrie, in völlige Abhängigkeit von 
=n Backen g=raten würde, und eben in dieser Zeit erschien 
„Zeniirzs Euch. Aber gerade in den letzten Jahren vor dem 
areg katte sich eine zunehmende Emanzipation der Industrie 
ci dm voz Barken dirizierten Kapital, vom Finanzkapital 


e Barkez r:s=n sick darum, Kreditgewährung und Kredit- 
{= groin Kartelle besorgen zu dürfen. Nach 
: Ze Vertrzistizg des Bankwesens und damit die 
-aag via Earzsrsremeirstiaften in starkem Tempo weiter- 


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4. 


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50 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


von Valutaschranken, konnte Marx nicht ahnen. Indem aber die 
von dem sozialistischen Denker fast ganz vernachlässigte Land- 
wirtschaft sich in die Herrschaft des Industrie- und Finanzkapitals 
einschob, kam ein dritter Faktor auf, der die Monopolstellung der 
beiden Kapitalmassen außerordentlich erschüttert. 

Überhaupt aber hat sich ja gezeigt, daß die sogenannte Kapi- 
talskonzentration längst nicht so einfach liegt, wie es Marx vor- 
schwebte. Man wird deshalb den Imperialismus zwar mit einem 
ausgereiften Kapitalismus, einem Hoch- und Überkapitalismus 
gleichsetzen dürfen — ausgereifter Kapitalismus, einer, der nicht 
nur für den Markt produziert (an Stelle der früheren Bedarfs- 
deckung), sondern der geradezu den Markt produziert, nämlich 
immer neue Märkte schafft und ausbildet —, aber man wird nicht 
das Recht haben, den Imperialismus ohne weiteres mit einem 
monopolistischen oder gar nur finanzmonopolistischen Kapitalis- 
mus zu identifizieren. Allerdings ist der Imperialismus identisch 
mit höchster Organisation, aber es ist viel zu eng, nur die Organi- 
sation des Finanzkapitals heranzuziehen. Imperialismus ist organi- 
siertes Machtstreben eines Staates über die Welt hin auf der 
Grundlage eines hochentwickelten Kapitalismus. So etwa läßt sich 
ganz allgemein die Definition fassen. An Stelle einer zufalls- 
mäßigen Machtausbreitung, wie sie die alte Kolonialpolitik hatte, 
tritt das planmäßige, programmäßige Ausgreifen. 


VL Imperialistische Methode 


Das Machtstreben des Imperialismus äußert sich in allen Rich- 
tungen, in denen sich überhaupt das Machtstreben der Staaten 
kund tut: in politischer, wirtschaftlicher und kultureller. Politisch, 
das heißt hier die Ausbreitung durch Annexion, durch Erwerb von 
Land, sei es in der Form von Kolonien (Siedlungskolonien, Plan- 
tagenkolonien mit geringer weißer Bevölkerung, Handels- und 
Absatzkolonien und so weiter), sei es in der Form von Stütz- 
punkten. Die wirtschaftliche Ausbreitung zeigt die mannig- 
faltigsten Formen, angefangen von engster Verflechtung des 
heimischen Wirtschaftsgebiets mit einem fremden bis zur losen 
kaufmännischen Durchdringung eines fremden Lahdes, wobei 
Handelsinteressen und Finanzinteressen (Interessen der Kapitals- 
anlage) gleichmäßig durchgesetzt werden sollen”). Die kulturelle 


=) Hobson in seinem Buche über den Imperialismus meint, daß die 
Finanzinteressen über die Handelsinteressen gehen; dies wird manchmal 
der Fall sein, manchmal auch nicht. So sehr der Imperialismus als 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 51 


Expansion ist das, was wir, auf Deutschland bezogen, üblicher- 
weise benennen mit „Der deutsche Gedanke in der Welt“, also das 
ideenmäßige Vordringen, ebenfalls wie beim wirtschaftlichen Vor- 
dringen in mannigfaltigster Weise. 

Beachtenswert ist nun, daß, gemäß der von uns geschilderten 
Periodenscheidung innerhalb des Imperialismus, sich das isolierende 
Gewicht des politischen Faktors vermindert, das zusammen- 
treibende Gewicht der wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren 
aber zunimmt. Von der wachsenden Interessengemeinschaft der 
Kontinente und Halbkontinente war schon die Rede; es sind meist 
wirtschaftliche Tendenzen, die hier tätig sind, aber die Aus- 
wirkung geht doch immerfort ins Politische. Im Zusammenhang 
damit steht die Tatsache, daß in den neugebildeten National- 
staaten bereits die Neigung deutlich wird, sich — bei Wahrung 
des staatlichen Charakters — in übernationale Gebilde einzu- 
gliedern: man erkennt, daß man wirtschaftlich und politisch doch 
weit leistungsfähiger ist im größeren Rahmen. Damit aber wird 
der alten sozialistischen Angst, es könne der Imperialismus das 
Selbstbestimmungsrecht der Völker vergewaltigen, die Spitze 
abgebrochen. Gerade der russische Kommunismus hat sich um 
diese Angst wenig gekümmert: er hat seine Föderation der 
Sowjetrepubliken geschaffen und damit Vielheit in der Einheit, 
Einheit in der Vielheit. Um deswillen aber war die Sorge des 
Sozialismus besonders seltsam, als ja, wie wir oben (Kapitel IH 
Ende) gesehen haben, gar nicht so sehr die Masse den extremen 
Nationalismus wünschte oder Nutznießer davon war als vielmehr 
die Bourgeoisie, Auf jeden Fall wird sich der Nationalismus mit 
der Zeit selber kurieren, indem er in übernationalen ‚Verbänden 
sich heimisch macht: Ergebnis der verflechtenden Faktoren im 
Imperialismus, internationaler Staatengroßbetrieb in einer kom- 
merzimperialistischen Periode. 

Aber auch sonst sieht die sozialistische Kritik die isolierenden, 
gewalttätigen Tendenzen im Imperialismus vielfach zu kraß. 
Wenn Kautsky”) den Imperialismus als den Drang jeder indu- 
striellen kapitalistischen Nation bezeichnet, sich ein immer 
größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen und anzugliedern, 


Ganzes methodisch ist, so wenig ist er es in seinen einzelnen Hand- 
lungen; er bewegt sich, wie jede Politik, in der Linie des geringsten 
Widerstandes und wird je nach der Lage Handelsinteressen oder Finanz- 
interessen durchzusetzen suchen, 
21) Die neue Zeit, 1013/14. Bd. 82 S. 909, zitiert bei Lenin aaO. - 
4* 


52 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


so hat schon Lenin diese Definition vollkommen unrichtig ge- 
nannt. Er hat schon darauf aufmerksam gemacht, daß für den 
Imperialismus gerade das Bestreben charakteristisch ist, auf 
höchst industrielle Länder die Hand zu legen. Aber je mehr 
der Imperialismus kommerziell wird, je mehr er also die feudalen 
Allüren verliert, desto weniger wird er auf plumpe Annexionen 
schielen, die nur die kriegerischen Reibungsflächen der Welt er- 
höhen. 

An dieser Stelle ist zu bemerken, daß nicht nur die alte Kolo- 
nialpolitik mit ihrer unsinnigen, unmethodischen Ländergier durch 
den Imperialismus überwunden worden ist, sondern daß sich über- 
haupt die Kolonialpolitik, auch die methodische, je mehr der Im- 
pcerialismus in sein Kommerzstadium vorrückt, verflüchtigt. Wie 
man den Krieg als schlechtes Geschäft erkannt hat, so erkennt 
man auch die Kolonialpolitik als schlechtes Geschäft; als schlecht 
vor allem darum, weil man die Kolonien so lange kapitalistisch 
und militaristisch einexerziert, bis sie sich eines Tages vom Mutter- 
land unabhängig machen, ja gegen das Mutterland wenden. Das 
ist das Schicksal jeder Kolonialpolitik; insbesondere aber jetzt 
nach dem Weltkrieg, da die farbigen Völker nach ihrer Verwen- 
dung auf den europäischen Kriegsschauplätzen ein enorm gestei- 
gertes Selbstbewußtsein gewonnen haben. Nicht umsonst hat Eng- 
land, das wurde oben schon angedeutet, mit einer völligen Um- 
krempelung seiner kolonialen Struktur begonnen. Ägypten wird 
— in einem bestimmten Rahmen — selbständig, Kolonien werden 
aufgegeben, aus Interessensphären, wie aus Afghanistan, zieht 
man sich zurück, Kolonien werden zu Dominions, die Dominions 
werden eines Tages zu verbündeten Mächten werden. Wie lange 
wird Indien in der augenblicklichen Kolonialform noch zu erhalten 
sein? Wie lange wird überhaupt Asien noch das Feld kolonialer 
Betätigung für irgendeine Nation bilden? Wenn Lloyd George 
Anfang März 1922 im Unterhause erklärte, England werde kein 
Jota seiner indischen Hoheitsrechte preisgeben, so wird dies Wort 
eben so lange gelten, wie die Ereignisse das gestatten. Das eine 
ist richtig: England wird zu allerletzt auf Indien verzichten, 
während es seine weniger wichtigen Positionen nach Bedürfnis 
abbaut. 


VII. Wirtschaft und Staat 


Mit dem Zurücktreten aber der politisch annexionistischen 
Tendenz innerhalb des Imperialismus, einer Tendenz, die noch alle 
Reste der alten Kolonialpolitik mit sich herumschleppt, ist der 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 53 


Imperialismus selber keineswegs stoßunkräftiger geworden. Im 
Gegenteil. Die brutale Form der Betätigung tritt zurück, und es 
entwickeln sich jene versteckteren — meinetwegen auch feineren — 
Formen der Expansion, wie sie dem Kapitalismus eigentümlich 
sind. Nur ein Narr kann meinen, daß die Kommerzkonkurrenz 
des Kapitalismus weniger machtpolitisch geartet ist als die feudale 
Konkurrenz der vorkapitalistischen Epoche. Das gewaltpolitische 
Moment verschwindet, aber das machtpolitische, die Zusammen- 
raffung aller Kräfte des Staates zum Durchkommen in der Welt, 
tritt um so schärfer hervor. Elan des Kapitalismus, bald stählern 
industriell, bald verfeinert händlerisch! Subtilere und deshalb viel 
gefährlichere Art des Niederringens als beim brutalen Aneinander- 
prallen Stirn an Stirn! 


Annexionen werden vermieden, Kolonien werden vermieden. 
Aber es bleibt die Ausdehnungstendenz, die sich auf Autarkie, 
auf Selbstversorgung innerhalb eines geschlossenen Wirtschafts- 
körpers richtet. Ein Beispiel dafür ist der Ölkrieg zwischen Groß- 
britannien und den Vereinigten Staaten, ein Krieg, der niemals 
äußerlich die Form blutiger Feudalkämpfe annehmen wird, der 
aber deshalb nur um so nachdrücklicher tobt. Doch es gibt Leute 
— in Deutschland und anderswo —, die diesen versteckten Kampf 
niemals begreifen werden. Sie sind ebenso zu finden auf der 
pazifistischen Seite — und sie verbürgen sich dann für die Fried- 
lichkeit des Händlertums — wie auch auf der militaristischen: 
diese nehmen einen Kampf nicht ernst, bei dem nicht das Blut in 
Strömen fließt, bei dem nicht die Kanonen donnern und die Bajo- 
nette blitzen. 


Über die friedlich-kriegerischen Methoden des Kommerzimpe- 
rialismus, über diese vorwiegend wirtschaftlichen und kulturellen 
Maßnahmen, läßt sich schwer Allgemeines angeben. So vielfältig 
der Hochkapitalismus, so vielfältig sind seine Schritte. Lamprecht 
hat als psychisches Hauptzeichen der modernen Seele die Reizsam- 
keit festgestellt, genau so reizsam ist die moderne Welt auch in 
wirtschaftlicher Hinsicht. Der psychischen Reizsamkeit entspricht 
eine Abneigung gegen äußere Brutalitäten, eine Verlegung der 
Brutalitäten ins Innere, wo sie teils verdrängt werden und nun in 
anderer Form an die Oberfläche kommen, teils aber auch sorg- 
fältig kultiviert werden. Das hat ebenfalls sein Gegenstück auf 
wirtschaftlichem Gebiet. 


Lamprecht hatte noch die Neigung (die ihm als dem Mitglied 
einer älteren Generation überkommen war), Reizsamkeit gleich- 


54 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


zusetzen mit Dekadenz. Davon kann nun keine Rede sein. Es 
gibt eine Nervenverfeinerung, die auf Erschöpfung des Erbguts 
beruht, es gibt aber auch eine positive Nervenverfeinerung, die 
das, was sie an draufgängerischer Art verliert, durch unerhörte 
Straffung und Spannung ersetzt. Wir brauchen nur auf den Sport 
heute zu sehen oder auf die ganz unsentimentale, mit ungeheurem 
Tempo und unerhörtem Rhythmus arbeitende Kunst unserer 
Epoche. Expressionismus, um dies Schlagwort zu gebrauchen, ist 
nicht nur Schau des Wesentlichen, sondern auch Tempo, Rhythmus, 
Schwingung, wie sie noch niemals vorher vorhanden war. 

In diese Bezirke gliedert sich der Imperialismus ein. Er ist 
nicht Weltpolitik schlechthin, sondern wesentliche Weltpolitik, 
mit einem anderen Tempo, einem anderen Rhythmus begabt, 
straffer organisiert, systematischer verfolgt, als jede bisherige 
Weltpolitik. Weil er die Tendenz hat, kriegerische Raufereien 
allmählich von sich abzustreifen, geht er um so schärfer, härter, 
klarer auf seine herrschaftlichen Ziele los. 

Diese Ziele sind sehr wesentlich wirtschaftlicher Art, aber sie 
können — nochmals sei es gesagt — nicht verwirklicht werden 
von bloßen Wirtschaftskörpern. Der Staat, der geballte, fest 
organisierte Staat muß dahinter stehen. Oder anders gesprochen: 
die Wirtschaft muß durch die Politik dirigiert werden. Und dies 
gerade im Interesse der Wirtschaft. Alle wirtschaftlichen Bestre- 
bungen, die heute die Wirtschaft über die Politik setzen oder 
Wirtschaft mit Politik identifizieren wollen, rechnen nicht mit dem 
Wesen des Imperialismus. Sie sind innerpolitisch, nicht außer- 
politisch tendiert. Eine Wirtschaft, die sich durchsetzen will, kann 
dies nur im Rahmen eines starken Staates. Auflösung des Staates 
heißt Erliegen der Wirtschaft dieses Staates in der Welt. Schon 
Friedrich List hat — in einer geruhigeren Epoche! — darauf auf- 
merksam gemacht, daß zu wirtschaftlichem Gedeihen untrennbar 
nationale Machtentfaltung gehört (übrigens auch, wie er betonte, 
politische Freiheit, davon wird im VIII. Kapitel die Rede sein). In- 
sofern ist der politische Faktor gerade in der kommerzimperia- 
listischen Periode von besonderer Bedeutung, als er die inner- 
politische Organisierung des Staates zum Zwecke der erfolgreichen 
Eingliederung des Staates in den weltpolitischen und weltwirt- 
schaftlichen Komplex betreibt. Nicht auf gewalttätige Annexionen, 
also auf Isolierung des Staates, geht dieser politische Faktor, wie 
noch in der feudalimperialistischen Periode, sondern auf innere 


Straffung des Staates zugunsten allgemeinen Vorwärtskommens in 
der Welt. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 55 


VI. Sozialimperialismus 


Innere Straffung bedeutet in erster Linie Verschmelzung des 
Volkes mit dem Staat. Haltbarer Imperialismus ist nicht möglich, 
wenn nicht alle Schichten der Nation in der Überzeugung glühen, 
daß der Staat sich in der Welt durchsetzen müsse. Diese Über- 
zcugung aber haben sie nur, wenn sie wissen, daB ihre eigene 
Sache die Sache des Staates ist, daß der Imperialismus nicht dient 
bevorzugten Klassen, sondern dem Volksganzen. Die Frage aber 
erhebt sich: Ist das möglich? Wenn der Imperialismus dem Kapi- 
talismus entspringt, so muß doch, scheint es, der kapitalistische 
Klassenstaat sich auch in der imperialistischen Epoche ausprägen, 
ja gerade in ihr, denn der Imperialismus soll ja Hoch- und Über- 
kapitalismus sein. In der Tat haben dies auch die schon er- 
wähnten Neumarxisten immer behauptet: von ihrer Theorie aus 
ist es Axiom in den Arbeiterschichten gewisser Länder, nament- 
lich Deutschlands, geworden, daß der Imperialismus untrennbar 
verbunden sei mit dem Ausbeutertum einer herrschenden Klasse. 
Ein Blick auf das bolschewistische Rußland verstärkt noch diese 
Vorstellung: es ist — oder war es wenigstens noch bis vor 
kurzem — umgekehrter Klassenstaat, die Kapitalistenklasse war 
entrechtet, die Arbeiterklasse herrschte. Hier scheint ein umge- 
kehrter Imperialismus am Werke, einer der roten Propaganda und 
der Roten Armee. Ist also imperialistisches Streben des ganzen 
Volkes unmöglich, aller Klassen, Schichten und Stände? 

Ein Blick auf England zeigt ein anderes Bild. Wohl gibt es 
in England einen fünften Stand, ein Lumpenproletariat, das — 
vielleicht aus einer schlechten Blutmischung entstanden — dem 
Staat fremd geblieben ist. Sonst aber ist das englische Volk nicht 
nur mit Kleinengland, sondern mit dem gesamten Empire innerlich 
verwachsen. Eine glückliche historische Entwicklung, ein organisch 
weitergeführtes Verfassungsleben, gesunder Staatssinn der führen- 
den Kreise haben das erreicht. Der englische Arbeiter weiß, daß 
Wohlfahrt des Staates seine eigene Wohlfahrt bedeutet, Ausgreifen 
des Staates in die Welt sein eigenes Ausgreifen. So ist der britische 
Imperialismus — und damit kommen wir zu einem neuen Begriff — 
Sozialimperialismus. 

Die Möglichkeit einer sozialen, das gesamte Volk umfassenden 
Struktur des Imperialismus läßt sich aber nicht nur praktisch am 
Beispiel Englands feststellen, sondern auch in der Theorie. Wir 
haben zu beweisen versucht, daß, so oft der Staat auch einmal der 
Wirtschaft erlegen ist, doch letzten Endes immer der Staat über 
die Wirtschaft dominiert. Es hängt von der Erkenntnis der 


56 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


regierenden Kreise ab, ob diese Tendenz zum Überwiegen des 
Staates bewußt verstärkt wird. In England (dem man früher so 
gern bei uns festen Staatscharakter abgesprochen hat, weil es das 
militaristisch-bürokratische Korsett nicht hatte) ist diese Erkennt- 
nis bei den Leitenden stets vorhanden gewesen, ganz offenbar 
aber in der imperialistischen Epoche, weil man sofort bemerkte, 
daß hier die Straffung des Staates besonders wichtig sei. Polybios 
erklärt im sechsten Buch seines Geschichtswerks als die wichtigste 
Ursache von Erfolg oder Mißerfolg eines Staates dessen innere 
Beschaffenheit, die Verfassung des Staates sei die Quelle aller 
seiner Ideen und Handlungen. Ranke meint ähnlich in seinem 
„Politischen Gespräch“ (1836), der Staat müsse alle inneren Ver- 
hältnisse zu dem Zwecke einrichten, sich zu behaupten. Das hat 
England immer gewußt und weiß es erst recht heute. So ist es 
sozial geworden vorwiegend im Interesse der auswärtigen Politik. 
So hat es sein ganzes politisches Leben eingestellt auf die Ver- 
bindung des Volkes mit dem Staat. Über alle Schlagworte von 
Demokratie oder Klassenherrschaft hinweg hat es eine soziale 
Fundierung seiner Weltpolitik vollzogen, eben weil es den ewigen 
Primat des Staates über die Wirtschaft begriffen hat. Der Staat 
aber, der nicht sklavisch von der Wirtschaft abhängt, ist mehr 
als Klassenstaat, ist Volksstaat, weil er die Summe aller volks- 
freundlichen Traditionen, die Summe aller lange aufgesammelten 
Regierungserfahrungen verkörpert. 

In Deutschland ist es vor dem Kriege längst nicht in demselben 
Maße wie in England gelungen, Volk und Staat zu verbinden. 
Ansätze dazu waren mannigfach vorhanden, aber sie kamen nicht 
zur genügenden Auswirkung. Im Reiche das freieste Wahlrecht, 
in Preußen, dem ausschlaggebenden Einzelstaat, ein längst anti- 
quiertes Wahlsystem. Soziale Gesetze, aber eine einseitig ge- 
wissen Schichten entnommene Bürokratie und starkes Überwiegen 
der Militärkaste. Kurz gesagt: der Sozialimperialismus — der 
nichts anderes ist als die Formel: Macht und Freiheit — kam gegen- 
über den feudalen Gewalten nur in schüchternen Ansätzen zur Er- 
scheinung, und so war im Volk der Glaube verbreitet, daß deutsche 
Weltpolitik das Proletariat nichts anginge, weil alles Ausgreifen 
in die Welt ja doch nur zugunsten herrschender Klassen sei. Da- 
mit war der deutsche Imperialismus in der Wurzel verdorben. 
Viel zu dieser verhängnisvollen Entwicklung hat die Formel Otto 
Hintzes beigetragen, daß das Maß von Freiheit, das ein Staat 
seinen Angehörigen gewähren könne, umgekehrt proportional sein 
müsse dem auf seinen Grenzen lastenden Druck. Hintze hat wahr- 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 57 


scheinlich einen richtigen Gedanken gehabt, aber er hat ihn falsch 
ausgedrückt: das Maß von innerer Konsistenz, das ein Staat 
haben muß, verhält sich proportional zu dem auf ihm lastenden 
Druck von außen. Je stärker dieser Druck, desto stärker muß 
auch der Staat sein. Aber diese Stärke erreicht der Staat nicht 
durch wenig Freiheit, sondern gerade durch viel. In der imperia- 
listischen Epoche ist der auf allen Staaten lastende Druck er- 
heblich, deshalb muß auch überall die innere Freiheit erheblich 
sein. Imperialismus und Demokratie gehören zusammen”). 

Man tat in Deutschland — entgegen der in den Ententestaaten 
allgemein verbreiteten Ansicht — absolut nichts, um die breite 
Masse für eine Weltpolitik zu gewinnen. So konnte es auch 
kommen, daß die Kräfte, die sich innerhalb der Sozialdemokratie 
für eine Beteiligung an der Weltpolitik einsetzten, immer wieder 
kläglich scheiterten. Der Ausschluß Gerhard Hildebrands auf dem 
sozialdemokratischen Parteitag von 1912 ist in aller Erinnerung. 
Deshalb war es auch töricht und verständnislos, wenn der fran- 
zösische Sozialist Prof. Charles Andler im Jahre 1912 schrieb: 
„Es gibt in Deutschland einen teutonischen, kolonialfreundlichen 
Plündersozialismus“*). In Wirklichkeit bestand höchstens ein 
Grüppchen, nicht einmal eine Gruppe weltpolitisch gerichteter 
Sozialisten. Was hätte hier eine Aufklärung über das Wesen der 
gegenwärtigen Geschichtsepoche leisten können! Aber die Ver- 
eine, die „aufklärten“, waren samt und sonders kleinbürgerlich 
und antifreiheitlich. Kolonialgesellschaft, Flottenverein, Wehr- 
verein und ähnliche Institutionen arbeiteten zwar mit einem 
gewissen Tamtam, aber drangen doch höchstens in die Mittel- 
schicht, gar nicht in das Proletariat. Dasselbe gilt vom All- 
deutschen Verband noch in erhöhtem Maße, denn seine Agitation 
hat im breiten Volke direkt abstoßend gewirkt. Offiziere, höhere 
und mittlere Beamte bildeten den Kern aller dieser Vereine. 
Die paar imperialistischen Bücher (Bernhardi und so weiter), die 
man im Ausland so gern zitierte, wurden, schon ihrer volksfremden 
Haltung wegen, in weiteren deutschen Kreisen kaum gelesen. 

Es ist darum gänzlich verkehrt, wenn die Entente Deutschland 
seinen Imperialismus zum Vorwurf macht. Den Imperialismus hat 
die ganze Welt gehabt, er ist, wie wir erkannt haben, das Signum 
der gegenwärtigen Geschichtsepoche. Jeder Staat der Gegenwart 
ist in diesen Imperialismus hineingerissen, weil er eben ein Staat 

=) Vgl. dazu die vortreffliche Schrift Hermann Onckens „Über 


die Zusammenhänge zwischen äußerer und innerer Politik“ (Leipzig 1919). 
=) Vgl. Herkner aaO. 2. Bd. S. 441. 


58 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


des zwanzigsten Jahrhunderts ist, nicht einer des achtzehnten. 
Die imperialistische Triebkraft lebt in der gegenwärtigen Welt. 
Aus ihr ist der Weltkrieg erwachsen, der nichts anderes darstellt 
als einen imperialistischen Zusammenstoß von Weltmächten — 
Höhepunkt der feudalimperialistischen Epoche. Nicht weil Deutsch- 
land zu viel, sondern weil es zu wenig Imperialismus hatte, ist es 
im Krieg unterlegen, weil sein Imperialismus stoßunkräftiger, 
haltloser war als der der Entente. 

Diesen gegebenen Weltimperialismus nennen wir objektiven 
Imperialismus. Er differenziert sich nach den Staaten, weil in 
jedem Staat natürlich andere Wachstumstriebe vorliegen. Jeder 
Staat ist ein Individuum. So unterscheiden wir einen englischen, 
einen französischen, einen amerikanischen und so weiter Imperia- 
lismus. Die geschichtlichen Vorbedingungen färben in dem be- 
treffenden Staat den objektiven Weltimperialismus. Zu solchen 
geschichtlichen Bedingungen gehören auch religiös rassenhafte 
Strömungen, wie — Hauptfall! — der Panslawismus. Der Pansla- 
wismus als solcher hat nichts mit dem Imperialismus zu tun, er 
ist vorimperialistisch, aber er bestimmt als große geistige Strömung 
die Richtung des russischen Imperialismus. Das sind die ver- 
schiedenen Imperialismen, die es gibt, Abwandlungen des einen 
einheitlichen Imperialismus, nicht aber gibt es Imperialismen des 
Sinnes, wie ihn Schumpeter meint, also gleichgelagerte weltpoliti- 
sche Strebungen in den verschiedensten Zeitaltern. 

Streng aber von diesem objektiven Imperialismus zu unter- 
scheiden ist der subjektive: der imperialistische Wille. Durch- 
glutung des Volkes mit imperialistischem Willen nennen wir sub- 
jektivenImperialismus. Je leidenschaftlicher das Volk solchen 
Willen hat, desto haltbarer ist der objektive Imperialismus der 
betreffenden Nation. Nur wo der Imperialismus nicht als Sache 
der Wenigen, sondern als Sache der Vielen gilt, ist er stoßkräftig. 
Subjektiver Imperialismus als Massenerscheinung heißt Sozial- 
imperialismus. Erste Vorbedingung des subjektiven Imperialismus 
ist, wie wir gesehen haben, Einheit von Staat und Volk. Zweite 
Vorbedingung: Verständniserweckung in den breiten Massen für 
die imperialistischen Daseinsfragen des Staates, Veranschaulichung 
des objektiven Imperialismus. Dazu gehört auch, daß die geopoli- 
tischen Grundlagen des Staates dem Verständnis nähergebracht 
worden. Die geopolitischen Grundlagen gelten für das ganze Volk, 
nicht nur für eine Klasse. Auch dies ein Beweis, daß der Imperia- 
lismus trotz seiner Herkunft vom Kapitalismus durchaus nichts 
zu tun hat mit Klassenvertretung. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 59 


Aber sogar mit dem Marxismus ist ein subjektiver Imperialismus 
zu vereinigen. Im Frühkapitalismus und selbst imentwickelten Kapita- 
lismus konnte man die Arbeit der Unternehmer unterschätzen, nicht 
aber ist dies mehr möglich in der Epoche des Überkapitalismus, 
eben im Imperialismus. Hier ist die Leitungsarbeit sehr viel 
bedeutungsvoller geworden, am bedeutungsvollsten jedoch ist hier 
die gesammelte Arbeit des ganzen Volkes. Das Genie von Marx 
hat diese Entwicklung wohl auch vorausgesehen, und es ist meines 
Erachtens darauf zurückzuführen, daß er im dritten Band seines 
„Kapital“ die Ausbeutungstheorie ganz anders formuliert hat als 
inı ersten. Nun bezeichnet er nicht mehr den Mehrwert als 
Schöpfung des einzelnen Arbeiters, sondern als Schöpfung der 
Gesamtheit. Nicht der Arbeiter also wird mehr ausgebeutet, 
sondern die Gesamtheit, da ihr der Mehrwert zufallen müßte. Diese 
neue Formulierung von Marx nimmt den Zustand der imperialisti- 
schen Epoche vorweg; so sehr hier auch die Einzelnen wichtig sind 
als Pioniere, ausschlaggebend ist die zusammengefaßte Tätigkeit 
des Volkes, der gesammelte Volkswille. In dem Kampf um Welt- 
geltung und Weltmarkt, der alle Kräfte eines Volkes heraufruft, ist 
der Einzelne bescheidener Teil des Ganzen. Das Volk als Ganzes, 
der Staat als Ganzes muß sich bewähren. 

Soll er sich aber bewähren, so braucht er — und damit kommen 
wir auf das früher Gesagte zurück — die ihm gemäße Verfassung. 
Die Verfassungsfrage ist in der imperialistischen Epoche dringender 
als jemals. Erst eine gute Verfassung garantiert subjektiven und 
damit auch haltbaren objektiven Imperialismus. Es geht nicht an, 
dies damit abzutun, daß die Verfassung ja nur Ausdruck der gesell- 
echaftlichen Schichtungen sei. Gewis ist das so richtig, wie es richtig 
ist, daß die Parteien soziale Gebilde sind. Aber wie die Parteien 
doch auch von großen Weltanschauungsideen geleitet werden, So 
wirken die Ideen einer Verfassung auf die soziale Schichtung zu- 
rück. Die imperialistische Epoche ist eine Zeit des Tempos, des 
Rhythmus. Will ein Volk erst auf gute soziale Schichtungen 
warten, so kann sein Staat inzwischen alles verloren haben. Er 
bemühe sich darum, eine volkstümlichere Verfassung zu machen, 
um damit das Volk zu kräftigen und zu spornen! Aber wie es — 
wir sahen es schon — verschiedene Abwandlungen des Imperia- 
lismus gibt je nach der Struktur der einzelnen Staaten, so kann 
man auch nicht eine Staatsform mechanisch als die günstigste 
für haltbaren Imperialismus betrachten. Ein gewisser Rationa- 
lismus oder, besser gesagt, eine bestimmte politische Willens- 
bildung ist geboten, um den Sieg der Idee durchzudrücken gegen- 


60 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


über den wirtschaftlichen Gewalten, doch bei Ausgestaltung der 
Idee zu Verfassungsbestimmungen bedarf es wieder der An- 
knüpfung an organische Gegebenheiten. Das Eine freilich läßt sich 
sagen: allzu verschieden voneinander werden die Verfassungen in 
der imperialistischen Epoche doch nicht auszusehen haben. Eine 
ziemlich einheitliche Weltstruktur fordert auch ungefähr dieselben 
Grundformen der Verfassung. Verfassungsinseln darf und kann 
es nicht geben. Überall muß sich der Volksstaat irgendwie durch- 
setzen, soll Sozialimperialismus vorhanden sein. 

Man mag das beklagen, mag von Schematisierung der Welt 
sprechen, aber wird es nicht abändern können. Die außenpoliti- 
schen Zusammenhänge dominieren in der imperialistischen Epoche 
so sehr, daß sie noch mehr als zu jeder anderen Zeit die innen- 
politische Situation bestimmen. Darüber zerfallen auch alle theo- 
retischen Auseinandersetzungen über die Unterschiede von öst- 
lichem und westlichem Staatsdenken. Es ist garnicht zu be- 
zweifeln, daß der osteuropäische Geist anders ist als der West- 
europas und daß er mit dem orientalischen viel gemein hat; es 
ist ferner nicht zu bestreiten, daß in Deutschland als dem Land 
der Mitte sich westlicher und östlicher Geist kreuzen. Die natio- 
nalen Strömungen der Gegenwart sorgen schon dafür, daß die 
Nationalgeister sich ihre Form suchen, aber in Verfassung und 
Verwaltung der modernen Staatenwelt können die geistigen 
Verschiedenheiten der Kulturvölker nur immer in filtrierter 
Weise Eingang finden: so lange Kapitalismus und Imperialismus 
das Gesicht der Welt prägen, wird die Gesamtstruktur der 
Staaten, ihr großes Verfassungsgefüge, den allgemeinen Anfor- 
derungen der Epoche unterliegen müssen. 

Hier offenbart sich der Hauptgrund, weshalb dem bolschewisti- 
schen Rußland gar nichts anderes übrigbleiben wird, als seine ein- 
seitige Klassenverfassung nach der Seite der Demokratie umzu- 
gestalten. Zunächst hat es offiziell den Kapitalismus wieder an- 
genommen, verfassungsmäßige Schritte werden folgen. Es hatte 
sich auf die \Veltrevolution vorbereitet, diese ist ausgeblieben, 
weil der Kapitalismus noch längst nicht erledigt war, und nun 
sieht es, daß es in einer hochkapitalistischen Welt nicht ohne den 
Kapitalismus existieren kann. Mit dem Panslawismus als geistiger 
Blickrichtung kommt es nicht aus, es braucht den wirklichen 
methodisch-organisatorischen Imperialismus, um mit den anderen 
Mächten zu konkurrieren, und hierzu ist ihm erst einmal die 
Fundamentierung durch den Kapitalismus und ein entsprechender 
Verfassungsbau notwendig. 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 61 


IX. Die Zukunft des Imperialismus 


Was wird die Folge des Imperialismus sein? Wird er in ab- 
sehbarer Zeit überwunden werden, und was wird an seine Stelle 
treten? 


Von einer Überwindung des Imperialismus könnte nur dann 
gesprochen werden, wenn der Kapitalismus zum Sterben reif wäre. 
Zunächst aber sehen wir nur ein immer weiteres Rasen des Kapi- 
talismus über die Erde: immer neue Länder werden mit dem 
Kapitalismus durchtränkt, vorkapitalistische Länder werden zu 
frühkapitalistischen, frühkapitalistische zu vollkapitalistischen. 
Und es muß auch erst einmal durchgeführter Weltkapitalismus 
vorhanden sein, bevor die sozialistische Wirtschaftsform, die auch 
nur. wieder in einem Weltsozialismus gipfeln kann, möglich ist. 
Der Untergang des Abendlandes ist so lange eine Fabel, als nicht 
der Untergang des Kapitalismus, der vom Abendland seinen Aus- 
gang genommen hat, bevorsteht. Der Aufstieg des Morgenlandes 
ist bis auf weiteres nur ein Aufstieg von Schornsteinen. Der 

‚iederaufbau der Welt nach dem Kriege kann deshalb wieder ` 
nur kapitalistischer Wiederaufbau sein. Vor kurzem erklärte in 
einem wissenschaftlichen Kreise zu Berlin ein anerkannter Führer 
der Unabhängigen Sozialisten: es’ gibt nur eine Alternative für die 
nächste Zukunft: kapitalistischer Wiederaufbau oder Chaos. 

Gewiß, überall sind Ansätze zum Sozialismus sichtbar. Wir er- 
kannten schon, daß kein Imperialismus ohne soziale Struktur be- 
stehen kann. Dieser Sozialimperialismus aber trägt seine innere 
Weiterbildung in sich kraft der Logik seiner eigensten Tendenzen. 
Die imperialistischen Staaten brauchen die große Masse, und sie 
richten ihre Verfassung danach ein. Es ist selbstverständlich, daß 
damit die große Masse in eine immer wirksamere Stellung gelangt. 
In Deutschland, wo durch Zusammenbruch und Revolution die reine 
Entwicklung verschoben ist, kommt dies nicht so sehr zum Aus- 
druck wie in England. Das Zwei-Parteien-System in England hat 
längst schon ausgespielt, die Arbeiterklasse ist ein nicht zu um- 
gehender Faktor geworden. Auch in Frankreich wird das sofort 
dann offenbar werden, wenn dies Land nicht mehr auf den Krücken 
der deutschen Reparationszahlungen, sondern aus eigener Kraft 
wieder Expansionspolitik betreibt. 

Ein sehr wichtiges Ergebnis gewinnen wir aus dieser Betrach- 
tung: Viel weniger durch das Medium der inneren Politik als durch 
das der auswärtigen wird der Sozialismus zur Herrschaft empor- 
wachsen. Die Daseinsbedingungen der großen Mächte werden den 


62 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


Sozialismus hervorrufen. Mit anderen Worten: der sogenannte 
internationale Sozialismus wird gerade auf spezifisch nationalem 
Wege erstehen. Ein Beweis mehr dafür, daß im Imperialismus 
neben den isolierenden Tendenzen immer gleich die staatenver- 
flechtenden erscheinen. 

Aber bleiben wir rein auf dem Boden der Demokratie, so wird 
die zunehmende Verwirklichung der Synthese von Straffung und 
Freiheit auch soziale Gerechtigkeit in der äußeren Politik zur 
Folge haben. Wird im Innern der Staaten nach dem Prinzip der 
Gleichberechtigung verfahren, so schlägt dies Prinzip auch auf die 
äußere Politik über: es wird Weltprinzip. Die Achtung vor dem 
eigenen Volk, vor jedem Angehörigen dieses Volkes wird zur 
Achtung des fremden Volkes und des fremden Staatsangehörigen. 
Eine Verflechtung auf dem Boden der Weltdemokratie beginnt. 

Deutschland, im weltpolitischen Aufstieg jählings zu Boden ge- 
schmettert und damit auf seine großen geistigen Güter zurück- 
geworfen, ist nunmehr berufen, seine geistigen Traditionen der Welt 
mitzuteilen. Es hat eine ganz eigentümliche, unvergleichliche 
Stellung: als Weltmacht natürlich kommt es überhaupt nicht mehr 
in Frage, kaum mehr als Großmacht, ebensowenig aber ist es ein 
Mittel- oder Kleinstaat. In höherem Maße noch als früher sind die 
Blicke der Welt auf Deutschland gerichtet, ja es läßt sich beinahe 
sagen, daß das Schicksal Deutschlands ungefähr mit dem Schicksal 
der Welt identifiziert wird. In Deutschland selber glaubt man das 
noch nicht so recht, man hat die Empfindung, von England und 
den Vereinigten Staaten als Nonvaleur betrachtet zu werden. Mag 
sein, daß kurz nach dem Kriege in den angelsächsischen Ländern, 
insbesondere in Nordamerika, diese Meinung bestand. Tatsache ist, 
daß sich infolge der Wirtschaftskrise die angelsächsischen An- 
sichten scharf geändert haben. Eine Fortsetzung Bismarckischer 
Machtpolitik ist bei seiner Position unter der Glasglocke für 
Deutschland nicht möglich, um so notwendiger aber ist es für das 
Deutsche Reich, sich zu einem Staatswesen von so vorbildlicher 
sozialer Gerechtigkeit auszugestalten, daß es zur Verbreitung 
sozialer Gerechtigkeit im Völkerzusammenhang Wesentliches 
beiträgt. 

Diese Verflechtung der Welt auf dem Boden der Demokratie 
wird sich aber dadurch noch weiter akzentuieren, daß die wirt- 
schaftliche und verkehrstechnische Zusammengehörigkeit des 
Staatenkomplexes in der kommerzimperialistischen Periode eben- 
falls natürlich geistige Folgen zeitigt. Wie wir in der Psychologie 
von einem psycho-physischen Parallelismus sprechen, so läßt sich 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 63 


hier reden von einem wirtschaftlich-geistigen Parallelismus. Wir 
haben jede Illusion, als ob auf dem Gebiete der Wirtschaft nur Ver- 
lechtungen seien, verscheucht, haben die ganze versteckt brutale 
Natur des Wirtschaftskampfes herausgestellt. Umso mehr müssen wir 
in diesem Zusammenhang die Verflechtungen und ihre geistige Aus- 
wirkung betonen. Hier liegt der Ursprung des bürgerlichen Pazi- 
{ismus, den man sicher nicht überschätzen darf, der aber doch mit 
seiner starken Hervorhebung der Rechtsidee die öffentliche Mei- 
nung der Welt beeinflußt. Wer sich nicht völlig der materialisti- 
schen Geschichtsauffassung verschrieben hat, wer den Wert also 
der Ideen begreift, muß auch den bürgerlichen Pazifismus aner- 
kennen. Freilich, er ist ein kapitalistisches Gebilde, er schwebt 
nicht frei in der Luft als imponierender ethischer Faktor, wie seine 
Anhänger häufig meinen, sondern er ist mit allen Wurzeln dem 
Kapitalismus verhaftet. 

Dasselbe gilt für den Völkerbund, ja man darf sogar sagen, 
daß der Völkerbund, wie er sich auf Grund des Versailler Friedens- 
‚vertrages gebildet hat, direkt imperialistisches Gepräge trägt. Seine 
Herkunft von den Siegerstaaten und sein Zuschnitt auf die Sieger- 
staaten beweist das klar. Aber noch etwas anderes deutet daraufhin: 
seine Zusammensetzung aus Staaten. Er ist kein Bund der Völker, 
sondern ein Staatenverband. Idealisten haben sich darüber aufge- 
halten und haben gemeint, daß der Völkerbund seinen Namen mit 
Unrecht trage. Ein kluger und mutiger Mann wie Graf Harry Keßler 
ist sogar noch weiter gegangen und hat eine internationale, auf dem 
Rätegedanken beruhende Arbeitsgemeinschaft als Träger des Völker- 
bundes empfohlen. Dies aber ist ideologische Konstruktion ohne 
praktischen Wert. Praktisch kommt in einer imperialistischen 
Epoche, in der sich die Völker zu straffen Staaten gruppieren, 
nur ein Staatenverband, kein Bund der Völker in Frage. Der 
Überkapitalismus, der die Welt mit einem Netz von Verkehrs- 
fäden umspannt, hat seine vollendete Ausprägung im westlichen 
Völkerbund gefunden. Nach dem feudalimperialistischen Gipfel, 
dem Krieg, betont der Kapitalismus den Kommerzstandpunkt und 
beglückt als Zeichen händlerischer Friedfertigkeit die Welt mit dem 
Völkerbund. Dies ist ohne jede Ironie gesprochen, rein als Fest- 
stellung, und soll auch den Wert des Völkerbundes absolut nicht 
antasten. Der Völkerbund ist völlig gerechtfertigt und hat seine 
Mission durchaus erfüllt, wenn er sich bemüht, überall die feudalen 
Reste aufzustöbern und zu beseitigen (Abrüstungsfrage!), und 
wenn er sich weiter Mühe gibt, den wirtschaftlichen Konkurrenz- 
kampf der Staaten nach den Regeln des fair play zu beeinflussen. 


64 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


Aus genau derselben antifeudalen und dabei kapitalistischen 
Einstellung heraus haben die Amerikaner im Kriege erklärt, sie 
beteiligten sich am Krieg, um den Krieg ein für allemal ab- 
zuschaffen. | 

Im übrigen ist der westliche Völkerbund natürlich nicht das 
letzte Wort des Völkerbundgedankens. Die großartigen Organi- 
sationen, die der Imperialismus der Welt verleiht, die pralle 
Organisation der einzelnen kapitalistischen Staaten und die organi- 
satorischen Gebilde darüber, die Weltwirtschaft und Weltverkehr 
notwendig haben, werden eines Tages zu einer Zusammengehörig- 
keit der Welt führen weit über den jetzigen Völkerbund hinaus. 
Die überstaatliche Organisation wird sich verselbständigen. Schon 
heute sehen wir — das wurde bereits angedeutet —, daB unter 
den aufwachsenden Weltgebilden die Souveränität der einzelnen 
Mächte, selbst der größten, dahinschwindet. Aber nicht genug mit 
den einzelnen überstaatlichen, übernationalen Gebilden: diese Ge- 
bilde türmen sich, die Staaten darunter straffen sich in unerhörtem 
Maße, aber über ihnen allen strafft sich — bisher den meisten Beob- 
achtern noch unsichtbar — ein neuer Körper, ein Weltkörper. Die 
moderne Staatslehre vertritt die Ansicht, daß die Souveränität 
nicht unbedingt zum Staatsbegriff gehöre. Nun wohl, immer 
weiter wird den Staaten die volle Unabhängigkeit nach außen 
schwinden, der alte souveräne Staat wird immer mehr der Ver- 
gangenheit angehören”). Man hat früher stets den starken Staat 
mit dem durchaus souveränen Staat gleichgesetzt, und es ist eine 
ganz neue Tatsache, daß eherne Konsistenz des Staates und Ver- 
lust der Souveränität gleichzeitig auftreten. 

Staatskonsistenz und Souveränitätsverlust ergibt natürlich ein 
Spannungsverhältnis. Es ist eine ähnliche Spannung, wie wir sie 
schon in der Antithese Staatsisolierung und wirtschaftliche Ver- 
flochtenheit beobachteten. Auch innerhalb des Wirtschafts- 
komplexes sahen wir eine Spannung: händlerische Friedfertig- 
keit und verfeinerter Konkurrenzkampf. Der erste Faktor ent- 
springt mehr den Gefilden des eigentlichen Handels, der zweite 
mehr denen der Industrie, der erste ist mit einer Tendenz zum 
Freihandel, der zweite mit einer zum Schutzzoll verbunden. Über- 
all in der imperialistischen Epoche äußerste Spannungsverhältnisse. 
Aber überall — höchst charakteristisch! — ein Sichabfinden mit 
den Spannungen, ein Leben in Spannungen, eine seelische Ver- 
wurzelung in den Spannungen und damit schließlich eine Lösung. 


2) Vgl. meine Abhandlung „Die Grundprobleme des Völkerbundes‘“, 
Zeitschrift für Politik, XI. Bd. S. 877 f£ 


Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 65 


So sehen wir einen angespannten Zustand der ganzen Epoche, 
ein Tempo, einen Rhythmus, der sich überall äußert und der im 
Gebiete der Kunst einen ganz neuen Ausdrucksstil geschaffen hat. 
Davon war schon die Rede. Hier sei vor allem darauf hingewiesen, 
daß diese Steigerung des Lebensrhythmus, diese Expansion des 
Lebens zu einer Steigerung des Menschen führt. Für den Kapita- 
lsmus hat das sogar die Sozialdemokratie manchmal offen zu- 
gegeben. So sagt Kautsky in seinem Buch „Die soziale Revolution“ 
(1902): „Die kapitalistische Produktion verpflanzt die Aufgabe der 
Organisierung großer Menschenmassen in die Industrie. Die 
Kapitalisten bilden bekanntlich ihre Hauptleute und Feldherren, 
und so sind denn auch alle, die sich unter ihnen auszeichnen, her- 
vorragende Organisatoren . . . So wachsen zahlreiche organi- 
satorische Talente heran, die auch ein proletarisches Regime mit 
Nutzen wird verwenden können.“ Um wieviel mehr gilt dies für 
den weltorganisatorischen Kapitalismus, den Imperialismus! 

Geistige Rechtfertigung findet eine Epoche immer nur dann, 
wenn sie den Menschen irgendwie bereichert. Es scheint zunächst, 
als ob die imperialistische Epoche bisher nur eine Depravierung des 
Menschen zur Folge gehabt hätte: überall Schmutz und Verkommen- 
heit. Aber einmal darf man die Epoche nicht verwechseln mit ihrem 
feudalen Aufzug, dem Weltkrieg und seinen unmittelbaren Konse- 
quenzen. Dann aber ist zu berücksichtigen, daß sich ein neuer 
Lebensrhythmus zunächst immer erst grob materiell geltend macht. 
Die subtileren Schwingungen ins Geistige hinein kommen erst 
später. Es kann gar nicht ausbleiben, daß die neue Dynamik des 
Daseins dem Menschen auch eine geistige Kräftesteigerung be- 
schert. Klar haben das — allerdings von rein philosophischen, 
nicht von wirtschaftlichen Grundlagen aus — in Frankreich 
Bergson, Ernest Seilliöre und René Gillouin erkannt, von denen 
der zweite auf den Schultern des ersten, der dritte auf den 
Schultern des zweiten steht. Seilliöre insbesondere hat den Berg- 
sonschen Hauptgedanken des élan vital zum Zentrum seiner 
Philosophie des Imperialismus genommen: „Etre, c’est lutter; per- 
severer dans l’ötre ou vivre, Gest vaincre. Bref, l’imperialisme 
apparait comme la qualification essentielle de Plélan vital". Der 
objektive Wert des Menschen wird durch das neue Lebenstempo 


=) La philosophie de l’imperialiame, 4 Bde., Paris 1903/08. Intro- 
duction A la philosophie de l’imperialisme. Paris 1911. Dazu Otto 
Grautoff, „Zur Psychologie Frankreichs“, Berlin 1922, und Grau- 
toff, „Literarisches Echo“ vom 1. Januar 1922 Sp. 480 ff. 


Zeitschrift für Politik. 12. 6 


66 Grabowsky, Das Wesen der imperialistischen Epoche 


erhöht werden, damit aber auch das subjektive Bewußtsein des 
Menschen von sich selber. Eine neue Epoche der Eroberung der 
Welt durch den Menschen hebt an, damit aber auch eine neue 
Epoche der religiösen Entwicklung. Der Imperialismus, ent- 
sprungen aus dem Kapitalismus, identisch mit dem Hoch- und 
Überkapitalismus, dieser mit der Bourgeoisie eng verbundene 
Imperialismus stößt die Bürgerlichkeit als ein geistig-seelisches 
Phänomen aus sich heraus, wird antibürgerlich. Der neue anti- 
bürgerliche Mensch aber schafft sich auch neues Glück. 

Erhöhter Wert des Menschen objektiv und subjektiv heißt näm- 
lich nichts anderes als Streben nach neuen sozialen Formen, die 
eine neue Epoche der Freiheit einleiten. Man kennt das berühmte 
Hegelwort (aus der Philosophie der Geschichte): „Die Weltge- 
schichte ist der Fertschritt im Bewußtsein der Freiheit.“ Es gilt 
für die Epoche des Imperialismus in eminentem Maße. Gerade 
aber durch die erhöhte Verwirklichung der menschlichen Freiheits- 
natur wird die imperialistische Epoche reif zu ihrem Ablauf. Die 
Überwindung des Imperialismus setzt ein. Der Sozialimperialismus 
wird aus einer Komponente des Imperialismus zum beherrschenden 
Prinzip des Imperialismus werden. Nach den beiden ersten Pe- 
rioden des Imperialismus, der feudalimperialistischen und der 
kommerzimperialistischen, wird die dritte Periode, die sozial- 
imperialistische, anheben. Das aber wird wieder nur Übergang 
sein zu einer neuen sozialen Gestaltung der Menschheit. 


III 
Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 


Von Georg Gothein 


Die Reparationskommission besteht darauf, daß Deutschland 
seine Finanzen derart in Ordnung bringt, daß es aus laufenden 
Steuern Barzahlungen von 720 Millionen Goldmark und für 
1450 Millionen Goldmark Sachleistungen aufbringt. Daß gleich- 
zeitig die Notenpresse still gelegt wird und Maßnahmen gegen die 
Kapitalfiucht ergriffen werden. 

Deutschland hat soeben Steuern in einer Höhe beschlossen, wie 
sie die Geschichte keines, geschweige die eines so verarmten 
Volkes kennt. Man muß sich einmal klar machen, wie das Ver- 
mögen und Einkommen bei uns weggesteuert wird. 

Einem in Form einer Aktiengesellschaft, Gesellschaft m.b.H. 
oder Berggewerkschaft betriebenen Industrie- oder Bergwerks- 
unternehmen wird von dem erzielten Gewinn durch Grund-, Ge- 
bäude- oder Gewerbesteuern '/, bis ?/,, vorweg weggesteuert. Von 
den verbleibenden 70—75 °/, des Ertrages werden 20 °/,, und von 
dem zur Verteilung bestimmten Gewinn weitere 15 °/, als Körper- 
schaftssteuer erhoben. Ehe der letztere aber an den Gesellschafter 
gelangt, wird er durch die Kapitalertragsteuer nochmals um 10 °/, 
gekürzt. - 

Damit noch nicht genug, hat das Unternehmen an Reichsver- 
mögenssteuer 3,75 vom Tausend des Vermögens abzuführen. 
Rechnet man, daß dieses Vermögen sich mit 4°/, verzinst — in 
Wirklichkeit ist die Verzinsung der Industriewerte eine ungleich 
geringere — so bedeutet dies eine Verkürzung des verteilbaren 
Gewinns von rund 9,4°/,. Insgesamt werden also durch diese 
Steuer rund 62°/, des Gewinns weggesteuert. 

Der Gesellschafter aber erfreut sich keineswegs dieses Ge- 
winnes. Denn einmal hat er davon eine von 10 bis 60°/, steigende 
Einkommensteuer und daneben noch eine Vermögenssteuer zu 
zahlen, die bei den kleinen Vermögen mit 2 vom Tausend anfängt 
und bei den Stufen über 25 Millionen Mark bis auf 3 °/, steigt. Da 
die Industriewerte sich heute durchschnittlich mit 1'/, bis 2°/, ver- 
zinsen, so ist der „glückliche“ Besitzer eines großen Vermögens 

5* 


68 Gothein, Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 


gänzlich außerstande, auch nur die Vermögenssteuer aus dessen 
Erträgnissen zu bezahlen, sondern muß fortlaufend die Substanz 
des Vermögens. angreifen. Die Vermögenssteuer darf er aber auch 
nicht einmal für die Einkommensteuer von seinem Einkommen 
absetzen, sondern hat die letztere neben ihr von seinem tatsächlich 
gar nicht mehr vorhandenen Einkommen zu zahlen. Daß danach 
jemand laufend das doppelte seines Einkommens an Vermögens- 
und Einkommensteuern bezahlt, dürfte nach Durchführung dieser 
Steuern nicht zu den Seltenheiten gehören. 

Damit aber noch nicht genug: In dem Steuerkompromiß ist 
noch eine Zwangsanleihe in Höhe von 1 Milliarde Goldmark gleich 
otwa 70 Milliarden Papiermark vorgesehen. Da sie 3 Jahr un- 
verzinslich und dann bis 1930 nur mit 2'/,°/,, später mit 4°% 
verzinslich sein soll, so dürfte sie einen Kurswert von höchstens 
30 °/, erreichen; 70°/, ihres Betrages stellen sich als weitere ein- 
malige Vermögenssteuer dar, die diese um 9/,°/, kürzen dürfte. 
Dabei will man sie auch auf die juristischen Personen, d. h. die 
Erwerbsgesellschaften, umlegen, was zur Folge haben würde, daß 
sie wie die Vermögenssteuer von den Gesellschaftern zweimal er- 
hoben würde. 

Nun verlangte die Reparationskommission, daß wir zu all diesen 
Steuern noch eine weitere Steuer auf den Besitz in Höhe von 
mindestens 60 Milliarden Papiermark legen. Sie schlägt dazu die 
von dem Staatssekretär Prof. Hirsch seinerzeit vorgeschlagene, 
von sozialistischer Seite stark propagierte Besteuerung der Sach- 
werte vor, d. h. das Reich soll an allem Sacheigentum — soweit ° 
es nicht dem unmittelbaren persönlichen Gebrauch dient — mit 
25 bis 30 °/, beteiligt werden. Bei der Gesellschaftsform wäre die 
Sache relativ einfach; man würde das Gesellschaftskapital ent- 
sprechend erhöhen und die betreffenden Aktien, Anteile oder Kuxe 
dem Reich überweisen, das in dieser Höhe am Gewinn beteiligt 
würde. Wie man das aber bei nicht vergesellschafteten Sach- 
werten, bei kaufmännischen, industriellen, landwirtschaftlichen 
. Privatbetrieben durchführen soll, ist ein ungelöstes Rätsel ge- 
blieben und dürfte es auch bleiben. 

Allein durch die Körperschafts- und die Kapitalertragssteuer 
wie durch die Vermögenssteuer ist nun der Staat schon mit weit 
mehr als ein Drittel an dem Erträgnis aller Gesellschaften be- 
teiligt. Hat doch diese Wegsteuerung auch die Folge gehabt, daß 
die Bewertung unserer Aktien himmelweit unter dem innern, in 
ihnen investierten Goldwert zurückgeblieben ist. Eingehende Be- 
rechnungen haben ergeben, daß der gegenwärtige Kurswert der 





Gothein, Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 69 


Aktien unserer besten Industriegesellschaften, Banken und Trans- 
portunternehmungen zwischen 8—15 °/, des in Gold investierten 
Kapitals ist. Bei dem Sinken der deutschen Valuta in den letzten 
Monaten bewegten sich nicht wie früher die Effektenkurse der 
„Ssachwerte‘“ in die Höhe. Angesichts der furchtbaren Wegsteue- 
rung von Gewinn und Vermögen hat das Ausland trotz der fabel- 
haft niedrigen Kurse der deutschen Werte das Interesse an ihnen 
verloren. Ein Kurs von 1000 stellt in Wirklichkeit nur einen Geld- 
kurs von 15 dar und eine Aktie muß schon 65—70°/, Dividende 
ergeben, um eine Golddividende von 1°/, zu erzielen. 

Unser ganzes Volksvermögen wird heute — meines Erachtens 
sogar wesentlich zu hoch — auf 130 Milliarden Goldmark ge- 
schätzt. Denn nicht auf den Anschaffungswert kommt es an, 
sondern auf den realisierbaren. Der aber betrug beispielsweise 
bei Hausverkäufen in Wiesbaden nur 7°/, des ursprünglichen Gold- 
werts. Auch wenn er im Durchschnitt ein gut Teil höher sein 
mag, so ist er mit ein Viertel des früheren doch gewaltig über- 
schätzt. Der landwirtschaftliche Besitz hat sich verhältnismäßig 
noch am Besten im Preise gehalten; aber auch hier bedeutet ein 
Preis von 9000 Mark pro Morgen bei einem Gut mit gutem Boden 
nur einen Goldpreis von 130—150 Mark; also auch hier in Gold 
ein riesiger Rückgang der Preise, da in diesen doch auch der Wert 
der Gebäude und des lebenden und toten Inventars mit inbe- 
griffen zu sein pflegt. 

Beispiellos gesunken ist auch der Wert der deutschen Eisen- 
bahnen, die heute eben kein werbendes Unternehmen mehr sind. 
Hoch gerechnet werden sie heut noch nicht '/, des Friedenswertes 
repräsentieren. Dabei kann unerwogen bleiben, ob sie unter 
privatwirtschaftlicher Verwaltung einen höheren Wert gewinnen 
würden. _ 

Der Gesamtkurswert aller deutschen Aktienunternehmungen 
wird heute auf 5—6 Milliarden Goldmark berechnet. Die Illusionen, 
die man sich von der Besteuerung der Sachwerte macht, werden 
durch diese Tatsache allein genügend illustriert. Schließlich muß 
man bedenken, daß das unmittelbare Gebrauchsvermögen über- 
haupt nicht realisierbar ist. 

Die Fortsteuerung der großen Einkommen macht — wenig- 
stens auf legalem Wege — die Neubildung von Kapital unmöglich. 
Ohne solche muß aber unsere Wirtschaft verknöchern und ver- 
elenden, erlahmt unsere wirtschaftliche und damit auch unsere 
finanzielle Leistungsfähigkeit. Schon die Brüsseler Finanzkonfe- 
renz erachtete das deutsche direkte Steuerwesen für derart an- 


70 Gothein, Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 


gespannt, daß sie davon eine Schwächung der deutschen Steuer- 
leistung befürchtete. Seitdem sind aber unsere direkten Steuern 
noch unendlich verschärft worden. 

Die Wegsteuerung der Substanz des Vermögens, wie sie durch 
die neuen Steuern und die Zwangsanleihe in die Wege geleitet 
ist, muß noch weit verheerender wirken. 

Wiederholt ist Deutschland der Vorwurf gemacht worden, das 
indirekte Steuerwesen nicht genügend ausgebaut zu haben. Im 
Etatsjahr 1921/22 dürfte nach den für 11 Monate vorliegenden 
Ergebnissen der Ertrag der Zölle und Verbrauchssteuern rond 
18,5 Milliarden Mark betragen, die direkten und Verkehrssteuern ` 
dagegen nahezu 62 Milliarden. Darunter befindet sich allerdings 
auch die Umsatzsteuer mit 10,3 Milliarden, die zweckmäßiger den 
Verbrauchssteuern zuzurechnen ist. Dies Verhältnis würde dann 
28,8 zu 51,7 Milliarden sein. 

Wenn nun auch zuzugeben ist, daß manche Steuern wie 
namentlich Zuckersteuer und Biersteuer im Vergleich zu diesen 
Steuern in andern Ländern bei uns relativ niedrig sind, so müssen 
sich die Steuern auf Genußmittel doch der Kaufkraft der Be- 
völkerung anpassen, wenn man nicht die Henne schlachten will, 
die die goldenen Eier legen soll. Und diese Kaufkraft ist eben bei 
uns ungeheuer zurückgegangen. Denn es kommt nicht auf die 
einiger Schieber und Steuerdrückeberger an, sondern auf die der 
breiten Schichten der Bevölkerung. 

Nun haben in dem Steuerkompromiß auch die indirekten 
Steuern und Zölle, ebenso wie die Umsatzsteuer eine namhafte 
Erhöhung erfahren. Insbesondere ist die Kohlensteuer, die kaum 
eine andere Nation kennt, auf 40°/, des Verkaufswerts an der 
Grube heraufgesetzt worden. Das bedeutet eine ungeheure Be- 
lastung der Produktion wie des Verbrauchs, und es ist zweifelhaft, 
ob wir sie auf längere Dauer überhaupt vertragen können. 

Ernsthafte in- wie ausländische Velkswirte sind zur Über- 
zeugung gekommen, das deutsche Steuersystem sei in völlig uner- 
träglicher Weise angespannt, lasse sich auch nicht durchführen, 
wenn Deutschland nicht wirtschaftlich zusammenbrechen solle. 
Die Führer des Wirtschaftslebens in Industrie, Handel und Bank- 
wesen sehen mit schwerster Sorge der Zukunft entgegen. 

Die Konferenz von Genua hat sich die Ansicht zu eigen ge- 
macht, der Stand der Valuta eines Landes sei von der inneren 
Ordnung seiner Finanzen, von der Balancierung seines Etats ab- 
hängig. Diese Auffassung ist höchst bestritten; die meisten Volks- 
wirtschaftler gehen von der Ansicht aus, die Valuta sei abhängig 


Gothein, Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 71 


von der Zahlungsbilanz eines Landes. Solange dieselbe passiv sei 
und diese Passivität auch nicht durch langfristige Anleihen, deren 
Verzinsung und Tilgung die wirtschaftliche Kraft des Landes er- 
trage, behoben sei, müsse die Valuta sinken. Die deutsche Zah- 
lungsbilanz wird durch die Reparationsverpflichtungen wie durch 
die weitgehende Verschuldung des Landes aufs Nachteiligste be- 
einflußt. Es ist eine reine Unmöglichkeit, die Reparationszahlungen 
und Sachleistungen durch die Überschüsse der Ausfuhr über die 
Einfuhr zu begleichen. Solange wir solche ohne Gegenleistungen 
ausführen müssen, wird unsere Valuta auf der schiefen Ebene 
weiter hinabrutschen. Und langfristige Auslandsanleihen sind für 
uns nicht zu haben, solange uns Reparationsleistungen zugemutet 
werden, die unsere Kraft übersteigen. Das hat uns letzten Herbst 
der Governor der Bank von England schriftlich bestätigt, hat so- 
eben das Anleihekomitee unterstrichen. 

Aber auch wenn man sich auf den Standpunkt der Genueser Kon- 
ferenz stellt, wird man zu dem Schluß kommen, daß Deutschland 
sein Budget gar nicht in Ordnung bringen kann, wenn in ihm der 
Posten „Ausführung des Friedensvertrages‘‘ mehr als zwei Drittel 
des ganzen Ausgabenetats ausmacht und wenn es sich als un- 
möglich erweist, die Steuerschraube noch schärfer anzuziehen. 
Dann bleibt eben der Regierung nichts anderes übrig, als den Fehl- 
betrag durch die Notenpresse zu decken. Tut sie das aber, so 
wächst die Noteninflation, mit ihr sinkt die Valuta. In Konsequenz 
davonerweisen sich alle Etatsansätze der Ausgaben als unzureichend 
und da die Ausgaben für die Ausführung des Friedensvertrages in 
Gold geleistet werden müssen, schwillt dieser Etatsposten — in 
Papiermark ausgedrückt — weiter mammutartig an. Das Ganze 
ist eben die Schraube ohne Ende. Die deutsche Valuta muß auf 
den Stand der österreichischen, schließlich der polnischen und 
noch tiefer sinken. 

Die Umlegung der Zwangsanleihe halte ich für technisch un- 
ausführbar, solange die Veranlagung zur Reichsvermögenssteuer 
nicht vorliegt; letzteres ist aber vor Ende 1923 kaum zu erwarten. 
Ich habe daher den Vorschlag gemacht, eine freie in Goldwert zu 
zahlende, zu verzinsende und rückzahlbare, ganz niedrig verzins- 
liche, innere Anleihe aufzulegen, die von allen Steuern: Kapital- 
ertrags-, Einkommen-, Vermögens-, Vermögenszuwachs- und Erb- 
schaftssteuer befreit wäre. Eine solche würde die massenhaft ge- 
hamsterten Noten, würde die versteckten und ins Ausland ver- 
schobenen Vermögensobjekte herausbringen. Man könnte an- 
nehmen, daß eine solche Anleihe 1—1'/, Milliarden Goldmark 


72 Gothein, Steuern, Reparationsleistungen und Valuta 


bringen würde, ohne die deutsche Wirtschaft allzuschwer zu 
schädigen. 

Wird eine solche Anleihe nur mit 2°/, verzinst, so würde ihre 
Steuerfreiheit tatsächlich eine Fiktion sein. Denn, wenn Deutsch- 
land heute eine andere freie Anleihe aufnehmen könnte, so würde 
sie im Ausland nicht unter 9—10°/, Verzinsung unterzubringen 
sein. Eine 2proz. absolut steuerfreie Anleihe würde daher in 
Wirklichkeit eine Steuer von 70—80°/, tragen. Allerdings würde 
sie die unangenehme Begleiterscheinung einer neuen Steuer- 
amnestie zur Voraussetzung haben. 

Zwangsanleihe wie steuerfreie Anleihe sind beides Mittel, die 
sich nur einmal anwenden lassen; die im nächsten Jahre ver- 
sagen; die das deutsche Vermögen wegsteuern; die den weiteren 
Sturz der Valuta wohl verlangsamen, aber nicht aufhalten können. 

Nun ist zuzugeben, daß sich Frankreich — allerdings nicht 
ohne schwere eigene Schuld — in einer Finanzkrise schwerster 
Art befindet, die sich im Fall des vollständigen Versagens der 
deutschen Reparationszahlungen zu einer Finanzkatastrophe aus- 
wachsen würde. Gelänge es, ihm eine starke Finanzbeihilfe in den 
nächsten Jahren zu verschaffen, so könnte diese Katastrophe ver- 
mieden werden. Dazu müßte Deutschland eine langfristige niedrig 
verzinsliche Goldanleihe im Ausland aufnehmen können, aus der 
die notwendigen Zahlungen an Frankreich in den nächsten Jahren 
geleistet werden könnten. Eine solche Auslandsanleihe ist aber 
hoffnungslos, solange Deutschland derart ungeheure Leistungen 
zugemutet werden, die seine Valuta wie sein Wirtschaftsleben 
ständig weiter ruinieren. Die Begrenzung der Reparationsleistungen 
auf ein niedriges erfüllbares Maß ist eben die Voraussetzung für 
eine solche Anleihe und damit auch für die Stabilisierung der 
deutschen Valuta. l 

Frankreich aber widersetzt sich dem, jagt unerfüllbaren Uto- 
pien nach, will Deutschland wirtschaftlich ruinieren, es politisch 
zertrümmern und sich die Rheinlande und das Ruhrbecken an- 
gliedern. Auch wenn ihm das gelingen sollte, würde es damit 
nicht die physische wie die wirtschaftliche Grundlage für seine 
militärische Vorherrschaft gewinnen. Aber es würde die Wirt- 
schaft Europas dem Chaos entgegenführen’). 


1) Vorstehender Aufsatz war vor der Entscheidung des Anleihe- 
Ee wie vor Einbringung des Zwangsanleihegesetzentwurfes ge- 
schrieben. 


IV 


Großbritanniens auswärtige Politik 
Von Frederik W. Wilson’) 


Allgemein wird jetzt von allen denkenden Menschen in Groß- 
britannien zugegeben, daß der Krieg ein Fehler war, der hätte ver- 
mieden werden können, und daß die Diplomatie vor dem Kriege 
falsch war. Ich glaube zwar nicht, daß der Geist, in dem das 
Britische Reich in den Krieg zog, irgend etwas Heuchlerisches 
hatte, aber ich behaupte nachdrücklich, daß der Krieg hätte ver- 
mieden werden sollen und daß das ungeheure Blutbad von 1914 
bis 1918 nicht stattgefunden hätte, wenn die Politiker ihre Auf- 
gabe verstanden und die Völker der betroffenen Länder einen 
wirklichen Einfluß auf den Gang der Ereignisse gehabt hätten. 

Es war immer eine Überlieferung der britischen Staatskunst, 
die auswärtige Politik von den durch den Parteihader entstehen- 
den Schwankungen freizuhalten. Das Auswärtige Amt wurde in 
der Hauptsache von dem ständigen Beamtenstab geleitet. Von 
allen Regierungsbeamten, die so hervorragend zur Leistungsfähig- 
keit von Whitehall beigetragen haben, verdienen keine größeres 
Lob als die des Auswärtigen Amtes. Einzig dastehend in Schulung 
und Überlieferung, befanden sich die Beamten des Außendienstes 
sprichwörtlich in einer parteilosen Ausnahmestellung und haben 
lange durch Einsicht und Tatsachensinn die britische Außenpolitik 
vor dem Kriege überwacht. Sicher ist, daß Lord Lansdowne ein 
Außenminister von ungewöhnlicher Kraft und Persönlichkeit war, 
aber sogar seine Entente mit Frankreich wurde in weitem Maße 
durch die Wünsche seines Beamtenstabes geleitet. Als Sir Edward 
Grey im Jahre 1906 sein Amt antrat, war er Erbe dieser Politik. 


1) Der als hervorragender Publizist bekannte Verfasser war lange 
Zeit Schriftleiter der „Sunday Times“ und befindet sich jetzt vorüber- 
gehend in den Vereinigten Staaten von Amerika. (Anmerkung der 
Redaktion) 





14 Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 


Indem er das Auswärtige Amt noch mit einem dichteren Schleier 
des Geheimnisses umwob, gelang es ihm, die Kritik der vorge- 
schrittenen Liberalen seiner Partei, die solche auswärtigen Ver- 
wicklungen völlig mißbilligten, von sich abzulenken. Nach außen 
hin wurde eine Politik der Freundschaft und Verständigung mit 
Deutschland gepflegt, im geheimen arbeiteten die Generalstäbe 
beider Länder — Frankreich und England — Verteidigungspläne 
aus. Für jeden Engländer war es eine ungeheure Überraschung, 
im August 1914 zu hören, daß unser Einvernehmen mit Frankreich 
so absolut ausgemacht war. Mehr als ein Verdacht regte sich, daB 
der Einmarsch in Belgien nur ein Vorwand für ein bereits arran- 
giertes Vorgehen war, und eine ganze Menge Leute meinte, daß 
der Liberalen Partei das Vertrauen des Volkes gekündigt würde, 
weil sie es in einen Kontinentalkrieg mit so schrecklichen Möglich- 
keiten verstrickte. Aber alles das gehört der Vergangenheit an, 
es ist bedauerlich, aber unabänderlich. Ich erwähne es nur, um 
zu zeigen, daß. vor dem Krieg eine beträchtliche Partei in Groß- 
britannien bestand, die gegen ein bestimmtes militärisches Bündnis 
mit irgendeiner Kontinentalmacht war und die größte Sicherheit 
ihres Landes in normalen, friedlichen Handelsbeziehungen zu aller 
Welt sah. 

Als die alliierte Diplomatie auf dem Balkan zusammenbrach 
und Lord Grey im Jahre 1916 sich zurückzog, um sein ge- 
schwächtes Augenlicht zu pflegen, trat die Diplomatie des Aus- 
wärtigen Amts in ein neues Stadium. Lloyd George war nicht der 
Mann dazu, sich bescheiden im Hintergrund zu halten und sich 
von Beamten beraten zu lassen, und nach dem Waffenstillstand 
befand sich und sogar bis zum heutigen Tage befindet sich 
daa wirklich leitende Auswärtige Amt Großbritanniens Downing 
Streot 10. Lloyd George als Premierminister begann die aus- 
wartiyo Politik mit dem Eifer und der Unwissenheit eines Neu- 
tinga cu studieren. Es war vielleicht notwendig, daß die Haupt- 
woen der Politik in den Händen des Premierministers zusammen- 
sen, aber es war wohl kaum notwendig, daß er vollständig die 
an ana Bunktionen des geschulten Beamtenstabs des Auswärtigen 
Va übernahm, Der wirkliche Staatssekretär für auswärtige 
\.pritavoheiten war nicht Lord Curzon, sondern Mr. Philip Kerr, 
E cru Abkömmling eines adligen Hauses mit einer Lieb- 
Yuan E de tisachäftigkeit. Diese Liebhaberei befriedigt er jetzt 

Aa tooa dra „Daily Chronicle“. Alle Politik wurde im 
ce tawen Street 10 gemacht, und es war nichts Un- 


KN \ vor 
u Fa daa Auswärtige Amt vollkommen ununterrichtet 


Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 75 


war über Absendung und Inhalt wichtigster Mitteilungen an die 
Gesandten. Jede neue Krisis wurde von Lloyd George und seinem 
Kreis, an dessen Spitze jetzt Sir Edward Grigg steht, mehr oppor- 
tunistisch als grundsätzlich behandelt, und es ist klar, daß die 
augenscheinlichen Widersprüche von mancherlei verwickelten Ge- 
weben schließlich ein ebenso verwickeltes und widerspruchsvolles 
Produkt hervorbringen mußten. 

. Erst wenn man dies sich vor Augen führt, versteht man die 
vielen scheinbaren Schwankungen der großbritannischen Außen- 
politik der Nachkriegszeit. Dies macht solche Unstimmigkeiten 
verständlich wie Lord Curzons Unterstützung Griechenlands, wo 
man gemunkelt hat, daß der Einfluß der Königin Alexandra aus 
dynastischen Gründen nicht genau im Einklang mit der ver- 
fassungsgemäßen Praxis stand. Dies macht auch Lloyd Georges 
deutsche Orientierung verständlich und die Versteifung in dieser 
Haltung, die unvermeidlich war, als sie von Frankreich ange- 
fochten wurde. Denn Lloyd George hat seit 1918 die gefährlichste 
aller politischen Künste geübt — er hat seinen eigenen Neigungen 
nur so weit gehorcht, als sie mit den schlecht ausgedrückten und 
schwer zu entdeckenden Wünschen der Mehrheit im Einklang 
standen. Das ist der Grund, warum Lloyd Georges Politik gleich- 
zeitig aufgeklärt und unwissend erscheint, fortschrittlich und 
reaktionär, klar umrissen und unklar, bestimmt gesetzt und 
echwankend. Er hat lange Zeit mehr für den Tag als für das Jahr 
gelebt, und seine Staatskunst drückt mit unglückseliger Treue die 
Drehungen und Wendungen seiner eigenen Ansichten aus. Erst 
seit kurzem hat er den Mut gehabt, offen hervorzutreten und den 
freiheitlichen Geist Europas gegen die mächtigen reaktionären 
Kräfte, die den Weltfrieden bedrohen, mobil zu machen. 

Lloyd George ging nach Versailles mit dem Eifer eines Meister- 
spielers im Spiel der Politik, das in ein neues Stadium trat. Seine 
Sachverständigen hatten mehr oder weniger vollständige Vor- 
schläge entworfen, die die Arbeit und Pläne ihrer verschiedenen 
Fachgebiete berührten, aber das britische Kabinett als Ganzes 
hatte keine einheitliche, klar herausgearbeitete Idee. Es bestanden 
gewisse Richtlinien, das ist wahr, aber so töricht erdachte Richt- 
linien wie selten in der Geschichte. George hatte gerade bei den 
allgemeinen Wahlen einen Sieg erfochten, bei denen er alle Oppo- 
sition durch Appell an die schlimmsten Leidenschaften des Volkes 
niedergedrückt hatte, aber er fand bald, daß für eine Friedens- 
konferenz etwas anderes erforderlich war als die papageienhafte 
Wiederholung des „Hang the Kaiser‘ (Hängt den Kaiser) oder 


76 Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 


des „Make Germany pay“ (Laßt Deutschland bezahlen). Der 
Wiederaufbau Europas wurde weder von Lloyd George noch von 
Clémenceau als eine heilige Pflicht gegen die Nachwelt betrachtet. 
Solche Redeweise wurde von dem französischen Zyniker als „Reden 
wie Jesus Christus“ bezeichnet. Das alte diplomatische Spiel 
wurde auf einer grandioseren Plattform gespielt, und der reine, 
wenn auch inkonsequente Idealismus des ehemaligen Präsidenten 
Wilson wurde in den Völkerbund beiseite gedrängt. Wilsons be- 
klagenswerte Unwissenheit in europäischen Dingen zusammen mit 
seiner kurzsichtigen Halsstarrigkeit überließ das Feld zwei der 
verschlagensten Politiker der Geschichte. Es ist nur loyal Lloyd 
George gegenüber, festzustellen, daß keiner besser seine Fehler 
erkannt hat, als er selbst es heute tut. Clémenceau hatte den 
festen Entschluß gefaßt, Deutschland zu demütigen und zu Boden 
. zu schlagen; die vierzehn Punkte waren ihm nur das Ergebnis 
eines Augenblicks der Schwäche, und allein Lloyd Georges bessere 
Instinkte verhinderten die Zerstückelung Deutschlands und die 
Schaffung neuer Elsaß-Lothringen. Schließlich aber siegte doch 
der französische Geist des Hasses, Strafbestimmungen wurden in 
den Vertrag eingesetzt und eine Rechnung wurde Deutschland 
vorgelegt, die sich, da sie die Forderung nach Bezahlung aller 
Pensionen enthielt, als ebenso töricht wie ungerecht erwies. 
Bald wurde fast der ganzen Welt klar, daß der Vertrag von 
Versailles unausführbar ist und daß seine Reparationsforderungen 
fundamental ungerecht sind. Kein anderer erkannte dies eher als 
Lloyd George, und obwohl man ihn tadeln kann, daß er nicht 
früher entsprechend handelte, darf es doch nie vergessen werden, 
daß er die ersten Schritte zur Milderung einer zerstörenden Politik 
ergriff. Von 1918 bis ungefähr Mitte des Jahres 1921 war Lloyd 
George in den Händen des konservativen Blocks, dessen Partei- 
maschine seinen Sieg in den allgemeinen Wahlen erfochten hatte 
und dessen Macht im Unterhause ihn in den Stand setzte, einen 
reaktionären Druck auf den Premierminister auszuüben, wenn 
immer er eine gemäßigtere, vernünftigere Haltung gegen Deutsch- 
land einnehmen wollte. Diese konservative Gruppe hat sich immer 
sehr der französischen militaristischen Partei genähert und:wünschte 
mit dieser Partei, Deutschland ruiniert und verkrüppelt zu sehen. 
Erst Mitte 1921 fand sich Lloyd George stark genug und im Besitz 
einer eigenen Parteimaschine, um die konservativen Reaktionäre 
abzuschütteln, seinen Willen über Irland ihnen aufzuzwingen und 
sie in eine vernünftigere Haltung Deutschland und Rußland gegen- 
über zu bringen. Heute noch hat er in der „Die-Hard“-Minorität 


Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 77 


einen Kreis Politiker, die ihn wegen dieser Probleme bis zum 
bitteren Ende bekämpfen wollen. 

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, daß Lloyd 
Georges vernünftigere Orientierung durch eine Hexenmeisterkunst 
nur dieses Mannes erzielt worden ist. Die Politik folgt heute dem 
Geschäft, und die Statistik hat mehr mit der Bildung der Politik 
zu tun als die Verkündung großer Grundsätze Die achtzehn 
Monate, die auf den Waffenstillstand folgten, brachten einen großen 
Handelsaufschwung und die Periode einer noch nie dagewesenen 
wirtschaftlichen Ausbreitung. Dieser Handelsaufschwung gründete 
sich auf falschen Optimismus und auf Unkenntnis der Geschichte, 
aber solange er dauerte, verbarg er die Verheerungen des Krieges 
und hielt das Volk in Zufriedenheit. Die wirtschaftlichen Kriegs- 
übel hatten sich noch nicht fühlbar gemacht, und die Mehrheit des 
Volkes dachte, daß die in Versailles proklamierten Grundsätze 
nicht nur für den Frieden, sondern auch für den Wohlstand er- 
gebnisreich sein würden. Aber das Jahr 1920 brachte den Anfang 
eines Handelskrachs, und er hatte das Chaos von 1921 zur Folge, 
das noch andauert. Die Arbeitslosigkeit wurde entsetzlich groß; 
der Unwillen der Arbeiter über die Differenz zwischen Löhnen 
und Kosten der Lebenshaltung wurde bedrohlich und beunruhigend, 
die Produktionskosten wuchsen ins Ungemeine, und die Fabrikanten 
standen vor großen unverkäuflichen Lagern. Die normalen Vor- 
kriegsmärkte waren verschwunden und die Kaufkraft der Welt 
sank wesentlich. Es ist berechnet worden, daß allein in Europa 
einige 350 Millionen Menschen durch den Krieg von den normalen 
Märkten ausgeschaltet wurden. Der Handel siechte dahin, und die 
unzufriedenen Fabrikanten sahen, daß in wirtschaftlicher Be- 
ziehung in einer Politik etwas nicht stimmen konnte, die sechzig 
Millionen Deutsche daran hinderte zu kaufen, wie sie es im Jahre 
1914 gewöhnt waren. 

Politisch kamen Unruhen in Indien und Ägypten hinzu und der 
Bürgerkrieg, der mit fanatischer Erbitterung in Irland tobte. Die 
Arbeiter spielten mit Generalstreik und direkter Aktion; die Libe- 
ralen sagten „Wir haben es ja immer gesagt“, und die erschreckten 
Reihen der Konservativen sahen nach einem Führer aus, der sie 
aus ihrer Sackgasse herausreißen könnte. Mit anderen Worten, sie 
blickten auf Lloyd George und erwarteten, daß er noch einmal 
sich als deus ex machina zeigen sollte. Mit seinem Instinkt für 
die Lage, seiner politischen Kraft und Unentbehrlichkeit sich be- 
wußt, ließ es Lloyd George, dessen Ansichten sich allmählich 
durch die harte Realität der Nachkriegstatsachen gewandelt hatten, 


78 Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 

darauf ankommen: innere und auswärtige Probleme vereinigend, 
schlug er seine gegenwärtige politische Linie ein, die ihren Gipfel 
in der Konferenz von Genua erreicht hat. 

Es war Mode, über Lloyd Georges wirtschaftliches Wissen sich 
lustig zu machen, aber man muß sich immer daran erinnern, daß 
er zuerst im britischen Handelsamt tätig war, wo er sich tiefe 
volkswirtschaftliche Kenntnisse erarbeitete, ohne Rücksicht auf 
irgendwelche akademischen Theorien dieser gekünstelten Wissen- 
schaft. Seine Anwesenheit bei so vielen Arbeiterdebatten hat ihm 
eine scharfe Einsicht in die praktischen Probleme verliehen, und 
seine eingeborene Gabe, Einzelnes ins Allgemeine zu erheben, hat 
ihm zu einem sehr gründlichen Verständnis der gegenwärtigen Lage 
verholfen. Er sieht ganz klar, daß die Wiederbelebung des britischen 
Handels und die Beseitigung der drohenden Arbeitslosigkeit nur 
durch die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Kraft der gegen- 
wärtig bankrotten Millionen Europas getätigt werden kann. Er hat 
jeden möglichen Weg versucht, um Frankreich erkennen zu lassen, 
daß Europa nur durch eine vernünftigere Haltung in der Repara- 
tionsfrage wieder aufgebaut werden kann, und es gehen Gerüchte, 
daß er sogar so weit gegangen ist, die Annullierung der französi- 
schen Schuld Großbritannien anzubieten, wenn Frankreich seine 
Haltung ändern würde. Er will nicht den Bankrott Deutschlands 
sehen, nur damit der französische Nationalstolz zufriedengestellt 
wird, und er sieht ein, daß nichts gewonnen wird, wenn man die 
Strafbestimmungen des Versailler Vertrages bis zum I-Punkt durch- 
führt. Seine Bemühungen um Anerkennung der Sowjetregierung 
sind in ähnlichem Geiste gehalten, und er ist nur deshalb auf 
diesem Gebiete fehlgegangen, weil die Sowjetregierung unfähig 
scheint, weiterzusehen als bis zur eigenen Nasenspitze. 

Eine solche Politik wird jetzt von der Mehrheit der denkenden 
Engländer unterstützt, und es ist verständlich, daß sie gleichzeitig 
der Gegenstand wütendster französischer Verwünschungen ist. Die 
französische Haltung Deutschland gegenüber ist von einer hoff- 
nungslosen Erbitterung, die zu absolut nichts führen kann. Jeder 
von der britischen Regierung unternommene oder vorgeschlagene 
vernünftige Schritt wird in Frankreich mit einem Wutgeheul 
aufgenommen. Lloyd George wird beargwöhnt und gefürchtet. 
Frankreich kann nicht einsehen, warum er Deutschland Wohlstand 
wünscht — — — Frankreich braucht eben das Geld. Alle die er- 
hitzten und pomphaften militaristischen Reden amüsieren den 
britischen Premierminister, denn er kennt die europäische Lage 
zu gut, um nur einen Augenblick auf den Gedanken zu kommen, 


Wilson, Großbritanniens auswärtige Politik 79 


daß Frankreich jemals wieder fähig sein wird, seine alte Vormacht- 
stellung in Europa durch militaristische Mittel zu erreichen. 

Auf der anderen Seite bin ich aber auch nicht der Meinung, 
daß Lloyd George Großbritannien zum triumphierenden Führer in 
europäischen Angelegenheiten machen will. Abgesehen von einer 
gewissen Eitelkeit, die jeder große Staatsmann besitzt, sind die 
Gründe für seine Politik wirtschaftlicher Natur. Ein wieder- 
hergestelltes Europa bedeutet eine wiederhergestellte Welt und 
eine ständige Handelsblüte für alle. Eine gemäßigte Haltung gegen 
Deutschland und eine vernünftige Stellung zu Rußland ist nicht 
nur großmütig, sondern praktisch. Von einem Bündnis mit 
Deutschland oder Rußland ist nicht die Rede — dis Öffentliche 
Meinung Großbritanniens ist dafür noch nicht reif —, aber eine 
Handelsannäherung zwischen Deutschland, Rußland und Groß- 
britannien wird kommen. Deutschland darf nie vergessen, daß 
ihm eine Probe gestellt ist, und daß, solange es Großbritannien 
mit Aufrichtigkeit, Takt und Ehrlichkeit begegnet, es gegen 
törichte militaristische Angriffe geschützt werden wird. Das Gleich- 
gewicht der Mächte in Europa ist heute in den Händen von Lloyd 
George, und das ist vielleicht die größte Anerkennung, die seiner 
Führung der auswärtigen Angelegenheiten gezollt werden kann. 


V 


Die öffentliche Meinung Frankreichs und der 
Vertrag von Versailles 


Von Charles Seignobos 
I 


Es ist immer ein kühnes Unterfangen, den Stand der öffent- 
lichen Meinung eines Landes über eine politische Frage präzisieren 
zu wollen. Aber es ist besonders schwer, selbst für einen Fran- 
zosen, genau die französische Meinung darzustellen, und vielleicht 
noch schwerer, sie einem Deutschen verständlich zu machen, so 
verschieden ist die geistige Haltung der beiden Nationen. Wenn 
es schwierig ist, den Stand der Öffentlichen Meinung festzulegen, 
so zunächst deshalb, weil es in Frankreich nicht eine einzige 
Meinung gibt, sondern mehrere Ansichten sich nicht selten ent- 
gegenstehen, entsprechend den Landesteilen, den Gesellschafts- 
klassen und besonders den politischen Parteien, und wenn man 
alle diese Differenzen beseitigt hat, so bleibt recht wenig übrig, 
das man das Recht hätte, die allgemeine oder durchschnittliche 
oder sogar die Mehrheitsmeinung der Franzosen zu nennen. Dazu 
kommt, daß wir, um diese Meinung kennen zu lernen, nur über 
sehr unsichere Quellen verfügen: die Zeitungen, das Parlament, 
die öffentlichen Äußerungen und die privaten Gespräche. 

Die Zeitungen sind Geschäftsunternehmen, die mehr daran 
arbeiten, die Öffentliche Meinung zu fabrizieren als sie wieder- 
zugeben. Die in großer Auflage erscheinenden Pariser Tages- 
zeitungen, in denen die Fremden gewohnheitsmäßig die öffentliche 
Meinung Frankreichs suchen, bringen nur die Meinung des Bürger- 
tums und der Pariser Literaten, die im Gegensatz zur Masse der 
französischen Bevölkerung Nationalisten sind; zudem haben sie 
fast gar keinen Einfluß auf die Politik. Die Provinzpresse, die 
den Geist der großen Mehrheit widerspiegelt und die die Wahlen 
bestimmt, ist demokratisch, republikanisch und pazifistisch oder 











Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 81 


wenigstens kriegsfeindlich; sie beschränkt sich aber, der radikalen 
Tradition entsprachend, auf die innere Politik und vernachlässigt 
die auswärtige, was sie dazu verführt, kritiklos die Nachrichten 
der „großen Zeitungen“ von Paris abzudrucken. 

Die Kammer gab bis zum Jahre 1919 ein ziemlich genaues Bild 
der Öffentlichen Meinung der Masse der Franzosen; die Abge- 
ordneten, die einzeln, nach dem Majoritätsprinzip, von einem 
kleinen Wahlkreis, wo man sie persönlich gut kannte, gewählt 
waren, und die brennend gern wieder gewählt werden wollten, 
stellten ihre Voten auf die Gesinnung ihrer Wähler ein und blieben 
schon deswegen dauernd mit ihnen in Verbindung. Die Wahl- 
ordnung von 1919 ist durch ein unvernünftiges Kompromiß auf 
Listenwahl, bald nach dem Mehrheits-, bald nach dem Verhältnis- 
prinzip, aufgebaut, bevorzugt die relative Majorität, das heißt eine 
Minorität, und hat dadurch eine Kammer ohne Verbindung mit 
der Wählerschaft hergestellt. Die Hälfte der Abgeordneten ist in 
dem Departement, in dem sie gewählt worden ist, unbekannt. Die 
Kammer repräsentiert also zweifellos nicht die Meinung der Volks- 
mehrheit, was daraus ersichtlich ist, daß alle anderen Wahlkörper, 
der Senat, die Conseils généraux, die Magistrate, deren Wahl- 
system unverändert geblieben ist, dasselbe Parteienverhältnis wie 
früher aufweisen, während die Kammer des „Nationalen Blocks“ 
keiner der vorhergegangenen Kammern ähnelt. 

Was die Beobachtungen betrifft, die man aus Kundgebungen 
bei Festen, Öffentlichen Versammlungen, aus Beifallsbezeugungen 
oder Schweigen des Kinopublikums, aus Äußerungen, die man 
auf der Straße hört oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln, aus 
Gesprächen mit Nachbarn, Dienstboten, Arbeitern, Bauern, Un- 
bekannten gewinnt, so weiß jeder, wie sehr dess Zeichen der 
öffentlichen Meinung vom Zufall, vom Eindruck des Augenblicks 
und von der subjektiven Auffassung dessen, der sie auffängt, 


abhängen. 
u 


Die französische Öffentliche Meinung, die schon ein Franzose : 
kaum erkennen kann, muß einem deutschen Publikum vollkommen 
dunkel sein. Wie alle Nationen des Nordens, leben die Deutschen, 
ein junges und naturnahes Volk, vorzugsweise in der Gegenwart, 
ihren direkten Eindrücken ausgeliefert; sie interessieren sich be- 
sonders für die praktischen Realitäten und die sozialen Kräfte, 
aus denen sie irgendwelchen realen Vorteil zu ziehen hoffen; auch 
sind sie durch die „Realpolitik“ und die Theorie der Gleichheit 


Zeitschrift für Politik. 13. 6 


82 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


` von „Recht und Macht“ verleitet worden; ihre Aktivität richtet 


sich besonders auf das Wirtschaftsleben. Die Franzosen, ein altes 
und mit Voraussicht begabtes Volk, leben mehr in der Vergangen- 
heit und in der Zukunft; sie bewahren lange die Erinnerung an 
vergangene Übel und sehen Sehr lange die zukünftigen Gefahren 
voraus. Sie sind nicht unempfindlich gegenüber materiellem 
Gewinn, aber nur in ihrem Privatleben klammern. sie sich an ihre 
Interessen; sie tragen ihre Sehnsucht nach dem Idealen in das 
öffentliche Leben. Deshalb interessieren sie sich viel mehr für die 
Politik als für die Wirtschaft. Ihre abstrakten und idealen Ge- 
danken richten sich nach den allgemeinen Regeln des Rechts und 
den Maximen politischer Klugheit; sie wünschen gegen alle Ge- 
fahren gesichert zu sein, für sich selbst wie für ihrə Kinder; sie 
legen Wert auf Anwendung der Gerechtigkeit und Durchführung 
der Verträge und leiden darunter, Fehler unbestraft und Ver- 
pflichtungen verletzt zu wissen. 


II 


Es darf also nicht wunder nehmen, daß die öffentliche Meinung 
in Frankreich ganz anders als in Deutschland die relative Wichtig- 
keit der verschiedenen Bestimmungen des Versailler Vertrages 
einschätzt. Die Deutschen sehen darin besonders die wirtschaft- 
lichen Hemmnisse und die finanziellen Lasten, die ihre Aktivität 
lähmen und die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleich- 
gewichts Europas verhindern. Für die Franzosen liegt das Wesent- 
liche des Vertrags in den politischen Artikeln, die ihnen Sicherheit 
gegen einen künftigen Angriff gewährleisten sollen. Es ist klar, 
daß die Franzosen, die den Vertrag schlossen, ihr Augenmerk auf 
diesen Punkt konzentriert und die wirtschaftlichen Paragraphen 
nur als Anhang behandelt haben. Die einzige wirtschaftliche Frage, 
die die Gesamtheit der öffentlichen Meinung interessiert, ist die 
der Reparationen, und sie stellt sich in der Form einer Rechts- 
frage dar; es handelt sich um Schadenersatz, die der Verursacher 
des Schadens den Beschädigten schuldet, gemäß einem juristischen 
Grundsatz, formuliert im französischen Code (Artikel 1382). 

Will der deutsche Leser eine öffentliche Meinung, die so ver- 
wirrend für seine reale Vorstellung ist, verstehen, so muß er sich 
die Gefühle vergegenwärtigen, die die Masse des französischen 
Volkes im Augenblick beherrschten, als der Vertrag geschlossen 
wurde. Das Verlangen nach Sicherung dominierte. Fünfund- 
vierzig Jahre lang hatten die Franzosen in der Erinnerung der 
deutschen Invasion von 1870 und in der Furcht vor einem neuen 


A 


Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 83 


Angriff gelebt. Die Invasion von 1914, deren Angriffscharakter 
keinem Franzosen zweifelhaft sein konnte, hat diese Furcht so 
verstärkt, daß die Sicherung gegen jeden von Deutschland 
kommenden Angriff als eine Frage von Leben oder Tod für die 
ganze Nation betrachtet wird. Die französische öffentliche 
Meinung war in dem Verlangen, auf immer gegen die Gefahr 
eines deutschen Krieges gesichert zu sein, eines Sinnes. Die 
Regierung hat nur der Öffentlichen Meinung gehorcht, wenn sie 
vor allem bestrebt war, wirksame Mittel zu finden, um jeden 
Angriff unmöglich zu machen. Die Militärs forderten, von den 
Gedanken der klassischen Strategie beherrscht, die militärische 
Rheingrenze, die Alliierten dagegen haben nur die Besetzung für 
eine bestimmte Zeit und die Neutralisierung des linken Rheinufers 
zugebilligt. — Die Konservativen, die in den Überlieferungen 
der Vergangenheit Verhaltungsmaßregeln suchten, schlugen, um 
Deutschland unschädlich zu machen, seine Zerstücklung und die 
Wiederherstellung der „deutschen Länder“ des Mittelalters vor; 
aber die Regierung hat, skeptisch gegen diese altertümlichen 
Phantastereien, nicht versucht, eine so endgültig zur Tatsache ge- 
wordene nationale Einheit zu zerstören. — Blieb als das einzige 
Mittel sicherer Wirkungskraft völlige Entwaffnung Deutschlands, 
indem man ihm nur Polizeitruppen ohne militärischen Generalstab 
ließ; das war der Vorschlag der entschlossensten pazifistischen, 
einer aufrichtigen Versöhnung der beiden Nationen geneigtesten 
französischen Gruppe, der radikal-sozialistischen; er ist verworfen 
worden, sei es aus Furcht vor dem deutschen Bolschewismus oder 
aus kollegialen Bedenken der Generalstäbe unserer Alliierten. Der 
Vertrag von Versailles hat also der französischen öffentlichen 
Meinung nicht die volle Erleichterung einer endgültigen Sicherung 
verschafft; er hat ihre Unruhe und ihr Mißtrauen nicht .beseitigt, 
sondern noch durch die Perspektive der neuen Gefahren infolge 
des dauernden Fortschritts der Kriegstechnik verdüstert. 

Die andere einstimmige Forderung der öffentlichen Meinung 
galt dem Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete. Die französische 
Öffentlichkeit hatte das Gefühl, daß den Einwohnern der besetzten 
Gebiete durch eine Mitschuld deutscher Militärs und Industriellen 
mit Vorbedacht Unrecht zugefügt worden war, um sich lästiger 
Konkurrenten zu entledigen; sie hatte den Eindruck, daß die Zer- 
störung systematisch vorgenommen worden war, und daß es un- 
moralisch sein würde, diese Handlungsweise durch Straflosigkeit 
noch zu belohnen. Wenn sich die öffentliche Meinung von ganzem 
Herzen für die Reparationen eingesetzt hat, so viel weniger aus 

6* 


84 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


rechnerischen Gründen, um die Produktionsfähigkeit Frankreichs 
zu heben, als aus dem Gefühl einer Pflicht heraus gegen die 
ungerecht geschädigten Landsleute, denen die ganze Nation 
schuldete, daß sie das ihnen Zukommende wiederbekamen. Für 
jeden Franzosen war die Rechtslage unbestritten: Die Deutschen 
haben den Schaden verursacht, die Deutschen müssen ihn wieder 
gutmachen. Als man zur Form der Wiedergutmachung kam, zur 
Berechnung der zu zahlenden Summen und zu den Mitteln, ihre 
Bezahlung durchzusetzen, war das keine Rechtsfrage mehr, nur 
eine Frage der praktischen Regelung. Die öffentliche Meinung 
interessierte sich wenig dafür, und die Regierung scheint sich 
nicht viel Mühe gegeben zu haben, um durchgreifende Mittel zur 
Verwirklichung der Zahlungen zu finden. Aber der Finanz- 
minister benutzte die öffentliche Meinung, um sich von der Ver- 
pflichtung zu befreien, das Budget ins Gleichgewicht zu bringen; 
er eröffnete auf die Reparationen einen Kredit, indem er sagte: 
„Deutschland wird zahlen“, Frankreich hatte im Jahre 1873 die 
ganze Schuld des Frankfurter Friedens beglichen, es nahm das 
Recht für sich in Anspruch, nunmehr die Schuld des Versailler 
Friedens zu fordern. 


IV 


Konnten diese Ansichten der französischen Öffentlichkeit, die 
die Handlungen der Regierung und die Kammererklärungen be- 
einflußten, in Deutschland ohne Irrtum interpretiert werden? 
Konnten die Deutschen, die sich auf den wirtschaftlichen Stand- 
punkt stellten und mit der augenblicklichen Zahlungsschwierigkeit 
beschäftigt waren, den politischen und rechtlichen Gesichtspunkt 
der Franzosen verstehen, die an künftige Sicherung und an Durch- 
führung des Rechts dachten? Es ist immer schwer für ein Volk, 
sich die Beweggründe eines anderen Volkes vorzustellen und an 
dessen guten Willen zu glauben; um so mehr als sich die Völker 
nicht durch direkte Beobachtung kennen, sondern sich nur durch 
das konventionelle Bild sehen, das von den Beobachtern früherer 
Generationen vulgarisiert worden ist. (Die Franzosen glaubten sich 
1870 vor dem Deutschland von Madame de Staël, während sie auf 
das Deutschland der Realpolitik stießen; die Deutschen sahen 
noch im zwanzigsten Jahrhundert in der demokratischen und 
pazifistischen Republik die imperialistischen und eroberungslustigen 
Franzosen des napoleonischen Zeitalters.) 

Der Mißklang war schon tief beim Abschluß des Vertrages; 
er hat sich in dem Maße verschlimmert, in dem seine Ausführung 


Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 85 


den Deutschen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten offenbar 
machte, den Franzosen aber das Ungenügende der Garantien für 
die Entwaffnung Deutschlands und die Unwirksamkeit der Wieder- 
aufbauversprechungen. Auf beiden Seiten sind der gereizte Zu: 
stand und das Mißtrauen gewachsen; jedes der beiden Völker 
beschuldigt das andere der Böswilligkeit. Der über den augen- 
blicklichen Wirtschaftszusammenbruch beunruhigte Deutsche kann 
nicht glauben, daß sich der Franzose im Ernst schwere Militär- 
lasten auferlegt, um sich gegen ein Deutschland zu verteidigen, 
das bei einem plötzlichen Angriff zweifellos ohnmächtig sein 
würde; ihm ist unklar, daß der Franzose hartnäckig darauf be- 
steht, von Deutschland Summen zu erhalten, die es im Augenblick 
außerstande ist herbeizuschaffen. Und er findet leicht eine Er- 
klärung im französischen Charakter, so wie er sich ihn nach der 
Tradition vorstellt: der Franzose ist kriegerisch und eroberungs- 
süchtig (siehe Ludwig XIV. und Napoleon!); er hat sich ruhig 
verhalten, solange er Furcht vor der deutschen Macht hatte; durch 
den Sieg wieder übermütig geworden, behauptet er die Gefahr 
eines Angriffs, um die stärkste Armee der Welt zu behalten und 
seine militärische Vorherrschaft über Europa auszudehnen, und er 
pocht auf sein Recht auf die Reparationen, um Deutschland zu 
ruinieren und es unter das Joch zu pressen und um Europa seine 
wirtschaftliche Hegemonie aufzudrängen. 


V 


So einleuchtend diese Erklärung scheint, so steht sie doch mit 
den Tatsachen im Widerspruch. Die große Masse des französi- 
schen Volkes kennt weder Streben nach Vorherrschaft noch im- 
perialistischen Ehrgeiz, noch Wunsch nach Annexionen, und es 
besteht eine Antipathie gegen den Militarismus und eine Ab- 
neigung gegen den Krieg. Generale konnten, fortgerissen durch 
die Überlieferungen der militärischen Rhetorik, in Frankreich, in 
den besetzten Gebieten, auf Propagandareisen oder Missionen in 
den alliierten Ländern, oratorische Erklärungen abgeben über die 
Siege, den Ruhm, die Macht der französischen Armee; aber in 
Frankreich haben die Generale, selbst wenn sie die berühmtesten 
Marschälle oder mit Ehrenzeichen überhäuft sind, keinen Einfluß 
auf das politische Leben; selbst die Forderungen von Marschall 
Foch nach der Notwendigkeit der Rheingrenze haben gar keinen 
Einfluß auf die Entscheidungen der verschiedenen Regierungen 
gehabt. 


86 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


Man konnte in den nationalistischen Zeitungen und in den 
Reden von Barrès Beschwörungen finden, die Zerstückelung 
` Deutschlands zu fördern und die Lostrennungsversuche der baye- 
rischen Klerikalen oder die im Rheinland durch den heftigen 
Eifer einiger Offiziere gestützten separatistischen Bestrebungen zu 
ermutigen; man kann sogar auf eine riesige Literatur über den 
keltischen Charakter und die französischen Sympathien der 
rheinischen Bevölkerung hinweisen. Aber alles das ist Literatur" 
und spiegelt nicht die öffentliche Meinung wieder. Um sich davon 
zu überzeugen, genügt es, zu sehen, welchen untergeordneten 
Platz in den Zeitungen das Rheinland, die Pfalz, das Saargebiet 
einnehmen, Gebiete, deren Annexion durch die Franzosen so viele 
Deutsche befürchten. Die französische Öffentlichkeit hat kein 
Interesse daran, das Gebiet Frankreichs zu vergrößern, besonders 
nicht durch Länder, die von Leuten bewohnt sind, welche nicht 
wünschen, Franzosen zu sein; sie denkt an keine Herrschaft über 
ein Europa, das ihr fern liegt, noch weniger an eine wirtschaft- 
liche Hegemonie, aus dem Grunde schon, weil sie sich wenig für 
wirtschaftliche Probleme interessiert. Besonders in der ersten Zeit 
nach dem Waffenstillstand erschienen überschwängliche Artikel 
über die dominierende Stellung, die Frankreich in der Eisenindu- 
strie durch den Erwerb der Bergwerke Lothringens zuteil ge- 
worden sei und über die herrliche Zukunft der französischen 
Metallindustrie; aber diese Fragen interessierten nur einen kleinen 
Kreis von Spezialisten, denn Frankreich ist kein großes Indu- 
strieland. | 

Die französische öffentliche Meinung ist weder militaristisch noch 
annexionistisch noch imperialistisch geworden; sie träumt weder 
von Landeroberungen noch von Industrieherrschaft; sie ist heute 
die gleiche wie am Tage nach dem Waffenstillstand: auf dem politi- 
schen Gebiet betreibt sie die Sicherung, auf dem rechtlichen die 
Wiedergutmachung. Aber sie hat sich auf ihre Haltung versteift 
in dem Maße, indem sie der Haltung Deutschlands bestimmte Aus- 
legungen gab. Die sehr natürliche Abneigung der Deutschen, sich 
ihres militärischen Apparats zu entledigen und sich Entbehrungen 
aufzuerlegen, um Geld in einen bodenlosen Abgrund zu werfen, 
schien ihr als eine systematisch organisierte Täuschung. Die fran- 
zösische Öffentlichkeit wußte, daß Waffen und Munition versteckt 
gehalten wurden, daß militärische Organisationen im geheimen 
weiterbestanden; sie hatte gehört, daß die Industrieunterneh- 
mungen, die alle intakt geblieben waren und nicht durch den 
Krieg gelitten hatten, ohne Stillstand arbeiteten und enorme Divi- 





Seignobos, Dieöffentl Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 87 


denden verteilten. Sie hielt Deutschland weder für waffenlos noch 
für verarmt und legte seine Klagen als Zeichen von Böswilligkeit 
aus; sie hegt weiter die Überzeugung, daß seine Entwaffnung und 
sein Ruin nur Sand in die Augen sind, daß es seine militärischen 
Kräfte verbirgt, um den Krieg vorzubereiten, und seinen Reich- 
tum, um sich vor Zahlung seiner Schuld zu drücken. 

Ich will eine Möglichkeit aufwerfen, die dem deutschen Leser 
absurd vorkommen wird, die mir aber ein bequemes Mittel scheint, 
um ihm die französische Volksstimmung verständlich zu machen. 
Nehmen wir an, daß die verfassungsmäßigen deutschen Volksver- 
tretungen die Absetzung der Hohenzollerndynastie laut verkündet, 
die Republik ausgerufen, die systematische Verwüstung Frank- 
reichs offiziell beklagt, den Opfern dieser Verheerungen ihre 
Sympathie bezeugt und die Absicht gezeigt hätten, die Wieder- 
gutmachungen auf die Schultern der Großindustriellen abzuladen, 
die durch Kundgebungen zu den Zerstörungen angereizt und die 
Annexion der besetzten Gebiete verlangt hatten; nehmen wir an, 
daß die Regierung die notorischsten Militaristen aus ihren Ämtern 
entfernt und Maßnahmen vorgeschlagen hätte, um die Macht der 
Junker zu schwächen durch Aufteilung großer Güter unter die 
Bauern (wie ınan es im tschechischen Staat getan hat); nehmen 
wir an, daß die Wähler mehr und mehr ihre Stimmen den demo- 
kratischen und pazifistischen Parteien gegeben hätten, statt daß 
von Wahl zu Wahl die beiden monarchistischen und militaristi- 
schen Parteien die Zahl ihrer Sitze wachsen sahen, — nichts vor 
alledem vermochte sich zu ereignen, aber auch die französische 
öffentliche Meinung konnte nun nicht umhin, die Haltung der 
Deutschen, so natürlich sie auch war, als Zeichen der BOswlig- 
keit zu deuten. 


VI 


Jetzt, nach drei Jahren leerer und vergeblicher Schritte, pole- 
mischer Äußerungen, Drohungen, gegenseitiger Beschuldigungen, 
Presselügen — denn es ist das Gewerbe der Zeitungen, die natio- 
nalen Leidenschaften durch „aufsehenerregende“ Enthüllungen 
aufzupeitschen —, stehen sich die beiden Völker Stirn an Stirn 
gegenüber, beide von einer Katastrophe bedroht, dunkel fühlend, 
daß diese nur durch gemeinsame Arbeit vermieden werden kann, 
aber jedes auf einem anderen Boden stehend, wo es keine Ver- 
bindung mit dem anderen zu finden vermag. 

Der Franzose will endgültige Sicherung gegen eine vielleicht 
weit entfernte, aber gewiß tödliche Gefahr, die ihm noch ernster 


88 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


geworden scheint durch das Einvernehmen zwischen der deutschen 
Regierung und den Bolschewisten, diesen Leuten, welche durch 
die Macht des Terrors Beherrscher Rußlands geworden sind; die 
Furcht vor einer geheimen Kriegsvorbereitung Deutschlands ist 
durch die Furcht vor der von deutschen Offizieren organisierten 
roten Armee gewachsen. Zu seiner Beruhigung braucht der 
Franzose die Gewißheit, daß die Deutschen nie wieder Krieg 
machen werden; um darauf rechnen zu können, daß sie keinen 
mehr führen wollen, will er sicher sein, daß sie keinen mehr 
führen können. Deshalb will er stark bewaffnet bleiben und 
Deutschland unter zuverlässiger Überwachung halten. Als die 
Mehrheit der Deputierten geneigt zu sein schien, die militärische 
Dienstzeit auf ein Jahr herabzusetzen, genügte es, daß der Minister 
die Aussicht auf militärische Verwicklungen beschwor, um eine 
sehr starke Mehrheit für den achtzehnmonatigen Dienst zu ge- 
wingen; und die Öffentliche Meinung erhob keinen Widerspruch, 
weil sie aufrichtig von der Gefahr überzeugt ist. 

Der Franzose fordert die Wiedergutmachung; er will nicht 
auf sein Recht verzichten, die Zahlung zu erhalten. Dies ist die 
Stellung des Gläubigers, ob Bürger oder Bauer, einem böswilligen 
Schuldner gegenüber, der sich ruiniert oder vorgibt, ruiniert zu 
sein, um nicht zahlen zu müssen. Der Gläubiger hat den Ein- 
druck, daß er angeführt wird, er fühlt sich verhöhnt. Das ist 
nicht mehr nur eine materielle Frage, das wird eine Frage der 
Selbstachtung; wenn sein Ehrgefühl im Spiel ist, wird der Franzose 
unzugänglich. Deshalb wird er nicht vor Gewaltanwendung zu- 
rückschrecken, wenn er glaubt, daß Gewalt das einzige Mittel 
ist, seinen Schuldner zu hindern, sich über ihn lustig zu machen. 
Er wird ins Ruhrgebiet einrücken, wie er nach Frankfurt und nach 
Düsseldorf marschiert ist, in dem Gefühl, eine Pflicht- der Justiz 
zu erfüllen; eine militärische Operation würde nicht als Eintritt 
in den Krieg empfunden werden, sie schiene eine gerichtliche Voll- 
streckung, eine Pfändung durch den Gerichtsvollzieher. Nicht nur 
der Nationale Block, auch die Mehrheit der republikanischen 
Partei würde das gutheißen und die „Intransigenz‘‘ des Präsidenten 
Poincaré würde nur der Ausdruck der allgemeinen Stimmung des 
Landes sein. Der jüngste Schritt der Vertreter der radikalsozia- 
listischen Gruppen beim Präsidenten offenbart unzweideutig den 
Stand der öffentlichen Meinung über diese Frage. Die Sozialisten 
würden aus ihrer Oppositionsstellung heraus protestieren, aber 
die in drei Teile zerspaltene Partei hat gar keinen Einfluß auf die 
Entscheidungen. 


Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 89 


Die französische öffentliche Meinung erhebt sich auf politischem 
und juristischem Gebiet; negativ ist ihre Haltung, sie ist ent- 
schlossen, einen militärischen Angriff und eine finanzielle 
Täuschung zu verhindern. Kann man sie auf das wirtschaftliche 
Gebiet ablenken und sie zur positiven Mitarbeit am Wiederaufbau 
der Produktion, des Handels, der Valutaverhältnisse gewinnen? 
Diese wirtschaftliche Aufgabe scheint Deutschland die dringendste, 
es sieht darin die Vorbedingung der politischen Wiedergeburt 
durch den Frieden und die Entwaffnung, dann werde auch die 
Reparationsfrage ins Reine kommen. Die französische Öffentlich- 
keit ist Gefahren wirtschaftlicher Natur gegenüber nicht sehr 
empfindlich. Frankreich ist ein Land der Bauern, der Handwerker, 
der Kleinbürger und Beamten; die Großindustrie und die Masse 
der proletarischen Arbeiter befinden sich an den Nord- und Ost- 
grenzen und in einigen Bergwerksbezirken. Die französischen 
Industrie-Erzeugnisse sind Luxusartikel von anerkanntem Ruf, 
deren Absatz gesichert ist, weil sie sich auf die menschliche Eitel- 
keit stützen. Die öffentliche Meinung Frankreichs interessiert sich 
aber nicht so leidenschaftlich wie die Deutschlands oder Englands 
für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts der 
Welt. Vielleicht daß sie, durch drei Jahre des Wartens hellsichtig 
gemacht, endlich verstehen wird, daß Deutschland die Reparations- 
schuld nur zahlen kann, wenn es die Möglichkeit hat, zu produ- 
zieren und zu verkaufen. Das französische Volk hat nichts da- 
gegen, daß die Deutschen reich werden, es ist in wirtschaftlichen 
Dingen nicht sehr eifersüchtig. Aber sein Mißtrauen in politi- 
schen Dingen wird jeder Versöhnung ein unüberschreitbares 
Hindernis entgegenstellen, wenn es fürchten müßte, daß der 
Reichtum Deutschland zur Wiederaufrichtung seiner Militär- 
macht dient. Einem Deutschland, das reich genug ist, seine 
Schuld zu bezahlen, aber stark genug, die Bezahlung durch 
Drohung mit dem Kriege zu verweigern, wird es ohne Zögern ein 
ruiniertes und kampfunfähiges Deutschland vorziehen; die Gefahr 
eines Bankrotts ist ihm lieber als die Gefahr einer Invasion. Man 
sagt ihm, es solle abrüsten, um seine wirtschaftlichen Lebens- 
bedingungen zu verbessern, aber es wird nicht abrüsten, ohne 
vorher seine Reparationsforderungen erhalten und seine Sicherheit 
verbürgt zu haben. Die umgekehrte Anordnung der drei Ope- 
rationen: effektive Abrüstung, endgültiger Friede, Bezahlung, 
kann vom wirtschaftlichen Standpunkt aus vernünftiger scheinen, 
sie würde der französischen Öffentlichen Sal unverständ- 
lich sein. 


90 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


Es war mir peinlich, diese Feststellungen zu machen, peinlich, 
sie darzulegen. Aber in den dreißig Jahren, in denen ich mich mit 
zeitgenössischer Geschichte befasse, bin ich zu der Überzeugung 
gekommen, daß der einzige Dienst, den der Historiker leisten 
kann, der ist, daß er die Tatsachen darstellt, wie er sie sieht. 


* 
Nachwort der Herausgeber 


Charles Seignobos, der Verfasser des vorstehenden Aufsatzes, 
ist einer der. hervorragendsten Geschichtsforscher der Gegenwart. 
Als Autor der grandiosen, für die Parteienkunde grundlegenden 
„Histoire politique de l’Europe contemporaine. Evolution des partis 
et des formes politiques 1814—1896“ (auch ins Deutsche über- 
setzt nach der fünften französischen Auflage, Leipzig 1910) ist 
er eine europäische Gelehrtenerscheinung. Auch seine „Geschichte 
der antiken Kultur bis zum zehnten Jahrhundert‘ und seine „Ein- 
führung in das geschichtliche Studium“ werden aufs Höchste ge- 
schätzt. Wir begrüßen es mit Freude, daß uns Charles Seignobos 
diesen Aufsatz zur Verfügung gestellt hat, aber wir können doch 
micht umhin, einige Worte daran zu knüpfen. 

Seignobos — und das geht aus seinen Ausführungen mit aller 
Deutlichkeit hervor — ist ein Mann durchaus versöhnlicher Natur, 
ein Mann besten Willens. Von ganzem Herzen ersehnt er eine Ver- 
ständigung zwischen Frankreich und Deutschland. Mit den 
Chauvinisten und Nationalisten seines eigenen Landes hat er 
nichts zu tun. Er bemüht sich, das deutsche Volk zu verstehen, 
und sein Aufsatz zeigt, daß es ihm in mancher Beziehung ausge- 
zeichnet geglückt ist. Um so bedauerlicher finden wir es, daß er 
doch von den Wirkungen des Friedensvertrages auf das deutsche 
Volk sich eine unzutreffende Vorstellung macht und daB er des- 
halb auch zu unseres Erachtens nicht zutreffenden allgemeinen 
Folgerungen gelangt. 

Es handelt sich bei Seignobos im wesentlichen um die politische 
Abrüstungsfrage, er lehnt es selbst ab, wirtschaftlich zu urteilen, 
und er meint auch, daß das französische Volk Gefahren wirtschaft- 
licher Natur gegenüber nicht sehr empfindlich sei. Er ist in Sorge, 
daß Deutschland seine Militärmacht wieder aufrichtet, um Frank- 
reich zu überfallen. Der Friedensvertrag habe, so erklärt er, 
Deutschland noch längst nicht genügend entwaffnet; so sei es 
Aufgabe Frankreichs, Deutschland unter zuverlässiger Über- 
wachung zu halten. Ja er geht so weit, eine wirtschaftliche Blüte 
Deutschlands geradezu zu fürchten, obwohl sie doch Frankreich 


Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 91 


hinsichtlich der Reparationszahlungen nur nützlich sein würde: 
Deutschlands Reichtum könne ihm zur Wiederaufrichtung seiner 
Militärmacht dienen — im Verhältnis zu Deutschland sei Frankreich 
die Gefahr eines Bankrotts lieber als die Gefahr einer Invasion. 

Es ist einem Deutschen schlechthin unverständlich, wie man 
die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht 
als Entwaffnung auffassen kann. Die Zahl der Truppen ist auf 
hunderttausend Mann einschließlich Offiziere beschränkt. Die all- 
gemeine Wehrpflicht ist abgeschafft. Der große Generalstab ist 
aufgelöst. Die Anzahl der erlaubten Feuerwaffen ist: genau ge- 
regelt, ebenso die Herstellung von Kriegsgerät. Ein- und Ausfuhr 
von Waffen und Kriegsgerät ist verboten. Entsprechend rigoros 
sind die Bestimmungen über die Seemacht. Luftstreitkräfte darf 
Deutschland überhaupt nicht unterhalten. Interalliierte Über- 
wachungsausschüsse mit weitgehenden Kontrollrechten sind ein- 
gerichtet. 

Nun aber bildet sich ja Frankreich ein — und diese Einbildung 
geht weit bis in die französischen Sozialisten, wovon eine Rede 
Renaudels in Berlin kürzlich Zeugnis ablegte —, daß enorm viele 

'affen in Deutschland versteckt seien und daß Kaders vorhanden 
seien, um künftige Divisionen aus dem Boden zu stampfen. Das 
ist eine maßlose Übertreibung, wie mit aller Sicherheit gesagt 
werden kann. Gewiß sind Waffen vielfach gefunden worden. 
Gewiß bestehen einzelne Freikorps in irgendwelcher illegalen 
Form weiter. Aber die heutige republikanische Regierung Deutsch- 
lands hat selbst das größte Interesse, mit solchen Verhältnissen 
aufzuräumen, weil nämlich diese Waffen und Organisationen sich 
ebensowohl gegen sie wie gegen das Ausland richten. Die deutsche 
Regierung hat in aller Ehrlichkeit nach Waffen und illegalen 
Organisationen geforscht, und sie hat auch viel Erfolg damit ge- 
habt. Geheimorganisationen bestehen in jedem Land, sie sind 
niemals ganz zu unterdrücken. Sie werden um so häufiger sein, 
je intensiver Druck ausgeübt wird, Druck, den man als ungerecht 
empfindet. Hätte Deutschland ein autokratisches Regime im Innern, 
würden alle Gegenmeinungen rücksichtslos niedergeschlagen, so 
wäre ohne Zweifel besonders hohe Neigung zu Geheimorgani- 
sationen gegen die eigene Regierung vorhanden. Die deutsche Re- 
gierung aber bemüht sich um wirkliche Demokratie, und so bricht 
sie solchen Organisationen eigentlich die Spitze ab. Existieren sie 
noch, so bestehen sie vornehmlich, weil der französische Druck 
so ungeheuer ist, und weil dies in Deutschland jeder einzelne 
Staatsangehörige vom ersten bis zum letzten empfindet. Und das 


92 Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


Vorhandensein dieses französischen Drucks erzeugt auch wieder 
die Animosität gegen die heimische Regierung. Sie treibt Er- 
füllungspolitik, sie will ehrlichen Sinnes die Reparationszahlungen 
bis an die Grenzen des Möglichen leisten, aber Frankreich erkennt 
dies alles nicht an, Frankreich verschärft den Druck, und die Folge 
muß sein Unpopularität der deutschen Erfüllungsregierung. Frank- 
reich kann doch nicht wünschen, daß in Deutschland die Chauvi- 
nisten und Nationalisten ans Ruder kommen. Aber manchmal 
scheint es beinahe so, als ob es das zum Ziel hätte, denn sonst 
würde es doch der deutschen Erfüllungsregierung das Leben nicht 
so furchtbar schwer machen. 

Bedenkt Charles Seignobos, daß man ein Volk von sechzig 
Millionen nicht an die Kette legen kann? Tut man es dennoch, so 
erwachsen Spannungsgefühle, die den Frieden allerdings unmittel- 
bar gefährden. Frankreichs Politik ist auf dem besten Wege, 
solche Spannungen gewaltsam zu erzeugen. Es handelt sich hier 
um die sehr wichtige Frage der Autorität der deutschen republi- 
kanischen Regierung. Frankreich behauptet, daß die Reichswehr 
nicht republikanisch sei, sondern den alten Gewalten anhänge. 
Der deutsche Reichswehrminister Geßler bestreitet das entschieden. 
Aber wir wollen einmal ruhig annehmen, daß ein Teil der Reichs- 
wehr nicht unbedingt republikanisch gesinnt ist. Wir wollen sogar 
so weit gehen, dies schwerer einzuschätzen als die entsprechende 
Tatsache in Frankreich, wo bekanntlich das Heer auch nicht un- 
bedingt republikanisch ist. Ja wir wollen überhaupt gar nicht 
beschönigen, daß das öffentliche Leben in Deutschland unter einer 
beklagenswerten Verwilderung leidet, wovon die politischen Morde 
der letzten Zeit, insbesondere der an dem Reichsminister Dr. Rathe- 
nau, lautes Zeugnis ablegen. Dies alles zugegeben — bei wem liegt 
die Hauptschuld für diese Zustände? Mit nachdrücklicher Be- 
tonung sagen wir: Die Hauptschuld liegt an Frankreich. Alle 
deutschen Gesetze zum Schutze der Republik werden nichts aus- 
richten, wenn nicht Frankreich seine Haltung ändert. Bei uns 
und anderswo ist nur eine starke Regierung imstande, Heer und 
öffentliches Leben von allen destruktiven Kräften zu säubern, eine 
Regierung, deren Autorität ständig unterwühlt wird, vermag solche 
Arbeit nicht zu leisten. Gerade aber Frankreich, das sich doch be- 
toiBigen müßte, eine deutsche Regierung der Erfüllung nach jeder 
Richtung hin zu unterstützen, unterwühlt durch sein Verhalten 
And das Ansehen der deutschen republikanischen Gewalten. 

tyankroeich hat doch wohl auch das höchste Interesse daran, 
Ars do innere Friede in Deutschland gewahrt bleibt. Ein revolu- 


Seignobos, Die öffentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 93 


tionäres, bolschewistisches, extrem nationalistisches Deutschland 
muß für Frankreich ein Schrecken sein. Eine Revolution mag auf 
den Nachbarn nicht überspringen, wenn der Nachbar im Augenblick 
derSieger und der andere der Besiegte ist. Ist das aber nicht der Fall, 
so bewegt sie sich ganz gewiß weiter. Bedenkt Frankreich, bedenkt 
Charles Seignobos, daß ein Heer von hunderttausend Mann zur 
Wahrung des inneren Friedens im Grunde viel zu wenig ist? Die 
lokal begrenzte Polizei kann doch zur Herstellung der Ordnung 
nur in sehr beschränktem Maße tätig sein. Seignobos ist das Wirt- 
schaftsleben in Deutschland gleichgültig, ja eine wirtschaftliche 
Blüte Deutschlands ist ihm sogar verdächtig. Nun, hat er einmal 
bedacht, daß aus Wirtschaftskrisen, aus Wirtschaftszerfall und 
Wirtschaftsnot Revolutionen zu erwachsen pflegen? Deutschland 
stehen wirtschaftlich noch schwere Zeiten bevor, seine augenblick- 
liche Blüte ist Schein, Dlusion, die sich aufbaut auf dem immer 
weiteren Fallen der Mark — Papiermarkblüte. Kommt einmal der 
Fall zum Stillstand oder wird er abgelöst durch ein Steigen, so ist 
Exportunmöglichkeit und entsetzliche Arbeitslosigkeit die Folge. 
Soll Deutschland dann der Anarchie ausgeliefert sein? 

Aber es ist ja auch auf der französischen Seite nur Schein, 
wenn Frankreich glaubt, ohne wirtschaftliche Gesichtspunkte aus- 
kommen zu können. Frankreich ist genau so verflochten in die 
Weltwirtschaft wie heute jeder Staat, ausgenommen die Neger- 
reiche im Innern Afrikas. Von Autarkie bei Frankreich kann nicht 
die Rede sein. Es ist heute sehr beachtenswerter Eisen- und Stahl- 
produzent und gebraucht für diese Industrien den Weltmarkt. 
Noch mehr gebraucht es den Weltmarkt für seine Luxusproduktion. 
Ein Sechsmillionenreich wie das österreichische Staatsfragment 
kann man schon nicht verfaulen lassen, ohne daß irgendwie der 
Weltmarkt Schaden erleidet; verfault aber ein Sechzigmillionen- 
reich, so wird selbst ein nicht so unmittelbar beteiligtes Land wie 
Frankreich aufs Schwerste getroffen. 

Frankreich wird sich doch eines Tages dem Weltglauben an- 
schließen müssen, daß eine Weltbefriedung politisch sowohl wie 
wirtschaftlich nur durch Weltorganisation erreichbar ist. Auch 
dann werden noch Differenzen zwischen den Staaten bestehen, 
weil die Staaten überhaupt zunächst bleiben werden und damit 
die Staatenkonkurrenz. Aber die schlimmsten Gefährdungen sind 
dech dann beseitigt. Zur Weltorganisation gehört nicht eine Teil- 
abrüstung, sondern eine allgemeine Abrüstung. Es muß das 
deutsche Volk aufs Tiefste empören, daß Frankreich stets von 
totaler Abrüstung Deutschlands spricht, dabei aber auch nur von 


94 Seignobos, Die öflentl. Meinung Frankreichs u. der Vertrag von Versailles 


einer Verminderung seiner eigenen Rüstung nichts hören will. 
Wie Revolutionen von einem Land aufs andere übergreifen, so 
springt auch der Militzrismus von einem Land aufs andere über. 
Herrscht in Frankreich der Militarismus, ist aber Deutschland 
sklavenhaft gefesselt, so müssen auch die alten militaristischen 
Instinkte in Deutschland wieder hochkommen, mögen sie sich nun 
nach der bolschewistischen oder nach der nationalistischen Seite 
betätigen. Eine internationale Absage an den Militarismus wird 
die Gefahr innerer Aufstände in Deutschland bis auf ein Minimum 
herabmindern. Dann würden wahrscheinlich deutsche Polizei- 
truppen allein damit fertig. Macht Frankreich ernst mit der Ab- 
rüstung, so hat Deutschland ganz gewiß nichts dagegen, seinen 
kläglichen Rest von hunderttausend Mann auch noch zu entlassen, 
den Friedensvertrag von Versailles also noch zu überbieten. Ein 
So bekannter französischer Militär wie der General Sarrail, der 
mehrjährige Oberbefehlshaber der französischen Orientarmee, ist 
in der Heeresfrage jedenfalls weit weniger ängstlich als der Zivilist 
Seignobos. Uns liegt der stenographische Bericht des National- 
kongresses der Ligue Française pour la Defense des Droits de 
’Homme et du Citoyen vom Jahre 1921 vor, der eine große Rede 
des Generals Sarrail über die demokratische Armee enthält. 
Sarrail tritt darin für eine entscheidende Verringerung des stehen- 
den französischen Heeres ein. Zehn Monate Dienstzeit hält er für 
genug, er hält es auch für genügend, wenn hunderttausend Mann 
ausgebildete und hunderttausend in der Ausbildung befindliche 
Truppen unter der Fahne sind. Das wäre, wenn auch nur ein An- 
fang, so doch immerhin ein recht beträchtlicher Anfang zur Ab- 
rüstung. Wann wird Frankreich sich dazu durchringen? 

Mithin: der Schlüssel zur gegenwärtigen Weltlage, der Schlüssel 
insbesondere zum Verhältnis Frankreich-Deutschland liegt bei 
unserem französischen Nachbarn, nicht bei uns. Wir haben die 
Freude, darauf hinweisen zu können, daß in den Beiträgen des 
früheren französischen Frontoffiziers Gouttenoire de Toury und 
des hervorragenden englischen Publizisten Frederick W. Wilson 
im gegenwärtigen Heft dieselbe Auffassung zum Ausdruck gelangt. 
Mit gleicher Freude aber erfüllt uns die wichtige Feststellung von 
Charles Seignobos, daß die Kammer des Nationalen Blocks in 
Frankreich nicht die Kammer der französischen Öffentlichen 
Meinung ist. Nicht zum wenigsten daraus schöpfen wir unsere 
Hoffnungen für die Zukunft. 











VI 
Die Schuld am Kriege’) 


Von Fernand Gouttenoire de Toury 


Die Blindesten beginnen daran zu zweifeln, daß man nach 
dem Weltkrieg die ehemaligen Kriegführenden in zwei Kategorien 
teilen könne: die geschwächten und ruinierten Besiegten und die 
starken und glücklichen Sieger. Die Erfahrung zeigt täglich mehr, 
daß, wie es Norman Angell in dem Buche „Die große Täuschung“ 
vorausgesehen hatte, wir alle geschwächt und verarmt aus dem 
Sturm hervorgegangen sind: die Sieger, die Besiegten, ja selbst 
die Neutralen. Man bemerkt — ein wenig zögernd —, daß es, um 
die Ruinen wieder aufzurichten, die die Völker in gemeinsamer 
Anstrengung während der fluchwürdigen Jahre geschaffen haben, 
keine andere Rettung gibt als wiederum die gemeinsame An- 
strengung. Während des Krieges behaupteten die Alliierten, gegen 
die deutschen Methoden der Gewalt und Brutalität zu kämpfen, 
um sie durch neue Methoden der Versöhnlichkeit und der Ge- 





') Der Verfasser, im Kriege Frontoffizier, hervorragendes Mitglied der 
Clarté und der Ligue Française pour la Défense des Droits de l’Homme 
et du Citoyen, ist Verfasser mehrerer Bücher, die in mancher Beziehung 
die Ausführungen des vorliegenden Aufsatzes ergänzen. Im Text wird 
seine kürzlich erschienene Schrift „Jaurès et le parti de la guerre“ er- 
wähnt, hier sei nochmals darauf aufmerksam gemacht. Gouttenoire de 
Toury kommt darin zu folgenden drei Schlüssen: 1. Der Vertrag von Ver- 
sailles ist, wie die Verträge aller Zeiten, ein Werk des Hasses, der Lüge und 
derGewalt. 2. Die Menschlichkeit, trotz allen schönen Versprechungen in der 
Kriegszeit heute noch gekreuzigt, kann nur in ihre Rechte wiedereingesetzt 
werden durch Liebe, Wahrheit und wirklichen Frieden. 3. Um aber — 
und das erscheint ihm die Hauptsache — Haß, Lüge und Gewalt durch 
Liebe, Wahrheit und Frieden zu verdrängen, ist es nötig, daß jeder ver- 
antwortungsbewußte Mensch unaufhörlich den Friedensvertrag von Ver- 
sailles und seine Ungerechtigkeit bekämpft, insbesondere die Art. 231 
(Sehuldparagraph) und 228. Gouttenoire de Toury ruft das Gedächtnis 
des großen Jean Jaurès herauf, daß sein Leben ein Beispiel gebe für die 
Verwirklichung dieser Forderungen. (Anmerkung der Redaktion) 


96 Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 


rechtigkeit zu ersetzen. Nachdem aber der Waffenstillstand unter- 
zeichnet war, haben sie alle diese schönen Versprechungen ver- 
gessen und sich mehr als jemals schrankenloser Gewaltanwendung 
hingegeben, würdig der schlimmsten Geschehnisse der vergange- 
nen Zeit: der Vertrag von Versailles hat die ärgsten Verträge, 
die die Geschichte kennt, übertroffen. 

Heute jedoch merkt man mehr und mehr, daß der Vertrag 
absolut unanwendbar ist. Sehen wir selbst von jedem idealisti- 
schen Gesichtspunkt ab, so müssen sogar die Männer, die mit dem 
größten Haß unter dem Namen „Ideologie Wilsons“ die Doktrin 
der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit verfolgt haben (eine Doktrin, 
die sie während des Krieges selber predigten), sogar sie müssen 
infolge der Logik der Dinge erkennen, daß die Methoden der 
brutalen Gewalt nicht zum Wiederaufbau der durch den Krieg 
erschöpften und ruinierten Welt taugen. Die Solidarität aller 
Völker drängt sich als Gesetz auf, das nicht umgangen werden 
kann, soll es der Welt gelingen, aus dem Abgrund von Elend 
herauszukommen. Alle Völker, Sieger, Besiegte und selbst Neu- 
trale, müssen sich mutig vor den aus dem Kriege entstandenen 
Trümmerhaufen stellen, um gemeinsam den Wiederaufbau zu 
betreiben. 

Diese Wahrheit,ich wiederhole es, beginnen auch die am wenigsten 
ideal Gesinnten einzusehen, diejenigen, die nach beendetem Kriege 
die großen Grundsätze, die sie proklamiert haben, zunächst leug- 
neten. Aber die Frage ist, ob diese Erkenntnis der wirtschaft- 
lichen Solidarität aller Völker genügt, um den Wiederaufbau der 
Welt zu verwirklichen. Ich für meinen Teil habe die tiefe Über- 
zeugung, daß sich vor allem die Völker geistig und moralisch 
näherkommen müssen. Die Lügen müssen zerstreut werden, dank 
denen die verantwortlichen Autoritäten, die Regierenden, durch 
Vermittlung von Universität, Schule, Presse, Literatur, sogar 
Theater Haß zwischen die unglücklichen Menschen aller Länder 
xusät haben. Die Völker müssen sich kennen lernen, sie müssen 
einander im reinen Licht der Wahrheit betrachten, und dazu 
wissen sie sich mit allen Mitteln einander nähern und in so enge 
Verbindung wie möglich treten. Deshalb versäume ich an meinem 
wrcheidonen Teil keine Gelegenheit, daran zu arbeiten, daß die 
Mityerstäindnisse fallen, daß die Lügen, die sich noch zwischen 
die bovidon großen Nationen, die deutsche und die französische, 
dungen, vernichtet werden. Deshalb habe ich, als Herr Dr. 
(anbenaky mioh liebenswürdigerweise für die „Zeitschrift für 
uhah“ um meino Mitarbeit bat, mit Begeisterung zugesagt: es 





Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 97 


scheint mir keinen besseren Weg zur Verständigung und Ver- 
söhnung zu geben als diese Mitarbeit an denselben Zeitungen und 
denselben Zeitschriften von Deutschen und Franzosen desselben 
guten Glaubens und guten Willens. 

Ich sollte im vergangenen Dezember nach Berlin reisen, um 
mich mit den deutschen Friedensfreunden zu treffen; aber da mir 
von der französischen Regierung der Paß verweigert wurde, so 
war ich verhindert, diesen Plan auszuführen. Dies ist also heute 
das erstemal seit dem Kriege, daß ich direkt mit Deutschland 
und den Deutschen Fühlung nehme. Durch Vermittlung dieses 
weißen Blattes, das ich mit meinen Schriftzügen bedecke, arbeite 
ich zum erstenmal wieder Hand in Hand mit denjenigen, die man 
während so langer Zeit uns als unversöhnliche Feinde zu be- 
trachten gelehrt hat — und dies ist ein erhabener und großer 
Augenblick. Nicht ohne starke Bewegung ergreife ich die Feder. 

Ich gehöre in der Tat nicht zu den Männern, die zu der Idee 
der Solidarität der Völker nur unter dem Zwang der materiellen 
Notwendigkeit gekommen sind, nachdem sie die während des 
Krieges feierlich aufgestellten Grundsätze geleugnet haben. Ganz 
im Gegenteil, ich habe immer an die Freiheit, an die Gerechtigkeit, 
an den Frieden geglaubt, und wenn ich irgendwelchen Enthu- 
siasmus im Monat August 1914 und sogar später gehabt habe, 
so nur deshalb, weil ich ganz ehrlich davon überzeugt war, daß 
dieser Krieg eine Art Kreuzzug sei für die großen Ideale, die zu 
allen Zeiten von der leidenden Menschheit gepriesen worden sind. 
Ich habe, unter dem Eindruck der brutalsten Form des deutschen 
Militarismus, geglaubt, daß dieser Militarismus der gefährlichste 
der Welt sei und daß, wenn die Regierung des Kaisers im -Kriege 
niedergeschlagen würde, die verbündeten Regierungen den Völkern 
den gerechten Frieden geben würden, den sie so oft versprochen 
hatten; ich zog in den Krieg gegen die kaiserliche Regierung, die 
umgeben war von pangermanistisch infizierten Cliquen von Militärs, 
Junkern, Industriellen, Intellektuellen und sogar Bürgern. Aber 
ich kann mir diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich 
keinen Augenblick weder den geringsten Haß noch die geringste 
Antipathie gegen das deutsche Volk gehabt habe. Wie hätte ich 
dies auch gekonnt, da ich Deutsche wie Engländer, Österreicher, 
Russen und so weiter gekannt hatte und wußte, daß es alles arme 
Menschen sind, die sich ähneln in ihren guten Eigenschaften und 
ihren Fehlern, Menschen, die zwar nicht überall dieselben sind, 
aber die überall mehr Grund geben zu Mitleid als zu Tadel oder 
Haß? Wie könnte zudem ein Mann mittlerer Intelligenz und guten 

Zeitschrift für Politik. 13. 7 


98 Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 


Glaubens im Ernst sagen, daß die einen der Kriegführenden den 
Frieden wollten, die anderen den Krieg? War es nicht augen- 
scheinlich, daß alle Soldaten, Deutsche wie Franzosen, Öster- 
reicher wie Russen, Türken wie Engländer an die Grenze marschiert 
sind, ohne für sich selber etwas anderes damit zu gewinnen als 
Verwundungen, Krankheiten oder den Tod? Und hatten die zurück- 
gebliebenen Familien nicht auf allen Seiten den einzigen Wunsch: 
daß der Krieg, dessen Ausbruch sie nie hätten erleben wollen, 
sobald wie möglich aufhörte? Davon bekam ich schon in ‚den 
ersten Tagen des Krieges einen sicheren Beweis. 

Als Verbindungsoffizier der britischen Kavallerie zugeteilt, 
nahm ich mit ihr Ende August 1914 an dem bekannten schmerz- 
lichen Rückzug teil, der uns in einer Woche von der Umgebung 
von Mons bis zur Marne führte. Als wir den Wald von Erme- 
nouville, einige Kilometer von Paris, durchquerten, fanden die 
mich begleitenden Leute in den Sätteltaschen von toten Ulanen- 
pferden Briefe, die sie mir gaben, da sie wußten, daß ich deutsch 
sprach. Es waren Briefe deutscher Frauen an ihre Söhne, ihre 
Brüder, ihre Gatten. Alle beklagten sich — Ende August 1914! — 
über die Länge und die Schrecken des Krieges und verlangten 
sein sofortiges Ende. Ich werde nie die Bewegung vergessen, die 
mich vor dieser Bestätigung einer in mir wohnenden Gewißheit 
ergriff. Niemals, in keinem Augenblick des Krieges, habe ich auf- 
gehört, in meine Sympathie und mein Mitgefühl alle Kämpfenden 
einzuschließen, was auch immer ihr Vaterland oder ihre Fahne war. 

Im übrigen wissen alle, die den Krieg in den Schützengräben 
mitgemacht haben, sehr gut, daß man keineswegs dort den be- 
rühmten Feindeshaß finden konnte: man wußte in den Gräben zu 
gut, daß der „Feind“ ein armer Teufel war, genau so wie wir ver- 
graben in einem feuchten und dunklen Loch, unter Regen oder 
Schnee wie wir, unter einer Kanonade wie wir, und daß er wie wir 
Kälte, Hunger, Müdigkeit litt und Angst vor dem ständig über 
unseren Häuptern schwebenden Tode. 

Nein! Der Feindeshaß existierte nicht im Schützengraben, und 
ich hatte davon oft genug Beweise in den schrecklichen Gräben 
des Plateaus Notre Dame de Lorette, wo wir häufig so nahe am 
„Feind“ waren, daß ich der Versuchung nicht widerstand, die 
alten deutschen Weisen zu summen, die von den kleinen Posten 
uns gegenüber emporflatterten, und die ich wiedererkannte, da ich 
sie früher auf den Knien meines deutschen Kindermädchens ge- 
lernt hatte: „Ich hatt’ einen Kameraden, einen beßren findst du 
nit...“ 





Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 99 


Die letzte von mir im Schützengraben verlebte Nacht, die vom 
27. zum 28. September 1915, Abschnitt 119, auf den Abhängen von 
Vemy, verbrachte ich plaudernd mit einem deutschen Gefangenen. 
Er war mir bei Einbruch der Nacht mit einer schrecklichen Wunde 
von unseren Leuten zugeführt worden — zerschmetterten Schen- 
kel, wie ich ihn selbst am nächsten Tage haben sollte —, und ich 
hatte niemand, um ihn hinter die Front zu transportieren, da ich 
nicht einmal unsere eigenen Verwundeten entfernen konnte. Es 
war ein ganz junger Mensch von neunzehn Jahren, der mir von 
seinem Dorf und von seiner Familie erzählte und der — ich bitte 
es zu glauben — weder Sympathie für den Imperialismus noch für 
den Militarismus an den Tag legte. Wir pflegten ihn so gut wir 
konnten — es war leider nicht sehr gut! —, und unsere Leute 
teilten mit ihm die Reste von Nahrung und Tabak, die sie auf dem 
Grunde ihrer Tornister finden konnten (seit vier Tagen waren wir 
nicht verproviantiert worden). 

Nein: Der Haß war nicht in den Herzen der Kämpfenden, 
sondern im Munde derjenigen, die bequem lebend und sehr weit 
entfernt von der Front, die Soldaten mit der Feder, mit der Stimme 
und mit großartiger Miene anfeuerten nach Lektüre der offiziellen 
Kriegsberichte, in denen alle Generalstäbe sich einhellig Mühe 
gaben, die schreckliche Wahrheit unter den schreienden Farben 
einschläfernder Lüge zu verstecken. 

Und wenn heute die Mißverständnisse zwischen den Völkern 
fortbestehen, wenn die Schwierigkeiten, die Leiden, die aus dem 
Kriege entstandenen Trümmer sich unterfangen, den Haß wieder 
zu erwecken, den Haß selbst unter den früheren Kämpfern, die 
sich in den Schützengräben als Menschen, ganz und gar einer wie 
der andere, erkannt hatten, wenn dieser wiedererwachte Haß uns 
von neuem früher oder später dorthin führen wird, wohin wir ge- 
gangen sind, das heißt in den blutigen Krieg, so nur deshalb, weil 
man von neuem die Lüge verbreitet und pflegt. 

In der ersten Reihe dieser Lügen steht die berühmte Frage 
nach der Schuld am Kriege. 

Nach beendigtem Kriege fanden sich die Kriegführenden vor 
einem ungeheuren Trümmerhaufen, der zweiundfünfzig Monate 
lang von einer Welt aufgehäuft war, die nur an Zerstörung und 
Gemetzel gedacht hatte. Es handelte sich darum, diese Ruinen 
wieder aufzurichten, das wieder aufzubauen, was vernichtet 
worden war. Jeder der Kriegführenden — und ich bin gewiß, die 
Neutralen würden Hilfe geleistet haben — hätte soviel Eifer der 
positiven Wiederaufbauarbeit widmen müssen, wie er der nega- 

Ch 


100 Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 


tiven Zerstörungsarbeit geschenkt hatte. Jeder hätte mit allen 
Kräften, mit allen materiellen und geistigen Mitteln daran arbeiten 
müssen: Deutschland, dessen Boden, Bergwerke, Fabriken wenig 
von der Katastrophe berührt worden waren, dessen Produktions- 
und Arbeitskraft beträchtlich blieb, hätte ganz natürlicherweise zu 
einem erheblichen Teil zum Wiederaufbau besonders der verelen- 
deten Gebiete Frankreichs und Belgiens, die so lange von seinen 
Armeen verheert worden waren, beitragen müssen. 

Es war also gerecht, wenn der Vertrag Deutschland eine 
wichtige Rolle in der Wiedergutmachung der enormen durch den 
Krieg verursachten Schäden auferlegte, und ich glaube, daß mit 
Ausnahme der Chauvinisten und Pangermanisten, deren Geistes- 
verfassung soviel Schuld hat an der deutschen Katastrophe, kein 
Deutscher sich gegen so gerechte Bestimmungen des Vertrages er- 
hoben hätte. 

Warum mußten die alliierten Regierungen in ihrer Heuchelei 
vorgeben, daB die Verpflichtung Deutschlands zur Wiedergut- 
machung auf einer moralischen Pflicht begründet sei, die her- 
rühre aus einer einseitigen Schuld am Ausbruch des Krieges? 

Diese verbrecherischen Regierungen, die Unzufriedenheit und 
Aufstand ihrer durch den Krieg erschöpften und ruinierten Völker 
fürchteten, vielleicht noch die törichte Illusion nährten, daß es ge- 
lingen würde, alle Kriegskosten durch den besiegten Feind be- 
zahlen zu lassen, entschlossen sich wahrscheinlich deshalb, den 
gewalttätigen Bestimmungen des Vertrages die Form eines Wieder- 
gutmachungsurteils zu geben, um den Vorwurf zu vermeiden, 
wieder eins der brutalen Gewaltmittel anzuwenden, die sie während 
des Krieges zu bekämpfen behauptet hatten. Solange es nur ging, 
wollten sie doch als Matadore des Rechts erscheinen! 

Das Unglück ist, daß es kein wirkliches Urteil gab. Die Ver- 
urteilung Deutschlands wurde ohne Untersuchung, ohne Zeugen, 
ohne Öffnung der Archive und Dokumente vollzogen. Die deut- 
schen Bevollmächtigten, die wußten, daß die Frage nach der 
Schuld am Kriege erhoben werden würde, waren mit einem Akten- 
stoß nach Versailles gekommen in der Absicht, ihre Sache zu ver- 
treten, wie es bei allen Prozessen üblich ist, aber es wurde ihnen 
untersagt, diesen Aktenstoß zu Öffnen: die Verurteilung war im 
voraus erfolgt! 

Unter der Drohung der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten, 
als Deutschland seine Waffen abgegeben hatte, als die verbündeten 
Heere den Rhein besetzt hatten, waren die deutschen Bevollmäch- 
tigten gezwungen, den Artikel 231 des Vertrages zu unterzeichnen, 


Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 101 


in dem die Alleinschuld Deutschlands und seiner Verbündeten 
am Kriegsausbruch zugegeben wird. 

Indem die Vertragsunterhändler dem besiegten und entwaffne- 
ten Feinde die Bosheit des Artikels 231, das Geständnis der Schuld 
am Kriege, auferlegten, haben sie an Ungerechtigkeit und Gewalt 
die Verträge aller Zeiten übertroffen: jene bedrückten den Be- 
siegten mit materieller Gewalt, aber sie brachen nicht in das un- 
verletzliche Gebiet des Gewissens ein. 

Ja, wahrhaftig, die Auferlegung dieses Art. 231 muß zu den 
größten Verbrechen aller Zeiten gezählt werden, und man fragt 
sich, wie Präsident Wilson sich entschließen konnte, hierzu seine 
Unterschrift zu geben. Wahrscheinlich war er von dem Wunsch 
hypnotisiert, sobald wie möglich seinen großen Gedanken, den 
Völkerbund, zu verwirklichen, und um dazu zu kommen, machte 
er Clémenceau, Lloyd George und Orlando alle Konzessionen, die 
diese ihm zu entreißen entschlossen waren. 

Aber abgesehen von allen moralischen Gesichtspunkten war 
dieser Art. 231 noch der Vernunft und dem gesunden Menschen- 
verstand absolut entgegen. Den Deutschen zu sagen: Ihr müßt 
wieder gutmachen, ihr müßt bezahlen, weil ihr schuldig seid — 
ohne diese Schuld erwiesen zu haben, die zudem niemals die der 
Völker hätte sein können, sondern nur die der Regierungen —, 
das war, wie man einräumen muß, ein sonderbares Mittel, das 
deutsche Volk für die ihm nicht zu ersparenden Opfer geneigt 
zu machen. Das hat der hervorragende Nationalökonom Charles 
Gide im Vorwort zu meinem soeben erschienenen Buche „Jaurès et 
le parti de la guerre“ („Jaures und die Kriegspartei“, Paris, 
F. Rieder & Co.) ausgezeichnet formuliert: „Der Artikel 231 
läßt das Vorgehen des Mittelalters wieder aufleben, das zur Ver- 
urteilung des Schuldigen verlangte, daß ihm das Geständnis vor- 
her abgepreßt worden sei, und, indem die Verpflichtung zur Wieder- 
gutmachung an dieses Geständnis geknüpft wird, das Deutsch- 
land selber für eine ihm aufgedrängte Lüge hält, wird für Deutsch- 
land die Tilgung seiner Schuld zur Unehre. Für die Wiedergut- 
machung der Schäden reichte die zivile Haftbarkeit aus, sie würde 
auch nicht bestritten werden. Sagt man aber Deutschland, daß 
jede Zahlung eine Bestätigung seiner Schuld bedeutet, liefert man 
ihm damit nicht einen guten Vorwand, sich ihr überhaupt zu ent- 
ziehen?‘“ , 2 

Diese Frage nach der Schuld am Kriege ist also vom Ge- 
sichtspunkt der Gerechtigkeit enorm wichtig: da Bie ge- 
stellt worden ist, muß sie beantwortet werden, und ein inter- 





102 Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 


nationaler Gerichtshof muß so schnell wie möglich berufen werden, 
um nach einer ausgiebigen Öffentlichen unparteiischen Unter- 
suchung, in der alle Teile gehört und alle notwendigen Zeugen 
sowie alle weitgeöffneten Archive herangezogen werden, ein Urteil 
zu fällen. 

Aber diese Frage ist vom Standpunkt des Weltfriedens 
nicht weniger wichtig, denn, solange hier keine Gerechtigkeit geübt 
wird, bleibt das Problem der Kriegsschuld der schlimmste Brand- 
herd zwischen den Nationen, ein fortwährender Faktor der Un- 
einigkeit. 

Solange in Frankreich die Macher des Vertrags von Versailles, - 
der nationale Block und ein großer von der Presse getäuschter 
Volksteil, fortfahren, auf Deutschland und seine Verbündeten alle 
Schuld am Kriege zu schieben, solange rufen in Deutschland die 
Alldeutschen, die Reaktionäre und ebenfalls ein großer Volksteil 
die -absolute Unschuld Deutschlands aus und die Schuld der 
Entente. Auf einer Seite wie auf der anderen wird diese Anklage 
als eins der besten Argumente von denen gebraucht, die den Haß 
predigen und die Völker gegeneinander auch weiter aufhetzen 
wollen, um sie bei erster Gelegenheit von neuem in den Krieg 
zu schleifen. 

Diese Frage der Schuld am Kriege ist also in der Tat der ge- 
fährlichste Zündstoff. Das haben die Männer guten Willens in 
allen Ländern erkannt. Diese wissen wohl, daß die Schuld am 
Kriege alle kapitalistischen Regierungen trifft, die, in den Händen 
mächtiger Finanzkonzerne, sich um die Reichtümer der Welt in 
den Haaren lagen und ständig diplomatische und bewaffnete Kon- 
flikte vorbereiteten. Die bis heute bekannt gewordenen Doku- 
mente beweisen das schon zur Genüge. 

Ebenso wie in den Ententeländern Männer sich erhoben haben, 
um die Schuld ihrer Regierungen zu bejahen, haben in Deutsch- 
land bereits seit Kriegsbeginn mutige Leute den Imperialismus 
und Militarismus der deutschen Vorkriegsregierung angeklagt, der 
sicher außerordentlich brutal und gefährlich gewesen ist. Aber 
das Unglück hat es gewollt, daß einige das Maß überschritten 
haben und zu Übertreibungen gelangt sind, die genau so gegen 
das Ziel der Wahrheit und Versöhnung gehen wie die Äußerungen 
der Chauvinisten hüben und drüben. In Frankreich und besonders 
in Deutschland sind Einzelne und gewisse Organisationen, in ihrem 
Abscheu und ihrer Empörung gegen die Brutalität und Heuchelei 
ihrer eigenen Regierungen, so weit gegangen, diese mit aller Ver- 
antwortung am Kriegsausbruch zu belasten. Die einen wälzen 


Gouttenoire de Toury, Die Schuld am Kriege 103 


alle Verantwortung auf die Entente, die anderen, im Gegensatz 
dazu, sehen nur die Schuld der Zentralmächte. Ich brauche nicht 
die Gefahr solcher Übertreibungen hervorzuheben. 

Indem sie der historischen Wahrheit und Wahrscheinlichkeit 
so kraß entgegengesetzte Thesen vertreten, haben diese Männer 
guten Glaubens und guten Willens, von ihrer Leidenschaft für 
Wahrheit und Gerechtigkeit mitgerissen und: verwirrt, nicht die 
Fähigkeit, die Augen aller der Unseligen zu Öffnen, die noch durch 
die alten Lügen der Nationalisten und Chauvinisten vergiftet sind. 
Noch mehr, sie spielen in der Absicht, den Imperialismus bei sich 
zu bekämpfen und zu zerstören, das Spiel der Imperialisten und 
Militaristen des anderen Landes. Die Deutschen, die alle Ver- 
antwortung auf die Regierungen der Zentralmächte abwälzen, 
betreiben, ob sie es wollen oder nicht, das Geschäft der Entente- 
imperialisteen. Und ebenso machen die Franzosen und die Eng- 
länder (es gibt deren weniger), die ausschließlich die Entente- 
regierungen anklagen, das Geschäft der Imperialisten jenseits des 
Rheins. 

Das ist für meinen Begriff eine außerordentlich ernste Gefahr, 
auf die nicht genug hingewiesen werden kann, denn alle Im- 
perialismen sind solidarisch und sie alle zusammen muß man an- 
greifen und niederschlagen. 

Mit Absicht wollte ich keinen Namen nennen, weder einer 
Persönlichkeit, noch einer Gruppe, denn ich bin sicher, daß mich 
jeder verstehen und wissen wird, wen ich meine — angefangen 
mit denen, auf die ich direkt anspiele. 

Zum Schlusse, da ich das große Glück habe, mich an Deutsche 
zu wenden, fordere ich sie auf, wie ich es auch bei meinen Mit- 
bürgern tue, ernstlich über diese Fragen nachzudenken. Es gibt 
weder ernstere, noch wichtigere Probleme für die Zukunft der 
Menschheit — die Zukunft Frankreichs und Deutschlands im 
besonderen. | 


Chronik der Gebietsverschiebungen infolge 
der Friedensverträge 


I 
Der deutsche Westen 


Von Wolfgang Scheidewin 


Als nach viereinhalbjährigem heroischen Widerstand gegen feind- 
liche Übermacht die Kraft des deutschen Volkes erschöpft war, ver- 
suchten seine zielbewußten Gegner, nicht nur alle deutschen Weltherr- 
schaftsträume für ewig auszulöschen, sondern auch den vom deutschen 
Staat umfaßten Bestand deutschen Volkstums nach Möglichkeit zu 
schmälern. Zwei Möglichkeiten der nationalen Selbstbehauptung wären 
wohl noch im November 1918 möglich gewesen. Wenn der Träger der 
deutschen monarchischen Gewalt das Schicksal eines Leonidas gewagt 
und gefunden hätte, wäre vielleicht Deutschlands Achtung und Welt- 
geltung gewahrt geblieben. Die zweite Möglichkeit nationaler Selbst- 
behauptung lag in der nationalen Aktivierung derjenigen Volksschichten, 
welche den Sturz der Monarchie und die Gestaltung der neuen deutschen 
Republik trugen. Auf diese Weise hat sich Rußland trotz aller inneren 
Krisen vor Aufteilung und Überfremdung gerettet. Die Träger der 
deutschen Revolution negierten die harten Wirklichkeiten der rivali- 
sierenden Völkerkräfte, schauten gar, wie Kurt Eisner, kindlich ver- 
trauend und fasziniert nach den Wünschen des westlichen Nachbars. 
Ungehindert konnte Frankreich’ seine Macht gegen Westen vorschieben, 
ungehindert auch im Osten Deutschlands eine Kette französischer Klein- 
staaten zwischen Rußland und Deutschland zu künstlicher Bedeutung 
aufblasen. 

Das Entscheidende war die französische Machtsicherung im deut- 
schen Westen; sie bildete erst die Basis, auf der auch der Vorstoß der 
französischen Hilfsvölker gegen die deutsche Ostmark möglich wurde. 

Das französische Vordringen gegen Osten war, bereits ehe es in 
Aktion treten konnte, zur festen Planmäßigkeit gediehen, nicht etwa 
überstürzte politische Utopie wie der deutsche Machttraum 1914/1916. 
Frankreich hatte 1871 nie als endgültige Entscheidung gelten lassen 
wollen. Der Schulunterricht pflanzte zielbewußt die Idee der Revanche 
in die Gemüter der Jugend, und der Ruhm der großen Nation in den 
glorreichen Herrschaftstagen Ludwigs XIV. und Napoleons I. blieb ein 





Scheidewin, Der deutsche Westen 105 


nationales Heldenepos, an dessen historische Wiederauferstehung man 
glaubte. 

Frankreichs Vordringen gegen Se deutschen Westen fand zugleich 
noch einen kleinen, aber nicht zu unterschätzenden Bundesgenossen in 
der nur allzu begreiflichen Erbitterung Belgiens, das seit dem November 
1918 alle Expansionspläne des französischen Imperialismus eifrig sekun- 
diert hat. 

Das planmäßige französisch-belgische Vordringen gegen die deutsche 
Westmacht gliedert sich deutlich in vier Etappen: 


1. die Annexion Elsaß-Lothringens durch Frankreich und Eupen- 
Malmedys durch Belgien, 

& die künstliche Lösung des Saargebiets vom übrigen Rheinland 
durch seine verwaltungsrechtliche Trennung vom deutschen Staat 
und seine gewaltsame Französierung, 

3. die Besetzung des linksrheinischen Gebietes einschließlich der 
30-Kilometer-Zone um die rheinischen Brückenköpfe Kehl, Mainz, 
Koblenz und Köln und die Ausnutzung des Drucks der Besatzungs- 
truppen für die Expansion der französischen Wirtschafts- und 
Kulturpropaganda, 

4. das Erweitern der französischen Aufmarschbasis gegen Deutsch- 
land über die im Vertrag von Versailles festgelegten Bestim- 
mungen durch die sogenannten „Sanktionen“: das vorübergehende 
Vordringen am Main und die noch nicht wieder aufgehobene Be- 
setzung wichtigster Stützpunkte an der Ruhr. 


Die Annexion Elsaß-Lothringens durch den französischen Staat 
ist ohne jede vorherige Befragung der Bevölkerung erfolgt. Frankreich 
hatte über das angebliche „Unrecht von 1870“ eine solche Beeinflussung 
der öffentlichen Meinung seit Jahrzehnten vorbereitet, daß im allge- 
meinen die Ansicht herrschte, ein seiner Natur nach französisches Land 
kehre zu seinem Nationalstaat zurück. Das vielumstrittene Grenz- und 
Schicksalsland wurde in die Departements der französischen Republik 
eingegliedert, und ea ist das Ziel der Franzosen, die von jeher die elsaß- 
lothringische Frage als eine Frage ihrer Innenpolitik angesehen haben, 
daß die drei Departements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle sich mög- 
lichst wenig von dem übrigen Frankreich unterscheiden mögen. Eine 
solche Einverleibung des zweisprachigen und zwiespältigen Grenzlandes 
ist natürlich nur allmählich und unter zielstrebiger Zurückdrängung des 
deutschen Elementes möglich. Erste wichtige Schritte dazu sind bereits 
in diesen ersten Jahren der elsaß-lothringischen Angliederung erfolgt; 
vor allem auf kulturellem Gebiet. Die Straßburger Kaiser-Wilhelms- 
Universität, deren Gründungstag sich vor kurzem zum fünfzigsten Male 
jährte, hat bereits völlig den Charakter einer französischen Provinz- 
universität angenommen; ja, während man an anderen französischen 
Universitäten, zum Beispiel in Grenoble, Vorlesungen in deutscher Sprache 
hören kann, sind dieselben in Straßburg nicht zugelassen. An die Ver- 
welschung der Universität schließt sich die planmäßige Französierung 
des Schulwesens. Die deutsche Sprache wird nach Möglichkeit ver- 
drängt, die einheimischen Lehrkräfte möglichst durch französische er- 
setzt. Sehr ungeklärt sind noch die kirchlichen Verhältnisse. Während 
in Frankreich bekanntlich Trennung von Staat und Kirche besteht, hat 
man im ehemaligen Reichsland das Konkordat aufrechterhalten, um die 


106 Scheidewin, Der deutsche Westen 


gläubige Bevölkerung nicht vor den Kopf zu stoßen. Man hat es jedoch 
verstanden, auch den elsaß-lothringischen Klerus zu verwelschen. Jene 
Züge von priesterlichem Chauvinismus, die in Frankreich schon während 
des Krieges Blüten trieben, machen sich jetzt wieder im Elsaß bemerk- 
bar — so ließ zum Beispiel der neue Bischof von Straßburg, ein Franzose, 
anläßlich des Todestages Benedikts XV. in allen Kirchen ein Rund- 
schreiben verlesen, das die Schuldlüge gegen Deutschland aufnahm und 
auch sonst in seinen hypernationalistischen Tönen an der Mentalität 
eines Poincaré und Barrès orientiert ist. Die endgültigen Auslösungen 
der künstlichen Französierungsbestrebungen in Elsaß-Lothringen lassen 
eich heute noch nicht überschauen. Jedenfalls zeigt trotz aller Beschrän- 
kungen der Pressefreiheit das Echo der Publizistik unzweideutig, daß 
seit dem November 1918 die französischen Sympathien in Elsaß-Lothrin- 
gen bedeutend im Rückgang begriffen sind. Die schwere Krisis, in der 
sich infolge der Absperrung von ihrem natürlichen deutschen Markte 
die elsaß-lothringische Wirtschaft befindet, ist gleichfalls dazu angetan, 
die Kritik der elsaß-lothringischen Bevölkerung an den durch den Aus- 
gang des Weltkrieges geschaffenen Verhältnissen immer mehr zu 
schärfen. Zwar genießen nach dem Versailler Vertrage die Einfuhren 
aus Elsaß-Lothringen nach Deutschland für fünf Jahre Zollfreiheit, aber 
einmal sind diese fünf Jahre bald vorüber, und dann wirkt der enorme 
Unterschied des Valutastandes ohnehin wie eine riesige Zollmauer. 


Auch die Annexion Eupen-Malmedys durch Belgien erfolgte ohne 
eigentliche Volksabstimmung. Statt ihrer wurde eine Protestaktion 
gegen die Einverleibung in Belgien zugelassen. Unter dem Drucke der 
belgischen Machthaber und Kommissare überredet und eingeschüchtert, 
mit Ausweisung bedroht, wagte nur ein verschwindender Bruchteil der 
Bevölkerung, sich in die Protestlisten einzutragen. In diesen neuen 
belgischen Gebieten hat während der letzten Jahre die Unzufriedenheit 
der Bevölkerung noch in stärkerem Maße zugenommen als in dem neuen 
französischen. Hauptursache ist die gänzliche Isolierung des kleinen 
Gebietes, das eine Loslösung von seinem Hinterlande noch ungleich 
schmerzlicher empfinden muß als etwa Elsaß-Lothringen. In dem 
kleinen Lande von etwa 860000 Einwohnern befindet sich heute unge- 
fähr die zwölffache Zahl von Beamten als vor der Annexion, Die Be- 
steuerung ist stark, nichtsdestoweniger hat das kleine Gebiet durch 
diesen unsinnigen Verwaltungskörper ein Defizit von mehreren Millionen 
aufzuweisen. Die Wirtschaft hat ihre alten Absatzgebiete verloren und 
nicht vermocht, neue zu finden. Gewerbe und Landwirtschaft liegen 
darnieder. Einst blühende Fabriken haben ihre Betriebe schließen 
müssen. Die Handelskammer Eupen ist zu einem Privatunternehmen 
herabgesunken; ihr Syndikus hat einen Bericht veröffentlicht, der 
nichts anderes als Tatsachen über die katastrophale Wirtschaftslage 
enthält. Die französische Kulturpropaganda wird von der belgischen 
Regierung zwangsweise durchgeführt. Den Eltern ist es verboten, ihre 
schulpflichtigen Kinder in deutsche Schulen, überhaupt in Schulen 
außerhalb Neu- oder Altbelgiens zu schicken. Ebenso hat leider auch 
die Kurfe den neuen Verhältnissen Rechnung getragen. Die Anpassung 
der Diözesangrenzen an die staatlichen Grenzen entspricht ihren alten 
Gewohnheiten. Die Kirchenbehörde empfindet es als Erleichterung, 
wenn sie möglichst nur mit den weltlichen Behörden eines Staates 








Scheidewin, Der deutsche Westen 107 


A 

zu verhandeln hat. Man hat daher auf Grund einer päpstlichen Bulle 
dae Gebiet Eupen und Malmedy von der Erzdiözese Köln getrennt und 
zu einer eigenen Diözese umgewandelt, die mit dem Bistum Lüttich 
tniiert wurde. Eupen-Malmedy hat nunmehr eine eigene Kathedrale, 
eine eigene bischöfliche Pfründe, eine eigene bischöfliche Residenz und 
Verwaltungsbehörde. Befremden muß es aber, daß alle diese Einrich- 
‘ungen nicht in der größten Stadt des Territoriums, dem fast ausschließlich 
jeıtschen Eupen, sondern in dem kleineren, stärker französierten Mal- 
medy errichtet wurden. Ferner ist charakteristisch, daß die neue Diözese 
einen eignen Bischof nicht erhalten hat und der Bischof von Lüttich 
zıgleich als Bischof von Eupen-Malmedy fungieren soll. Durch ihn soll 
vech künftig die Besetzung frei werdender Stellen erfolgen, sodaß mit 
einer Gefahr der Verwelschung des Priesterstandes in Eupen-Malmedy 
zu rechnen ist. — Eine politische Vertretung der Bevölkerung von 
Eupen-Malmedy im belgischen Parlament besteht nicht. Auch die Selbst. 
verwaltung der Gemeinden schwindet nach und nach. Stadt- und Ge- 
neinderäte werden von dem belgischen Gouverneur willkürlich ernannt 
und abgesetzt. Neben dem Gouverneur steht zwar pro forma ein „Oberer 
Rat“, der die Interessen der Bevölkerung wahrnehmen soll; er wird 
nicht gewählt, sondern ernannt; er beantragt und beschließt nicht, 
s:ndern wird nur befragt. Im Jahre 1921 ist er noch nicht einmal 
zusammengetreten. — Bei der heute in Eupen-Malmedy herrschenden 
Verzweiflungsstimmung würde ein ohne belgischen Druck ausgeübtes 
Plebiszit ohne Zweifel für den Anschluß an Deutschland ausfallen. 


Die Loslösung des Saargebietes vom deutschen Staatswesen kann 
durch nichts anderes begründet werden, als durch das Verlangen der 
französischen Bourgeoisie nach seinen reichen Kohlenschätzen. Die 
deutsche Bevölkerung im Saargebiet unterscheidet sich noch nicht ein- 
mal durch besonders charakteristische landmannschaftliche Symptome 
von den deutschen Grenznachbarn, und der Begriff des „Saarländers“ ist 
eine Fiktion, die sich erst durch den Friedensvertrag von Versailles in 
der öffentlichen Meinung gebildet hat. Nach diesem unseligen Ver- 
trage wird das Saargebiet auf 15 Jahre von Deutschland abgetrennt und 
einer Regierungskommission übergeben, die der Völkerbund einzusetzen 
hat. Frankreich hat durch die gefälschte Adresse von 150000 angeb- 
lichen Saarfranzosen — es gab 1918 noch keine 1500 Franzosen im Saar- 
gebiet — den Anschein zu erwecken versucht, es handele sich auch beim 
Saargebiet um ein strittiges französisch-deutsches Grenzgebiet. Da es 
immerhin, in Anbetracht der noch nicht genügend bearbeiteten öffent- 
lichen Meinung, nicht wagen durfte, das Saargebiet ohne weiteres zu 
annektieren wie Elsaß-Lothringen, so benutzte es den Völkerbund als 

orspann, um unter seiner scheinbar neutralen Herrschaft eine all- 
mähliche Französierung dieses kerndeutschen Landes betreiben zu 
können. Auf die Zusammensetzung der Regierungskommission hat 
Deutschland keinerlei Einfluß. An ihrer Spitze steht der Franzose Rault, 
neben ihm einige „Neutrale“, und als sogenannter Vertreter der Saar- 
berölkerung der frühere Saarlouiser Arzt Dr. Hector, ein ganz vom 
französischen Kulturimperialismus eingefangener Mann, der das Ver- 
trauen der Saarbevölkerung nicht besitzt. Eisenbahn, Post, Gerichts- 
wesen wurden von Deutschland losgelöst. um den autonornen Charakter 
des Landes zu verstärken. Nicht einheimische deutsche Elemente werden 


108 Scheidewin, Der deutsche Westen 


abgedrängt. Der Zustrom aus Frankreich wird systematisch gefördert. 
Die Regierungskommission handelt diktatorisch. Eine Volksvertretung 
wurde erst nach langem Protest der Bevölkerung grundsätzlich zu- 
gestanden, soll aber jetzt in einer Karikatur zur Ausführung kommen, 
die überhaupt nicht als ein „Parlament“ zu betrachten sein wird. Es soll 
in ihm keine Budgetdebatte geben, kein Interpellationsrecht, keine Wahl 
des Präsidenten, kein parlamentarisches Selbstbestimmungsrecht auf 
Grund einer beschlossenen Geschäftsordnung. Die frankophile Tendenz 
der Regierungskommission bekundet sich auf allen Gebieten. Die Be- 
lassung von französischen Truppen im Saargebiet ist eine flagrante Ver- 
letzung des Friedensvertrages, auf dessen gewissenhafte Erfüllung das 
Frankreich Poincarös doch sonst. so halsstarrig pocht. Der Vertrag von 
Versailles gestattet nur heimische Gendarmerie im Saargebiet. Trotz 
dessen befindet sich hier noch immer eine beträchtliche französische 
Truppenmacht. Die Bereitwilligkeit Frankreichs, für die Unterhaltung 
der Truppen im Saargebiet etwa 40 Millionen Franken jährlich auf- 
zubringen, hat natürlich, wie jüngst der sozialdemokratische Minister- 
präsident Otto Braun überzeugend ausführte, in politischen Absichten 
ihren Grund. Otto Braun erinnerte an die Handhabung der Militär- 
diktatur während der verschiedenen Streiks im Saarbecken, an die dabei 
geübte rigorose Ausweisungspolitik, an die drakonischen Urteile der 
französischen Kriegsgerichte. 

Diese Französierungsbestrebungen bekunden sich auch in dem von 
der Regierungskommission geduldeten, ja geförderten Bestreben, das 
Saargebiet wirtschaftlich vom Reiche abzuschließen und dem französi-. 
schen Wirtschaftsleben anzugliedern. Nach dem Vertrag von Versailles 
ist die deutsche Mark im Saargebiet die alleinige gesetzliche Währungs- 
münze, und trotz dessen wurde die Einführung der Frankenzahlung von 
der Regierungskommission ostentativ begünstigt, zum Teil direkt er- 
zwungen. Ebenso treten auf kulturellem Gebiete Französierungsbestre- 
bungen unverkennbar zutage; vor allem in dem Kampf um die Ver- 
welschung der Schule, der nur dank des beharrlichen Widerstandes fast 
der gesamten Bevölkerung bisher noch zu keinem rechten Erfolg kam. 

Daß im Saargebiet französische Machtpolitik betrieben wird, ist 
offenkundig. Unbefangene neutrale Beurteiler, wie der Züricher Josef 
Halperin (in der „Neuen Züricher Zeitung“) und der Norweger Sigurd 
Konstad (im „Morgenbladet“) haben sich mit allem Nachdruck dahin 
ausgesprochen, daß die Regierungskommission, die den Völkerbund ver- 
treten soll, in Wahrheit an der Stärkung des französischen Elements, an 
der „Degermanisierung‘ des Saargebiets arbeitet, Da das Saargebiet 
unmittelbar unter dem Schutz des Völkerbundes steht, wäre es der Völker- 
bund seinem Programm schuldig, unbedingt zu verhindern, daß ein un- 
bestreitbar deutsches Land, das immer deutsch gewesen ist, unter dem 
Schutze seines Firmenfchildes im Geheimen französiert wird. Die deutsche 
Bevölkerung des Saargebietes hat sich daher in immer neuen Interpella- 
tionen vertrauensvoll an den Völkerbundsrat in Genf gewandt — leider 
bisher ohne nennenswerten Erfolg. 

Die militärische Besetzung des Rheinlandes wird mit dem Be- 
dürfnis der Entente motiviert, ein Faustpfand für die deutschen Repara- 
tionen in Händen zu haben. Auch hier sind Frankreich und Belgien die 
treibenden Kräfte, hinter deren Aktivität die englische Besatzung zurück- 


Scheidewin, Der deutsche Westen 109 


tritt, während die amerikanische bis zum 1. Juli dieses Jahres das Rhein- 
"pd vollständig geräumt haben wird. Die mit dem Zweck der Besatzung 
iù keiner Weise in Einklang stehende Besatzungsstärke läßt, zumal in 
Anbetracht der valutastarken Besoldung der Truppen, die Besatzungs- 
kosten ins Unerträgliche anwachsen. Die deutsche Friedensbelegung des 
Rbeinlandes betrug rund 70000 Köpfe. Der französische Haushaltungs- 
pian für 1921 verzeichnet allein für die französische Rhbeinarmee eine 
Stärke von 3094 Offizieren und 85 000 Mannschaften, darunter 14000 Ein- 
zeborene aus Nordafrika und 5500 Eingeborene aus den übrigen französi- 
schen Kolonien. Die Gesamtbesatzungsstärke im Rheinland beläuft sich 
heute auf weit über 120000 Köpfe. Den ehemaligen 26 deutschen 
Friedensgarnisonen standen bereits im Sommer 1920 nicht weniger als 
27 mit Besatzung belegte Orte gegenüber. Die Kosten der Besatzung 
hatten schon bis Ende März 1921 die schwindelerregende Höhe von mehr 
als vier Milliarden Goldmark erreicht. Eine jüngst im Verlag Hans 
Robert Engelmann in Berlin erschienene Schrift „Besatzungswahnsinn 
am deutschen Rhein“ enthält exakte Zusammenstellungen über die Höhe 
der einzelnen Beträge, die dank der Belastung der deutschen Steuer- 
zahler den Siegern am Rhein ein komfortables Wohlleben gestatten. 

Das ihnen nur in gewissen Grenzen zustehende Recht der Requisition 
haben die Besatzungsbehörden in zahlreichen Fällen überschritten und 
dadurch dem deutschen Staat und seinen Gemeinden weitere schwere 
Lasten auferlegt. Hierzu gehört die Einrichtung französischer Bordelle 
in deutschen Häusern, die auf Wunsch der Besatzungsbehörden eigens 
zu diesem Zwecke eingerichtet werden mußten, ferner die Requisition 
von nutzbarem Land für Truppenübungsplätze, zum landwirtschaftlichen 
Unterricht der Truppen, für Schaffung von Flugplätzen, Schießständen 
und anderem mehr. 

Unter diesem militärischen Druck versucht die Zivilverwaltung der 
Entente, die Haute Commission interalli6e des Territoires Rhönans in 
Koblenz, die ganz unter französischer Regie steht, das Vordringen des 
französischen Wirtschafts- und Kulturimperialismus zu fördern. Diesem 
Zwecke dienen u. a. die zahlreichen Ausweisungen von Personen seitens 
dieer Kommission sowie die Beschränkung der Geistesfreiheit durch 
Verbot aller Bücher und periodischen Druckschriften, die an dem fremden 
Regiment am Rhein Kritik üben und deshalb, wie die übliche Be- 
gründungsphrase lautet, „die Würde und Sicherheit der Besatzungs- 
truppen gefährden“. Führende deutsche Witzblätter, wie Simplizissimus 
und Kladderadatsch, sachliche und vornehme Tageszeitungen, wie zum 
Beispiel die Frankfurter Zeitung, sind mehrfach verboten worden. Die 
Rheinlandkommission hat sich als rechtliche Unterlage für ihre Unter- 
drückung der deutschen Kritik eine Verordnung geschaffen, auf Grund 
deren sie den Verkauf, das Auslegen, die Verbreitung oder Verteilung 
solcher von ihr verbotenen Druckschriften mit Strafen bedroht; der 
Erfolg ist freilich meist der entgegengesetzte, da das Verbot eine un- 
bezahlbare Propagandawirkung für das mutige publizistische Organ aus- 
zuüben pflegt und die beanstandete Nummer, heimlich von Hand zu Hand 
gereicht, einer viel aufmerksameren Lektüre gewürdigt wird, als ohne 
den empfehlenden Hinweis des französischen Verbotes,. 

Der verbotenen deutschen Kritik stellt man französische Propaganda 
gegenüber, die mit großzügigen Mitteln, aber geringem Erfolg für die 


un — — — — — — — — —— — — — — — — 


110 Scheidewin, Der deutsche Westen 


westliche Orientierung des Rheinlandes zu werben sucht. Trotz der 
starken Initiative der französischen Kulturpropaganda und der guten 
Kaufkraft des Franken ist aber die Sympathie für den westlichen Nach- 
barn im Rheinland heute weit geringer als 1918; die Lasten und Aus- 
schreitungen der französischen Besatzung sprechen eben doch eine über- 
zeugendere Sprache als die schönsten publizistischen Deklamationen von 
der überlegenen „culture“ der „grande nation“. Während infolge der 
antikirchlichen Kulturpolitik der jungen sozialistischen Republik in der 
ersten Hälfte des Jahres 1919 separatistische Regungen im Rheinland 
ernsthaft Fuß gefaßt haben, ist diese Krisis endgültig überwunden, seit 
die Zentrumspartei zur wesentlichen Mitträgerin der Regierungsverant- 
wortlichkeit geworden ist und damit zum erstenmal in der Geschichte 
des Deutschen Reiches der katholische Prozentsatz der Bevölkerung den 
gebührenden Anteil an der Regierungsverantwortlichkeit gefunden hat. 
Alle französischen Spekulationen auf einen neuen Kulturkampfgegensatz 
sind damit unwiderruflich gescheitert. Die heutige separatistische Be- 
wegung, die sich um Smeeta und Dorten schart, ist die Angelegenheit 
einiger Verbitterter und Abenteurer, die von Frankreich und Belgien 
künstlich genährt und gepflegt wird, um die vom französischen 
Imperialismus gewünschte Auflockerung der deutschen Reichseinheit als 
einen Wunsch der rheinischen Bevölkerung erscheinen zu lassen. Sämt- 
liche politische Parteien haben sich in zahlreichen Kundgebungen gegen 
die separatistischen Pläne ausgesprochen, und selbst diejenigen ernst zu 
nehmenden Persönlichkeiten, welche einer Loslösung des Rheinlandes 
zwar nicht vom Reiche, aber doch von Preußen das Wort reden, haben 
sich dazu bekannt, daß eine solche Umgestaltung erst stattfinden kann, 
wenn die rheinische Bevölkerung nicht mehr unter dem beeinflussenden 
Druck der fremden Besatzung steht. Das neuerdings von Frankreich auf- 
gebrachte Schlagwort von der „Neutralisierung‘ des Rheinlandes zielt 
darauf hin, die Zerreißung der Bande zwischen Reich und Rheinland, 
die bisher an der Reichstreue der rheinischen Bevölkerung scheiterte, 
durch eine internationale Entscheidung herbeizuführen. 

Der französischen Kulturpropaganda tritt die Wirtschaftspropaganda 
für eine westliche Orientierung zur Seite. Die Zahl der französischen 
Firmen im Rheinland, die Beteiligung französischen Kapitals an 
deutschen Unternehmungen, der Ankauf von Grund und Boden durch 
Franzosen nehmen zunehmend größere Dimensionen an. Die Franzosen 
versuchen, gegenüber der aus dem Vertrag von Versailles sich ergebenden 
wirtschaftlichen Notlage der deutschen Bevölkerung, auf die materiellen 
Interessen hinzuweisen, die angeblich aus einer engeren Fühlungnahme 
des Rheinlandes mit dem französischen Wirtschaftsleben sich ergeben. 
Für die Frankenwährung, die man im Saargebiet gewaltsam eingeführt 
hat, wird im Rheinland mit Schmeichelei und Sophistik geworben. Be- 
sonders die separatistischen Blätter (Smeets’ „Rheinische Republik“ und 
Dortens „Rheinischer Herold“) sind eifrig bemüht, die wirtschaftlichen 
Folgen einer Westorientierung als Grundlage materiellen Aufschwunges 
zu schildern. Smeets bearbeitet dabei mehr die kleinbäuerlichen Kreise, 
Dorten die Kapitalisten und Großgrundbesitzer. In der ganzen französi- 
schen Propaganda, von dem offiziösen französischen Nachrichtenblatt in 
Koblenz über das französisch-rheinische Ästhetenblatt „Revue Rhönane“ 
und die Mainzer französische Tageszeitung „Echo du Rhin“ bis zu den 











Scheidewin, Der deutsche Westen 111 


— 


Jeutschsprachigen separatistischen Blättern gewahrt man eine einheit- 
uche Regie; die Regie dürfte im französischen Auswärtigen Amt zu Paris 
zu suchen sein. 

Es ist das Schicksal jeder Gewaltpolitik, daß sie, weil sie nicht aus 
tatürlichen Bedürfnissen einer Nation herauswächst, sondern aus zügel- 
‚sen Begierden, kein Maß und keine Grenzen zu finden vermag. So hat 
such der französische Imperialismus an den für ihn so günstigen Be- 
dingungen des Vertrages von Versailles noch kein Genügen gefunden. 
Unter den fadenscheinigsten Vorwänden hat er bereits in den letzten 
Jahren seine Truppen vorgeschoben, und, während er sein Vordringen 
am Main unter dem Druck seiner Verbündeten wieder hat zurückziehen 
müssen, hat er an der Ruhr begonnen, Fuß zu fassen und seine wert- 
vollen Stützpunkte Düsseldorf, Duisburg und Hamborn besetzt. Das 
weitere Vordringen in die übrigen Teile des Ruhrgebietes ist der von der 
französischen offiziösen Presse oft genug ausgesprochene Wunsch des 
Kabinetts Poincaré. 

Inwieweit diese Absichten gelingen werden, das zu fördern oder zu 
hindern, liegt vorläufig nicht in der Macht des geschwächten Deutsch- 
land. Die Isolation des französischen Imperialismus, insbesondere der 
Brueh mit England, wäre wohl das einzige Mittel, das dem Frankreich 
Poincar6s in diesen Jahren noch Einhalt gebieten könnte. Auf die Dauer 
freilich wird Frankreich die bisherigen und die noch etwa zu erringenden 
Triumphe seiner Gewaltpolitik nicht behaupten können, weil ihm alle 
Voraussetzungen fehlen, die Gesundung des deutschen Lebens und die 
Leistungen der deutschen Arbeitskraft hintan zu halten. Die Verwegen- 
heit der gegenwärtigen französischen Machtpolitik erscheint um so un- 
angemessener, als ihr heute nicht, wie in den Tagen der gleichfalls ver- 
gänglichen napoleonischen Triumphe, der begeisterte Idealismus auf- 
strebender Volksschichten zur Verfügung steht, sondern nur die greisen- 
kafte Hysterie ihrer Kapitalisten und Rentner. Die Gewaltpolitik 
Poincar6s ist nicht wie die Napoleons umstrahlt von der Gloriole des 
Heldentums. Damals erhob sich das französische Volk, stellte sich im 
nationalen Volksheer den Söldnertruppen des alten Europa gegenüber. 
Heute aber sichert Frankreich seine Machtpolitik durch die Mitwirkung 
brauner und schwarzer Kolonialtruppen, stellt diese den Europäern 
inferioren Rassen in den Dienst seines Militarismus, um sich mit ihrer 
Hilfe die Hegemonie über Europa zu erobern. Eben dadurch stellt das 
französische Vordringen gegen Osten, dessen Entfaltung seit dem Ende 
des Weltkrieges wir mit kurzen Strichen umrissen haben, nicht nur eine 
Gefährdung der deutschen Nation dar, sondern eine ständige Beunruhi- 
gung Europas, eine Bedrohung der Völkersolidarität, die ernsthafteste 
Gefährdung des Völkerfriedens. 


II 


Der deutsche Osten 
Von Paul Fleischer 


I 


Als im Jahre 1918 der Waffenstillstand im Walde von Compiègne 
geschlossen wurde, nahm Deutschland ala Grundlage für den Frieden 
ausdrücklich und ausschließlich die sogenannten vierzehn Punkte Wilsons 
und seine späteren Kundgebungen an. Die Alliierten taten das gleiche. 
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war in diesen Verlautbarungen 
als eines der Grundrechte für die Neugestaltung des zerstörten Europa 
verkündet worden. Die Ausübung dieses Rechtes allen Völkern zu er- 
möglichen, sollte nach den feierlichen Erklärungen der Staatsmänner 
der Entente ein Gewinn des Krieges sein. So stellte Minister Asquith 
in Leeds am 27. September 1917 als leitenden Grundsatz auf, „daß nach 
der Rasseverwandtschaft und nach der geschichtlichen Überlieferung, 
vor allen Dingen nach den wirklichen Wünschen und Bestrebungen der 
Bewohner verfahren werden muß“. Derselbe Staatsmann forderte am 
11. Oktober 1918 „für jede Volksindividualität die Freiheit der Selbst- 
entwicklung, damit sie ihre besonderen Gaben, Fähigkeiten und Dienste 
der gesamten Menschheit zugänglich machen könne“. Am 11. September 
1914 erklärte Minister Churchill: „England muß am Ende des Krieges 
große und gesunde Prinzipien für das politische System Europas er- 
streben. Das erste dieser Prinzipien ist Achtung der Nationalität.“ Am 
23. März 1915 kennzeichnete Minister Grey als „die große Idee, für die. 
die Alliierten kämpften, daß die Nationen Europas ihr eigenes, unab- 
hängiges Leben führen und die eigenen Regierungsformen und die eigene 
nationale Entwicklung in voller Freiheit ausbilden können“. Am 23. Ok- 
tober 1916 wiederholte Grey: „Wir werden fechten, bis wir die Vorherr- 
schaft und das Recht auf freie Entwicklung unter gleichen Bedingungen 
erreicht haben, bei dem alle Staaten .... sich in Übereinstimmung mit 
ihrer Veranlagung als eine Familie der zivilisierten Menschheit auf- 
bauen können.“ Der englische Ministerpräsident Lloyd George nannte 
am 5. Januar 1918 unter den obersten Kriegszielen die „Schlichtung von 
Gebietsfragen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes oder der 
Zustimmung der regierten Völker“. Am 12. Dezember 1917 sprach der 
italienische Ministerpräsident Orlando von der unverletzlichen Einheit 
des nationalen Bewußtseins. Am 11. Januar 1918 nannte Pichon unter den 
drei Bedingungen für einen gerechten und dauerhaften Frieden die 
-territoriale Regelung auf der Grundlage des Rechtes der Völker, über 
sich selbst zu bestimmen. 

Am 2. April 1917 verkündete Wilson: „Wir werden für die Güter 
kämpfen, die unserem Herzen stets am teuersten gewesen sind, für die 








Fleischer, Der deutsche Osten 113 


Demokratie, für das Recht aller derer, die einer Obrigkeit untertan sind, 
bei der Regierung ihres Landes eine Stimme zu erhalten“. Am 11. Januar 
1919 sagte Präsident Wilson im Kongreß: „Völker und Provinzen sollen 
nicht von einer Souveränität zur anderen verschachert werden dürfen, 
gerade als ob sie bloße Gegenstände oder Steine in einem Spiele wären. 
Die Völker können heute nur mit ihrer eigenen Zustimmung beherrscht 
und regiert werden. Selbstbestimmung ist keine bloße Redensart. Sie 
ist ein dringendes Prinzip des Handelns, welches Staatsmänner hinfort 
nur auf ihre Gefahr hin mißachten können. Wir können keinen allge- 
meinen Frieden haben, nur weil wir ihn verlangen oder einfach durch 
die Vereinbarungen einer Friedenskonferenz; er kann nicht aus ge- 
trennten Vereinbarungen zwischen mächtigen Staaten zusammenge- 
stückelt werden.” Und ähnlich hieß es schon in seiner Botschaft an den 
Senat vom 22. Januar 1917: „Kein Friede kann Bestand haben und sollte 
es auch nicht, der nicht den Grundsatz anerkennt und sich zu eigen 
macht, daß alle gerechten Machtbefugnisse der Regierungen aus der Zu- 
stimmung der Regierten abzuleiten sind und daß niemand ein Recht hat, 
Völker von einem Herrscher an einen anderen zu überweisen, als handelte 
es sich um bloße Vermögensstücke“. Und in seiner Rede vom 4. Juli 
1918 stellte Präsident Wilson ausdrücklich nochmals als Kriegsziel auf: 
„die Regelung aller Fragen, mögen sie Staatsgebiet, Souveränität, wirt- 
schaftliche Vereinbarungen oder politische Beziehungen betreffen, auf 
der Grundlage der freien Annahme dieser Regelung seitens des dadurch 
anmittelbar getroffenen Volkes und nicht auf der Grundlage des mate- 
riellen Interesses oder Vorteils irgendeiner anderen Nation oder irgend. 
eines anderen Volkes, das um seines äußeren Einflusses oder seiner Vor- 
herrschaft willen eine andere Regelung wünschen könnte“, 


Man braucht sich nur diese Aussprüche der führenden Köpfe der 
Entente ins Gedächtnis zurückzurufen, um zu ermessen, welch eine Ver- 
gewaltigung des Rechtes die durch den Friedensvertrag von Versailles 
geschaffene Neugestaltung der politischen Verhältnisse an der deutschen 
Östgrenze darstellt. Teile der mittelschlesischen Kreise Guhrau und 
Militsch, Posen und Westpreußen mit Ausnahme schmaler Randgebiete, 
Danzig und das Memelland wurden vom lebendigen Körper des deutschen 
Reiches losgerissen, ohne daß der Bevölkerung Gelegenheit gegeben 
wurde, auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes über ihre staatliche 
Zukunft zu entscheiden. Dabei handelte es sich nicht etwa um Gebiete, 
die von einer „unzweifelhaft polnischen Bevölkerung“ bewohnt waren — 
denn nur diese sollten nach Wilsons Formulierung zu einem unab- 
hängigen polnischen Staat vereinigt werden — vielmehr überwog die 
Zahl der Deutschen die der Polen in den entrissenen Bezirken. So lebten 
44%0 Deutsche neben höchstens 3 700 Polen in den von den mittelschlesi- 
schen Kreisen Guhrau und Militsch abgetrennten Teilen. In den Pro- 
vinzen Posen und Westpreußen waren nach der Volkszählung von 1910 
insgesamt 1904 663 Deutsche und 1881942 Polen vorhanden. In beiden 
Provinzen hatten also die Deutschen die Mehrheit. Diese war auch nicht, 
wie von polnischer Seite immer wieder behauptet wird, durch die 
preußische Beamten-, Militär- und Ansiedlungspolitik künstlich geschaffen 
worden. Daa Militär und Beamtentum fiel zahlenmäßig kaum ins Ge- 
wicht. In Posen und Westpreußen zusammen dürfte die Zahl der Be- 
amten und Militärpersonen nebst ihren Familienangehörigen schwerlich 


Zeitschrift für Politik. 12. 8 





114 Fleischer, Der deutsche Osten 





mehr als 300000 betragen haben. Ein großer Teil dieser Bevölkerungs- 
schichten war aber in den ehemaligen ÖOstprovinzen beheimatet und 
äurfte deshalb nicht als Fremdkörper behandelt werden. Wie falsch es 
ist, das Deutschtum in Posen und Westpreußen als ein Kunstprodukt des 
Hakatismus zu bewehrten, lehrt die Geschichte. Die erste Nationalitäten- 
zählung fand in Preußen im Jahre 1861 statt, also zu einer Zeit, da es 
„eine Polenpolitik, die irgendwelche bevölkerungspolitischen Wirkungen 
hätte auslösen können, noch nicht gab“. Damals lebten 739 000 Deutsche 
(52,26 0/6) in der Provinz Posen und 791000 (67,58 °/6) in Westpreußen, 
während 1910 in Posen 812618 (38,7°%) und in Westpreußen 1 107 539 
(65,1 0/0) Deutsche gezählt wurden. „Es wohnten also 1861“, wie Dr. 
Moritz Weiß zutreffend bemerkt, „verhältnismäßig mehr Deutsche in 
den abgetretenen Ostprovinzen als im Jahre 1910“. Die Deutschen in 
Posen und Westpreußen müssen deshalb als alteingesessen angesprochen 
werden. Wer aber aus der Tatsache, daß das Deutschtum in beiden Pro- 
vinzen seit 1861 im Vergleich zur polnischen Bevölkerung zurückgegangen 
ist, den Schluß ziehen wollte, daß das Polentum im unaufhaltsamen 
Vordringen begriffen, die starke Mischung beider Nationalitäten nur ein 
vorübergehender Zustand und die völlige Polonisierung eine Frage der 
Zeit sei, der täuscht sich. Die Statistik beweist, „daß der Rückgang des 
Deutschtums im wesentlichen in die Zeit von 1861 bis 1890 fällt; ab- 
gesehen vom Regierungsbezirk Bromberg ist er übrigens nirgends allzu 
bedeutend gewesen, namentlich in Westpreußen nicht. Seine Ursache 
kann, da damals in ganz Deutschland — auch bei den Deutschen in der 
Ostmark — ein großer Geburtenreichtum bestand, nur in der besonders 
starken Abwanderung der Deutschen nach den westlichen Industrie 
bezirken, nach Berlin und den Vereinigten Staaten von Amerika liegen, 
die sich wiederum aus dem höheren Kulturniveau und den höheren 
Lebensansprüchen der Deutschen erklärt. Die große Zunahme der Polen 
in der Provinz Posen, namentlich im Regierungsbezirk Bromberg, im 
selben Zeitraum ist nicht anders zu erklären, als durch eine starke Ein- 
wanderung der Polen aus Rußland“. Sie fanden infolge der deutschen 
Abwanderung und der gleichzeitigen Intensivierung des landwirtschaft- 
lichen Betriebs auf deutschen Bauerngütern Platz und Nahrung. Mit 
gutem Grunde darf deshalb ein Teil der polnischen Bevölkerung in Posen 
und Westpreußen als eingewandert bezeichnet werden. Seit dem Jahre 
1890 war übrigens der Rückgang des Deutschtums in beiden Provinzen 
nur noch minimal, die Zunahme der Polen äußerst gering. Der Anteil 
der polnischen Bevölkerung stieg seitdem in Westpreußen von 34,40 auf 
34,78 und in Posen von 60,13 auf 61,08 Prozent. Das Verhältnis der 
beiden Nationalitäten blieb sonach im letzten Jahrzehnt vor Kriegs- 
ausbruch nahezu konstant. Der Grund lag darin, daß im Laufe der Zeit 
neben die deutsche auch die polnische Abwanderung trat, so daß im 
Jahre 1910 im rheinisch-westfälischen Industriegebiet außer 119000 
Deutschen, die aus Polen und Westpreußen zugezogen waren, 129 000 
Polen ermittelt wurden, die aus diesen Provinzen stammten !?). 

Es muß deshalb als eine brutale Vergewaltigung des Selbstbestim- 
mungsrechtes der Völker empfunden werden, daß der größte Teil der 


Al Soweit es sich um das an Polen abgetretene Gebiet handelt. 
dürften dort beim Ausbruch des Posener Aufstandes 1200000 Deutsche 
gewohnt haben. 








Fleischer, Der deutsche Osten \ 115 





Provinzen Westpreußen und Pozen ohne Befragung der Bevölkerung ge- 
waltsam an Polen angegliedert wurde. Diese Verletzung eines feierlich 
verbrieften Rechtes wirkt doppelt empörend, wenn man erwägt, daß so-, 
wohl der ländliche wie auch der städtische Grundbesitz, Handel und Ver- 
kehr, Gewerbe und Industrie überwiegend deutsch waren, daß die 
Deutschen die größere Steuerlast trugen und kulturell den Polen zweifel- 
los überlegen waren. 


Deutsch ist auch die alte Hansestadt Danzig. Bei den Wahlen zur 
verfassunggebenden Versammlung, die am 16. Mai 1920 in Danzig statt- 
fanden, entfielen im ganzen Danziger Gebiet von 153234 Stimmen nur 
9321 auf die polnische Liste Wie die Bevölkerung, ao trägt auch die 
Kultur in Danzig und seiner Umgebung von Alters her deutsches Ge- 
präge. Man kann Dr. Loening, dem Vizepräsidenten des Danziger Volks- 
tages, nur zustimmen, wenn er in dieser Beziehung folgendes ausführt: 
„von jeher hat in Danzig deutsches Recht, deutsche Sitte gegolten; ja 
selbst die in polnischen Zeitungen vielfach geäußerte Ansicht, daß 
Danzig im Grunde eine polnische, nur germanisierte Stadt zei, ethno- 
graphisch ganz auf slavischem Boden stehe, und daß die Umgebung 
Danzigs, namentlich die Küste, den slavischen Charakter des Landes 
zeige, ist grundfalsch. Es hat niemals eine slavische Stadt Danzig ge- 
geben. Die noch im Jahre 1348 nachzuweisende pommerellisch-preußische 
Ansiedlung, das sog. Hackelwerk, hat mit der Stadt Danzig nichts zu 
tun. Die Stadt Danzig ist vielmehr aus Handelsniederlassungen Deutscher, 
speziell Lübecker Kaufleute entstanden. Und diese deutsche Stadt Danzig 
hat sich auch in der Folgezeit deutsch entwickelt. Nach dem Zinsregister 
von etwa 1377 standen den 2660 schoßpflichtigen Deutschen nur 31 Polen, 
Kaschuben und Preußen gegenüber. Schon damals hatte die Zusammen- 
setzung der Bevölkerung ein rein deutsches Gepräge Und wie es in 
Danzig war und ist, so war und ist es auch in seiner Umgebung. Auch 
hier überwiegt das deutsche Element vollkommen. Nach dem von polni- 
schen Gelehrten herausgegebenen „Statistischen Jahrbuch Polens“ (1917) 
befanden sich unter 742 619 Einwohnern 532 620 oder 72 ole deutsche gegen- 
über 209 999 oder 28 °/ə nichtdeutschen. Der Kreis Danziger Höhe ist zu 
89 0/., der Kreis Danziger Niederung zu 99°/. deutsch. Sprache, Sitte und 
Gebräuche sind rein deutsch. Nie hat in diesen Gegenden anderes als 
deutsches Recht gegolten, wie die zahlreichen Rechtsdenkmäler in dem 
reichhaltigen Danziger Stadtarchiv bezeugen.“ 


Trotzdem haben die Machthaber der Entente auch Danzig und sein 
Hinterland vom Deutschen Reiche losgerissen, ohne der Bevölkerung die 
Möglichkeit zu geben, von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch zu 
machen. Dabei hatten sie sich überdies zur Anerkennung des Grund- 
satzes verpflichtet, alle von einer deutschen Mehrheit bewohnten Gebiete 
bei Deutschland zu belassen. Danzig wurde zum Freistaat „erhoben“, 
weil es angeblich kein anderes Mittel gab, Polen einen freien und sicheren 
Zugang zum Meere zu verschaffen, obwohl sich die deutsche Regierung 
bereit erklärt hatte, Danzig, Königsberg und Memel zu Freihäfen aus- 
zugestalten, dort Polen weitgehende Rechte einzuräumen und ihm die 
Errichtung und Benutzung der erforderlichen Hafenanlagen zu sichern. 

Damit kommen wir zur Abtretung des Memellandes. Bei einer 
Bevölkerung von rund 140 000 Einwohnern halten sich dort Deutsche und 
Litauer nahezu die Wage. Der Umstand aber, daß fast die Hälfte der 

8* 


116 Fleischer, Der deutsche Osten 


memelländischen Bevölkerung litauisch spricht, darf nicht zu dem Schluß 
verleiten, als hätte diese alte Beziehungen zum Deutschen Reich lockern 
wollen. Vielmehr erklärte sich die überwiegende Mehrheit der Litauer 
noch nach der Lostrennung des Memelgaues von Deutschland für den 
deutschen Sprachunterricht. Würde die memelländische Bevölkerung in 
die Lage versetzt, nach freiem Ermessen auf Grund des Selbstbestim- 
mungsrechtes der Völker über ihre staatliche Zugehörigkeit zu bestimmen, 
sie würde sich mit überwältigender Mehrheit für Deutschland ent- 
scheiden. 


II 


Seit Deutschlands Zusammenbruch hat da: Deutschtum in den vom 
Reiche losgelösten Ostgebieten einen dornenvollen Leidensweg beschreiten 
müssen. Als Ende des Jahres 1919 in Posen der polnische Aufstand aus- 
brach, wurden die deutschen Behörden beseitigt, die deutschen Beamten 
vertrieben, die Soldaten deutscher Abkunft entwaffnet und zahlreiche 
hervorragende Persönlichkeiten aus der deutschen Zivilbevölkerung als 
Geiseln interniert. Grausamkeiten, Erpressungen, Plünderungen nahmen 
überhand. Wenn man auch zugibt, daß einzelne dieser Greuel durch 
unerwünschte, schwer kontrollierbare Mitläufer verursacht wurden, so 
läßt sich andererseits nicht leugnen, daß in der Drangsalierung der 
deutschen Bevölkerung System lag. In Scharen flüchteten die an Leib 
und Leben bedrohten Deutschen aus der polnischen Hölle. Als am 
28. Juni 1919 in Versailles die Friedensbedingungen von den krieg- 
führenden Mächten unterzeichnet worden waren, richtete das Kom- 
missariat des Obersten Polnischen Volksrates an die „Mitbürger deutscher 
Nationalität“ einen Aufruf, in dem sich folgende Sätze finden: „Im 
Einklang mit ihren freiheitlichen Traditionen wird die Republik Polen 
ihren Mitbürgern deutscher Nationalität volle Gleichberechtigung, völlige 
Glaubens- und Gewissensfreiheit, Zutritt zu den Staatsämtern, Freiheit 
der Pflege der Muttersprache und nationalen Eigenart, sowie vollen 
Schutz des Eigentums gewähren. Für die Stellung im Staatsleben und 
für das Ausmaß der bürgerlichen Rechte ist in der Republik Polen weder 
das Glaubensbekenntnis noch die Muttersprache entscheidend, sondern 
lediglich die persönliche Tüchtigkeit. Deshalb fordern wir alle Zivil- 
behörden und ihre Beamten, die sich loyal den neuen staatlichen Ver- 
hältnissen fügen wollen, hiermit auf, auf ihrem Posten zu beharren, denn 
sie können versichert sein, daß sie nach‘ Möglichkeit in den polnischen 
Staatsdienst übernommen werden.“ 

Wie aber nimmt sich die Wirklichkeit neben diesen Worten aus? 
Die Zeitungen, die kraftvoll die Rechte der deutschen Bevölkerung ver- 
teidigten, wurden unterdrückt, die Männer, die sich ihrer notleidenden 
Volksgenossen annahmen, ins Gefängnis geworfen oder des Landes ver- 
wiesen, die Kandidaten, deren polnische Sprachkenntnisse den polnischen 
Behörden nicht genügten, ihres Mandats verlustig erklärt, katholische 
Geistliche wegen ihrer deutschen Gesinnung ihres Amtes enthoben, 
deutschen Dekanaten polnische Geistliche vorgesetzt, deutsche Grund- 
besitzer, die seit Jahrzehnten in Posen und Westpreußen ansässig waren, 
enteignet. Wo ist der Deutsche, dem der Zutritt zu den Staatsämtern 
eröffnet wurde? Und was ist aus folgenden Versprechungen geworden? 
„Die Ansiedler dürfen im Rahmen den Friedensvertrages in ihrem Eigen- 
tum verbleiben, und, soweit sie infolge der Kriegsoperationen ihr Heim 








Fleischer, Der dees (wen 2 





haben verlassen müssen, können sie nach Ara der SA Eet 
in ihre Grundstücke zurückkehren. A e =w:__erwrrzezen a mr 
Bürger, wie Rechte aus den Arbeiter-=r=i:: 
über die Versorgung kriegsbeschädigter Sc Ae" une ier un GË 
Waisen gefallener Krieger. Rechte — Pwiltrerrizre iw serien 
kierdurch gewährleistet.“ Hunderte vn Arzei=erı ila z: mr un 
Jahre 1908 im Osten niedergelassen ! Saner. we. 
vertrieben, die Pachtrerträge der D-zå enee l SE : 
gehoben. Die Arbeiter gingen für langi dE 
Arbeiterversicherung verlustig. Infsiz Z 
der deutschen mit der polnischen Marx Cie Ze itimie Beti sring ei 
= RR ei 


—— ez ILI 7 'meıen 


Ss 


Ge 


größten Teil ihres Vermögens ein: die dermurern Bees wirin änt 
grenzenlosen Elend überantwortet. Was Wi Zon, Wer Ziziertiienie 
von Deutschen den Wanderstab ergriTea 12i im alr Bains ez 2278 
Existenz zu gründen versuchten? Zurzeit Zirte das Lea l 
Pcsen und Pommerellen kaum Cat 2a: T4 «+ Ei- rizen LaTi 
haben 225 000 für Deutschland optiert. riez ilse izn Lail ver e.t 

h = 


gleichfalls abwandern, so bliebe kaum eize tie MW. Lei 
den ehemaligen Ostprorinzen zurück. Dez leer Segoe Plz Lorri 
der Galizier und Kongreßpole ein. 


Die Polonisierung Westpreugers us? Piz: bar Ze ieri 
Schulwesen tiefe Wunden geschlazen Ir ier Broin Piz tey: 
nach den uns vorliegenden Mie urgent tie Af Feine rt zs 
Volksschulen; 121 blieben unteserzt. Von Jez 544 KNrtsgec ez zeiea 
demnächst 155 ein. Die Zahl der dentan Se-rui-ier Zeiten Sax 
nur noch auf 53639. Im abgetreieren Westtrecier Ee zz? Za 
Zahl der deutschen Volksschulen, die der Staat oer, teriam 


e 
nicht ermittelt werden. Die Zahl SE = U ee alf 
z e = - 


zur noch 371, von denen aber ein En Te. Bere 
e 


sind Posen verfügt dagegen noch über Bä deisecie Na lle rer 
an staatlichen Volksschulen. Daneben te:ter=2 in den Aiëerreiee 


Ostgebieten deutsche Mittelschulen sowie zein gemischimrarhiga Siartr 
mittelschulen mit insgesamt 483 Schülern ur? iĝ dev : 


vi 


Laufe des Jahres 1921 24 deutsche Privatso'k serien 
Mittelschule errichtet. Von den höheren Schu bar 
polnische Gymnasium in Thorn die deutze 
behalten. Im übrigen bestehen noch Gi höhere — 
Schülern und Schülerinnen, 340 Klassen und 37% Letrern. Vollanztalten 
änd nur in Bromberg, Stargard. Neustadt, DirscLau. Posen und Lissa 
zu finden. In Graudenz ist die Errichtung einer ssiehen in Aussicht 
genommen. 

Diese Zahlen sprechen für sich selbst. Sie zeigen, welche Opfer das 
Deutschtum in den abgetretenen Ostgebieten bringen muß. Um sich mit 
Erfolg behaupten zu können, hat es im Deutschtumsbund eine Organi- 
sation ins Leben gerufen, die sich den Schutz der deutschen Minder- 
heitsrechte zum Ziel gesetzt hat. Daneben haben sich auch die Berufs- 
stände zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen organisiert, so die 
Landwirtschaft im Hauptbauernverein und im Zentralverband der Land- 
wirte, das Handwerk im Verband der Handwerker, der selbständige kauf- 


b 


118 Fleischer, Der deutsche Osten 





männische und gewerbliche Mittelstand im Verband der Kaufleute und 
Industriellen. Die deutschen Arbeiter haben sich in der Interessengemein- 
schaft ein wirksames Organ zur Hebung ihrer sozialen Lage geschaffen. 
Im Warschauer Sejm nimmt die deutsche Fraktion die Rechte des be- 
drängten Deutschtums wahr. 

Die Polen freilich wittern in jeder Regung des Deutschtums eine 
Gefahr für den polnischen Staat. Noch nicht zufrieden mit den bis- 
herigen Erfolgen ihrer Verdrängungspolitik, haben sie sich im Verein 
zur Wahrung der westlichen Grenzgebiete eine scharfe Waffe zur völligen 
Unterjochung der deutschen Bevölkerung geschmiedet. 

Auch in Danzig versuchen sie ihren politischen, wirtschaftlichen 
und kulturellen Einfluß planmäßig zu erweitern. Die polnische Regierung 
hat auf Grund des am 9. November 1920 mit der Freien Stadt Danzig 
abgeschlossenen Vertrages die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten 
des Freistaates sowie den Schutz seiner Staatsangehörigen in fremden 
Ländern übernommen. Danzig darf ausländische Anleihen nur nach vor- 
heriger Beratung mit der polnischen Regierung aufnehmen. Die Natu- 
ralisierungsbedingungen sowie die Voraussetzungen, unter denen sich 
ausländische Gesellschaften als Danziger Korporationen konstituieren 
können, werden im Einvernehmen zwischen Danzig und Polen festgesetzt. 
Der Danziger Freistaat mußte seine Eisenbahnen an Polen abtreten 
und verlor das selbständige Verfügungsrecht über den Hafen. Die 
Danziger Gewehrfabrik, die schon zum größten Teil auf Friedensarbeit 
umgestellt war, wurde auf Verlangen der Polen geschlossen; 1300 deutsche 
Arbeiter verloren Beschäftigung und Brot, weil die Polen die Danziger 
Maschinen für sich beanspruchten. Der Freistaat Danzig wurde in das 
Gebiet der polnischen Zollgrenze aufgenommen. Polen und die Freie 
Stadt Danzig bilden ein einziges Zollgebiet, das der polnischen Zollgesetz- 
gebung und dem polnischen Zolltarif unterworfen ist. Dadurch hat die 
Warschauer Regierung eine wertvolle wirtschaftliche Handhabe für ihre 
Polonisierungsbestrebungen im Danziger Freistaat erhalten. Fast täglich 
tauchen in Danzig neue polnische Firmenschilder auf, an allen Ecken 
werden polnische Banken eröffnet. Die Not der erwerbstätigen Bevölke- 
rung ist ins ungeheure gestiegen. Die Zollsätze sind so hoch, daß sie fast 
einem Einfuhrverbot gleichkommen. 


Wie sich die Polen die Zukunft des Danziger Freistaates denken, ließ 
ein Zwischenfall erkennen, der sich anläßlich des Besuches der skandi- 
navischen Journalisten in Danzig abspielte.. Beim Empfang durch den 
polnischen Generalkommissar Plucinski bemerkte dieser, daß „Danzig 
leider noch Ausland für Polen sei, daß darin aber am 1. April 1922 ein 
radikaler Wechsel eintreten werde“. Die polnische Regierung beeilte sich 
zwar, die Entgleisung ihres amtlichen Vertreters zu retouchieren. Doch 
es ist kein Geheimnis, wohin die polnischen Absichten letzten Endes 
zielen. Die Warschauer Regierung vertritt den Standpunkt, daß die 
Konvention vom 9. November 1920 kein internationaler Vertrag zwischen 
zwei gleichberechtigten Staaten sei, sondern lediglich eine Weiter- 
entwicklung der Polen durch den Vertrag von Versailles gegebenen 
Rechte. Dieser habe „die Freie Stadt Danzig lediglich im Interesse 
Polens und zu dem Zwecke geschaffen, ihm einen freien Zugang zum 
Meere zu sichern“. Bei dieser Auffassung der Dinge nimmt es weiter 
nicht wunder, daß Polen im Dezember des vorigen Jahres für polnisches 


Fleischer, Der deutsche Osten 119 








Eigentum und polnische Schiffe im Gebiete der Freien Stadt Danzig 
nicht weniger ala Exterritorialität beanspruchte. Danzig verdankt es 
lediglich dem englischen Oberkommissar Haking, daß dieser polnische 
Anschlag auf seine politische Selbständigkeit abgeschlagen wurde. Daß 
der Freistaat trotz aller wirtschaftlichen Knebelungen seine politische 
Freiheit noch immer zu wahren versucht, hat in Polen wiederholt tief- 
gehende Verstimmung ausgelöst. Recht drastisch äußerte sich in dieser 
Beziehung der Führer der polnischen Fraktion im Danziger Volkstag, der 
in einer Volksversammlung drohte, man werde mit Danzig „oberschlesisch“ 
reden, wenn es sich nicht bald den polnischen Absichten unterwerfe, In 
diesem Kampfe um seine unfreiwillig erworbene staatliche Selbständig- 
keit hat die alte Hansestadt vom Völkerbund, dem sie unterstellt ist, eine 
nennenswerte Hilfe bisher leider nicht erhalten. 

Das sollte auch der Bevölkerung des Memellandes zu denken geben. 
Auch sie strebt den Freistaat an. So gibt eine Entschließung, in der die 
Denkschrift der wirtschaftlichen Körperschaften und Verbände zur Selbst- 
ständigkeit des Memelgebietes gipfelt, dem Wunsche Ausdruck, „das 
memelländische Volkstum in einem selbständigen Staatsgebilde zu er- 
halten“. Dann heißt es weiter wörtlich, wie folgt: 

„Wir verlangen einmütig und mit aller Entschiedenheit: 

1. bei Verhandlungen über das Memelgebiet gehört zu werden; 

2 nachdem wir den zwingenden Beweis erbracht haben, daß das 
Memelgebiet finanziell und wirtschaftlich durchaus lebensfähig 
ist, die volle Selbständigkeit des Memelgebiets. 

3. Wir erbitten daher die alsbaldige Erklärung des Memeilgebietes 
zu einem Freistaat unter dem Schutze eines Ententestaates. 

4. Wir wollen politisch weder Litauen noch Polen zugeteilt werden, 
betonen aber andererseits unsere aufrichtige Bereitwilligkeit, 
mut allen Nachbarländern Handelsverträge abzuschließen. Wir 
sind bereit, Deutschland, Litauen, Lettland und Polen die freie 
ungehinderte Benutzung unserer Eisenbahnen, Wasserstraßen 
und des Memeler Hafens einzuräumen und den Transitverkehr 
nach jeder Richtung hin zu fördern. 

5. Zu diesem Zwecke ist die Schaffung eines Freihafens und eines 
Freibezirks mit den erforderlichen Anlagen in Angriff ge- 
nommen. 

In dieser Entschließung fällt besonders die dritte Forderung auf, der- 
zufolge die alsbaldige Erklärung des Memelgebietes zu einem Freistaat 
unter dem Schutze eines Ententestaates erfolgen soll. Daß unter dem 
Ententestaat nur Frankreich gemeint sein kann, das heute bereits den 
Oberkommissar stellt, unterliegt keinem Zweifel. Ich habe wiederholt 
auf das Bedenkliche einer derartigen Forderung hingewiesen,- weil Memel 
auf dem Wege über das französische Oberkommissariat schließlich Polen 
ausgeliefert werden muß. Es ist viel zu wenig bekannt, daß die an Ost- 
preußen stoßende Südgrenze des Memellandes in Art. 87 des Friedens- 
vertrages von Versailles als polnische Grenze festgelegt worden ist. Die 
Botschafterkonferenz kann bei ihrer Entscheidung über die Zukunft des 
Memelgebietes an dieser Bestimmung des Friedensvertrages nicht achtlos 
vorübergehen. Für Memel besteht deshalb die Gefahr, in dieser oder 
jener Form zu Polen geschlagen zu werden. Allerdings dürfte man davon 
Abstand nehmen, die Stadt zum Sitz eines polnischen Starosten zu 
machen. Davor schützt sie jene Erklärung, die Clémenceau im Namen 
der alliierten und assoziierten Hauptmächte als Erwiderung auf den vom 





120 Fleischer, Der deutsche Osten 





Grafen Brockdorff-Rantzau eingelegten Protest abgab. Der ehemalige 
französische Ministerpräsident behauptete nämlich, das fragliche Gebiet 
sei immer litauisch gewesen, die Mehrheit der Bevölkerung nach dem 
Ursprung ihrer Sprache litauisch. „Die Tatsache, daß die Stadt Memel 
selbst zu einem großen Teil deutsch ist, könnte,“ nach der Meinung des 
Obersten Rates, „in keiner Weise das Verbleiben des gesamten Gebietes 
unter deutscher Hoheit rechtfertigen, insbesondere deswegen nicht, weil 
der Memeler Hafen Litauens einziger Ausgang zur See ist.“ „Es ist ver- 
fügt worden,“ so bemerkt Clémenceau, „daß Memel und das benachbarte 
Gebiet den alliierten und assoziierten Mächten überlassen werden, weil die 
Rechtsverhältnisse der litauischen Territorien noch nicht bestimmt sind“. 

Hier meldet also der französische Premierminister litauische An- 
sprüche auf das Memelgebiet an. Die Botschafterkonferenz sieht sich 
demnach bei der Lösung der Memelfrage vor ein kompliziertes Problem 
gestellt. Art. 87 des Friedensvertrages legt die an Ostpreußen stoßende 
Südgrenze des Landes als polnische Grenze fest; gleichzeitig will 
Clemenceau das strittige Gebiet Litauen überantworten. Der Belgier 
Hymans versuchte als Vorsitzender des Völkerbundsrates, zwischen beiden 
Auffassungen zu vermitteln. Danach sollte Litauen Polen den freien 
Zugang zum Meere und beide Staaten einander den freien Durchgang;- 
verkehr durch ihr Territorium gewährleisten. „Litauen“, so schlug 
Hymans vor, „ist einverstanden, den Polen den Memeler Hafen zu aller 
Art Transport zur Verfügung zu stellen, schließt jedoch im Falle eines 
Krieges Polens mit einer dritten Macht, falls es selbst neutral bleibt, 
den Memeler Hafen für jeden Transport von Kriegsmaterial.“ Das Pro- 
jekt von Hymans ist vorläufig wieder zurückgestellt worden. Die memel- 
ländische Bevölkerung sträubt sich mit Händen und Füßen gegen eine 
staatliche Gemeinschaft mit Litauen. Sie erstrebt in ihrer überwiegenden 
Mehrheit aufrichtig die volle Selbständigkeit des Landes. Dabei muß 
sie sich aber auch endlich dazu entschließen, die letzten Konsequenzen 
aus dieser Forderung zu ziehen, den französischen Oberkommissar mit 
nicht mißzuverstehender Deutlichkeit ablehnen und auf die Beseitigung 
der verhängnisvollen Grenzbestimmung des Art.87 des Versailler Friedens- 
vertrages hinarbeiten. Sonst kann von einer staatlichen Selbständigkeit 
des Memellandes keine Rede sein. Vielmehr dürfte der Hafen unter 
einem französischen Oberkommissar in kürzester Zeit zum französischen 
Flottenstützpunkt ausgebaut werden; französische Unterseeboote würden 
dort eine sichere Zuflucht finden, und Frankreich könnte von Memel aus 
Deutschland jederzeit durch Truppenlandungen auch im Osten bedrohen. 
Wenn darum die Vertreter des Memellandes der Botschafterkonferenz 
demnächst ihre Sorgen und Befürchtungen vortragen, dürfen wir uns 
gewiß der berechtigten Hoffnung hingeben, daß sie den Freistaat aus der 
Hand des Völkerbundes nur unter Bedingungen hinnehmen, die dafür 
bürgen, daß die polnisch-französische Gefahr gebannt wird. Geschähe 
dies nicht, dann wäre alles Gerede von der Selbständigkeit des Memel- 
gebietes nur leere Phrase, dazu angetan, den polnisch-französischen An- 
schlägen auf Ostpreußen und das Reich die wirksamste Unterstützung 
zu leihen. 

Auf die östlichen Abstimmungsgebiete sowie auf Oberschlesien werde 
ich in meinem zweiten Referat über den deutschen Osten eingehen. 


Besprechungen 


Hermann Oncken, Die historische Rheinpolitik der Franzosen, 
Stuttgart-Gotha 1922. Friedrich Andreas Perthes A.-G. 60 S. 


So manche Auffassung, die als fester, sicherer Bestand unserer histo- 
rischen Erfahrung galt, hat der Weltkrieg in Frage gestellt und nicht 
wenige hat er der politisch-historischen Wissenschaft zu erneuter 
Prüfung und Verarbeitung zurückgegeben. Unerschüttert aber, ja durch 
das Kaare geschichtliche Erdbeben aufs neue erprobt und bewährt steht 
die Erkenntnis da, daß dem geopolitischen Faktor ein unbedingtes 
Primat überall zukommt, wo in der unabsehbaren Fülle und Verworren- 
heit der die Völker trennenden und verbindenden Probleme wir nach 
einem festen Boden suchen, dem der ständige Wechsel der fliehenden 
Erscheinungen nichts anhaben kann. Auch das große säkulare Schick- 
sal der Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen, der zwei 
Völker, die darum Feinde wurden, weil die Natur nicht ein Volk aus 
ihnen machte, entwirrt sich am klarsten, wenn man bia zu dieser Wurzel 
vordringt. Von breiten Wasserflächen und von hohen Gebirgen auf 
allen Seiten, eine einzige ausgenommen, begrenzt, fand sich Frankreich 
frühzeitig dazu aufgefordert, sich sprachlich, kulturell, politisch und 
ökonomisch einheitlich zu konsolidieren. Was die Natur dem Westen 
des Kontinents gewährte, versagte sie der Mitte. Die Folge war, daß 
Deutschland sich in nationaler Hinsicht niemals so säuberlich und scharf 
wie sein begünstigter Nachbar abgrenzen konnte. Aber Glücksumstände 
verwöhnen auch: das Bedürfnis, selbst nach der einzigen Seite hin, wo 
sie ihm mühelos nicht beschieden waren, natürliche Grenzen zu er- 
reichen, drängte Frankreich, sobald es sich einheitlich organisiert hatte, 
auf den Weg der Eroberung. Deutschland konnte, von anderem ab- 
gesehen, einer gleichen Versuchung niemals erliegen, denn wo fänden 
u en natürlichen Grenzen, die es nach Osten sich hätte erkämpfen 

Önnen 

Die vorliegende Broschüre über die historische französische Rhein- 
politik behandelt, wie wir es bei diesem Autor gewöhnt sind, ihr Thema 
in glänzender Diktion und mit straffer Linienführung. Ebenso wirkungs- 
voll wie wissenschaftlich unanfechtbar kontrastiert sie die Konstanz 
des französischen Strebens nach dem deutschen linken Rheinufer, auf 
dessen letzte Wurzeln hingewiesen wurde, mit dem Wechsel der Moti- 
vationen und Ideologien, durch die in den verschiedenen Epochen seiner 
Offensive der Angreifer sein stets wiederkehrendes Begehren zu recht- 
fertigen trachtete. Großzügig und eindrucksvoll wirken die historischen 
Schilderungen, die dem Leser vor Augen führen, wie verschieden je 
nach dem Jahrhundert, in dem man sich befand, diese die Generationen 
überdauernden Ansprüche sich kostümiert haben und wie sie es waren, 
die das meiste dazu beitrugen, daß die Kriegsfurie am Rhein immer 
wieder neue Nahrung fand. 

Frankreich konnte nach außen stark und schlagkräftig auftreten, 
weil es zentralisiert war; für die Zusammenfassung seiner Macht im 


122 Besprechungen 


Kriege bedeutete es kaum einen Unterschied, ob Ludwig XIV, der Wohl- 
fahrtsausschuß oder ein erster Konsul oder Kaiser an der Spitze stand. 
Im gleichen Maße wie Richelieu und Louvois lag es Carnot, Sieyes 
und Napoleon am Herzen, daß das große Volk, das an Frankreichs 
einziger verwundbarer Seite sein Landnachbar war, niemals zu der 
gleichen Zentralisation der Kräfte käme wie es selbst. Deutschland sollte 
als eine lockere, von Parteiungen zerrissene und deshalb als Gesamtheit 
ohnmächtige Föderation bestehen, die niemals Frankreich gefährlich 
werden konnte. 

Auf die ungeheure Stärkung, die Frankreichs Anspruch auf die 
Hegemonie des Kontinents, denn diese war, wie Oncken hervorhebt, von 
dem Streben nach der Rheingrenze materiell nicht zu scheiden, durch die 
Ideologie der großen Revolution erfuhr, wird mit Recht hingewiesen. 
Obgleich die Wiener Schlußakte den Franzosen Elsaß und Lothringen 
beließ, verzieh die Seele dieser Nation der restaurierten Dynastie doch 
keinen Augenblick, daß sie auf das übrige linke Rheinufer Verzicht 
geleistet hatte. Aber in einem Jahrhundert des wachsenden Demokratismus 
mußte es eine besondere Gefahr bedeuten, daß gerade die Parteien der 
Linken, fortan von der Auserwähltheit des französischen Volkes felsen- 
fest durchdrungen, in den Fußtapfen Brissots, Isnards, Rühls, Vergniauds 
wandelnd, den Fortschritt und den Aufstieg der Menschheit mit der 
nationalen Hegemonie Frankreichs identifizierten‘). Wenn andere Flüsse 
über ihre Ufer träten, so zerstörten und verwüsteten sie das Land, allein 
des Nils Überschwemmungen befruchteten und stifteten Segen. Diesem 
seinerzeit beliebten, natürlich auf Frankreich abgemünzten Bild begegnete 
man nicht nur bei Louis Blanc, dessen Chauvinismus schon Marx geißelte, 
sondern auch bei den bürgerlichen Republikanern, ja sogar bei den Saint 
Simonisten, den Verkündern des Völkerbundgedankens. Oncken zitiert 
von Louis Blanc Worte aus dem Jahre 1843: „Die rheinische Frage ist 
für Frankreich nicht eine Frage der Gebietserweiterung, sondern eine 
Frage der nationalen Verteidigung. Nicht Eroberergeist kommt hier in 
Frage, sondern die Notwendigkeit unserer Sicherheit.“ Der Verfasser 
hätte aus dem gleichen Artikel eine weitere Stelle hinzufügen können, 
in der die heute wieder so traurig aktuell gewordene Forderung des 
rheinischen Pufferstaates auftaucht: „Hätte man, wie Alexander auf 
dem Wiener Kongresse vorschlug, Polen unabhängig gemacht, Sachsen 
an Preußen gegeben und den König von Sachsen mit dem linken Rhein- 
ufer entschädigt, so hätte das für Frankreich große Vorteile gehabt; wir 
hätten an unserer gefährdetsten Grenze eine kleinere, befreundete, 
konstitutionelle Macht gehabt statt einer großen, despotischen und 
feindlichen Macht.“ Es darf aus Gründen der historischen Billigkeit 
übrigens nicht verschwiegen werden, daß die rückständigen inneren 
Zustände Preußens die Furcht und damit die territoriale Begehrlichkeit 
der französischen Republikaner bedeutend steigerten. In dem von Oncken 
herangezogenen Artikel heißt es denn auch noch: „Que l’Allemagne fasse 
sa revolution, nous n’aurons plus qu’à nous féliciter de son voisinage.“ 
Heute hat Deutschland seine Revolution „gemacht“, aber daß die 
Franzosen sich jetzt mehr als früher zu ihren Nachbarn Glück wünschen, 
zeigte sich bisher nicht an der Behandlung, die sie ihnen angedeihen 
lassen. Für die Außenpolitik der französischen Republikaner unter dem 
zweiten Kaiserreich ist Louis Blancs Stellungnahme typisch. Im Jahre 
1866 wollte er sich herbeilassen, um der Freundschaft eines demokratisch 
gewordenen Deutschland willen auf das linke Rheinufer zu verzichten. 


1) Schon Karl Hillebrand kritisierte „die alleinseligmachende Lehre 
von der Unfehlbarkeit der französischen Demokratie und ihrer mensch- 
heitsbefreienden Sendung“. 


Besprechungen 123 





Aber das von einem Bismarck geeinigte Deutschland fürchtete er; und 
so konnte Friedrich Engels am 1. Mai dieses Jahres an Marx schreiben: 
„Hast Du gesehen, wie Louis Blanchen im Temps jetzt als guter 
démocrate impérial erklärt, daß, wenn Preußen die deutschen Klein- 
staaten absorbiert, Frankreich mindestens das linke Rheinufer haben 
müsse? Das sind die rechte Art Revolutionäre.“ Karl Marx kannte 
übrigens seine Pappenheimer und hatte sich schon früher kräftig über 
die naive Unverschämtheit geäußert, mit der die französischen Republi- 
kaner ihren eigenen Nationalismus für Internationalismus ausgaben. 
Noch charakteristischer für die Selbstbespiegelung, mit der die 
Franzosen nicht erst seit gestern ihren Vorteil als den Vorteil der Kultur 
und des Fortschritts ansehen, ist vielleicht das Beispiel des „Globe“, 
dessen „revolutionäre Tendenz“, seitdem er Tageszeitung geworden war, 
den alten Goethe abstieß, der bis dahin eine jede Nummer mit Spannung 
erwartet hatte. Er war jetzt das Organ der St. Simonistischen Schule, der 
damals die erlesensten Geister Frankreichs zuströmten, geworden, und 
dese war nichts weniger als deutschfeindlich, Er trat sogar für ein 
französisch-englisch-preußisches Bündnis ein, das Europa beherrschen 
site Dies hinderte ihn aber keineswegs, am 10. November 1831 
einem Projekt das Wort zu reden, nach dem Preußen das linke Rheinufer 
an Frankreich abtreten und durch das Großherzogtum Warschau ent- 
schädigt werden sollte, während Rußland in Griechenland auf seine 
Kosten käme. Er gab zu, es bedeute eine Tyrannei, einer friedlichen und 
fleißigen Bevölkerung eine Regierung aufzuzwingen, die sie nicht kenne 
und nicht liebe, und einem Lande die nationale Einigung, nach der es 
seit fünfundzwanzig Jahren seufze, noch weiter zu versagen. Aber das 
Gewissen des „Globe“ beschwichtigt folgende Erwägung: „L'utilité de 
toute mesure qui rattacherait directement les provinces rhönanes à la 
France est universellement sentie par les hommes avancés. Il n-y-a pas 
des raisons pour fractionner la vallée du Rhin jusqu’à l’entr6e des Pays 
Bas. De Hüningen à Dusseldorf, c'est, dans l’acception la plus étroite 
du mot une meme nation, un meme pays.“ Daraus folgert nun mit echt 
französischer Logik der „Globe“ nicht etwa, daß Straßburg, Colmar und 
Breisach deutsch, sondern daß Coblenz, Bonn, Köln, Aachen französisch 
werden müßten. 
Mit vollem Fug richtet sich das Hauptaugenmerk des Heidelberger 
Historikers auf die modernste Rheinpolitik der Franzosen. Er hat die 
ariser Presse der letzten Jahre gründlich verfolgt und bringt so manche 
Äußerung bei, die ihm auf schlagende Weise hilft, die gefährliche 
Konstanz in der Rheinpolitik unserer westlichen Nachbarn darzutun. 
Daß ihm hierbei der wirtschaftliche Gesichtspunkt wohl für den einzelnen 
Interessenten entscheidend ins Gewicht zu fallen scheint, nicht aber für 
die französische Staatspolitik als solche, möchten wir unterstreichen. 
Jede rigorose ökonomische Geschichtsauffassung krankt an dem Fehler, 
daß sie bei ihren Betrachtungen im Grunde nur von dem einzelnen Staat 
ausgeht und nicht von dem Nebeneinander der Staaten. Dieses Neben- 
einander läßt sich aber höchstens mit Ach und Krach in das Prokrustes- 
bett eines dogmatischen Postulats einfügen. Gustav Mayer 


Fritz Wuessing, Geschichte des deutschen Volkes vom Ausgang des 
achtzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Ein sozialpsycholc- 
gischer Versuch. Berlin und Leipzig 1921. Franz Schneider. VIII 
u. 315 S. 

In unsrer Zeit, wo die Parteigegensätze sich schärfer als je geltend 
machen und doch eine innere Verständigung, ein gegenseitige: Sich- 
finden und Sichgeltenlassen so notwendig zur Erhaltung unseres Lebens 





it die Breite und Fülle des nationalen Lebens in alf seinen Richtungen ` 
vbringen und su erwecken für alle starken. 


>. zu verfolgen, Sympathien mitzubringen und su erwackun für alle x 
And, gesunden. Triebe, zu lehren, wis sie alle miteinander sum Reile des — 








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Ge — ‚Antriehen erfüllt ist, eine beson 


Antriehen erfüllt ist, eine besondere und schicksalhafte Auf- 
s iat ihre Funktion, jenseits aller doktrinären Enge die Gesamt- 


Gegen notwendig sind, des verdorren müßle, wenn sine Tendenz aus. 


schließlich und dauernd In ihm die Oberhand 
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Wirkung wird von dem Werks des. 


'Vülkerdasein Ihre unkeilvalle Rolle göspielt haben. — 


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Dinge | S Ziston ker ausgehen, der — 
"ës der Vergangenheit zu zeigen vermag, wie dis doch immer ouseiehte: — 
oo fosen Versuche einer Erstiekung und Ertölung sulstrebenden Lebens im 


` Man kann sagen, daß dies die ader wenigstens eine Urundkonzeption 


Ré f 


des Buches von Wuessing jat, In schöner und gelungener Synthese Führt 


o er dje palitische, Öknnomische und geistiee Geschichte wmseres Volkes 
o Xam Ausgang des Absolutiemus bis zür Üegsnwart. Es ist schwer, in. — 


O heiten literar- und wissenschaftsgeschishtlicher ‚Entwicklung: vor dem — 


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Fi 4 Karte e A ~ ` 


derartigen Schilderungen, die eine Fülle soo Stof hie in die Einzel”) 


-Leser ausbreiten, den Chataktor einer biolro Anviosnderseihung von 


"Ramen und Werken zu vermeiden, aber man wird sagen können, daß = 
hier Immer das Streben und such die lähigkeit einer ‚straffen Zos- - 
e amimenfaaudg dea Wesentlichen und Typischen rorwaltet,. Es ist ein 
o Werk von geistiger Haltung. und die eingeflvuchtenen Rüsonnements be- ` 
u... Wesen den inneren Anteil eines nachdankl or G Gegen 
Stände innerlich ergrifonen Menschen, Das Buch: lehrt immer wieder 
dan eine, wie ss das Üuglück des deutschen Volkes war, daß seine Rinder 
einander nicht fanden und verstanden, Vielleicht hat gerade die Tiefe 
und Energie, mit der wir dia verschledanen Seiten des geistig-palitischen 


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eben und von zeigen ( 


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Lebens auszugestälten vermachten,. die in. anderen. Ländern eher ge- > 


`  Juugene Ausgleichung und Anpassung der Gegensätze vorbiudert, Die 


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hen febenskräfte unserer klassischen Periode kannten trotz der `. 


| schöpferischen Wirksumkeit Steins sicht in dauernden Einklang zit den 
Mächten der preußischen Tradition gebracht werden. Bie, in denen der ` 
Verfasser sls echter Historiker. einen nalwendigen: Bestandieil unseres ` ` 


... Wesens erblickt, standen während des ganzen seönzehnten Jahrhundert -< 


o jehnender und hilfinger Feindseligkeit gegenüber, Bo ergab sich endlich © > 
o jenes tragische Phänomen, daß ein Meister der Außenpolitik wie Hie: ` 


oo wicklung übt, las Buch eine ktarke Wirkung nut den Leser aus und ent: 
ON EE HAL Bas BUON eine starke Wirkung auf den: Leser. ed ent, 
, Ee in hehe für: a We a eo 
i Wesm Zusenmanhsnge- einen bernfenen uud lauteren Kronzeugen u 
k Let uch aa Saran erinnern, daB die Wuessingschn Konzeption ` 

‚nielletcht dureh nichts. so. sehr gestfttst wird ala dureh den Hinweis ` 






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die Zukunft Wenn es gestattet Ist. in. 


o darauf, daß Thendot Fontane aus dichterischer Intwtion heraus immer 


"lies eine tertreten und ‚gefördert hat: dis Prinzinien. der Freiheit, der ~ 
on ER DD gelördert hat; die Prinzipien. der Freiheit, der -ù 
Schönheit aml Menschliehkeit ebene gie die der Tradition und Autorität. 


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Zeit wirkte, Weil diese Vereinigung der Antinomien hei uns wicht. 
gelang, mußte sich nnser Schicksal so, wie as geschehen ist, erfüllen... o. 
©... An der #indringlichen. Aufzeigung dieses Grundmstive unserer Eat- 


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2.0283. des Liberalismus, dann des Sozialismoa in. ab. 


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abe war die ae drei Monate dem Kaifer perfönlich attadyiert und ift daher wie fein an: 
derer berufen, die zum Schluß Géi überPärzenden und entfcheidenden Ereignifie als Augen» und 
Ohrenzeuge hiftorifch getren zu fchildern. 
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Jn unferem Derlage ift erfchtenen: 

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Kaifer und Revolution 
Die entfcheidenden Ereigniffe im Gropen Hauptquartier 
von Alfred Niemann 
Oberfileutnant a. D. 

Die eiert AE Dorgånge im Kaiferlichen Hauptquartier vor und nah dem nıllitärlfchen 
en rudh} bedürfen noch der Aufklärung. Oberſtleutnant Niemann vom Großen General» 


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Deutschlands Zusammenbruch und Aulersiehung 


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Welche Fehler begangen wurden, daß es zum Zusammenbruch kam, und wo 
die Ursachen dieser Fehler zu suchen sind, das nachzuweisen war die eine Aufgabe 
dieses Buches. Die Wahrheit über diese Ursachen ist derart, daß sie geeignet ist, 
den inneren Streit zu entgiften, innere Gegensätze zu überbrücken und eine 
neue Grundlage zu schaffen für Deutschlands Wiederaufstieg. 


Die Stellung Preußens IM deulschen Staalsrechi 


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‚. In kaum einem anderen Kulturstaate der Welt ist die Gestaltung der staatsrecht- 
lichen Verhältnisse so schwierig und umstritten wie in Deutschland. Ein wichtiger 
Grund dieser Erscheinung ist zweifellos in der bundesstaatlichen Struktur Deutschlands 
zu erblicken, die als Produkt der geschichtlichen Entwicklung eine Fülle staatsrecht- 
licher Probleme mit sich bringt. Die Stellung des preußischen Staates innerhalb 
Deutschlands ist nun von besonderer Bedeutung, da Preußens Entwicklung wesentlich 
anders verlaufen ist als die der anderen Bundesstaaten. Die preußische Frage war 
stets das wichtigste Problem im staatlichen Aufbau Deutschlands. Auch die Revolution 
hat diese Ve nicht zu lösen “##inocht, so daß auch heute noch die Stellung 
Preußens im Ri mproblem der Gegenwart anzusprechen ist. 





Abhandlungen 


VII 
Das angelsächsische Staatenproblem 


Von Carl Brinkmann‘) 


Die angelsächsische Staatenwelt, deren Bedeutung, aber auch 
Fremdheit der jüngsten deutschen Vergangenheit zweimal, beim 
Kriegseintritt Englands und der Vereinigten Staaten, überraschend 
klar geworden ist, gliedert sich für eine soziologisch verstehende 
Politik in drei Kreise. Den innersten bildet der Kulturmittelpunkt 
der englischen Insel mit seinen unmittelbaren Herrschafts- und 
Ausbeutungsgebieten in Irland und den farbigen Protektoraten, 
einen mittleren die Dreizahl der großen britischen Tochtersied- 
lurgen in Amerika, Australien und Südafrika, den äußersten 
endlich die amerikanische Union mit ihrem jungen Weltreich. 


I 

Der erste Kreis stellt sich vor allem andern als eine gewaltige 
wirtschaftliche, aber auch geistige Aristokratie dar, die wie ein 
riesiges Herz ihre Nahrung in Rohstoffen, Unternehmergewinnen 
und Kapitalerträgen aus aller Welt zieht, nicht nur um sie wie ` 
das alte Rom zur wirtschaftlichen und militärischen Selbsterhaltung 
zu verbrauchen, sondern immer noch vorwiegend, um sie in der ent- 
wickeltsten Ausfuhrindustrie der Erde zu verarbeiten und wieder 
in die Welt hinaus zu verteilen. Das heißt: Auch nachdem das 
klassische Freihandelszeitalter des englischen Exports längst vor- 
bei ist, beherrscht dieser letzten Endes unverändert die politischen 
Zielsetzungen des führenden angelsächsischen Gemeinwesens. Die 
zwei Millionen Arbeitslose, in denen sich die Störung der Welt- 
wirtschaft durch Weltkrieg und Friedensschlüsse für England aus- 
drückt, haben eine fühlbarere Bedeutung als die dreifache Ziffer 
in den Vereinigten Staaten, weil sie Herzkrankheit, nicht bloß 
peripherisches Unwohlsein anzeigen. Den Deutschen fesselt be- 
sonders, daß die englische Ausfuhrstockung das genaue Spiegel- 
bild seiner eignen Lage ergibt: Bei allgemein niedrigen, kaum 





') Niederschrift eines Vortrags, der am 15. Mai 1922 die Erste Außen- 
politische Woche der Deutschen Presse eröffnete. 
Zeitschrift für Politik. 12. $ 


126 Brinkmaun, Das angelsächsische Staatenproblem 


noch das Doppelte des Vorkriegsstandes haltenden und weiter 
sinkenden Inlandspreisen ebenso stark zurückgehende Löhne 
namentlich in der gewerkschaftlich organisierten höheren Arbeiter- 
schaft, deren Lebenshaltung nicht wie die der Arbeitslosen und 
Staatsbeamten, der Unorganisierten und der mächtigen Verkehrs- 
arbeiter vom Staat künstlich geschützt wird; daher, wenn auch 
unter Verschiebung des Akzents von den unteren in die oberen 
Schichten des Proletariats, im Ergebnis ähnliche zerklüftende 
Spannungen zwischen diesen und der bürgerlichen Gesellschaft, 
die vorläufig einen erheblichen Rückschritt gegen den sozialen 
Frieden und den in England besonders ausgeprägten politischen 
Arbeitereinfluß der Vorkriegszeit bilden, dafür aber auch früher 
brennende Fragen wie den Kampf zwischen Freihandel und Schutz- 
zoll stark zurückgedrängt haben. Alles in allem eine Atmosphäre, 
wo trotz geringer, meist gefühlsmäßiger oder von außen, besonders 
von Rußland angeregter Entfaltung der radikalen kommunistischen 
Strömungen und äußerlich intransigenter Sammlungspolitik des 
Bürgertums das Gefühl vorherrscht, jede Verschärfung oder auch 
nur Fortdauer der Wirtschaftslage könne die schwersten inner- 
politischen Erschütterungen bringen. 

Erst wenn dieser allgemeinste Überblick gewonnen ist, 
schwinden die den Tagesstreit beschäftigenden partei- und 
personalpolitischen Erörterungen auf das gebührende Maß und 
wird verständlich, von welchen Notwendigkeiten die Koalitions- 
regierung des Weltkriegs immer noch lebt. Schon an sich darf 
die Beständigkeit des Zweiparteiensystems in der englischen Ver- 
fassung nicht überschätzt werden. Die größte Politik hat sich in 
England von den Pitts über Peel, Disraeli und Gladstone bis zu 
Lloyd George stets in Übergängen zwischen Konservatismus und 
Liberalismus bewegt und dadurch lediglich bewiesen, daß der 
Parteienwechsel zu allen Zeiten nichts als ein technisches und 
zufälliges Werkzeug für die im tieferen Sinne einheitlichen Bedürf- 
nisse der herrschenden Klassen war. Von der Burgfriedensparole 
des heutigen Ministerpräsidenten aber ist vollends klar, wie sie 
über den Krieg hinaus gegenüber den beiden Dauergefahren der 
sozialen und der irischen Frage (einer sozialen Frage mit natio- 
nalem Vorzeichen) der englischen Bourgeoisie einstweilen kaum 
eine Wahl läßt, 

Wie nun die großen Augenblicke überparteilicher Staatskunst 
in England niemals bloß die Geschöpfe irgendwelcher „Taktik“, 
sondern stets der Ausdruck einer wahrhaft gemeinsamen und ver- 
antwortungsbewußten politischen Kultur waren, so muß auch 


Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 127 


heute auf dem Festland erst noch begriffen werden, welche über- 
ragende geistige Erscheinung das Programm und der Kreis David 
Lloyd Georges für sein Land und für das politische Universum be- 
deuten. Wie jede große Synthese laufen sie den Schlagworten 
einer zerrissenen Öffentlichkeit zunächst so gründlich zuwider, 
daß die Gestalt des „Zauberers von Wales“ in der gutgesinnten 
Ententeliteratur nicht minder verzerrt dasteht als bei uns, die wir 
unsere alten Empfindlichkeiten aus der Zeit des „Knockouts“ 
immer noch allzu gerne an der Polemik seiner altliberalen Gegner 
aufwärmen. Und doch kann man von dem umstrittenen persön- 
lichen Ethos des englischen Premierministers vorläufig ganz ab- 
sehen, braucht sich nur die Reihe der Begabungen, die Fülle der 
politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, journalistischen Ge- 
danken und Unternehmungen einmal anzusehen, die auf dem 
gegenwärtigen Höhepunkt englischer Staatsinitiative aus allen 
Gesellschaftsschichten und landschaftlichen Kreisen des Briten- 
tums, ja des Angelsachsentums überhaupt der Regierung zu- 
strömen, um innezuwerden: Hier ist das Zentrum der kapitalisti- 
schen Gegenwart, wie in Moskau (vielleicht) das Zentrum einer 
überkapitalistischen Zukunft liegt. Da ist kein soziales und parla- 
mentarisches Übergewicht oder Extrem, das in diesem Großhirn 
der englischen Politik nicht taktisch, aber auch sachlich ver- 
arbeitet und ausgeglichen würde: Nicht umsonst sind „Coordi- 
nation“ und „Conference“ die beiden Schlagworte, die fast natur- 
wissenschaftlich formelhaft überall wiederkehrend die Suggestion 
des Georgianismus verstärken helfen. Ein neues Beamtentum, wie 
es sich auf dem Festland vielleicht hier und da durch den 
doppelten Widerstand von Bürokratie und Publikum an die Ober- 
fläche der Aktion hinaufringt, erscheint hier geradezu zum Prinzip 
erhoben. Männer wie der Organisator des englischen Verkehrs- 
wesens im Weltkrieg, Sir Eric Geddes, der an der Spitze eines 
aus Wirtschaftern und Beamten gemischten Ausschusses soeben 
einen umfassenden Plan für „Economy“, die Anpassung des 
englischen Staatshaushalts an die Grundsätze friedensmäßiger 
Wirtschaftlichkeit, ausgearbeitet hat, sind weder die unsozialen 
Feinde der Volksbildung und Volksgesundheit, die die Arbeiter- 
partei in ihnen sieht, noch die staatssozialistischen Orgiasten, von 
denen die Sparsamkeitsfanatiker der liberalen und konservativen 
Bourgeoisie den Umsturz der geheiligten englischen Freiwirtschaft 
befürchten. Es sind (im Idealfall) plutokratisch und bürokratisch 
gleich unbelastete Führer, die sich durch kein Geschrei von links oder 
rechts dabei entmutigen lassen, Regierungskredite für die Unter- 
9* 


128 Brinkmann, Das angelsächsische Stastenproblem 


nehmer und Arbeitslosenunterstützungen für die Reservearmee 
der Ausfuhrgewerbe so lange zu vereinigen und gegeneinander 
auszuwägen, bis auch außenpolitisch der schwerere Ausgleich 
zwischen den Herren und den Sklaven, den Siegern und den Be- 
siegten der Nachkriegszeit zustande gebracht sein wird. 

Schon die Schwierigkeit eines so stark ideellen Gleichgewichts- 
zustandes zwischen so höchst realen Gegenkräften muß immer er- 
neut die Prognose seiner Überwältigung durch eine von ihnen 
hervorrufen. Sie ist noch niemals auch nur beinahe eingetroffen. 
In Deutschland hören wir ja am meisten (durch ihn selbst) von 
den Aussichten einer Wiederherstellung des altenglischen Libera- 
lismus unter Asquith oder Grey. Aber Asquith ist heute ein aus- 
gebrannter Krater, das gerade Gegenteil des rastlosen Vulkans an 
der Regierung, und Grey bleibt, wie wir Deutsche doch am besten 
wissen sollten, durch seine Rolle bei Kriegsausbruch vor einer 
heute immer franzosenfeindlicheren öffentlichen Meinung zu sehr 
(ja durch «ignes taktisches Ungeschick so übermäßig) belastet. 
daß sein Aufstieg zur Macht kaum im Bereich der Wahrschein- 
lichkeit liegt. Zudem würde, wie überall gefühlt wird, das eigen- 
artige Bundesverhältnis dieser Altliberalen zu Lloyd Georges alt- 
konservativem Nebenbuhler, dem Völkerbundsanwalt Lord Robert 
Cecil, die heutige sachliche Koalition nur durch eine persönliche 
ersetzen. Größere Bedeutung schon könnten eines Tages jene 
jungkonservativen Strebungen gewinnen, die unter öffentlich- 
geheimer Leitung des Lerdkanzlers Birkenhead auf ein vielleicht 
noch fernes, aber wenigstens verfassungsrechtlich bestimmtes Ziel, 
die Reform und Wiedererhebung des Oberhauses zu voller gesetz- 
geberischer Mitwirkung, hinsteuern. Aber der Kanzler selbst und 
‚auch die andern vermutlichen Häupter einer koalitionsfreien kon- 
servativen Sammelpartei, vor allem der gesellschaftlich höchst 
mächtige Graf Derby, der Vertreter des französischen Bündnis- 
gedankens, werden äußerlich und innerlich auf weit günstigere 
Konjunkturen warten müssen; für jetzt ist ihre politische Eigen- 
schwere zu unbedeutend, ja eigentlich die von Monden, die ihr 
Licht von der Sonne Lloyd Georges empfangen. Daß endlich die 
lange erwartete Stunde für eine Regierung der Arbeit heute 
weniger denn je gekommen ist, versteht sich nach den einleiten- 
den allgemeinen Darlegungen von selbst. 

Aufs engste mit dem innersten Kreis angelsächsischer Politik 
und deshalb auch mit der Frage der Koalition Lloyd Georges ver- 
bunden sind die beiden chronischen Revolutionen, mit denen das 
britische Weltreich seit dem Krieg zu kämpfen hat, die irische 


Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 129 


nnd die indisch-ägyptische. Sie haben außer der Zähigkeit, womit 
de Koalition sie durch Ausgleich und Selbstverwaltung zu über- 
winden trachtet, noch den weiteren Zug gemeinsam, daß ihr 
früherer überwiegend wirtschaftlicher Inhalt sich heute immer 
mehr in einen machtpolitisch-militärischen verwandelt hat. Im 
letzten Jahrhundert waren sowohl Irland als Indien die klassischen 
Schauplätze jener gefährlichen Umschlingung einer primitiven 
durch eine hochkapitalistische Volkswirtschaft, wobei alle wirt- 
schaftliche Entwicklungskraft der ersten nicht ihr selber, sondern 
von ihrem künstlich verkrüppelten Körper weg stets nur der 
zweiten zuwächst. Heute bietet die englische Reformpolitik, die 
Jen Namen einer „Devolution“ der politischen und wirtschaft- 
lichen Energien vom Reichshaupt auf die Reichsglieder trägt, zum 
Entsetzen des heimischen Webstoffexports dem indischen Streben 
nach eigner Industrie bereits erhebliche Schutzzölle, als Lohn für 
eine Einigung zwischen dem republikanischen Südirland und dem 
loyalen Ulster aber die finanzielle Autonomie, die es Gesamt- 
irland ermöglichen würde, von der englischen Kriegsschulden- 
wirtschaft loszukommen. Mit einer wirtschaftlich selbständigen 
Zukunft der beiden Schmerzenskinder wird also bereits gerechnet. 
Da erhebt sich plötzlich die drohende Frage, ob es für diese spät 
erzwungene Selbsteinkehr Englands nicht schon zu spät ist, ob 
nicht das letzte Ziel der indischen wie der irischen Revolution 
überwirtschaftlich, die staatliche Losreißung von England und 
damit die militärische Gefährdung der atlantischen wie der pazi- 
üschen Seegeltung Englands sein und bleiben muß. Nicht zufällig 
haben rein machtpolitische Streitigkeiten wie die um die Ober- 
hoheit der englischen Krone, ihre militärischen Verwaltungs- und 
Besetzungsrechte die entscheidende Rolle in der Auseinander- 
setzung mit Irland, Ägypten und Indien zu spielen begonnen, und 
auf dieser ganzen strategischen Linie, die ja mit dem russischen 
Bolschewismus und dem türkischen Nationalismus einleuchtend 
zusammenhängt, ist die Versöhnungspolitik Lloyd Georges neuer- 
dings zu einem gewissen Stillstand gekommen. Das irische Ver- 
tragswerk ist seit den hoffnungsvollen Anfängen der Jahreswende 
nicht von der Stelle gerückt, in Indien scheint die Reformpolitik mit 
dem Rücktritt des Staatssekretärs Montagu vorläufig gescheitert, 
und hüben wie drüben triumphiert äußerlich die alte schroffe 
Ansicht von der Unvereinbarkeit des Herren- und des Beherrschten- 
standpunkts, wie wir sie auf dem europäischen Festland und be- 
sonders in Deutschland fast täglich von der leidenschaftlichen und 
abenteuerlichen Weltpropaganda der irischen und islamischen 


130 Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 


Revolutionäre verkünden hören. Auf weitere Sicht wird man sagen 
können, daß nach dieser Seite in der Tat die staatsbildnerische 
und kolonisatorische Fähigkeit der Engländer einer schwersten 
Probe entgegengeht, zugleich jedoch bezweifeln dürfen, ob der 
politische Kampf zwischen der alten englisch-zentralen Herrscher- 
schicht und der wachsenden nichtenglisch-peripheren Intelligenz 
dauernd stärker sein wird als das Bedürfnis der Massen nach Ruhe 
und wirtschaftlichem Wohlstand. Und eben für dieses letzte, die 
geheimnisvoll mächtige Mischung erdenschweren Interesses und 


höchster menschlicher Sehnsucht, könnte die Politik, die der 
Genius der angelsächsischen Rasse heute durch Lloyd George 
treibt wie früher durch Pitt oder Disraeli, in Irland, Ägypten und ` 
Indien ebenso einstehen wie im Weltzusammenhang der Grob- 


mächte, wo ein kaum minder erbitterter Konflikt von Starken und 








Schwachen, Gläubigern und Schuldnern ebenso schmerzlich auf 


die befreiende Menschenvernunft und Menschengüte wartet. 


H 
Der mittlere Kreis angelsächsischen Staatslebens, wo Herr- 


schaft und Ausbeutung sich bereits fast ganz mit den Ansprüchen 
örtlicher und völkischer Selbständigkeit ausgeglichen haben, um- ` 
faßt im wesentlichen die drei oder (wenn man nach britischer ` 
Gewohnheit die staatliche Trennung Neufundlands von Kanada, 
Neuseelands von Australien betonen will) fünf großen „Dominien“. ` 
Denn von den übrigen englischen Kolonien gehört ein Teil, in der ` 


Hauptsache die sogenannten Hafenkolonien an den Rändern Asiens 
und Südamerikas sowie die Gebiete der großen afrikanischen Land- 
gesellschaften, noch so eng zum Bereich der mutterländischen 
Aristokratie, ein anderer, namentlich die Inselkolonien Westindiens 
und der Südsee, bereits so eng zum Bereich der Dominien, daß sie 
im ganzen die hier gewählte Einteilung eher unterstützen als 
stören. Das neue Staatsrecht der Dominien als „autonomous 


nations“, mit dessen Formulierung Lloyd George bei der Ein- | 


berufung der Reichskriegskonferenz von 1917 den Reichsteilen 
schmeichelte, ist eben noch ganz im Fluß und soll dem Mutterland 
mindestens soviel Lasten abnehmen als auferlegen. 

Den Verhältnissen der kolonialen Protektorate steht oder stand 
doch wenigstens bis vor kurzem am nächsten das politische Milieu 
des jüngsten dominialen Bundesstaats, der Union von Südafrika, 
in der sich seit 1907 die Engländerstaaten des Kaps und Natals 
mit den 1902 eroberten Burenstaaten Transvaal und Oranje die 
Wage halten. Der burische Nationalismus, der auch nach dem 











Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 131 





Scheitern des Dewetschen Aufstands 1915 unzweideutig seinen 
Haß gegen die britische Reichseinheit (nicht die südafrikanische 
Bundeseinheit) und seine Sympathien für Deutschland bekannte, 
pflegte besonders bei uns in eine Reihe mit der irischen, indischen 
und ägyptischen Revolution gestellt zu werden, und das dürfte 
auch nach den Bundeswahlen von 1921, bei denen sich die „unio- 
nistische“ Regierung des Generals Smuts unter starker Beihilfe 
des englischen Bergwerkskapitals in knapper Mehrheit behauptete, 
nicht jede Berechtigung verloren haben. Immerhin sind auch hier 
starke und sogar allerstärkste politische Kräfte am Werk einer 
wachsenden und wachsend wirtschaftlich bestimmten Einigung. 
Unter den jugendlichen Überseestaaten, denen die Zerrüttung der 
Friedensweltwirtschaft im Kriege ganz neue Möglichkeiten wirt- 
:chaftlicher Eigenentwicklung brachte, nimmt die Union mit ihrem 
Nebeneinander hochwertiger Bodenschätze und allseitig aus- 
bildungsfähigen Landbaus eine der ersten Stellen ein, aber es ist 
sehr die Frage, ob nicht gerade diesem doppelseitigen System noch 
auf lange hinaus die politische Verbindung mit dem Londoner 
Geld- und Warenmarkt am besten dient, und sogar das Haupt- 
ausfuhrgewerbe des Landes, die Wollerzeugung, hat sich trotz 
aller Klagen im Kriege an die Bevormundung durch die Reichs- 
bandelspolitik zu sehr gewöhnt, um bis zur Herstellung ganz 
anders freier und gesicherter Weltmarktsverhältnisse davon zu 
lassen. Einen sehr wunden Punkt hat der Reichszusammenhang 
für Südafrika in der Frage der Freizügigkeit der farbigen Reichs- 
bürger, auf die England vor allem zur Beruhigung Indiens 
drängen muß und von der vor allem der Bur, seit seiner histori- 
schen Einkreisung durch englischen „Eingeborenenschutz‘“ emp- 
findlich geworden, die schlimmste Überfremdung auf dem Wege 
des Indischen Ozeans befürchtet. Indessen Südafrika ist doch auch 
wieder mit seiner ganzen Volkswirtschaft, voran den Bergwerken, 
auf die halbfreie farbige Arbeit der sogenannten Indenturverträge 
unausweichlich angewiesen, und die heftigen sozialrevolutionären 
Strömungen, die sich in den Frühjahrsunruhen des Randgebiets ent- 
luden, müssen den nüchternen südafrikanischen Politiker vollends 
vor das Bedenken stellen, ob nicht am Ende die nötige Dosierung 
und Disziplinierung der Arbeitszufuhr im Rahmen und mit den 
Machtmitteln des britischen Weltreichs immer noch am besten 
gewährleistet ist. Die besondere Energie, mit der Smuts seit dem 
Ende des Weltkriegs den Völkerbundgedanken ergriffen hat und 
vertritt, scheint die politische Diagonale zwischen Richtungen, 
deren keine das heutige oder ein noch strafferes Reich als end- 


132 Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 


gültig hinnimmt, keine aber auch seine Bedeutung für alle weitere 
Organisation der Welt verkennt. 

Im Vergleich mit so unbestimmten Zukunftsaussichten war 
Australasien, d. h. das 1900 errichtete Commonwealth Australiens 
und Neuseeland, und zwar dieses noch viel mehr als jenes, von 
jeher ein Paradies des englischen Reiehspatriotismus, dessen An- 
regungen zur Festigung der Reichsverfassung dem Mutterland seit 
der ersten Kolonialkonferenz von 1887 in die Hände gearbeitet 
haben. Diese australische Loyalität hat in immer verstärktem 
Maße nicht nur auf der Ausschließlichkeit der englischen Siedlung 
in diesem Erdteil, sondern auch, was oft vergessen wird, auf der 
zu deren Erhaltung nötigen exklusiven Verfassungs- und Wirt- 
schaftspolitik beruht. Der Europäer, Engländer oder Festländer, 
der heute die Künstlichkeit des australischen Wirtschaftssystems, 
die Verkümmerung seiner unendlichen Wirtschaftskräfte durch 
eine fast monopolistische Arbeiterklasse und ihre übersteigerte 
Sozialpolitik beklagt, macht sich nur zu selten klar, daß ohne 
diese künstliche Verengerung des Arbeitsmarkts und des Unter- 
nehmungsspielraums der Erdteil vielleicht längst der wirtschaft- 
lichen und politischen Durchdringung der Östasiaten anheimge- 
fallen wäre. In dem besonderen Verhältnis Australiens zum 
Mutterland prägt sich die Tatsache aus, daß der britische Vor- 
posten in der pazifischen Welt zwar ohne die Welt- und Seemacht 
der Gesamtheit verloren wäre, aber doch auch diese sich ihn als 
politischen Hebel ihrer Ausbreitung auf der andern Halbkugel nie- 
mals wegdenken kann und mit allen Mitteln anhänglich erhalten 
muß. Den daraus folgenden, gegenseitig sich steigernden Chauvi- 
nismus angloaustralischer Politik haben wir Deutschen in der Höhe 
der australischen Kriegsleistungen und der Härte des Vernich- 
tungsfeldzugs gegen unsere australischen Wirtschaftsinteressen 
und unsere ehemaligen Südseekolonien unvergeßlich zu spüren 
bekommen. Weniger bekannt ist, daß auch die notgedrungene 
Umkehr der englischen Friedenspolitik von der Vernichtung zur 
Wiederaufrichtung des Gegners (in den Grenzen des eignen Be- 
dürfnisses) bereits Australien hinter sich herzuziehen beginnt. 
Ein so aufdringlicher Feind Deutschlands wie der australische 
Ministerpräsident Hughes, die typische Verkörperung der mutter- 
landstreuen, machtgewohnten Arbeiterbourgeoisie Australiens, ist 
von der Reichskonferenz des Vorjahres merkwürdig still und ge- 
mäßigt zurückgekehrt, obwohl er die nationalistischen Schlag- 
worte im Kampf gegen links und rechts, Sozialisten und Farmer, 
nach wie vor gut brauchen könnte. Und während der allbritische 


Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 133 


Flottenpatriotismus durch die Ernennung Lord Jellicoes zum 
Generalgouverneur von Neuseeland neue Nahrung erhalten hat, 
ist es seit dem Pazifikabkommen von Washington auch an den 
publizistischen Reibungsflächen Australasiens und Japans unge- 
wöhnlich ruhig geworden. 

Von südafrikanischem Unabhängigkeitsstreben und australi- 
scher Fügsamkeit gleich weit ab steht die Reichsgesinnung der 
ältesten und neben der „Union“ Südafrikas und dem ‚„Common- 
wealth“ Australiens par excellence sogenannten „Dominion“ 
Kanada. Ihre Konflikte mit dem Mutterlande, seien es die Natio- 
nalitätenkämpfe zwischen Altfranzosen und Neuengländern oder 
das zähe Ringen um das Recht auf eigne Schutzzollpolitik, waren 
im wesentlichen schon vor dem Erlaß der Bundesverfassung von 
1867 zugunsten von Einheit und Autonomie entschieden und 
liegen jedenfalls so weit zurück, daß sie nicht mehr in der Form 
irgendeiner Gereiztheit, sondern nur noch in einem besonderen 
Würdegefühl bewußt sind, das der mutterländischen Fehler ge- 
denkt, obne deshalb weniger stolz auf das Alter und die Be- 
deutung der kanadischen Reichsangehörigkeit zu sein. Das Land, 
das 1867 ernsthaft nach einem monarchischen Titel suchte, liebte 
es bis vor kurzem, auch Mitglieder der königlichen Familie als 
Generalgouverneure an seiner Spitze zu sehen. Der konservativ- 
liberale Gegensatz der beiden großen Landesparteien, der sich mit 
dem der beiden Nationalitäten doch nur in großen Zügen deckt, 
bezog sich in dem halben Jahrhundert ihrer parlamentarischen 
Nebenbuhlerschaft namentlich auf die verschiedene Ausgestaltung 
der dominialen Handelspolitik in hochschutzzöllnerischer Richtung 
zu einem Reichszollverein oder in vertraglicher Richtung zu einer 
Annäherung an die benachbarten Vereinigten Staaten, und eine 
gewisse Art politischer Tagesbetrachtung in Deutschland pflegt 
ebenso übertreibend wie von der burischen Reichsverdrossenheit 
und den australisch-japanischen Feindseligkeiten auch von der 
schiefen Ebene zu sprechen, auf der die kanadische Autonomie- 
entwicklung vom Mutterlande weg der amerikanischen Union in 
die Arme gleite. Natürlich hat sich auch der konservative Chauvi- 
nismus diese äußerste Möglichkeit nicht entgehen lassen, un bei 
den Dominialwahlen des letzten Winters das nach Bordens Rück- 
tritt rasch sinkende Ansehen des Kabinetts Meighen damit zu 
stützen. Allein mit Recht haben die Plakate, auf denen man den 
kanadischen Bären in den Klauen des amerikanischen Adlers sah, 
uur die Heiterkeit der Wählermassen erregt, die von den Land- 
wirten des Westens geführt kriegs- und krisenmüde in das Lager 





134 Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 





des Liberalismus und der handelspolitischen Verständigung mit 
Amerika abschwenkten. Eine so gewaltige Machtverschiebung 
wie der politische Zusammenschluß der beiden nordamerikanischen 
Großreiche liegt nach dem Washingtoner Flottenbaufrieden Eng- 
lands und der Vereinigten Staaten wohl ferner als je. Aber 
auch England seinerseits wird dem neuen kanadischen Kabinett 
Mackenzie-King deshalb nur um so schwerer den weiteren Aus- 
bau der dominialen Unabhängigkeit verwehren können. Der 
nächste Schritt dazu dürfte die lange geplante Errichtung der 
kanadischen Sondergesandtschaft in Washington sein. Und wenn 
man sogar den alten konservativen Helden Sir Robert Borden in 
seinen Torontoer Vorlesungen „Canadian Constitutional Studies“ 
(Toronto 1922) die kanadische Geschichte als unablässigen 
Kampf mit dem englischen Absolutismus auffassen sieht, wenn 
man weiß, wie die Streitigkeiten um die Staatsabfindung der 
Grand-Trunk-Eisenbahnaktionäre Kanada gegen das Mutterland, 
aber auch gegen den amerikanischen Schiedsrichter aufbrachten, so 
fühlt man, welche Stunde geschlagen hat: Nicht in plötzlichen 
außenpolitischen Sprüngen von einer Staatsgemeinschaft zur 
andern vollzieht sich die Fortbildung des britischen Weltreichs, 
sondern in langsamer verfassungspolitischer Abgliederung der 
reifen Tochtergesellschaften von der Muttergesellschaft werden 
ebenso viele neue Verbindungen geschaffen als alte zerstört 
werden. 
II 

In diesem Sinne sind trotz allen Widerspruchs, der sich be- 
sonders auf amerikanischer Seite immer neu gegen die Vor- 
stellung einer allumfassenden angelsächsischen Lebensgemein- 
schaft erhebt, die Vereinigten Staaten so sehr und fast mehr wie 
je ein letzter, äußerster Kreis auch der angelsächsischen Politik. 
Hier ist es umgekehrt wie im innersten Kreise, wo von einer räum- 
lich winzigen Grundlage ungeheure Herrscherkräfte ausstrahlen: 
Aller berechtigte Nationalstolz der Amerikaner wird ehrlicher- 
weise nicht leugnen können, daß ihr Staatswesen ein Riesenkörper 
mit einstweilen unverhältnismäßig gering entwickelter und un- 
gleich verteilter politischer Willensbildung ist. Die ungeheure 
Ferne, in die der Atlantik dem Amerikaner die europäischen Zu- 
stände rückt, ist keineswegs, wie oft geglaubt wird, technisch 
bedingt und deshalb auch nicht gegenseitig. Die Gebärde, mit der 
der Amerikaner fast mitleidig gönnerhaft auf die Wirren der alten 
Welt herabzusehen pflegt, täuscht sie und ihn darüber, daß in den 
entscheidendsten Wendungen der neuesten Geschichte jene gigan- 


Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 135 


tische Wirtschaftsmacht unbewußt our den Willen des angel- 
sächsischen Kernwerks England hat vollstrecken helfen, und es . 
ist ein wahrhaft bewunderungswürdiges Schauspiel politischen 
Taktes, wie die englische öffentliche Meinung, dieser geistigen 
Unterordnung der abgefallenen Kolonie sehr wohl gewahr, nach 
außen doch im Gegenteil nichts als die größte Ehrerbietung und 
Schonung für alle Schwächen des jungen Riesen zur Schau trägt. 

Bis zum Bürgerkrieg lief durch die Union eine große Scheide- 
linie zwischen Nord- und Südstaaten. Ihre Verwischung seitdem 
hat mit der zunehmenden Industrialisierung und Besiedlung des 
Westens nur eine neue Wesensspaltung hervortreten lassen, die die 
ostwestliche Zweiteilung durch eine nordsüdliche Dreiteilung er- 
setzt hat. Was der Europäer kennt, ist gewöhnlich bloß der eine, 
östlichste dieser drei Teile, das alte Yankeegebiet der Neuengland- 
staaten und New Yorks, dessen Lage am Atlantik den Interessen 
des Zwischenhandels, des Bankkapitals und der Schiffahrt das 
Übergewicht verleiht. Hier sitzt das weltbürgerlichste Amerikaner- 
tum, das auch heute trotz der eigentümlich amerikanischen, fast 
provinziell vorsichtigen Geschäftsgebarung die unabänderliche 
Bindung seines wirtschaftlichen Wohlstandes an den Europas 
längst erkannt hat und deshalb trotz der gerade hier herrschenden 
typisch liberal-demokratischen Überlieferungen auch für Deutsch- 
lands Not Verständnis und Hilfsbereitschaft zeigt. Aber unmittel- 
bar daneben im Innern des nordamerikanischen „Erdteils‘‘ (wie 
der Angelsachse mit richtigem Gefühl für die Mehrgliedrigkeit 
Gesamtamerikas zu sagen pflegt), im Raume zwischen den großen 
Minerallagern und Ölquellen des Seengebiets und Pennsylvaniens, 
schlägt das großindustrielle Herz der Union einen ganz anderen 
Takt, auf den namentlich Deutschlands so großartig auferstandene 
Ausfuhrindustrie horchen sollte. Hier ist die eigentliche Quelle 
der bekannten Abneigung gegen jede Verpflichtung Amerikas in 
Europa überhaupt, die hinter dem Pochen auf Washingtons Ab- 
schiedsbotschaft nur schlecht die Hoffnung auf das Erbe Europas 
im Weltfabrikatenmarkt verbirgt. Hier auch der Mittelpunkt der 
Riesenvertrustung und des Kapitalexports, die mit der Durch- 
dringung der romanischen Staatenwelt Mittel- und Südamerikas 
eine ganz neue Spielart des modernen Imperialismus zwischen dem 
britischen Rassenreich, den fremdrassigen Protektoraten und Ein- 
flußsphären und der Kolonialpolitik erzeugt haben. Am weitesten 
nach Westen jedoch ist aus den besonderen Bedingungen der 
pazifischen Meereslage und der überwiegenden Agrarwirtschaft 
ein drittes politisches Lebensgebiet des amerikanischen Volkes 


136 Brinkmann, Das angelsächsische Staatenproblem 


entstanden, zwar nicht mehr der „Hinterwald‘‘ der ersten Besied- 
lungszeiten, aber doch sachlich und geographisch in entgegen- 
gesetzter Richtung eingestellt wie der Osten und deshalb kaum 
dessen möglicher Bundesgenosse gegen den Egoismus der Mitte, 
schon weil das pazifische Problem, die Auseinandersetzung mit 
der Einwanderung, dem Wettbewerb, der Machtausbreitung Ost- 
asiens alle politische und wirtschaftliche Aufmerksamkeit in An- 
spruch nimmt. o 

Eher könnte man sagen, wenn und wo sich die verschiedenen 
Bestrebungen der drei Amerikas überhaupt auf ein eindeutiges 
politisches Programm vereinigen lassen, wird dies auf der mittleren 
Linie des Nationalismus und Protektionismus liegen. Wie das 
große nationale Werk des Panamakanals haupsächlich der `wirt- 
schaftlichen Erschließung und dem militärischen Schutz des \Vestens 
diente, so hat sich anderseits die neue große „Farmerpartei‘‘ des 
Westens, die genau wie die entsprechenden Kreise Kanadas und 
Australiens dasZünglein an der Wage des alten Zweiparteiensystems 
zu bilden verspricht, über Erwarten rasch mit der schutzzöllne- 
rischen Tradition der amerikanischen Wirtschaftspolitik befreundet: 
Die letzte, für den europäischen Export so besonders gefährliche 
Verschärfung von Tarif und Bewertungsgrundsätzen in der 
Mac Cumber-Bill entstammt einer politischen Gruppe, die der 
westlichen Landwirtschaft mindestens sehr nahesteht. Auch wenn 
daher die nächste Epoche der Unionspolitik, auf die in Amerika 
alles wartet, die Neuwahl des kommenden Herbstes, die Demo- 
kraten statt der Republikaner wieder ans Ruder bringen sollte, 
würden sich die hemmenden und verzögernden Faktoren einer 
tatkräftigen und opferbereiten amerikanischen Europapolitik 
schwerlich abschwächen. Schon scheint die schwankende partei- 
politische Stellung erster wirtschaftspolitischer Köpfe wie Herbert 
Hoover auch in den Vereinigten Staaten die Möglichkeit von 
Koalitionsbildungen wie in England zu eröffnen. Es kann schließ- 
lich nicht ohne tiefere Bedeutung sein, daß gerade ein großer 
republikanischer Außenminister wie C. E. Hughes wider alle 
Buthstabentreue gegenüber der FParteigeschichte im Zusammen- 
wirken mit dem glänzenden Vertreter der Lloyd-George-Koalition, 
Arthur Balfour, die doppelte Bindung der nationalen Machtpolitik 
nach Osten und Westen, England und Japan hin auf sich ge- 
nommen hat. Es könnte sein, daß, je mehr sich die landschaft- 
lichen und volksmäßigen Bestandteile der Union zum Staatsvolk 
zusammenschließen, auch die angelsächsische Natur des Ganzen 
immer schärfer sich abzeichnete. 


VIII 


Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum 
Deutschtum | 


Von Heinrich Herkner 


Einleitung 


In der tschechoslowakischen Republik, die nahezu 14 Millionen 
Einwohner zählt und nicht nur die ehemaligen österreichischen 
Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien, sondern auch das 
größtenteils von Slowaken bewohnte Ober-Ungarn umfaßt, leben 
6.3 Millionen Tschechen, 3,8 Millionen Deutsche, 1,7 Millionen 
Slowaken und eine Million Magyaren, außerdem noch einige 
Hunderttausend Polen und Ruthenen. Die Tschechen bilden also 
mit 46°/, der Bevölkerung eine Minderheit und vermögen nur mit 
Hilfe der ihnen sprachlich allerdings nahestehenden Slowaken die 
übrigen Nationalitäten zu beherrschen. Sieht man von dem 
Deutschen Reich und Österreich ab, so gibt es in Europa keinen 
Staat, in dem eine größere Zahl von Deutschen lebt als in der 
tschechoslowakischen Republik. Man rechnet auf Böhmen rund 
2°,, auf Mähren und Schlesien über 1 Million Deutsche. Mit be- 
sonderem Nachdruck muß die Tatsache festgestellt werden, daB 
88%, dieser Deutschen in geschlossenen Siedlungsgebieten wohnen, 
d. h. in Gebieten, in denen die eingewanderten Tschechen oft nur 
Minderheiten von geringen Hundertsätzen (2—3) bilden. Bei den 
letzten Wahlen ist in nahezu 1000 deutschen Gemeinden keine 
einzige tschechische Stimme abgegeben worden. 

Da Böhmen die größten deutschen Siedlungsgebiete enthält, 
und die ganze Republik tatsächlich nur ein von Prag, wie Frank- 
reich von Paris, nach streng zentralistischen Grundsätzen regiertes 
und beherrschtes Groß-Böhmen bedeutet, stehen die böhmischen 
Verhältnisse im Mittelpunkte des Interesses. 

Böhmen ist wegen seiner geographischen Lage oft als das Herz 
Germaniens bezeichnet worden. Jedenfalls bedeutet es mit seinen 
Gebirgswällen ein Bollwerk, das sich bis an das Herz Deutschlands 


138 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


vorschiebt. Freilich gehören gerade diese Wälle nur politisch, nicht 
völkisch zu Böhmen, denn sie werden von Deutschen bewohnt. Es 
wird also nicht nur das Land Böhmen zum großen Teil von 
deutschem Reichsgebiete eingeschlossen, sondern auch innerhalb 
Böhmens legt sich um das tschechische Sprachgebiet ein bald mehr, 
bald minder breiter Gürtel deutscher Siedlungen. Aus diesen 
geographischen Tatbeständen ergeben sich drei Reihen wichtiger 
Beziehungen: 1. die Beziehungen zwischen dem Staate Böhmen 
und dem Deutschen Reiche, 2. die Beziehungen zwischen den in 
Böhmen lebenden Deutschen zu ihren tschechischen Staatsgenossen, 
3. die Beziehungen der Deutschen Böhmens zu ihren Volksgenossen 
im Reiche. Selbstverständlich üben diese drei Reihen von Be- 
ziehungen aufeinander starke Wechselwirkungen aus. Es ist ferner 
für die Deutschen im Reiche und in Böhmen einerseits und die 
Tschechen andererseits, ebenso wie für das Reich und die tschecho- 
slowakische Republik ganz unmöglich untereinander keine Be- 
ziehungen zu haben. Es besteht nur die Wahl, ob diese Beziehungen 
freundlicher oder feindlicher Art sein sollen. Um diese Zusammen- 
hänge, diese unentrinnbare, verhängnisvolle mitteleuropäische 
Schicksalsgemeinschaft zwischen Deutschtum und Tschechen zu 
klarerem Bewußtsein zu bringen, bedarf es nur einiger geschicht- 
lichen Erinnerungen. 


e 


I. Geschichtliche Grundlagen?) 


1. Bis zur Schlacht am weißen Berge (1620). Schon 
Karl der Große hatte die Notwendigkeit erkannt, Böhmen seiner 


2) Die geschichtliche Literatur über Böhmen ist sehr beträchtlich. 
Eine bibliographische und quellenkundliche Übersicht ist im 9. Bande 
der Helmoltschen Weltgeschichte S. 379—386 enthalten. Die Schwierig- 
keiten liegen darin, daß in der Regel entweder ein einseitig tschechischer 
oder einseitig deutscher Standpunkt vertreten wird. Im allgemeinen 
schreiben die reichsdeutschen protestantischen Historiker objektiver als 
die österreichischen, bei denen bald ultramontane, bald das Haus Habs- 
burg verherrlichende Tendenzen überwiegen. Das hervorragendste, heute 
freilich zum Teil veraltete, tschechische Werk ist Fr. Palacky, Ge- 
schichte Böhmens, 5 Bände, 1836—1867, das deutsche Ad. Bachmann, 
Geschichte Böhmens, 2 Bände, Gotha 1899 und 1905. Beide Werke reichen 
nur bis 1526, von wo die böhmische in die österreichische übergeht. Auch 
die sehr übersichtliche und objektiv gehaltene Darstellung von Bretholz 
im 5. Bande der Helmoltschen Weltgeschichte reicht nur bis zu diesem 
Jahre. Meines Erachtens bildet aber nicht das Jahr 1526, sondern die 
Schlacht am weißen Berge den entscheidenden Wendepunkt, da bis dahin 
nicht vie} mehr als eine bloße Personalunion zwischen den verschiedenen 
Ländern der deutschen Linie der Habsburger bestand. 


— — ———— ——————— — ———————————— — — ——— ——— —— — 
Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 139 


Lage wegen in geordnete Beziehungen zum Frankenreiche zu 
setzen. Von Deutschland aus wurde Böhmen dem Christentume 
gewonnen und deshalb auch der deutschen Kirchenverfassung ein- 
gegliedert. Der erste Prager Bischof war ein Sachse. Um das 
Jahr 1000 galt Böhmen als ein Lehenstaat des Reiches. Bald ver- 
liehen deutsche Kaiser tschechischen Fürsten den Königstitel. 
Ungeachtet ihres slawischen Ursprunges traten diese Herrscher, 
die meist mit deutschen Prinzessinnen vermählt waren, in das 
Kollegium der deutschen Kurfürsten ein, und der glänzendsten 
Gestalt des tschechischen Königstums, Ottokar IL, in dessen Adern 
allerdings auch Stauferblut rollte, wurde bereits die deutsche 
Kaiserkrone angeboten. Etwa hundert Jahre später unter Karl IV. 
fand diese Vereinigung der böhmischen Königskrone mit der 
deutschen Kaiserkrone in der Tat statt. Und von da an begann 
in Deutschland, wie Ranke sagt, der Besitz von Böhmen als Be- 
dingung für die Wahl zum deutschen Kaiser angesehen zu werden. 
Es mag dahingestellt bleiben, ob die Bedeutung Böhmens für 
Deutschland oder die reichen Mittel, welche die böhmischen Silber- 
bergwerke gewährten, dabei den entscheidenden Einfluß ausgeübt 
haben. Jedenfalls hat auch die deutsche Linie der Habsburger erst 
uach der Erwerbung Böhmens eine so beträchtliche Macht ent- 
falten können, daß ihr die Kaiserkrone gesichert blieb. So wurde 
die böhmische Geschichte immer mehr ein wesentlicher Faktor der 
deutschen, die deutsche Geschichte ein Bestandteil der böhmischen. 

Weitere Beziehungen sind dadurch entstanden, daß in Böhmen 
selbst große Gebiete von Deutschen besiedelt worden sind und die 
deutsche höfische Kultur auch, in den obersten Schichten des 
tschechischen Volkes tiefe Wurzeln schlug. 

Wenn manche tschechische Schriftsteller und Politiker die 
deutschen Bewohner Böhmens als „eingedeutschte Tschechen“ hin- 
stellen und damit die Slawisierung, die der tschechische Staat 
anstrebt, als eine Wiederaufnahme verlorener Söhne des tschechi- 
schen Volkes rechtfertigen wollen, so geraten sie mit diesen Be- 
hauptungen in schroffsten Widerspruch zu offenkundigen Tat- 
sachen der Geschichte. 

Die deutschen Siedlungen sind durch deutsche Bauern, welche 
aus den benachbarten Reichsgebieten, aus der Oberpfalz und Ober- 
franken, aus Sachsen, Schlesien und der Lausitz, von tschechi- 
schen Königen und Herren gerufen, einwanderten, „aus grüner 
Wurzel,“ d. h. auf noch unbesiedeltem und ungerodetem Lande 
begründet worden. Die für die deutschen Niederlassungen östlich 
der Elbe so charakteristische Form des Reihendorfs ist im 


k 


140 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


deutschen Sprachgebiete überall anzutreffen. Überall sprechen die 
Deutschen Böhmens noch heute die Mundarten der deutschen 
Stämme, aus denen sie hervorgegangen sind. 

Im Laufe der Jahrhunderte sind durch die Verkehrsbeziehungen 
Vermischungen deutschen und tschechischen Blutes eingetreten. 
Es gibt namentlich in den Industriegebieten Deutsche mit tschechi- 
schem und Tschechen mit deutschem Namen. Aber deshalb zu 
leugnen, daß die großen Massen der Deutschen in Böhmen ger- 
manischer Abkunft seien, ist ebenso verkehrt wie die Behauptung 
mancher russischer Panslawisten, die in den Tschechen nur 
slawisch sprechende Deutsche, behaftet mit allen Eigenschaften, 
die Deutsche für Slawen widerwärtig erscheinen lassen, erblicken 
wollen. 

Außer den deutschen ‘Bauern sind auch deutsche Bergarbeiter, 
Handwerker und Kaufleute ins Land gekommen und haben sich 
in den Bergstädten, namentlich aber auch schon früh in Prag selbst 
niedergelassen. So sind die zahlreichen deutschen Minderheiten 
im tschechischen Sprachgebiet entstanden. 

An dem tschechischen Charakter des Grundadels und seiner 
Politik wurde durch die deutschen Einwanderungen nichts ge- 
ändert, da die Bauern von dem Landtage gänzlich ausgeschlossen 
waren ynd auch die „königlichen“ Städte auf ihnen nur eine 
ganz untergeordnete Stellung innehatten. Dagegen machte das 
Deutschtum in der hohen Geistlichkeit, in den Klöstern und an 
der von Karl IV. gestifteten Universität, namentlich aber am Hofe, 
die größten Fortschritte. Auch diese Erfolge übten auf den Land- 
tag keine Wirkung aus, da er der Geistlichkeit verschlossen blieb. 
Immerhin gewann es den Anschein, als ob Böhmen ein deutsches 
Land werden sollte, wie Brandenburg, Sachsen, Lausitz und 
Schlesien es bereits geworden waren. 

Da setzte die husitische Bewegung diesem Gange der Dinge 
ein Ziel. Begreiflicherweise wird deshalb das Husitentum von 
deutscher und tschechischer Seite sehr verschieden beurteilt. Für 
Palacky, den größten Historiker der Tschechen, bilden die böhmi- 
schen Religionskämpfe das eigentliche Heldenzeitalter der tschechi- 
schen Geschichte. Die Husiten werden mit den Hugenotten und 
Puritanern, Zizka wird mit Cromwell verglichen. Österreichische 
Gelehrte ultramontaner Färbung wollen dagegen in der Husiten- 
bewegung nur eine verheerende, kulturfeindliche, nationalistische 
Explosion fanatischen Tschechentumes erkennen. Aus nationalen 
Motiven sind aber auch nicht klerikalgesinnte Deutschböhmen oft 
geneigt, sich dieser Auffassung anzuschließen. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 141 


Richtig ist, daß das Deutschtum nicht nur in den tsehechischen 
Städten und an der Universität die schwersten Verluste erlitt, 
sondern daß auch zahlreiche Städte im deutschen Siedlungs- 
gebiete zerstört wurden, und es hier und da sogar gelang, die 
Sprachgrenzen zu verschieben. Aber haben die Deutschen diese 
unselige Entwicklung nicht zum Teil durch eigene Schuld herbei- 
geführt? Es ist bemerkenswert, daß in dieser Frage die reichs- 
deutsche protestantische Forschung die unter den Deutschböhmen 
verbreiteten Auffassungen nicht teilt. Sie betont, daß die religiös- 
ethischen Motive bei Hus durchaus im Vordergrunde standen’). 
Das hat ja schon Luther rühmend anerkannt. An und für sich 
mußte jede Reformbewegung, die im Kirchenwesen den römischen 
Einfluß zurückdrängte, zu einer Belebung des Nationalbewußtseins 
beitragen. Die Predigt, der Gottesdienst, der Kirchengesang, die 
Bibel, das alles fand Eingang in die Volkssprache. So hat sich 
Hus um die tschechische Sprache ähnliche Verdienste wie Luther 
um die deutsche erworben. Wenn darüber hinaus eine furchtbare 
Verschärfung der nationalen Gegensätze eintrat, so eben auch des- 
halb, weil die Deutschen zum größten Teile, nicht ausschließlich, 
das Papsttum gegen die Neuerer verteidigten. Wenn gesagt wird 
„nicht ausschließlich‘, so findet diese Einschränkung ihren Grund 
darin, daß der bedeutendste Vorläufer Husens an der Prager 
Universität ein Deutscher, Konrad von Waldhausen, gewesen ist; 
daß es auch deutsche Husitengemeinden mit deutschen Predigern 
gab; daß endlich in den Husitenheeren zahlreiche deutsche Lands- 
knechte dienten und später, wie man sich ausdrückte, das 
„nusitische Gift“ im ganzen Reiche verbreiteten. Selbst das 
deutsche Landvolk in Böhmen soll zuweilen mit den Husiten ge- 
meinsame Sache gemacht haben. Die Husitenbewegung war eben 
nicht nur eine religiöse und nationale, sondern auch eine soziale 
Empörung. Im übrigen besteht kein Zweifel darüber, daß die 
oberen Schichten des deutschen Volkes in Böhmen, die hohe 
Geistlichkeit und das wohlhabende Bürgertum sich durchaus als 
Stützen der alten Ordnung betätigen. Sie folgten blindlings dem 
König Sigismund, der Hus im Widerspruche zur Zusage freien 
Geleites hatte verbrennen lassen, und der gegen die Husiten Kreuz- 
züge unternahm, als ob sie Heiden gewesen wären. Dabei waren 
die Deutschen nicht nur die Angreifer, sondern auch die Urheber 
einer beispiellosen Grausamkeit in der Kriegführung. Schon im 





a VgL Krummel, Gesehichte der böhmischen Reformation im 
1& Jahrhundert, Gotha 1866. 
Zeitsehrift für Politik. 12. 10 


142 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


Jahre 1421 erhielten die Krieger des deutschen Kreuzheeres den 
Befehl, sie sollten im Böhmerlande männiglich totschlagen, aus- 
genommen die Kinder, die ihre Vernunft nicht hätten. Später 
wurden auch Weiber und Kinder getötet, während die Husiten 
Weiber und Kinder schonten?). 

Die empfindlichen Einbußen für das Deutschtum beruhten 
also auch darauf, daß es sich leider, geschichtsphilosophisch be- 
trachtet, auf die falsche Seite gestellt hatte, daß es sein Schicksal 
mit Einrichtungen verknüpfte, die wirklich wert waren zugrunde 
zu gehen. Solche falsche Stellungnahmen haben sich später noch 
öfters wiederholt und den deutschen Interessen Abbruch getan. 

Wenn vergleichsweise bald wieder friedlichere Beziehungen 
zwischen Deutschen und Tschechen eintraten, so ist diese Wen- 
dung der Lehre Luthers zuzuschreiben, die beide Nationen an- 
nahmen. Nun einte sie, was sie früher so tief gespalten hatte, 
das religiöse Bekenntnis. Die Rebellion Böhmens gegen Ferdi- 
nand II. war eine Erhebung des Protestantismus, an der deutsche 
und tschechische Herren in gleicher Weise beteiligt waren. 
Deutsche und Tschechen hatten auch in gleicher Weise die furcht- 
baren Folgen der Niederlage in der kurzen, aber politisch un- 
endlich wirksamen Schlacht am weißen Berge zu ertragen. 

2. Von der Schlacht am weißen Berge bis zur Grün- 
dung der tschechoslowakischen Republik. Tschechische 
und deutsche Protestanten wurden brutal aus der Heimat verjagt. 
Zum Protestantismus bekannte sich aber nicht nur der größte Teil 
des eingesessenen Adels und alle höher Gebildeten, sondern auch 
das deutsche Bauern- und Bürgertum. Wo ersteres nur als In- 
ventar des adeligen Grundbesitzes galt, durfte es die Scholle nicht 


verlassen, sondern wurde mit Waffengewalt zur katholischen 


Kirche zurückgeführt. Wo die deutschen Bauern eine bessere 
Stellung innehatten, wie in den deutschen Siedlungsgebieten an 
der Grenze, sind auch zahlreiche Bauern ausgewandert, um ihren 
religiösen Überzeugungen die Treue wahren zu können. Man kann 
sich die entsetzlichen Wirkungen der ruchlosen Gegenreformation‘) 
am besten deutlich machen, wenn man bedenkt, daß sie Deutsche 
und Tschechen ihrer besten Köpfe und edelsten Charaktere 


°) Vgl. G. Freytag‘, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II, 1; 


Aus den Husitenkriegen; Lindner, Geschichte des deutschen Volkes ` 


I, 1894, S. 160—167; Lamprecht, Deutsche Geschichte, IV, S. 417. 


4) Vgl. das mit seiner schlichten Sachlichkeit erschütternde Werk 


A. Gindelys, Geschichte der Gegenreformation in Böhmen, Leipzig 18%, 
das den Gegenstand aber keineswegs erschöpfend behandelt. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 143 


beraubt hat. So war die Entvölkerung des Landes in quali- 
tstiver Hinsicht noch viel schlimmer als in quantitativer, obwohl 
es auch mit letzterer schlimm genug bestellt war. In Reichen- 
berg z. B. wurden allein bei der zweiten Gegenreformation 
1652/53 69 Familien zur Auswanderung gezwungen, während die 
Stadt überhaupt nur 1000 Einwohner zählte. In gleicher Weise 
hatten Brüx, Komotau, Kaaden, Leitmeritz und Trautenau zu 
leiden. 

Da mit der Gegenreformation eine strenge Absperrung gegen 
die lutherischen deutschen Nachbargebiete eintrat, verfielen die 
Deutschen Böhmens einer kulturellen Vereinsamung und blieben 
von dëm großen Aufschwunge des deutschen Geisteslebens im 
deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts gänzlich ausge- 
schlossen®). Es war für die deutsche Kultur Böhmens auch nicht 
helanglos, daß Prag nunmehr aufhörte, die Residenzstadt deutscher 
Kaiser zu sein. Während Prag zur Provinzstadt herabgedrückt 
wurde, stieg Wien empor, das ja auch mit den katholischen Teilen 
Süddeutschlands in regerem Verkehr blieb. Deutschböhmische 
Schriftsteller gleiten über die tödlichen Schläge, die der habs- 
burgische Absolutismus mit seiner Gegenreformation dem deutschen 
Volke in Böhmen versetzt hat, oft leicht hinweg, weil die deutsche 
Sprache als Sprache der Zentralregierung nunmehr sich einer ge- 
wissen Förderung zu erfreuen hatte. Dabei wird vergessen, daß 
unter dem furchtbaren Drucke der jesuitischen Geistes- und 
‘Glaubenstyrannei in dieser Sprache überhaupt kein wertvoller und 
bedeutender Gedanke mehr ausgesprochen werden durfte. Es be- 
stand eine trostlose, geistige Verödung, eine Kirchhofsruhe, unter 
der allerdings auch die nationalen Gegensätze sich weniger fühlbar 
machten, weil eben alle freieren Äußerungen der Kultur und des 
Volkslebens, mochte es sich um Deutsche oder Tschechen 
handeln, unterdrückt wurden. Soweit nicht die wirtschaftliche 
Betätigung alle Kraft in Anspruch nahm, wurde das Leben mit 
Nichtigkeiten ausgefüllt. Für Wissenschaft, Kunst, Literatur und 
Politik gab es keinen Raum. 





D Ein unermeßlicher Verlust widerfuhr dem böhmischen Deutschtum 
auch dadurch, daß die fast ganz germanisierte Oberlausitz mit ihren 
blühenden „Sechsstädten“ (Görlitz, Zittau, Bautzen, Lauban, Kamenz, 
Löbau) 1635 an Sachsen fiel, wie überhaupt der Umstand, daß auch 
Preußen und Baden sich auf Kosten des deutschen Besitzes der Habs- 
burger vergrößerten, die Stellung der Deutschen im alten Österreich 
stark beeinträchtigt hat. Die borussisch gerichteten Historiker haben 
dafür wenig Verständnis besessen. 


10* 


144 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


Erst unter Josef II. begann der Despotismus sich mit der Auf- 
Klärung zu verbinden. Was Josef in bezug auf Religionsfreiheit, 
Schulwesen und Milderung der bäuerlichen Lasten erstrebte, kam 
Deutschen und Tschechen in gleicher Weise zustatten. Wenn Josef 
von den Deutschen als eine Art Nationalheiliger gefeiert, von den 
Tschechen als Todfeind gehaßt wird, so lassen sich beide Teile 
einseitig von der Rücksichtnahme auf sprachliche Verhältnisse be- 
stimmen. Wenn Josef die tschechische Sprache höchstens noch in 
der Volksschule dulden wollte, so haben diese germanisierenden 
Tendenzen dem tschechischen Volke nicht nur nicht geschadet, 
sondern, weil sie mit wertvollen Freiheiten verknüpft waren, gerade- 
zu dessen sprachliche Wiedergeburt eingeleitet. Je mehr die öster- 
reichische Bürokratie die tschechische Sprache zurückdrängte, 
desto eifriger waren die Tschechen darauf bedacht, sie wieder zu 
pflegen. Dabei kamen ihnen namentlich slowakische Gelehrte zu 
Hilfe. Die Slowaken, unter ungarischer Herrschaft stehend, hatten, 
was sehr wichtig ist, ihren Protestantismus erhalten können. Viel- 
fach bezogen die slowakischen Studierenden der Theologie deutsche 
Universitäten, besonders Jena. Dort wurden sie mit den Lehren 
Herders und der Romantiker vertraut. In der Tat, es läßt sich 
kaum eine Lehre denken, welche auf die Angehörigen eines Volkes, 
dessen Sprache wie ein dem Verlöschen nahes Licht erschien, 
einen so bezwingenden Zauber ausüben konnte. Herder trat für 
das Eigenrecht aller Völker, auch der kleinsten; sogar der Wilden: 
ein. Selbst die von Europa ausgehenden Kolonisationen erschienen 
ihm als Störungen der ungehemmten Entwicklung, als verbreche- 
rische Beleidigungen der Menschheit. Der tiefste Ausdruck, den 
die Volksseele findet, ist in der Sprache, in der Volksdichtung zu 
erblicken. Nur dann, wenn Volkstum und Staat sich decken, 
kann wahre Humanität, d. h. die volle Ausbildung der im Indivi- 
duum schlummernden Kräfte und Fähigkeiten, erzielt werden. Erst 
wenn jedem Volke und selbst jedem Volkssplitter das Urrecht 
freier, sprachlicher Entwicklung gesichert ist, werden die Kriege 
der Kabinette aufhören. Diese Lehren, die sich vor allem an das 
Gefühl wandten, hatten schon die deutschen Romantiker begeistert 
und viel zu der großen deutschen Erhebung gegen die französische 
Gewaltherrschaft beigetragen. Wilhelm von Humboldt wie die 
Gebrüder Schlegel und Grimm schöpften aus ihnen die Anregung 
zur Entwicklung der deutschen und romanischen Philologie, die 
Tschechoslowaken Dobrowsky, Celakowsky, Safarik und Kollär 
zur Slawistik. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 145 ' 


Erst die Stürme der Jahre 1848 machten den Deutschen klar, 
was die Wiedergeburt der tschechischen Sprache, Literatur und 
Geschichte für sie politisch zu bedeuten hatte. Ein Kongreß öster- 
reichischer Slawen wurde nach Prag einberufen, der über die nach- 
drückliche Wahrung der slawischen Interessen in dem durch eine 
Verfassung verjüngten Habsburgerreich beraten sollte Von 1848 ` 
bis 1918 haben die Kämpfe um diese Neugestaltung gedauert. 
Es war das Verhängnis der Donaumonarchie, daß sie eine alle ihre 
Völker leidlich zufriedenstellende Form der Verfassung nicht zu 
finden vermochte. Nachdem die Magyaren 1867 ihre staatliche 
Selbständigkeit zurückerobert hatten, glaubten auch die Tschechen 
der Anerkennung ihres Staatsrechts sicher zu sein. Es kann hier 
nicht in das Labyrinth der österreichischen Verfassungskämpfe®) 
eingetreten werden. Es genügt zu sagen, warum die Deutschen 
Böhmens den Föderalismus und die staatliche Selbständigkeit der 
Länder der böhmischen Krone bekämpft haben. Sie ließen sich 
durch ihre noch sehr starke Stellung zu dem Glauben verleiten, 
daß sie imstande sein würden mit Kurienwahlsystemen, hohem 
Zensus und Kunststücken der Wahlkreisgeometrie in Zis-Österreich 
eine Vorherrschaft der deutschen Minderheit zu behaupten. Diese 
undemokratische Ordnung der Dinge konnte aber schon wegen 
des wachsenden Widerstandes, der von den politisch entrechteten 
Schichten des deutschen Volkes selbst, besonders der Klasse der 
Industriearbeiter ausging, nicht auf die Dauer erfolgreich ver- 
teidigt werden. Wahlreformen erwiesen sich als unvermeidlich ` 
und brachten dann natürlich auch das zahlenmäßige Übergewicht 
der Slawen zur Geltung. An den führenden deutschen Kreisen 
aber blieb das Odium einer plutokratischen Tendenz haften. Es 
war für demokratisch gesinnte Deutsche ein beschämender Zu- 
stand, daß im Wiener Parlamente die Interessen der politisch ent- 
rechteten Klassen, auch der des deutschen Volkes, vorzugsweise 
durch jungtschechische Abgeordnete vertreten werden mußten. 
Die Führer der Deutschen hatten sich, wie einst in den Zeiten der 
kirchlichen Neuerungen, wieder auf die falsche Seite gestellt und 
den Tschechen die dankbare Rolle überlassen, als Vorkämpfer 
einer modernen Demokratie Sympathien zu erwerben. Immerhin 
gab es auch deutsche Politiker in Böhmen, welche sich im Interesse 
des politischen und sozialen Fortschrittes gern mit den Vertretern 


© W. Schüßler, Die Verfassungsprobleme im Habsburgerreich, 
Stuttgart u. Berlin 1918. Vgl. auch Oharmatz, Österreichs innere Ge- 
schichte von 1848—1895, 3 Bände, 3. A., 1918; derselbe, Österreichs äußere 
und innere Politik 1895—1914, 1918. 


146 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


der tschechischen Demokratie verständigt hätten. Sie wären 
bereit gewesen, eine größere Selbständigkeit der böhmischen 
Länder zu vertreten, wenn auch den Deutschen innerhalb der 
böhmischen Ländergruppe eine nationale Autonomie zugestanden 
worden wäre. Wenn es zu einer Verwirklichung dieser ver- 
“ nünftigen Pläne nicht gekommen ist, so lag die Schuld haupt- 
sächlich an folgenden Zusammenhängen. Die Autonomie, welche 
die deutschen Minderheiten im Bereiche der Wenzelskrone für sich 
erstrebten, begehrten auch die nichtdeutschen Minderheiten in 
Tirol, Steiermark und Kärnten. Die deutschen Mehrheiten dieser 
Kronländer lehnten diese Forderungen aber mit großer Ent- 
schiedenheit ab. Noch wichtiger war, daß auch die ausgleichs- 
freundlichen Tschechen unter keinen Umständen ein rein deutsches 
Sprachgebiet in Böhmen anerkennen wollten. Dr. Kramar sagte 
damals offen zu dem Schreiber dieser Zeilen: „Wir Tschechen sind 
ein kleines Volk. Die Entwicklungsmöglichkeiten in unserem 
eigenen Sprachgebiete sind zu gering. Hunderttausende unserer 
Volksgenossen werden zur Auswanderung gezwungen. Sie gehen 
in die industriell hoch entwickelten deutschen Gebiete der böhmi- 
schen Länder oder nach Wien und Niederösterreich, selbst nach 
dem Deutschen Reiche. Wir können nicht darauf verzichten, 
wenigstens die Tschechen, die in die deutschen Gebiete der 
böhmischen Länder wandern, unserer Nationalität zu erhalten. Es 
muß deshalb überall die Anerkennung der tschechischen Sprache 
in den Ämtern gefordert werden.“ Zweisprachigkeit der Behörden 
bedeutete aber tatsächlich Auslieferung der Behörden an die 
Tschechen, da wohl diese die deutsche Sprache, nicht aber die 
Deutschen die tschechische Sprache beherrschten. Während die 
Tschechen die tschechischen Minderheiten im deutschen Gebiete mit 
allen Mitteln zu erhalten und zu stärken suchten, kam es für die 
Deutschen gerade darauf an, sie möglichst bald „einzudeutschen‘‘. 
— "Dieser Interessengegensatz war unüberbrückbar. Und deshalb 
sind auch alle Ausgleichsversuche schließlich immer gescheitert. 
Diese Kämpfe haben dazu geführt, daß die konstitutionelle 
Maschine bald durch die Obstruktion der Tschechen in Wien, 
bald durch die der Deutschen in der Prager Landtagsstube lahm- 
gelegt wurde. Sie erlangten aber auch für die Entwicklung der 
auswärtigen Beziehungen große Bedeutung. Die Tschechen und 
später auch die Polen, die durch die preußische Polenpolitik ge- 
reizt worden waren, bekannten sich immer entschiedener als 
Feinde des engeren Bündnisses mit dem Deutschen Reiche. Ihr 
Ideal war der Anschluß an Rußland und Frankreich. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 147 


Auch wenn Bethmann-Hollweg nicht den groben Fehler be- ` 
gangen hätte, den Weltkrieg als einen Kampf des Deutschtums 
gegen die Slawen zu bezeichnen, würden sich die Tschechen doch 
mit ihren ganzen Sympathien auf Seite der Entente befunden 
haben. Die Zensur hat bei uns und in Österreich versucht, diese 
Haltung zu verhüllen’). 

Tatsächlich hat die Haltung der Tschechen die Einberufung 
des österreichischen Parlaments unmöglich gemacht. Sie haben 
freiwillig keine Kriegsanleihen gezeichnet und die ganze Kriegs- 
wirtschaft sabotiert. Tschechische Truppen ließen sich gern ge- 
fangen nehmen oder gingen unmittelbar zum Feinde über. Oft 
wurde Verrat geübt. Die hervorragendste Persönlichkeit der 
Tschechen, Prof. Masaryk, ein Soziologe von Weltruf, befand sich 
schon 1915 im feindlichen Auslande. Tschechische Legionen 
wurden aufgestellt, um in den Reihen der Ententetruppen zu 
kämpfen. Überall wurde mit großer Gewandtheit für die Wieder- 
herstellung der staatlichen Unabhängigkeit des tschechischen 
Volkes agitiert und schließlich die Anerkennung des tschecho- 
slowakischen Nationalrates als Regierung und kriegführende 
Macht durchgesetzt. Zunächst versuchte die österreichische Re- 
gierung mit Hilfe der Militärdiktatur und -Justiz gegen die hoch- 
verräterische Bewegung vorzugehen. Der Tschechenführer Dr. 
K. Kramar wurde verhaftet und in einem juristisch allerdings 
nicht einwandfreien Prozesse zum Tode verurteilt. Man wagte 
aber nicht, die Hinrichtung vollstrecken zu lassen. Es erfolgte 
Begnadigung zu Gefängnishaft und schließlich Amnestie. Im 
Triumphe, wie ein König, umjubelt von seinen Volksgenossen, 20g 
er in Prag ein. In dem Maße, in dem sich die politische und 
militärische Lage der Mittelmächte verschlechterte — und die 
Tschechen waren im Gegensatze zu uns und den Deutschöster- 
reichern über den wirklichen Stand der Dinge stets ausgezeichnet 
unterrichtet —, wurden die Vorbereitungen für die Proklamation 
der tschechischen Unabhängigkeit immer offener betrieben. 


I. Die Politik der tschechoslowakischen Republik 
1. Die Begründung des tschechoslowakischen Staates. 
Nach dem militärischen Zusammenbruche ist am 28. Oktober 1918 
in Prag die Republik ausgerufen worden. Am 14. November trat 
die konstituierende Nationalversammlung, der Narodni Vybor, zu- 





°) L. Spiegel, Die Entstehung des tschechoslowakischen Staates. 
Prag 1921. 


148 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


sammen. Beachtung verdient, daß diese Körperschaft nicht aus 
geordneten Wahlen, sondern nur aus einer Verständigung unter 
den tschechischen Parteigruppen hervorgegangen ist. Sie kann 
deshalb nicht als eine einwandfreie Rechtsquelle anerkannt 
werden. Eine völkerrechtliche Anerkennung hat die Republik in 
ihrem derzeitigen Bestande erst durch den Friedensvertrag von 
St. Germain-en-Laye (10. IX. 19) gefunden. Um so mehr wäre es 
gerechtfertigt gewesen, das Werk der konstituierenden Ver- 
sammlung nur als ein Provisorium anzusehen und durch die erste 
wirkliche Volksvertretung, in der alle Nationalitäten der Republik 
vertreten waren und die im Juni 1920 ihre Tätigkeit begann, be- 
stätigen zu lassen. 

Gleichzeitig mit der tschechischen Republik war auch der 
deutschösterreichische Staat entstanden. Er nahm unter Mit- 
wirkung der deutschen Abgeordneten aus den ehemaligen öster- 
reichischen Kronländern Böhmen, Mähren und Schlesien die ge- 
schlossenen deutschen Siedlungsgebiete dieser Provinzen für sich 
in Anspruch, und zwar als Provinzen Deutschböhmen, Sudeten- 
land, Deutsch-Südmähren und Böhmerwaldgau. Im übrigen er- 
klärte sich Deutschösterreich als einen Bestandteil des Deutschen 
Reiches. Diese Aktion fand die Zustimmung der überwältigenden 
Mehrheit der beteiligten Volkskreise. Im Vertrauen auf Wilsons 
14 Punkte glaubte man auch, vom Standpunkte der Entente aus 
gesehen, zu dieser Ordnung der Verhältnisse vollkommen berech- 
tigt zu sein). Wir wissen heute, daß es sich um Illusionen 
- handelte. Nicht die 14 Punkte, sondern die Geheimverträge waren 
für die Friedensverträge maßgebend. Am 28. September 1918 
hatte Frankreich mit dem tschechoslowakischen Nationalrat einen 
Vertrag abgeschlossen, in dem er sich verpflichtete, die Wieder- 


D Von diesem Standpunkte bin auch ich für den Anschluß Deutsch- 
österreichs einschließlich der deutschen Gebiete der böhmischen Länder 
an das Reich eingetreten. Vgl. meine Schrift: Deutschland und Deutsch- 
österreich, Leipzig 1919, Hirzel, in der ich die tschechischen Argumente 
gegen die Anerkennung des deutschböhmischen Selbstbestimmungsrechts 
kritisiere. Daß die ohne Befragung der deutschen Bevölkerung erfolgte 
Einbeziehung Deutsch-Böhmens mit dem Selbstbestimmungsrechte, das 
Wilson versprochen hatte und dessen Anerkennung im Vorfriedensver- 
trage auch durch die Entente zugesagt worden war, im Widerspruche 
steht, gibt Wilsons Staatssekretär Lansing unumwunden zu. Er schreibt 
S. 74 (Die Versailler Friedensverhandlungen. 1921): „Schlagende Bei- 
spiele für die Verleugnung dieses Prinzipes finden sich im Versailler 
Vertrag, wo durch Neuregulierung der deutschen Grenze Millionen 
Menschen deutschen Bluts unter die Oberhoheit der neugeschaffenen 
Staaten Polen und Tschecho-Slowakei gestellt ... wurden.“ 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 149 


herstellung des unabhängigen tschechoslowakischen Staates in den 
Grenzen seiner ehemaligen geschichtlichen Länder zu fördern. 
Wie sonst hat auch in dieser Beziehung der französische Stand- 
punkt gesiegt, und die nahezu 4 Millionen Deutsche der Sudeten- 
länder wurden ungefragt und trotz ihrer offensichtlichen Ab- 
neigung, der tschechoslowakischen Republik anzugehören, dieser 
einverleibt, nicht anders als einst die Bewohner Elsaß-Lothringens 
dem Deutschen Reiche. 

2. Die Sprachenfrage. Während der Friedensvertrag s0- 
mit die kühnsten Wünsche des tschechischen Nationalismus er- 
füllte, hat er den neugeschaffenen Staaten doch einige Bestim- 
mungen zum Schutze der nationalen Minderheiten auferlegt. Ent- 
sprechend diesem vom Völkerbund gewährleisteten Schutze er- 
klärt das tschechische Sprachengesetz vom 29. Februar 1920°) 
zwar die tschechische Sprache als die Amtssprache der staatlichen 
Behörden. Aber in Bezirken, in denen die deutsche Bevölkerung 
mehr als 20°/, ausmacht, wird im Parteienverkehr die deutsche 
Sprache neben der tschechischen zugelassen. Der Tscheche kann 
also überall, auch im deutschen Siedlungsgebiete, mit allen 
Ämtern in tschechischer Sprache verkehren, der Deutsche nur dort 
in deutscher Sprache, wo die deutsche Bevölkerung 20°/, und 
mehr beträgt, also nicht in der Hauptstadt Prag, trotzdem viele 
Deutsche doch nur eben wegen der Stellung, die Prag als Haupt- 
stadt besitzt, dort wohnen und verkehren müssen. 

Im Parlamente’’) wird offiziell nur tschechisch gesprochen. 
Die deutschen Abgeordneten dürfen allerdings deutsche Reden 
halten, diese werden im Protokoll aber nicht in die tschechische 
Sprache übersetzt. Für alle Erklärungen des Präsidiums, der Re- 
gierung, alle Vorlagen und Drucksachen gilt allein die tschechische 
Sprache. Alle Berichterstatter müssen tschechisch sprechen, selbst 
in den Ausschußverhandlungen. Was das bedeutet, wird klar, 
wenn man bedenkt, daß von 72 deutschen Abgeordneten nur 
etwa 8 die tschechische Sprache derart beherrschen, daß sie in ihr 
verhandeln können; 49 Abgeordnete verstehen überhaupt nicht 
tschechisch und die übrigen nur so viel, daß sie dem Gange der 
Verhandlungen mehr oder weniger folgen können. So ist der 
Deutsche dazu verurteilt, stumm zu sein und die Bezeichnung zu 
rechtfertigen, die die tschechische Sprache für ihn besitzt: Nemec, 
d. h. stumm. 


) L. Spiegel, Verfassungsoktroi und Sprachengesetz, Prag 1920. 
mW Medinger, Zur inneren Politik des tschechoslowakischen 
Staates, Österreichische Rundschau, 17. Jahrg., 1921, Apr Heft, 


150 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtun 


Bei der Gaueinteilung hat man danach getrachtet, das deutsche 
Sprachgebiet in möglichst großem Umfange mit dem tschechischen 
zu vereinigen. Es soll eben kein „Deutsch-Böhmen‘“ existieren. 
Ja selbst dieser Name, der schon im 17. Jahrhundert für die 
deutschen Teile Böhmens gebräuchlich war, wird heute als Zeichen 
einer hochverräterischen, irredentistischen Gesinnung verfolgt. 
Nur zwei deutsche Städte sind als Sitze der Gaubehörden be- 
stimmt worden, nämlich Karlsbad und das kleine Städtchen 
Böhmisch-Leipa. Die großen deutschen Städte (Reichenberg, Eger, 
Aussig, Troppau) wurden übergangen. 

Zahlreiche deutsche Schulen sind geschlossen worden. 

3. Wirtschafts- und Finanzpolitik"). Agrarpolitikern ist 
bekannt, daß in Böhmen nahezu der dritte Teil des Bodens auf 
den Großgrundbesitz entfällt. Dabei ist freilich zu beachten, daß 
nahezu die Hälfte dieser Flächen von Wäldern bedeckt wird. 
Immerhin, der Gedanke der inneren Kolonisation hat seine Berech- 
tigung. Die Art und Weise der Bodenreform, welche das Revo- 
lutionsparlament 1919 eingeleitet hat, fordert aber die Kritik so- 
wohl vom volkswirtschaftlichen wie nationalen Standpunkte her- 
aus. Das Beschlagnahmegesetz hat 550 000 ha landwirtschaftlich 
und 1467000 ha forstwirtschaftlich benutzte Fläche erfaßt und 
dadurch einen starken Rückgang der Produktion herbeigeführt. 
Dabei soll die Entschädigung den Vorkriegspreisen ohne Rück- 
sicht auf die gesunkene Kaufkraft der Krone entsprechen. Vom 
deutschen Standpunkte aus ist es aber vor allem das Zuweisungs- 
gesetz, das den schärfsten Widerstand herausfordert. Nicht nur, 
daß schon durch die Beschlagnahme deutscher Besitz in unver- 
hältnismäßiger Ausdehnung betroffen wurde, der enteignete Besitz 
soll in erster Linie den Legionären oder den Hinterbliebenen von 
Legionären zufallen, also denjenigen Tschechen, die im Welt- 
kriege auf seiten der Entente gekämpft haben. Es entsteht damit 
die Gefahr, daß im deutschen Sprachgebiete tschechische Sied- 
lungen geschaffen werden. 

Da der weitaus größte Teil der Industrie des ehemaligen Öster- 
reich (etwa 70°/,) der Tschechoslowakei zugefallen ist, so steht 
die Sorge, für die Überschüsse der industriellen Produktion 
lohnende Märkte im Auslande zu erschließen, im Vordergrunde 
der ganzen Wirtschaftspolitik. Die Verhältnisse in den öster- 


ua) Medinger, Agrarpolitik; Teltscher, Die tschechoslowakische 
Republik als Industriestaat; Devciec, Die Finanzpolitik in der tschecho- 
slowakischen Republik, Österreich. Rundschau aa0.; K. Janovsky, Drei 
Jahre tschechoslowakischer Wirtschaftspolitik, Prag 1922. e- 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 151 


reichischen Nachfolgestaaten und Rumpf-Ungarn, die dafür zu- 
nächst in Betracht kommen würden, liegen aber wegen der trost- 
losen Währungszustände sehr ungünstig. Sie werden sich noch 
schwieriger gestalten, wenn die Tschechokrone in dem Maße, wie 
bisher, steigt. 

Es ist ein tragisches Verhängnis, daß der an sich anerkennens- 
werteste Teil der tschechischen Wirtschaftspolitik, die ent- 
schlossene Bekämpfung der Inflation, die schon schwierige Situ- 
ation noch westentlich verschärft. Die Republik hat deshalb das 
größte Interesse an dem Wiederaufbau Mittel- und Osteuropas. 
Ihre Außenpolitik wird maßgebend durch diese Erwägungen be- 
stimmt. Darüber wird noch in anderem Zusammenhange zu 
sprechen sein. 

Schon im März 1919 hat die Tschechoslowakei die Abstempe- 
lung der auf ihrem Gebiete vorhandenen Noten der österreichisch- 
ungarischen Bank vorgenommen und damit eine eigene Währung 
geschaffen. Dabei wurde die Hälfte der zur Abstempelung ge- 
brachten Noten vom Staate gegen eine Verzinsung von nur 1°/, zu- 
rückbehalten, also eine Zwangsanleihe auferlegt. Im übrigen aber 
wurde mit großer Energie — und das ist das Bemerkenswerte — 
daran festgehalten, die ungedeckte Notenmenge nicht zu ver- 
mehren. Dem Bankamte ist es gesetzlich verboten worden, dem 
Staate Darlehen zu gewähren. Das Finanzministerium macht die 
größten Anstrengungen, um das Gleichgewicht im Staatshaus- 
halte zu sichern. Die Steuerlast ist daher beträchtlich, und es 
finden sich auch in diesem „Siegerstaate‘‘ alle Steuerarten vor, mit 
denen uns die Nachkriegszeit vertraut gemacht hat: einmalige 
Vermögensabgabe, sehr hohe Erbschaftssteuern, Umsatzsteuer, 
Kohlensteuer usw. 

Leider fehlt es in der sonst achtunggebietenden Finanzpolitik 
des jungen Staates nicht an einer Maßregel, in der die Feind- 
seligkeit gegenüber den Deutschen wieder zu schroffem Ausdrucke 
kommt. Da die Tschechen sich an den Zeichnungen der Kriegs- 
anleihe nur in sehr bescheidenem Umfange beteiligt und, über die 
kommenden Dinge gut unterrichtet, ihren Anleihebesitz recht- 
zeitig abgestoßen hatten, sind durch die Nichtanerkennung dieser 
Papiere vorzugsweise die Deutschen hart getroffen worden. Da- 
bei handelt es sich um Beträge von 7—9 Milliarden Kronen. 
Wohlhabende Personen und Familien sind dadurch an den Bettel- 
stab gebracht worden. Schließlich wurde im Juni 1920 ein Ein- 
lösungsgesetz beschlossen. Die privaten Anleihebesitzer können 
nun die Anleihe zum Umtausche einreichen. Sie erhalten dann für 


152 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


75 °/, der Normalsumme ein 3'/,°/, zinsengewährendes, nicht be- 
lehnbares und unverlosbares Papier, müssen aber außerdem noch 
auf eine zu 5’/.°/, verzinsliche tschechische Anleihe im gleichen 
Betrage zeichnen. Es haben also nur Anleihebesitzer, die noch 
andere liquidierbare Vermögensobjekte besitzen, die Möglichkeit, 
einen Teil ihres Anleihebesitzes zu retten. Diese Bestimmungen 
haben in der deutschen Bevölkerung die größte Entrüstung er- 
regt. Es verlautet jetzt, daß eine die Interessen der Anleihe- 
besitzer besser wahrende Art der Einlösung beabsichtigt wird. 
4. Die auswärtige Politk". Da der tschechoslowakische 
Staat in seiner gegenwärtigen Gestalt ein Geschöpf der Entente, 
vor allem der französischen Politik darstellt, ist seine auswärtige 
Politik auch gezwungen, sich im allgemeinen in den antideufschen 
Bahnen zu vollziehen, die von den Großmächten der Entente vor- 
gezeichnet werden. Mehr als irgendein anderer der neuen Staaten 
ist aber die Tschechoslowakei durch ihre geographische Lage und 
das Schwergewicht ihrer volkswirtschaftlichen Interessen auch auf 
ein gutes Verhältnis zum Deutschen Reiche und der österreichischen 
Republik angewiesen. Beide Staaten besitzen naturgemäß eine 
starke Empfindung für die Behandlung, die den Deutschen zuteil 
wird. Im übrigen gibt es auch hervorragende tschechische Staats- 
männer wie Dr. Kramar, denen vor allem panslawistische Pläne 
und die Wiederherstellung der russischen Weltmacht am Herzen 
liegen. Dem Außenminister erwächst somit die Aufgabe, Interessen 
Rechnung zu tragen, die einander widersprechen. Klar ist nur, 
daß kein tschechischer Außenminister an den territorialen Bestim- 
mungen der Friedensverträge rütteln lassen kann, auf denen der. 
Bestand des Staates selbst ruht. Insofern besteht eine wirksame 
Interessengemeinschaft mit allen anderen Staaten, die mit Gebieten 
des ehemaligen Österreich-Ungarn ausgestattet worden sind, wie 
Jugoslawien, Rumänien und Polen. Sie sind die Todfeinde jeder 
habsburgischen Restauration. Da derartigen Bestrebungen Ungarn 
bis jetzt das größte Entgegenkommen erwiesen hat, richtet auch 
diese sogenannte kleine Entente ihre Spitze vor allem gegen diesen 
Staat. Neuerdings ist durch den Vertrag von Lana vom Dezember 
1921 eine Annäherung zwischen Österreich und der Tschecho- 
slowakei erfolgt. Auch hier bildet der gemeinsame Gegensatz 
gegen Ungarn, das Österreich den Besitz des Burgenlandes nicht 
gönnen will, und gegen das Haus Habsburg den besten Kitt. Vom 


13) Ledebur-Wicheln, Die bisherige Außenpolitik der tschecho- 
slowakischen Republik, Österreich. Rundschau aaO. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 153 


reichsdeutschen Standpunkt bildet die kleine Entente, als deren 
stiller Gesellschafter Österreich gelten kann, keine unbedingt un- 
erfreuliche Erscheinung. Ihre Mitglieder gewinnen wirtschaftlich 
und politisch eine größere Selbständigkeit gegen Frankreich, dessen 
Politik in bezug auf habsburgische Restaurationsversuche keines- 
wegs eindeutig gewesen ist. 

Nächst Österreich ist es das Deutsche Reich, mit dem die 
Tschechoslowakei durch den auswärtigen Handel am stärksten 
verknüpft wird’?). Gehen doch 44,74 °/, der Ausfuhr (1920) nach 
Deutschland und 52,97 °/, der Einfuhr kommen aus dem Reiche. 
Diese Zahlen beziehen sich auf die Mengen-, nicht die Wertver- 
hältnisse, die noch nicht ermittelt worden sind. Es ist möglich, 
daß dem Werte nach der Verkehr etwas geringer erscheint. Über 
dessen auf alle Fälle sehr große Bedeutung besteht aber auf keiner 
Seite ein Zweifel. Die Tschechoslowakei muß aus Deutschland 
namentlich beziehen Farbstoffe, Roh- und Hilfsstoffe für ihre so 
wichtige Glas- und Porzellanindustrie, Salz, Kali, Kobalt, litho- 
graphische Steine, Harze, Schmirgel und Schmirgelfabrikate, Eisen, 
Stahl, Rohguß, Aluminium, Spezialmaschinen, Eisen- und Stahlwerk- 
zeuge, elektrotechnische und chemisch-pharmazeutische Artikel. 
Deutschland bezieht Braunkohlen, Holz, Kaolin, Graphit, Malz, 
Hopfen und Rohglas. Am 29. Juni 1920 ist ein Wirtschaftsab- 
kommen vereinbart worden, in dem die Tschechoslowakei eine 
bemerkenswerte Einschränkung ihrer Rechte aus dem Art. 297 b 
des Friedensvertrages (Liquidation reichsdeutschen Gutes und 
reichsdeutscher Rechte innerhalb der Tschechoslowakei) zuge- 
standen hat. Die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen, die 
noch durch die Eibeschiffahrt und die Bedeutung Hamburgs für 
die Tschechoslowakei verstärkt werden, werden jetzt durch die 
aufsteigende Entwicklung der tschechischen und den Sturz der 
deutchen Valuta schwer gefährdet. Während Anfang 1920 die 
tschechische Krone nur 75—80 Pf. kostete, wird sie jetzt mit 
6—7 Mk. notiert. Die Einfuhr tschechoslowakischer Güter nach 
Deutschland wird dadurch erschwert, die Ausfuhr deutscher Fabri- 
kate nach der Tschechoslowakei, die doch selbst einen Industrie- 
staat bildet, erleichtert. Daß unter diesen Umständen die tschechi- 
sche Politik der Konferenz in Genua die größte Bedeutung beimißt, 
ist verständlich. So wenig den tschechischen Staatsmännern eine 
Wiedergeburt der reichsdeutschen Machtstellung in politischer 





') K. Janovsky, Prag—Paris? Prag 1921; derselbe, Prag—Paria 
oder Prag—Berlin? Deutsche Arbeit, 20. Jahrg., 1921, Heft A 


154 Herkner, Die Tschechoslowakei und ibr Verhältnis zum Deutschtum 


Hinsicht erwünscht sein mag, ebenso sehr sind sie davon durch- 
drungen, daß der völlige wirtschaftliche und finanzielle Zusammen- 
bruch Deutschlands auch für ihre Republik eine Katastrophe 
einschließt. 

5. Die deutsche Frage. Sie bildet, wie aus den vorange- 
gangenen Darlegungen hervorgeht, das schwierigste Problem, das 
der junge Staat zu lösen hat'*). Die Deutschen sind bis jetzt aus- 
schließlich Objekt, nicht Subjekt der tschechischen Politik und 
Gesetzgebung gewesen. Sie ‘weigern sich in unbeugsamer Oppo- 
sition, die rechtlichen Grundlagen des bestehenden Zustandes an- 
zuerkennen. Sie sind ,„Protestler“, ähnlich wie es die Elsaß- 
Lothringer in den ersten Zeiten nach der Reichsgründung gewesen 
sind. Sie fordern, wie es die Elsaß-Lothringer ebenfalls getan 
haben, mindestens volle Autonomie. Nach tschechischer Auf- 
fassung haben die Deutschen sich erst auf den Boden des Staates 
zu stellen, ehe über ihre nationalen Beschwerden verhandelt werden 
kann. Unter keinen Umständen dürfe „territoriale Autonomie“ 
in Frage kommen. Die Gegensätze sind so schroff, daß ein Teil 
der deutsch-böhmischen Bevölkerung unter dem Einflusse der 
rechtsstehenden reichsdeutschen Parteien davon überzeugt ist, daß 
ein für die Deutschen erträglicher Zustand überhaupt nur aus 
einer vollkommenen Umwälzung der derzeitigen europäischen 
Machtverhältnisse hervorgehen kann. Das heißt natürlich, sich 
dem schwärzesten Pessimismus hingeben. 

Um die Entwicklungsmöglichkeiten, die für die Deutschen in 
der Tschechoslowakei bestehen, richtig abzuschätzen, empfiehlt es 
sich, die deutsche Stellung mit der der Tschechen zu vergleichen. 
Unbestritten ist die hervorragende Tüchtigkeit, welche die Deut- 
schen in Wissenschaft und Wirtschaftsleben, vor allem in Industrie 
und Handel bekunden. Zweifelhaft ist ihre politische Begabung. 
Sie sind echte Deutsche darin, daß sie den Wirklichkeitssinn, das 
richtige Augenmaß in der Beurteilung der politischen Dynamik oft 
vermissen lassen. Sie besitzen Verständnis und Interesse an poli- 
tischen Fragen, soweit es sich um die nächstliegenden Angelegen- 
heiten des Erwerbslebens und Sprachenrechts handelt. Darüber 
hinaus läßt man sich leicht von rein gefühlsmäßigen Momenten 
und Heldenverehrung bestimmen. Für nicht unerhebliche Kreise 
des Bürgertums gehören Hohenzollern, Bismarck, Hindenburg und 


14) Das ist in der Neujahrsbotschaft des Präsidenten Masaryk unum- 
wunden anerkannt worden (Prager Presse, Jahrg. 2 Nr. 2). Diese Kund- 
gebung ist auch in anderen Beziehungen sehr beachtenswert. 


Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 155 


Ludendorff auch jetzt noch zu den Nationalheiligen. Ebenso arm 
wie das deutsche Bürgertum ist die zahlenmäßig stark ins Gewicht 
fallende sozialistisch gesinnte Arbeiterklasse an fruchtbaren poli- 
tischen Idealen. Sie steht unseren Unabhängigen und Kommunisten 
näher als den Regierungssozialisten. Die größten Nachteile, mit 
denen das Deutschtum zu kämpfen hat, ergeben sich aber aus der 
unglücklichen geographischen Lage und Verteilung ihrer Sied- 
lungen und den Unterschieden der Stammeseigenart. Die deutschen 
Siedlungen gruppieren sich als ein oft sehr schmal werdender 
Gürtel an der Peripherie des Landes um das tschechische Zentrum. 
Die Deutschen besitzen keinen eigenen natürlichen Mittelpunkt 
für ihr geistiges, nationales, wirtschaftliches und politisches Leben. 
Weder in Reichenberg, noch in Außig, Teplitz oder Karlsbad 
können die Deutschen Böhmens sich rasch und leicht zusammen- 
finden. So gering die Sympathien für das vollkommen tschechi- 
sierte Prag sein mögen, die Vorteile seiner zentralen Lage sind so 
groß, daß es bei deutsch-böhmischen Aktionen nicht gut umgangen 
werden kann. Es ist deshalb auch fraglich, ob die Verlegung der 
großen deutschen Bildungsinstitute in die deutschen Sprachgebiete, 
so sehr sie im übrigen zu wünschen wäre, durchführbar sein wird, 
selbst wenn der tschechische Staat keinen Widerstand leisten 
sollte. Immerhin befinden sich die Deutschen des geschlossenen 
Sprachgebietes noch in einer relativ günstigen Stellung. Viel 
übler ist es um die Deutschen in den zahlreichen mehr oder 
minder großen Sprachinseln in Mähren und die deutschen Minder- 
heiten in tschechischen Städten, vor allem in Prag und Brünn, 
bestellt. Diese Unterschiede, denen auch verschiedene Interessen 
in bezug auf die Ordnung des Sprachenrechts entsprechen, tragen 
viel dazu bei, das Gefühl innerer Verbundenheit abzuschwächen, 
und zwar um so mehr, als auch noch die Verschiedenheiten des 
Stammescharakters und der Mundart eine, wenn auch latente, 
Gegensätzlichkeit bewirken. Die in Böhmen lebenden . Ange- 
hörigen des obersächsischen und schlesischen Stammes fühlen 
sich als Mitteldeutsche, die Oberpfälzer, Oberfranken und Baju- 
waren in West- und Südböhmen sowie in Südmähren stehen den 
Süddeutschen bzw. den Österreichern näher. Die Neigung zur 
Pflege eines regionalen Sonderlebens ist daher recht groß. Der 
Wunsch, entsprechend diesen Besonderheiten eine kantonale 
Organisation nach Schweizer Art auszubilden, wurzelt wahrschein- 
lich viel tiefer als der, sich an die benachbarten reichsdeutschen 
Länder anzuschließen. Die tschechischen Politiker sind schlechte 
Psychologen, wenn sie dieses Sehnen verkennen und in der terri- 


156 Hoerkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


torialen Autonomie nur eine Vorbereitung für den Anschluß an 
das Reich erblicken. 

Im Vergleich zu den Deutschen verfügen die Tschechen über 
die Vorteile der „inneren Linie“. Sie bilden eine ziemlich kom- 
pakte, einheitliche Masse, die ausnahmslos mit einer gewissen 
Schwärmerei und Verzückung auf das hunderttürmige goldene 
Prag mit seinem Reichtum an großen historischen Erinnerungen 
blickt. Es bedeutet für den Tschechen dasselbe, was Paris dem 
Franzosen ist, vielleicht noch mehr. Der Kampf, den die Tschechen 
durch Jahrhunderte für die Erhaltung ihres Volkstumes führen 
mußten, hat ihre politischen Fähigkeiten stark entwickelt. Der 
Gegensatz zum Deutschtum hat aber bewirkt, daß die gebildeten 
Kreise nicht nur die Gaben der deutschen Kultur entgegenge- 
nommen, sondern auch kulturelle Beziehungen namentlich zu 
Frankreich und Rußland gepflegt und dadurch einen weiten 
Horizont gewonnen haben. So sind in einzelnen tschechischen 
Persönlichkeiten Elemente deutscher, westeuropäischer und russi- 
scher Bildung zu einer höheren Einheit verbunden worden. Die 
überragende Stellung, die dem Präsidenten der Republik, Thomas 
Masaryk"), zukommt, beruht darauf, daß er als der vollkom- 
menste Repräsentant diese Bildungsideales gelten darf. Slowake 
von Geburt, hat er nach Studien in Leipzig als Privatdozent der 
Philosophie an der Wiener Universität seine akademische Lauf- 
bahn begonnen. Von Comte und Mill stark beeinflußt, mit einer 
Amerikanerin verheiratet, trat er zur westeuropäisch-angelsächsi- 
schen Wissenschaft und Kultur in nahe Beziehungen, als Slawe hat 
er aber auch die gründlichsten Studien der russischen Geschichts- 
und Religionsphilosophie gewidmet. Aber auch Kramar und Beneš 
sind Männer von internationaler Bildung. H. v. Treitschke, der 
auf sein Husitenblut stolz war und dem, wie er sagte, eine ge- 
heime Vorliebe für Böhmen im Blute steckte — war seine Familie 
doch erst infolge der Gegenreformation von Böhmen nach Sachsen 
übersiedelt —, hat die Tschechen als das „genialste Slawenvolk“ 
bezeichnet. Richtig ist, daß die Tschechen ein reichbegabtes Volk 
bedeuten und in politischer, wirtschaftlicher und geistiger Kultur 
alle anderen Slawen weit überragen. Aber man darf wohl auch 
darauf hinweisen, daß kein anderes Slawenvolk sich in so enger 
politischer und kultureller Symbiose mit dem deutschen Volke be- 


18) Vgl. G. Flusser, Aus Masaryks Werken, Prag 1921; Masaryk, 
Zur russischen Geschichts- und Religionsphilosophie, 2 Bände, Jena 1913, 
E. Diederichs. Mit größerer Macht ausgestattet könnte Masaryk leisten, 
was Wilson nur versprochen hat. 





Eege 
Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 157 





funden hat. Der größte Fehler, den die Deutschen begehen 
können, leider aber immer noch oft begehen, ist der, die Quali- 
täten des tschechischen Volkes zu unterschätzen. Die Tschechen 
sind im Vergleiche zu den Deutschen ein sehr kleines Volk, und 
die tschechische Sprache und Literatur kann deshalb auch nicht 
de Schätze erschließen, welche die Kenntnis der deutschen, engli- 
schen. italienischen, spanischen oder russischen Sprache vermittelt. 
Die Erlernung der deutschen Sprache bedeutet für den Tschechen, 
such abgesehen von der dadurch erzielten besseren Verwendbarkeit 
im öffentlichen Dienste, einen großen Gewinn, während die Kennt- 
nis der tschechischen Sprache für den Deutschen nur Vorteile in 
dor staalichen Betätigung und unter Umständen im geschäftlichen 
‘erkehre einschließt. Das sind Momente, welche die Ordnung 
des Sprachenrechtes im Gegensatze z. B. zur Schweiz, wo ein- 
ander annähernd kulturell gleichwertige Sprachen gegenüber- 
stehen, erschweren. Aus der Tatsache, daß die tschechische 
‘prache an allgemeiner Bedeutung weit hinter der deutschen 
Sprache steht, darf aber niemals der Schluß gezogen werden, daß 
such das tschechische Volk kulturell rückständig oder minder- 
wertig sei. 

In früheren Zeiten, in denen die Tschechen ein Volk von Bauern, 
AKleinbürgern, Arbeitern, unteren und mittleren Beamten waren, 
besaßen sie den Deutschen gegenüber auch den Vorteil einer ge- 
ringeren sozialen Differenzierung und größeren Einheitlichkeit 
ihres politischen Parteilebens. Diese Verhältnisse sind seit einigen 
Jahrzehnten verschwunden. Heute ist die soziale und politische 
Differenzierung ebenso groß wie die der Deutschen, wenn es ihnen 
auch in den Fragen der nationalen Politik immer noch leichter 
fällt, eine Einheitsfront zu behaupten. Immerhin zeigen sich doch 
auch in der Stellung zur deutschen Frage wichtige Unterschiede. 

Am schrofisten stehen den Deutschen die von Dr. Kramar 
geführten Nationaldemokraten, die richtiger als Nationalimperia- 
listen zu bezeichnen wären, gegenüber. Sie stehen auf dem Stand- 
punkt, daß die Deutschen unversöhnliche Feinde des tschechischen 
Volkes und seines Staates sein werden. Es komme daher nur 
darauf an, ihren Irredentismus und ihren Haß durch rücksichts- 
lose Vernichtung ihrer Machtstellung unschädlich zu machen. 
Oderint dum metuant! Diese Gesinnung besteht in zwar engen, 
aber sehr einflußreichen Kreisen und wird auch durch die größte 
Tageszeitung, die Narodni Listy, verbreitet. Die Wahlen zur 
\ationalversammlung 1920 haben aber gezeigt, daß die große 
Mehrheit- des tschechischen Volkes anderer Meinung ist. Die 


Zeitschrift für Politik. 12. 11 


158 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


Nationaldemokraten erhielten nur 9,6°/, der Stimmen, während die 
versöhnlicher gestimmten sozialistischen, agrarischen und kleri- 
kalen Richtungen 2. der gesamten Stimmen (49,8 °/,, 15,3 °/, und 
9,8°/,) erhielten. T 

Die Frage ist, auf welcher Grundlage ein Ausgleich aufgebaut 
werden könnte. Die erste Voraussetzung .erblicken die Tschechen 
darin, daß die Deutschen die staatlichen Verhältnisse anerkennen. 
Die tschechische Gegenleistung müßte in der Beseitigung aller 
Maßnahmen bestehen, welche eine Beeinträchtigung der deutschen 
Interessen bezwecken. Die Deutschen verlangen Autonomie, die 
Tschechen erklären, über territoriale Autonomie könne schon im 
Hinblick auf die „unvorteilhafte Konfiguration der Minderheiten“ 
nicht gesprochen werden, Autonomie ist bekanntlich kein ein- 
deutiger Begriff. In der tschechischen Verfassung ist aber der 
Begriff durch die Bestimmungen zugunsten Karpatho-Rußlands 
festgelegt. Nach § 3 der Verfassung"? und dem Friedensvertrage 
von St. Germain-en-Laye wird Karpatho-Rußland mit der weitesten, 
mit der Einheitlichkeit der tschechoslowakischen Republik ver- 
einbarlichen Autonomie ausgestattet. Es hat seinen eigenen Land- 
tag, der zur Beschlußfassung über Gesetze in Angelegenheiten der 
Sprache, des Unterrichts, der Religion, der örtlichen Verwaltung 
sowie auch in anderen Angelegenheiten zuständig ist, die ihm durch 
tschechoslowakische Gesetze übertragen werden. An der Spitze 
steht der vom Präsidenten der Republik ernannte und auch dem 
karpatho-russischen Landtage verantwortliche Gouverneur. Die 
Beamten Karpatho-Rußlands werden nach Tunlichkeit aus dessen 
Bevölkerung entnommen. Wenn die Deutschen Autonomie fordern, 
so schwebt ihnen vermutlich eine ähnliche Stellung der deutschen 
Gebiete vor. Auch ein Teil der Slowaken verlangt unter Berufung 
auf den Pittsburger Vertrag vom 30. Mai 1918 eigene Verwaltung, 
eigenen Landtag und Gerichte sowie Anerkennung der slowa- 
kischen Sprache in der Schule, in den Ämtern und im öffentlichen 
Leben. Man wird nun mit Recht sagen können, was den Ruthenen 
und Slowaken recht ist (das Sprachengesetz vom 29. Februar 1920 
läßt in § 3 die slowakische Sprache als Staatssprache gelten), ist 
den Deutschen und Magyaren billig. Nichtsdestoweniger sträuben 
sich selbst noch die versöhnlicher gestimmten tschechischen Poli- 
tiker, diesen Grundsatz anzuerkennen. Die einen betonen, daß 
schon jetzt die Lage der Deutschen weit besser sei, als es die der 





16) Die Verfassungs- und Wahlgesetze (Stiepels Gesetz-Sammlung des 
tschechoslowakischen Staates Nr. 17), Reichenberg 19%. 


ee ee ee aa u Fe ———— 
Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 159 





Tschechen im Falle eines deutschen Sieges geworden wäre. Es ist 
leider nicht zu bestreiten, daß alldeutsche Wirrköpfe vor und 
während des Krieges ebenso dumme wie brutale Pläne zur Lösung 
der tschechischen Frage entwickelt haben. Aber abgesehen davon, 
daß das deutsche Volk für die Phantastereien einiger Narren 
ebensowenig verantwortlich gemacht werden kann als etwa das 
tschechische für Forderungen des tschechischen Imperialismus vom 
Schlage des Hanuš Kuffner, die Tschechen sollten doch einen 
höheren Ehrgeiz besitzen als den, alle von der deutschen Politik 
begangenen Fehler womöglich noch in verstärktem Maße zu wieder- 
holen. Darin brauchen sie die Franzosen nicht zu kopieren. Ein 
anderer oft gehörter Einwand geht dahin, daß die Deutschen im 
Reiche, in Österreich und in der Schweiz Staaten besäßen, in denen 
sie sich frei ausleben können. Die Tschechen besäßen aber nur 
einen einzigen Staat und seien deshalb berechtigt, ihn ausschließlich 
nach ihren eigenen Bedürfnissen einzurichten"). Wenn man auf 
diesem Standpunkt beharren will, dann ist es konsequenter, die in 
den geschlossenen Sprachgebieten lebenden Deutschen sich an das 
Reich anschließen zu lassen. Nur so kann der reine tschechische 
Nationalstaat verwirklicht werden. Im übrigen ist es unerfindlich, 
warum die Deutschen Böhmens unterdrückt werden sollen, weil 
die Deutschen im Reiche, Österreich und der Schweiz frei sind. 
Jedenfalls ist es den deutschen Schweizern niemals eingefallen, 
die Franzosen und Italiener national zu entrechten, weil ein 
französis@her und ein italienischer Nationalstaat besteht. Der ein- 
zige Einwand, der eine gewisse Beachtung beanspruchen kann, 
liegt in dem Hinweis auf die Konfiguration der deutschen Sied- 
lungen, welche eine Zusammenfassung zu einem autonomen Körper 
erschwert. Es ist deshalb vielleicht richtiger, wenn die Deutschen 
Dezentralisation, nicht Autonomie verlangen. Eine den sprach- 
lichen und kulturellen Interessen gerecht werdende Dezentrali- 
sation wäre durch eine Veränderung der Gaueinteilung leicht her- 
beizuführen'’). Die bestehende Gaueinteilung hat einen großen 





'') Diesen Standpunkt hat eben erst noch der tschechische Minister 
Srämek in der Brünner Kreisversammlung der klerikalen Volkspartei 
vertreten. Vgl. Prager Presse vom 7. März 1922. 

18) In diesem Sinne hatte ich bereits 1896 Vorschläge für eine deutsch- 
tschechische Verständigung in der von Masaryk geleiteten Zeitschrift 
„Rozhledy“ gemacht, die auch in deutscher Sprache in der Wiener 
Wochenschrift „Die Zeit“ vom 28. März 1896 veröffentlicht worden sind. 
Masaryk hat meine Vorschläge damals angenommen. Vgl. Masaryk, Zur 
deutschböhmischen Ausgleichsfrage, Die Zeit Bd. VII Nr. 82. Ein Neu- 
druck dieses Aufsatzes ist von der Deutschpolitischen Arbeitsstelle in 

11* 


— 


160 Herkner, Die Tschechoslowakei und ihr Verhältnis zum Deutschtum 


Teil der Deutschen so verteilt, daß sie von den Tschechen majori- 
siert werden. Es gibt nur zwei tatsächlich deutsche Gaue, d. h. 
Gaue, in denen die Deutschen 94 bzw. 97°/, der Bevölkerung 
ausmachen. Sie besitzen eine Gesamtbevölkerung von 1 100 000 
Deutschen, während die übrigen 2 681 000 Deutsche in Gaue mit 
tschechischen Mehrheiten verwiesen worden sind, die nur 55—60°/, ° 
betragen. Es ist bei einigem guten Willen aber leicht möglich, etwa 
fünf Gaue zu schaffen, in denen die deutsche Bevölkerung mehr 
als 90 °/, bilden würde. Für diese deutschen Gaue müßten dann 
auch entsprechende Veränderungen des Sprachenrechtes eintreten. 
Der deutschen Sprache muß, wo sie tatsächlich herrscht, auch 
gesetzlich der Vorrang eingeräumt werden. Damit wäre noch 
lange keine „höhere Schweiz‘ geschaffen, aber für einen großen 
Teil der Deutschen doch der Alpdruck der Fremdherrschaft ge- 
mildert. Von tschechischer Seite wird neuerdings die Ordnung des 
Sprachenrechts in Belgien als vorbildlich anerkannt'”). Dort be- 
steht aber für das Parlament vollkommene Parität der französi- 
schen und flämischen Sprache. 

Die Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen stellt 
ein mitteleuropäisches, ja ein europäisches Interesse dar. Beide 
Völker bedürfen dringend gesicherter friedlicher Beziehungen, auf 
daß nicht nochmals, wie im 15. und 17. Jahrhundert, böhmische 
Wirren Kriegsfurien entfesseln, welche die ihnen gemeinsamen 
Stätten mitteleuropäischer Kultur verheeren und zerstören. 


Prag (5. Veröffentlichung) herausgegeben worden. In der Masarykschen 
Neujahrsbotschaft (vgl. Anmerkung 14) heißt es auch jetzt noch: „Wir 
müssen die Minderbeiten nach Quantität und Qualität unterscheiden, 
ferner: Unser Staat hat wie jeder andere Staat seine Sprache, . . . bei 
gutem Willen stellen politische Reife und Erfahrung fest, wo die An- 
wendung der Staatssprache kein notwendiges Bedürfnis ist.“ 

10) So Masaryk in der Neujahrsbotschaft. Gegen die Anwendung des 
schweizer Vorbildes der Gesandte Dr. Dusek in der Prager Presse vom 
1. Januar 1922. Dabei wird nicht genügend beachtet, daß es wohl in der 
Schweiz, aber nicht in Belgien einen sprachenrechtlichen Frieden gibt. 


IX 
Die Kolonialmandate 


Von Heinrich Schnee 


Das Wort Keynes, daß der Versailler Friedensvertrag sich von 
allen seinen geschichtlichen Vorgängern hauptsächlich durch seine 
Unaufrichtigkeit unterscheide, gilt nicht zuletzt auch von der 
durch ihn getroffenen Regelung der kolonialen Angelegenheiten. 
Von der „freien, weitherzigen und unbedingt unparteiischen 
Schlichtung aller kolonialen Ansprüche“, die in dem fünften der 
Wilsonschen 14 Punkte vorgesehen war, ist allerdings darin 
keine Rede mehr. Der Artikel 119 des Friedensvertrages enthält 
lediglich die Bestimmung, daß Deutschland zugunsten der alliierten 
und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche 
bezüglich seiner überseeischen Besitzungen verzichte. Unter alli- 
ierten und assoziierten Hauptmächten sind nach den Eingangs- 
worten des Vertrages zu verstehen: die Vereinigten Staaten von 
Amerika, das Britische Reich, Frankreich, Italien und Japan. 
Wohl aber sind in der einen integrierenden Bestandteil des 
Friedensvertrages bildenden Völkerbundsatzung die Interessen 
der Eingeborenenbevölkerung der betroffenen Gebiete, welchen 
nach dem Punkt 5 Wilsons ebenso Gewicht beigemessen werden 
sollte, wie den berechtigten Forderungen der Regierung, deren 
Rechtsanspruch bestimmt werden sollte, in den Vordergrund ge- 
stellt worden. 

Nach Artikel 22 dieser Satzung bilden das Wohlergehen und 
die Entwicklung der die Kolonien bewohnenden Völker eine heilige 
Aufgabe der Zivilisation, für deren Erfüllung in die Völkerbund- 
satzung Bürgschaften aufgenommen sind. Die Verwirklichung 
dieses Grundsatzes soll durch Übertragung der Vormundschaft 
über jene Völker an die fortgeschrittenen Nationen erfolgen, die 
auf Grund ihrer Hilfsmittel, ihrer Erfahrung oder ihrer geographi- 
schen Lage am besten imstande sind, eine solche Verantwortung 
auf sich zu nehmen und die hierzu bereit sind; sie hätten die Vor- 
mundschaft als Mandatare des Bundes und in seinem Namen zu 


162 Schnee, Die Kolonialmandate 


führen‘). Es folgen dann Bestimmungen, welche einen Unter- 
schied machen zwischen den bereits entwickelten, zum türkischen 
Reich gehörigen Gemeinwesen, denen vorbehaltlich der Leitung 
durch den Mandatar die Unabhängigkeit als Nation zuerkannt 
werden soll, und den minderentwickelten Völkern der deutschen 
Kolonien, bei denen der Mandatar unter gewissen Bedingungen 
die Verwaltung übernehmen soll. Für einen Teil dieser Gebiete 
wie Südwestafrika und gewisse Inseln des südlichen Stillen Ozeans 
sollen mit Rücksicht auf ihre geringe Bevölkerungsdichte und 
ihre geringe Ausdehnung, auf ihre Entfernung von den Mittel- 
punkten der Zivilisation, auf ihre geographische Nachbarschaft 
zum Gebiet des Mandatars und andere Umstände nach den Ge- 
setzen der Mandatare und als integrierender Bestandteil ihres Ge- 
bietes verwaltet werden unter Vorbehalt der in der Völkerbund- 
satzung im Interesse der Eingeborenenbevölkerung vorgesehenen 
Bürgschaften. Diese letzteren beziehen sich auf Abstellung von 
Mißbräuchen, wie Sklaven-, Waffen- und Alkoholhandel und Ge- 
währleistung der Wissens- und Religionsfreiheit, ferner auf das 
Verbot der Errichtung von Befestigungen sowie der militärischen 
Ausbildung der Eingeborenen, soweit sie nicht lediglich polizei- 
lichen oder Landesverteidigungszwecken dienen, endlich auf die 
Sicherung gleicher Möglichkeit der Betätigung für den Güter- 
austausch und Handel der anderen Bundesmitglieder. 

Aus dem Zusammenhalt der angeführten Bestimmungen, einer- 
seits des Artikels 119 des Versailler Friedensvertrages, wonach 
Deutschland zugunsten der fünf Hauptmächte auf seine Kolonien 
verzichtet hat, andererseits des Artikels 22 der Völkerbundsatzung, 
wonach die mit der Vormundschaft über die Kolonien betrauten 
Nationen sie als Mandatare des Bundes und in seinem Namen zu 
führen haben, ergeben sich bereits Zweifel über die Frage, wem 
seit dem Inkrafttreten des Friedens die Souveränität über die 
deutschen Kolonien zusteht. Keine der beiden Bestimmungen 
trifft ausdrückliche Entscheidung darüber. Der Artikel 119 des 
Vertrages spricht lediglich vom Verzicht Deutschlands zugunsten 
der Hauptsiegerstaaten, der die Mandatvorschriften enthaltende 
Artikel 22 der Völkerbundsatzung hebt nur negativ hervor, daß 
die Kolonien infolge des Krieges aufgehört haben, unter der 
Souveränität des bisherigen Herrscherstaates zu stehen. Der 


1) Der französische Text lautet: elles exerceraient cette tutelle en 
qualité de mandataires et au nom de la Société; der englische: that this 
tutelage should be exercised by them as Mandatories on behalf of the 
League. 


Schnee, Die Kolonialmandate 168 


erstere Artikel würde, wenn die Völkerbundsatzung nicht vor- 
handen wäre, dafür sprechen, daß die fünf Hauptmächte gemein- 
sam die Souveränität haben. Andererseits läßt Artikel 22 der — 
wie erwähnt einen integrierenden Bestandteil des Versailler 
Friedensvertrages bildenden — Völkerbundsatzung, für sich allein 
betrachtet, nur den Schluß zu, daß der Völkerbund Träger der 
Souveränität sein soll. Denn andernfalls hätte die Vorschrift, daß 
die mit der Vormundschaft betrauten Nationen sie als Mandatare 
des Bundes und in seinem Namen zu führen haben, gar keinen 
Sinn. Es kann niemand ein Mandat erteilen und in seinem Namen 
ausüben lassen, der nicht entsprechende Rechte besitzt. Klar wäre 
die Sache gewesen, wenn im Vertrage selbst oder der Völkerbund- 
satzung entweder bestimmt wäre: die alliierten und assoziierten 
Hauptmächte haben die Souveränität und entscheiden über die 
Erteilung der Mandate, oder: der Völkerbund hat die Souveränität 
und regelt die Mandate. 

Die tatsächlich vorliegende Regelung ist das Ergebnis der 
eingangs erwähnten Unaufrichtigkeit des Versailler Friedensver- 
trages. Trotz der furchtbaren Aussaugung und Knebelung 
Deutschlands, welche den wirklichen Inhalt dieses Vertrages 
bilden, sind doch vielfach ideale Gesichtspunkte vorgeschoben 
und schöne Wendungen gebraucht worden, die das wahre Gesicht 
dieses Dokuments verschleiern sollen. Auch auf kolonialem Ge- 
biet sind den Wilsonschen Forderungen in dem Wortlaut der 
Völkerbundsatzung äußerliche Zugeständnisse gemacht worden, 
während in der Sache die Mächte, welche sich der Kolonien unter 
. dem Namen der Mandate bemächtigt haben, bisher die schonungs- 
loseste Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik betrieben haben, die 
u. a. in der Vertreibung sämtlicher Deutschen unter Wegnahme 
(„Liquidation“) ihres Eigentums zutage getreten ist. Wie der 
amerikanische Staatssekretär Lansing?) seinerzeit ausführte, haben 
die Mächte das Mandatsystem nur angenommen, damit sie sich den 
Wert der Kolonien nicht auf die Kriegsentschädigung brauchten 
anrechnen zu lassen, was im Falle einer Annexion unvermeidlich 
gewesen wäre. 

Was die gewählte Form des Kolonialmandats betrifft, so ist 
diese auf den Vorschlag des südafrikanischen Premierministers 
Smuts zurückzuführen?). Derartig unklare Gestaltungen von 
staatsrechtlichen Verhältnissen entsprechen von jeher dem 





NS. Rob. Lansing, The Peace Negotiations, London 1921 S. 140. 
3») Lansing, aaO. 8. 188. 


164 Schnee, Die Kolonialmandate 


Charakter der englischen Politik. Es braucht nur daran erinnert 
zu werden, daß sowohl in Ägypten wie in Zanzibar die Engländer 
lange Zeit hindurch nominell nur einen Generalkonsul als britischen 
Vertreter im Lande hatten und dabei doch diese Länder tatsächlich 
vollständig beherrschten und verwalteten. 

Welches immer im einzelnen die Gründe für die Fassung der 
Bestimmungen über die Kolonialmandate gewesen sind, sie geben 
im Zusammenhalt mit dem Artikel 119 des Friedensvertrages 
Anlaß zu Zweifeln über die Frage der Souveränität über die be- 
troffenen Kolonien, und zwar schon für den Fall, daß die sämt- 
lichen Beteiligten den Versailler Friedensvertrag ratifiziert hätten. 
Dies trifft jedoch bekanntlich nicht zu. Die eine der fünf in dem 
Vertrage genannten Hauptmächte, zu deren Gunsten Deutschland 
nach Artikel 119 auf seine Kolonien verzichtet hat, ist dem Ver- 
trag nicht beigetreten, nämlich die Vereinigten Staaten von 
Amerika. Das kompliziert die Frage außerordentlich, wenngleich 
Amerika beim Friedensschluß mit Deutschland diesem gegenüber 
sich die Rechte aus Art. 119 des Versailler Friedensvertrags aus- 
drücklich vorbehalten hat. Die Frage, wem nun eigentlich die 
Souveränität in den deutschen Kolonien zusteht und welcher recht- 
liche Charakter den Kolonialmandaten zukommt, ist eine Doktor- 
frage, über deren theoretische Beantwortung sich die Gelehrten die 
Köpfe zerbrechen können und auch schon zerbrochen haben, so- 
wohl bei uns wie in anderen Ländern. (Vgl.u.a. Rolin, Le systöme 
des mandats coloniaux, Revue de droit international et de Legis- 
lation comparée 1920 S. 329 ff., Mondaini, L’assetto coloniale del 
mondo dopo la guerra, Bologna 1921 S. 58 ff.) 

Aber es handelt sich dabei keineswegs bloß um theoretische 
Fragen, sondern um solche der Praxis und der größten politischen 
Wichtigkeit. Von der Art ihrer Beantwortung durch die jeweils 
entscheidenden Staatsmänner der Großmächte hängt die Gestaltung 
des Schicksals unserer Kolonien ab. 

In der politischen Praxis sind bisher, teils in Handlungen, teils 
in diplomatischen Noten der beteiligten Staaten drei Ansichten 
zutage getreten. Die eine lag eine geraume Zeit hindurch der von 
den alliierten und assoziierten Hauptmächten, welche den Ver- 
sailler Friedensvertrag unterzeichnet hatten, befolgten Praxis zu- 
grunde. Sie ging dahin, daß diese Mächte unter bloß formeller 
Mitwirkung des Völkerbundsrates über die Verteilung und Ein- 
richtung der Mandate über die deutschen Kolonien zu bestimmen 
hätten. Die zweite Ansicht, wonach der Völkerbund zuständig 
sei und nur unter deutscher Mitwirkung über die Vergebung der 


Schnee, Die Kolonialmandate 165 


Kolonialmandate zu bestimmen habe, wurde von deutscher Seite 
in einer Protestnote an den Völkerbund im November 1920 ver- 
treten. Die dritte Ansicht haben die Vereinigten Staaten von 
Amerika wiederholt in Noten an die englische Regierung und an 
den Völkerbundsrat geltend gemacht, dahingehend, daß sie als 
assoziierte Hauptmacht ungeachtet der Nichtunterzeichnung des 
Versailler Friedensvertrages genau die gleichen Rechte wie die 
übrigen Hauptmächte betreffs der deutschen Kolonien haben, und 
daß ohne ihre Zustimmung über diese nicht verfügt werden kann. 

Die zweite vorstehend erwähnte Auffassung, die von dem 
deutschen Außenminister Simons in der Note vom November 1920 
vertreten wurde, mag vorweg erörtert werden. Veranlaßt wurde 
die Note durch die Beschlüsse des Völkerbundsrats in seiner 
Tagung vom August 1920, in denen die Bestimmung der Mandate 
und die Formulierung der Mandatsbedingungen zur Angelegenheit 
der alliierten und assoziierten Hauptmächte erklärt und dem 
Völkerbundsrat lediglich die Rolle zugewiesen wurde, den Manda- 
taren auf Grund der Entscheidungen der Hauptmächte die Mandats- 
übertragung und die Mandatsbedingungen in förmlicher Weise 
mitzuteilen. In der deutschen Note ist gegen diese Handhabung 
als eine Verletzung der Völkerbundsakte und damit des Versailler 
Friedens protestiert worden. Es ist darin mit überzeugenden 
juristischen Gründen dargetan, daß Mandatare des Völkerbundes 
nur von diesem selbst ernannt werden können. Aber in der hohen 
Politik hilft die Juristerei im allgemeinen nur dann, wenn sonstige 
überzeugende Argumente dahinterstehen, die auf nichtjuristischem 
Gebiete liegen. So war es bei der Ohnmacht Deutschlands möglich, 
daß die deutsche Note mit einer leichten Geste beiseite geschoben 
und die darin vertretene Ansicht, obwohl sie nach dem Wortlaut 
der Völkerbundsatzung juristisch die einzig mögliche ist, nur eine 
theoretische Bedeutung erlangte. 

Was die erste und dritte Ansicht anbetrifft, so ist es erforder- 
lich, auf den Werdegang der Kolonialmandate mit einigen Worten 
einzugehen. Die Verteilung der Kolonialmandate erfolgte bereits 
vor dem Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages. Am 7. Mai 
1919 beschloß der Oberste Rat (die Vertreter der fünf Hauptmächte 
einschließlich des Präsidenten Wilson für Amerika, der jedoch in 
vorhergehenden Sitzungen einen Vorbehalt bezüglich der deutschen 
Südseeinsel Jap gemacht hatte), daß England das Mandat für 
Deutsch-Ostafrika erhalten sollte, die Südafrikanische Union für 
Deutsch-Südwestafrika, Neuseeland für Samoa, England für die 
Südseeinsel Nauru, Australien für die übrigen Südseeinseln südlich 


166 Schnee, Die Kolonialmandate 


und Japan für diejenigen nördlich des Äquators, zu denen die 
Karolineninsel Jap gehört. Über den Status von Togo und 
Kamerun sollten nach diesem Beschluß England und Frankreich 
ein Übereinkommen treffen und dem Völkerbund vorlegen. Eine 
Teilung, bei der Frankreich den größeren, England den kleineren 
Teil der beiden Kolonien erhielt, erfolgte durch Vertrag zwischen 
den beiden Mächten. Ein Teil von Deutsch-Ostafrika (die Sulta- 
nate Ruanda und Orundi) wurden später als Mandat für Belgien 
abgetrennt. Nach dem Inkrafttreten des Versailler Friedens ver- 
blieb es bei der Tagung. Der Völkerbundsrat beschränkte sich, 
wie oben erwähnt, darauf, eine nur formelle FS für sich 
in Anspruch zu nehmen: 

Während England, Frankreich, Italien und Japan ebenso wie 
Deutschland den Versailler Friedensvertrag ratifizierten, lehnten 
die gesetzgebenden Körperschaften der Vereinigten Staaten von 
Amerika ihn ab. Die vier Hauptmächte, welche den Vertrag 
ratifiziert hatten — es ist vielleicht richtiger zu sagen, die drei 
von ihnen, welche Kolonialmandate übernommen hatten (England, 
Frankreich und Japan) — handelten nun so, als ob die Vereinigten 
Staaten infolge Nichtratifizierung des Versailler Friedens nichts 
mehr über die Mandatgebiete, welche außer den deutschen Kolonien 
ehemals türkische Besitzungen umfaßten, zu sagen hätten. England 
und Frankreich verfügten in dem Vertrag von S. Remo ohne Zu- 
stimmung der Vereinigten Staaten über Mesopotamien einschließ- 
lich der dortigen Petroleumvorkommen, an denen Amerika ein 
Interesse hat. Über die Kabelstation Jap in den ehemals deutschen 
Karolineninseln wurde ohne Rücksicht auf die erheblichen ameri- 
kanischen Interessen daran verfügt. Noch die Regierung Wilsons 
sah sich gezwungen, gegen dieses Vorgehen von seiten der übrigen 
Mächte zu protestieren, zuerst in einer an England gerichteten 
Note vom November 1920 in der aus Anlaß der von englischer 
Seite eingeleiteten monopolistischen Petroleumausbeutung in Meso- 
potamien gleiche Behandlung für die Bürger aller Nationen ge- 
fordert wurde, dann in einer Note vom Februar 1921 an den 
Völkerbund wegen der Insel Jap, worin die amerikanische 
Regierung gegen die Übertragung an Japan protestierte und er- 
klärte, daß die amerikanische Zustimmung zur Wirksamkeit irgend- 
welcher Festsetzungen über die Mandate notwendig sei. Nachdem 
der neu gewählte Präsident Harding sein Amt angetreten hatte, 
richtete im April 1921 die amerikanische Regierung eine neue 
Note an die englische Regierung, in welcher der Standpunkt der 
Vereinigten Staaten dahin klargelegt wurde: das Recht, über die 


Schnee, Die Kolonialmandate 167 


deutschen Kolonien zu verfügen, sei durch den Sieg der alliierten 
und assoziierten Mächte erlangt worden, deren eine die Ver- 
einigten Staaten gewesen seien. Diese hätten daher ebenso wie 
die übrigen Hauptmächte Anteil an dem durch den Sieg erlangten 
Recht. Daher könne keine Verfügung über die deutschen Kolonien 
ohne Zustimmung der Vereinigten Staaten getroffen werden. Die 
Nichtratifizierung des Versailler Friedensvertrages durch Amerika 
könne nichts von seinen bereits erworbenen Rechten wegnehmen. 
Im übrigen sehe der Vertrag von Versailles selbst einen Verzicht 
zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte vor, zu 
denen die Vereinigten Staaten gehörten. 

Die Vereinigten Staaten stützen also ihr Recht auf die Mit- 
verfügung tiber die deutschen Kolonien den Alliierten gegenüber 
hauptsächlich auf die Tatsache ihres gemeinsamen Sieges über 
Deutschland. Dieser mit dem ganzen Gewicht der amerikanischen 
Großmacht und dem erkennbaren Willen, darauf zu bestehen, vor- 
getragenen Argumentation haben sich die übrigen Hauptmächte 
nicht entziehen können. In der mesopotamischen Ölfrage ist eine 
Einigung erzielt. Die Jap-Angelegenheit ist auf der Konferenz 
in Washington in einer den Wünschen der Vereinigten Staaten 
genügenden Weise geregelt worden. Das Recht der Vereinigten 
Staaten, daß ohne ihre Zustimmung über die deutschen Kolonien 
nicht verfügt werden darf, ist grundsätzlich anerkannt. 

Ob und in welcher Richtung die Vereinigten Staaten von 
diesem Recht Gebrauch machen werden, steht noch dahin. In 
der oben erwähnten, noch unter Wilsons Präsidentschaft ergangenen 
Note an die englische Regierung vom 20. November 1920 war der 
Standpunkt vertreten worden, daß auch die leichteste Abweichung 
von dem Geist und der ausschließlichen Absicht einer denkbar 
striktesten Treuhänderschaft (trusteeship) über die deutschen 
Kolonien eine falsche Auffassung, um nicht zu sagen ein MiB- 
brauch der durch den gemeinsamen Sieg der Alliierten erworbenen 
vorübergehenden Herrschaft (temporary dominion) über jene Ge- 
biete sein würde. Seitdem scheinen die Vereinigten Staaten sich 
darauf beschränkt zu haben, in der Jap-Angelegenheit wie in der 
mesopotamischen Frage ihre eigensten politischen und wirtschaft- 
lichen Interessen zu wahren, ohne diese allgemeine Seite der Sache 
zu verfolgen. Ein interessanter Vorschlag ist kürzlich von dem 
amerikanischen Senator France in einem Interview mit dem Ver- 
treter der Vossischen Zeitung in Washington gemacht worden 
(s. Nr. 178 der V. Z. vom 15. April 1922). Er lautete dahin, daß 
die Alliierten Mächte ihre Schulden an die Vereinigten: Staaten 


168 Schnee, Die Kolonialmandate 


von Amerika dadurch tilgen sollten, daß sie den letzteren die 
deutschen Kolonien in Afrika überwiesen. Wenn damit gemeint 
ist, daß den Vereinigten Staaten an Stelle der jetzigen Mandatare 
das Mandat übertragen werden soll und daß dadurch in keiner 
Weise einer späteren Rückgabe der Kolonien an Deutschland 
präjudiziert würde, so könnte man sich von deutscher Seite damit 
wohl einverstanden erklären. Denn es läßt sich nicht bezweifeln, 
daß die Amerikaner, wie anderwärts so auch in ihren etwaigen 
Mandatsgebieten, die Politik der offenen Türe befolgen, also im 
Gegensatz zu den gegenwärtigen Mandatinhabern auch unseren 
' aus den Kolonien vertriebenen Landsleuten die Rückkehr und 
‚Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit gestatten würden, ebensowenig 
daß die jetzt darniederliegende Wirtschaft der Schutzgebiete einen 
Aufschwung erfahren würde. Auch in sanitärer Beziehung, in 
welcher gegenwärtig die Mandatsgebiete und ihre Bevölkerungen 
in sträflicher Weise vernachlässigt werden, würde nach den 
bedeutenden Leistungen der Amerikaner auf diesem Gebiet (es 
braucht nur an die Sanierung des Panamakanals erinnert zu 
werden) von ihnen weit mehr zu erwarten sein, als von den 
Engländern, Franzosen und Belgiern. 


Nach dem Ausgeführten läßt sich als der von den Sieger- 


staaten in bezug auf die deutschen Kolonien anerkannte und in 
der Praxis durchgeführte Rechtszustand ansehen, daß die fünf 
Alliierten und Assoziierten Hauptmächte einschließlich der Ver- 
einigten Staaten von Amerika die Verfügungsgewalt über die 
deutschen Kolonien haben. Es gibt gegenwärtig keine Macht der 
Welt, welche gegenüber diesem Standpunkt, solange die fünf 
Mächte übereinstimmen, irgendeiner anderen Auffassung, mag sie 
juristisch noch so begründet sein, zum Siege zu verhelfen ver- 
möchte. Trotzdem sind die Bestimmungen der Völkerbundsatzung 
über die Mandate für Deutschland von großem Wert. Sie haben 
als Bestandteil des Versailler Friedensvertrages zwischen Deutsch- 
land und den Mächten, die den Vertrag ratifiziert haben, darunter 
vor allem den vier Mächten, welche tatsächlich die Kolonial- 
mandate unter sich verteilt haben, Geltung. Ohne Deutschlands 
Zustimmung können die Vorschriften, die ein bloßes Mandat im 
Namen des Völkerbundes vorsehen und die Annexion ausschließen, 
nicht geändert werden. Dies läßt uns größere Hoffnungen auf 
Rückgewinnung unserer kolonialen Besitzungen offen, als wenn 
eine Annexion ausgesprochen wäre, und eröffnet auch die Möglich- 
keit, daß Deutschland zunächst als Mandatar wieder an der 
Kolonisation jener Gebiete teilnimmt. 


Schnee, Die Kolonialmandate 169 


Eine Änderung des gegenwärtigen Zustandes der 
fremden Mandatherrschaft ist nicht nur in unserem 
Interesse, sondern auch in dem der Kolonien selbst ge- 
boten. Die Wirtschaft in den deutschen Kolonien liegt allent- 
halben völlig darnieder. Die Vertreibung unserer Landsleute aus 
allen Kolonien, ausgenommen Deutsch-Südwestafrika, hat eine 
katastrophale Wirkung gehabt. Die Plantagen liegen still und ver- 
wildern oder sind ungeübten und ungeeigneten Personen anver- 
traut, unter deren Leitung sie verkommen. Die bisherigen Erlöse 
von liquidierten Grundstücken bleiben weit hinter dem wirklichen 
Wert zurück. Der Handel ist mit der Aufhebung der deutschen 
Handelsfaktoreien überall zurückgegangen. Dementsprechend 
stockt der Absatz für die Produkte der Eingeborenen. Deren Ver- 
dienstmöglichkeiten sind auch sonst infolge Zerfalls der Plantagen- 
wirtschaft und Aufhörens der Eisenbahnbauten außerordentlich 
vermindert. Die üble Wirtschaftslage der Eingeborenen wird da- 
durch verschärft, daß die Mandatare weit rücksichtsloser Steuern 
erheben, als das bei uns geschah. 

Wie die wirtschaftliche, so ist auch die kulturelle Entwicklung 
der Kolonien durch die Mandatherrschaft auf das Schwerste ge- 
schädigt. Die deutschen Missionare, die in segensreicher Arbeit 
für die Ausbreitung des Christentums tätig waren, sind aus den 
Kolonien vertrieben worden. Die deutschen Missionsschulen sind 
geschlossen, ebenso die Regierungsschulen. Der bisher geschaffene 
Ersatz ist durchaus ungenügend, es fehlt insbesondere an ge- 
eigneten Lehrkräften. Ganz übel ist es um die Seuchenbekämpfung 
und Gesundheitspflege bestellt. Krankheiten, die unter unserer 
Herrschaft, dank der Tätigkeit einer großen Zahl tropenerfahrener 
deutscher Ärzte, völlig zurückgedrängt waren, wie zum Beispiel in 
Deutsch-Ostafrika die Pocken, breiten sich wieder aus. Die grob- 
zügige, mit einem Stabe dafür besonders ausgebildeter Ärzte und 
mit modernsten Hilfsmitteln arbeitende deutsche Schlafkrank- 
heitsbekämpfung in Ostafrika und Kamerun ist vernichtet. An 
ihre Stelle haben die Mandatare die völlig unzureichende Tätig- 
keit einzelner weniger Ärzte gesetzt. Es liegt ein trauriges Ver- 
sagen der Mandatherrschaft ganz besonders auf dem Gebiet der 
Fürsorge für die Eingeborenen vor. Die in der Vöõlkerbhundratzung 
umschriebene „heilige Aufgabe der Zivilisation“ ist keinenwegn 
erfüllt. : | y 

Die Eingeborenenbevölkerungen sind mit den Zurtunden unter 
der Mandatherrschaft äußerst unzufrieden, wie in Protesten aun 
einigen Kolonien auch der europäischen Öffentlichkeit bekannt. yr- 


170 Schnee, Die Kolonialmandate 


worden ist. Besonders das begabte liebenswürdige Volk der 
Samoaner, das durch eine infolge Nachlässigkeit der Neuses- 
ländischen Regierung eingeschleppte Grippe-Epidemie ein Viertel 
seiner Kopfzahl verloren hat und auch sonst unter der Mißwirt- 
schaft des Mandatars sehr leiden muß, hat in Petitionen an den 
König von England um Befreiung von der Mandatherrschaft der 
Neuseeländer gebeten. Auch aus Kamerun und Togo sind Proteste 
gegen die Übertragung jener Kolonien an Frankreich nach 
Europa gelangt, während aus Deutsch-Ostafrika unzweideutige 
Äußerungen über die Unzufriedenheit mit der englischen Mandat- 
herrschaft und das Verlangen der Eingeborenen nach unserer 
Rückkehr vorliegen. So gewähren die Zustände in unsern 
Kolonien unter der Mandatherrschaft ein äußerst trübes Bild‘). 

Gleichfalls zu einem sehr ungünstigen Urteil kommt man, 
wenn man die Verhältnisse unter weltpolitischem und weltwirt- 
schaftlichem Gesichtspunkt betrachtet. Die Neuordnung der Kolo- 
nialverhältnisse bedeutet für die Welt keineswegs eine Verbesse- 
rung, sondern eine wesentliche Verschlechterung. Es ist von 
Interesse, zu sehen, wie sich diese Ansicht allmählich auch An- 
gehörigen der alliierten Hauptmächte aufzudrängen beginnt. Der 
italienische Professor Gennaro Mondaini hat sich in seinem, 1921 
erschienenem Buch L’assetto coloniale del mondo dopo la guerra 
in bemerkenswerter Weise darüber verbreitet. Er zeigt, wie die 
idealistische Auffassung (richtiger Aufmachung) während des 
Krieges nach dessen Beendigung der egoistischen Realisation der 
Gewinne zum ausschließlichen Nutzen der hauptsächlichen Sieger- 
staaten Platz gemacht hat. Er weist darauf hin, wie das früher 
hauptsächlich in dem Berliner Vertrage und der Brüsseler Akte 
festgelegte Kolonialrecht durch die Verträge von St. Germain- 
en-Laye von 1919 (betr. Revision des Berliner Vertrages von 
1886 und der Brüsseler Akte von 1890, sowie betr. Waffen-, Muni- 
tions- und Alkoholhandel) für die Welt nachteilige Änderungen 
erfahren habe, An die Stelle des internationalen und liberalen 
Geistes der alten Verträge, welche das Kongobecken für jeder- 
mann Öffnen wollten, sei in den neuen Verträgen ein egoistischer 
Geist getreten, der die afrikanischen Gebiete für die siegreichen 
Mächte allein reservieren und alle anderen von dem afrikanischen 
Kontinent ausschließen wolle. Der kolonialwirtschaftliche Neo- 


%) Näheres darüber siehe in meiner kürzlich erschienenen Broschüre 
„Die deutschen Kolonien unter fremder Mandatherrschaft“, Leipzig, 
Quelle & Meyer. 


J 


— — — — — — —— —t —— — — — — — —— 


Schnee, Die Kolonialmandate 171 


Imperialismus werfe die Welt, die soeben den Krieg mit den Waffen 
habe durchmachen müssen. in einen neuen nicht minder tragischen 
Krieg. nämlich den Wirtschaftskrieg. Die kolonialen Siegerstaaten 
suchen sich die monopolistische Ausbeutung der ihnen schon 
früher gehörenden und jetzt neu hinzukommenden Gebiete zu 
sichern. Die Kclonien nehmen nach Mondaini jetzt mehr denn je 
ihre historische Funktion wahr. als furchtbare Instrumente für die 
Beherrschung der Weit auch auf dem wirtschaftlichen und finanzi- 
ellen Gebie:i. 

. Der genannte italienische Kolonialpolitiker bezeichnet es als 
— großen Fehler der Alliierten. der zu üblen Folgen führen 
müsse. das deutsche Volk. das im Laufe der letzten fünfzig Jahre 
die größten Exspansionskräfte gezeigt habe. im Zentrum Europas 
einzukerkern DaB sein Urieil jedoch keineswegs zugunsten 
Deutschlands vereingenommen ist. beweisen seine Ausführungen 
über den _aggresiren deutschen Imperialismus‘ vor dem Kriege, 
vor dessen Begehrliekksit ungefähr keine fremde Kolonie sicher 
gewesen sei eire Ansieit die dem mit der deutschen kolonialen 
Entwicklung vertraxier Leser absurd erscheinen muß, und nur 
durch die Wirkung ziner dewisti-ieindlichen Propaganda einiger- 
maßen erklärieh wird wre se Imsmders von englischer Seite 
während des Arke== erider wurde 

Noch sind es teeni mme zu: dem Lager unserer 
früheren Gegner im Workreg weiche ie doch den ken 
Frieden gesciaffene kom, "eege kriürieren vud © 
früheren Zuschrde Eet: Gen. sm Get Kuazilmauunzs 
als daz bessere berciri Lie weie ut Gear muss DEI EI ie 
päischen Wirmei:z Be Emsan m Lem Ger it m "Set 
begriffen is Gab WE Gen ummu viren are, Li 
sammenhare der Xime Ge Speer pe Di SD 
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Erkenwinis alimäulier mumet Gib Ze Z ve1ga/ä ut La Eier? 
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Reibe der EUELA "oe: ml Z Cl. 


Übersichten 


I 
Völkerrecht und Arbeitsrecht 


Von Walter Simons 


Die zünftigen Völkerrechtslehrer und die Diplomaten alten Stils 
haben bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein die Aufnahme arbeitsrecht- 
licher Gedanken in die internationalen Rechtsbeziehungen der Völker 
als Einbruch fremdartiger Elemente in ein: wohl organisiertes System 
mit Nachdruck zurückgewiesen. Auf beiden Seiten hat man es der 
sozialistischen Propaganda überlassen, dieses fruchtbare und zukunfts- 
reiche Gebiet zu beackern; Kathedersozialisten und Gewerkschaftsver- 
tretern blieb es vorbehalten, den Plan internationaler Rechtsbeziehungen 
zu entwerfen, der dem Schutze und der Versicherung der Industrie- 
arbeiter gegen die schädigenden Folgen ihrer Berufstätigkeit dienen soll. 

Die zunehmende Industrialisierung Europas gab gegen Ende des 
Jahrhunderts den Forderungen der Arbeiterschaft eine solche Wucht, 
daß der große Gründer des Deutschen Reichs ihre Bedeutung für sein 
Werk mit Sorge erkannte, Er packte die neue Aufgabe mit der ihm 
eignen Energie an. Auf der einen Seite schuf er das gewaltige Gebäude 
der deutschen Sozialversicherung und verband dieses so eng mit dem 
Reichsbau selbst, daß er hoffen durfte, das Interesse der deutschen Ar- 
beiterschaft dauernd für den Beichsgedanken zu gewinnen. Auf der 
anderen Seite nahm er den Kampf gegen die internationalen Ideen der 
Arbeiterschaft in der schärfsten Form auf, indem er sie durch Aus- 
nahmegesetze und Polizeimaßnahmen darniederhielt. Während er das 
- erste Ziel erreichte, hat er das zweite verfehlt. Es ist kein Zweifel, 
daß gerade die Sozialgesetzgebung Bismarckischer Prägung die deutsche 
Arbeiterschaft dazu befähigt hat, im November 1918 durch die Gründung 
der Zentral-Arbeitsgemeinschaft mit dem Unternehmertum und durch 
die Übernahme der Reichsleitung in Gemeinschaft mit dem alten Be- 
amtentum den deutschen Staats- und Wirtschaftskörper vor dem völligen 
Zusammenbruch, vor Anarchie und Bolschewismus zu retten und daß 
der gemäßigte und überwiegende Teil der deutschen Arbeiterschaft 
gegenwärtig in allen bedrohten Reichsgebieten, an der Saar und der 
Oder, am Rhein und an der Weichsel einer der festesten Pfeiler der 
Reichseinheit ist. Dagegen hat das Sozialistengesetz und die darauf be- 
gründete Politik gänzlich Schiffbruch gelitten, Der internationale Ge- 
danke ist nach wie vor in der deutschen Arbeiterschaft so lebendig wie 
vielleicht in der keines andern Landes der Welt. 

Bezeichnend für die Bedeutung dieser internationalen Frage ist die 
Tatsache, daß sie den Ausgangspunkt für das tragische Ende der staats- 





Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 173 


männischen Laufbahn Bismarcks gebildet hat. Die natürliche Fort- 
setzung der Gesetzgebung über Arbeiterversicherung im Deutschen Reich 
wäre eine Gesetzgebung über Arbeiterschutz gewesen. Einer solchen hat 
sich aber Bismarck leidenschaftlich widersetzt, weil er zunächst die 
Freiheit. des Arbeitsvertrags nicht antasten lassen wollte und sodann 
befürchtete, daß die deutsche Industrie nicht mehr konkurrenzfähig 
gegenüber dem Ausland bleiben würde, wenn sie mit kostspieligen und 
zeitraubenden Arbeiterschutzbedingungen belastet wäre. Der junge 
Kaiser Wilhelm II., von seinem Erzieher Hinzpeter in kathedersozialisti- 
sche Ideen eingetaucht, ergriff mit Ungestüm den Gedanken des Ar- 
beiterschutzes und geriet darüber alsbald mit seinem Kanzler in Kon- 
flikt. Nachdem Bismarck den ersten Ansturm aus Anlaß des großen 
Bergarbeiterstreiks vom Jahre 1889 abgewiesen hatte, verlegte der 
Kaiser. um das zweite Bedenken des Kanzlers auszuschalten, den Kampf 
auf das internationale Gebiet. Gegen Bismarcks Rat und gegen seinen 
Widerstand, den er zwar dem Kaiser gegenüber aufzugeben schien, aber 
hinter den Kulissen fortführte, berief Wilhelm II. im Jahre 1890 die 
erste diplomatische Konferenz über Fragen des Arbeitsrechts nach Berlin 
zusammen. Wenn auch diese Konferenz keine unmittelbaren prakti- 
schen Ergebnisse zeitigte, so hat sie doch für die Entwicklung des inter- 
nationalen Arbeitsrechts Ziele aufgestellt, nach denen seither die Be- 
strebungen der zivilisierten Nationen sich gerichtet haben. 

Die Schweiz, der als stark industrialisiertem Lande mitten zwischen 
gleichindustriellen Nachbarn an einer Annäherung der Arbeitsgesetz- 
gebung zwischen den Völkern besonders gelegen ist, hatte schon 1889 
und 1890 eine Konferenz einberufen wollen, die aber durch das Da- 
zwischentreten Wilhelms II. verhindert ‘wurde. Nachdem der erste 
Eifer des Kaisers durch die Haltung der deutschen Arbeiterschaft rasch 
abgekühlt worden war, übernahm die Schweiz wieder die Führung. 
Jahrzehntelang hatte aber dje Tätigkeit der Staatsmänner nur unge- 
nügende Erfolge. Gewisse Beschränkungen der Nachtarbeit von Frauen, 
gewisse Schutzmaßregeln bei besonders gefährlichen Arbeitsmethoden 
waren das einzige, worüber sich die interessierten Staaten zu verständi- 
gen vermochten. So kam es zu dem Berner Abkommen vom Jahre 1908 
über die Nachtarbeit und über die Verwendung weißen Phurphurn. 
Größeren Erfolg hatte eine private Vereinigung, die internationale Ge- 
sellschaft für Arbeiterschutz, die im Jahre 197 auf dem internationaler 
Arbeiterschutzkongreß zu Brüssel gegründet wurde. Die (esclsechaft 
errichtete ein Zentralbüro in Basel, das die Bezeichnung Internationalen 
Arbeitsamt trug und die Beziehurzen zwis:her den Arhienyern der hr- 
beitergesetzgebung in anderen Lärdern aZretter-et Dax kr traut 
war ein wirksames Instrument für die Fer ug vor Sri mes und 
wissenschaftlichem Material über ce Ars.tıyemtsyeunsy Eat Janase 
und hat sich große Verdienste um Car Teryu.cnerie SOUC oun, wtf Cap 
praktische Annäherung der erw. went grim mar sesa Ten reg 
gebungen erworben. Es vermese rst Sri mt ta Win era tA 
wegzuretten, wenn es auch Car Zen Z'aioime: boa fyi die meelst 
mußte. 

Im übrigen hat der Wel:zr»7 + tarie cnca Sa mar vk Zeg 
Arbeitsrechts jäh unterbrocker. zs yitsa No coana’ dai t tas Kzu; 
eingetretenen oder von ihm zei: um wer yet MLAs Dat INI W "e 


Zeitschrift für Politik. 12. -z 


174 Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 





nationalisiert, so auch das Rechtssystem der Arbeit. Und dennoch hat 
geräde der Weltkrieg die internationale Entwicklung des Arbeitsrechte, 
die Ausdehnung völkerrechtlicher Methoden auf arbeitsrechtliche Ver- 
hältnisse so mächtig gefördert wie keine weltgeschichtliche Epoche 
voräer. Der Krieg wurde je länger desto mehr ein Krieg der Technik 
der einen Partei gegen die Technik der anderen. Die Arbeiterschaft 
aller beteiligten Völker war entweder in den Schützengräben oder in 
den Munitionsfabriken für das Kriegsziel tätig. Der ungeheuren Leistung 
entsprach eine Steigerung der Anforderungen, die die Arbeiterschaft an 
den Staat stellte, und die Universalität dieser weltgeschichtlichen Er- 
scheinung zwang die Staatsleiter dazu, den sozialen Forderungen eine 
internationale Erfüllung zu sichern. So kam es, daß die Pariser Friedens- 
konferenz vom Winter 1918/1919, auf der die Vertreter streng kapita- 
listischer Regierungen sich zusammenfanden, in den Friedensvertrag Be- 
stimmungen über internationales Arbeitsrecht aufnahmen, die zwar der 
Auffassung auch gemäßigter sozialistischer Parteien Europas nicht ge- 
nügten, aber dennoch weit tiber das hinaus gingen, was man bisher auf 
Konferenzen einheitlich zu behandeln unternommen hatte Mit dem 
Friedensvertrag von Versailles ist das internationale Arbeitsrecht ein 
anerkannter Teil des Völkerrechts geworden, und die Staatsmänner und 
Rechtslehrer der Zukunft werden dieses Recht. nicht mehr Utopisten, 
Spezialisten oder Gewerkschaftssekretären überlassen können. 

Die Bestimmungen des Friedensvertrags über Arbeitsrecht finden 
sich teils in der Völkerbundsakte (Artikel 23a) teils in einem besonderen 
Abschnitt des Vertrages, nämlich dem Teil XIII, der mit dem Wort 
„Arbeit“ überschrieben ist. In seinem ersten Unterabschnitt regelt er 
die Organisation der Arbeit. Die Mitglieder des Völkerbundes sind zu- 
gleich Mitglieder eines ständigen Verbandes, der die Verbesserung der 
Arbeitsbedingungen zu verwirklichen sucht. 

Das Büro dieses Verbandes hat nach mancher Richtung die Auf- 
gaben des bisherigen internationalen Arbeitsamts in Basel übernommen. 
Es hat durch seine offiziellen Veröffentlichungen und durch Vorberei- 
tung der in Washington, Genua und Genf abgehaltenen Hauptversamm- 
lungen schon eine dankenswerte Arbeit getan. Immerhin läßt sich nicht 
leugnen, daß dieses internationale Büro die Gefahr einer allgemeinen 
Bürokratisierung des internationalen Arbeitsrechts mit sich bringt. 
Damit die lebendige Entwicklung nicht erstarrt, ist eine fortdauernde 
internationale Betätigung der nächstbeteiligten Bevölkerungsklassen 
aller Länder erforderlich. Die industrielle Arbeiterschaft braucht man 
an eine solche Betätigung nicht zu erinnern; bei ihr liegt vielmehr die 
Gefahr einer Radikalisierung der Forderungen vor. Um den gesunden 
Ausgleich herbeizuführen, bedarf es einer stärkeren internationalen 
Tätigkeit der Arbeitgeberschaft. Schon hat sich eine internationale 
Liga der Arbeitgeberverbände gebildet; sie wurde auf dem ersten Arbeits- 
kongreß in Washington im Jahre 1919 gegründet. Damals widerstand 
man noch einer Beteiligung der Deutschen, ebenso wie auf deutscher 
Seite Abneigung dagegen bestand, sich in die internationale Organi- 
sation, die von ehemaligen Kriegsgegnern geleitet wurde, einzudrängen- 
Nachdem aber die internationale Arbeitgeberorganisation im Jahre 1921 
gelegentlich der Genfer Hauptversammlung die Deutschen ausdrücklich 
zum Eintritt aufgefordert hat, ist dies Bedenken fallen gelassen worden, 


Simons, Völkerrecht und: Arbeitsrecht 175 


und die Tagung der deutschen Arbeitgeberverbände in Köln vom März 
1022 hat dem Beitritt zur internationalen Arbeitgeberorganisation zu- 
gestimmt (vgl. den offiziellen Bericht über die Tagung der Arbeitgeber- 
verbände in Köln. Verlag „Offene Worte“, Charlottenburg 1922. S. 70 
bis 75). 

Ein gesunder Ausgleich der internationalen Produktion mit dem 
internationalen Arbeiterschutzinteresse ist um so wichtiger, als die 
arbeiterrechtliche Organisation des Völkerbundes bisher ihr Programm 
nur in sehr allgemeinen Zügen niedergelegt hat. Während nämlich die 
Gewerkschaftskongresse von Leeds (1916) und Bern (1917 und 1919) von 
dem materiellen internationalen Arbeitsrecht ausgegangen waren und 
für die Organisation nur Skizzen gegeben hatten, verfuhr der Ausschuß, 
den die Pariser Friedenskonferenz Anfang 1919 zur Prüfung der inter- 
nationalen Arbeitsrechtsprobleme einsetzte, gerade umgekehrt. ging 
von der Organisation aus, die er bis ins einzelne bestimmte, und be&nügte 
sich wegen des materiellen Arbeitsrechts mit Kapitelüberschriften. Da- 
durch unterschied sich der Entwurf des Pariser Arbeitsausschusses auch 
grundsätzlich von den Vorschlägen der deutschen Regierung. Diese hatte 
bereits am 1. Februar 1919 in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung 
den in ihrem Auftrag ausgearbeiteten Entwurf eines internationalen 
Arbeitsrechts veröffentlicht, Sie wiederholte die darin enthaltenen Vor- 
schläge in Versailles, indem sie den Entwurf in kaum abgeänderter Form 
ihrer Note vom 9. Mai über den Völkerbund beigab und in einer be- 
sonderen Note vom 10. Mai die Frage des internationalen Arbeitsrechts 
auf Grund des Entwurfes behandelte (vgl. Kraus-Rödiger, Urkunden 
zum Friedensvertrag, Bd. I S. 209, 217, 223). Der zweiten Note fügte 
die deutsche Friedensdelegation Abschriften der Beschlüsse der inter- 
nationalen Gewerkschaftskonferenzen in Leeds vom 5. Juli 1916 und in 
Bern vom A Oktober 1917 und 8. Februar 1919 bei (aaO. S. 224—238). 
Der deutsche Entwurf behandelte in Art. 1 die Freizügigkeit, das Koa- 
litionsrecht und die Arbeitebedingungen, in Art.2 die Arbeitsvermittlung, 
in Art. 3 die Sozialversicherung, in Art. 4 den Arbeiterschutz, in Art. 5 
die Heimarbeit, in Art. 6 die Arbeitsaufsicht, in Art. 7 die internationale 
Durchführung des Arbeiterrechts, insbesondere auch das internationale 
Seemannsrecht, und schlug im letzten Absatz des Art. 7 eine ständige 
Kommission in Bern vor, die die Durchführung der Konferenzbeschlüsse 
überwachen und über sozialpolitische Fragen Auskunft erteilen sollte. 
Im übrigen wurde der Fortbestand des internationalen Arbeitsamts in 
Basel vorausgesetzt und in einem Schlußartikel der Vertrag über Arbeits- 
recht in dem Sinne für offen erklärt, daß alle Staaten, auch diejenigen, 
die dem Völkerbund nicht angehören, ihm durch eine Erklärung gegen- 
über dem schweizerischen Bundesrat beitreten können. 

Daß die Pariser Kommission den umgekehrten Weg gegangen ist, 
wird im wesentlichen auf die Meinungsverschiedenheiten zurückzuführen 
sein, die sich in ihrem Schoße über das materielle Arbeitsrecht ent- 
wickelten. Hierüber gibt der Aufsatz über „The Peace Treaty and the 
Labor Legislation Program“ Auskunft, der im Septemberheft der Zeit- 
schrift The American Labor Legislation Review (Bd. IX Nr. 3) kurz vor 
dem Zusammentritt der ersten internationalen Arbeitsrechtskonferenz in 
Washington erschien. In diesem Aufsatz findet sich auch der Inhalt des 
Berichte, den der Vorsitzende der Pariser Kommission, der amerikanische 


12* 


176 Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 


Arbeiterführer Samuel Gompers, im Sommer 1910 bei der Zusammen- 
kunft der Vertreter der amerikanischen Arbeiterschaft in Atlantic City 
gehalten hat. 

Die Unsicherheit der Pariser Friedenskonferenz gegenüber den mate- 
riellrechtlichen Arbeitsfragen spiegelt sich in der seltsamen Methodik 
wieder, mit der man diese in den Friedensvertrag aufgenommen hat. 
Die materiellrechtlichen Grundsätze finden sich dort an nicht weniger 
als vier verschiedenen Stellen aufgeführt, und zwar jedesmal in einer 
anderen Form. Die Grundlage für das ganze Vorgehen bildet der Art, 3a 
der Völkerbundsakte. Hier übernehmen die Bundesmitglieder folgende 
Verpflichtung: s 

„Sie werden sich bemühen, angemessene und menschliche 
Arbeitsbedingungen für Männer, Frauen und Kinder zu schaffen 
und aufrechtzuerhalten, sowohl in ihrem eignen Gebiete wie in 

| @llen Ländern, auf die sich ihre Handels- und Gewerbebeziehungen 
erstrecken, und zu diesem Zwecke die erforderlichen internationalen 
) Stellen zu errichten und zu unterhalten.“ 

Die Durchführung dieser Grundgedanken war die eigentliche Auf- 
gabe des Pariser Arbeitsausschusses. Er hat aber keine der hiermit zu- 
sammenhängenden Fragen positiv gelöst, sondern zunächst nur einen 
Ausschnitt des Fragenkomplexes für die erste Tagung „der Haupt- 
versammlung für Arbeitsfragen“, also des wichtigsten Organs der inter- 
nationalen Arbeitsorganisation, die im Herbst 1919 in Washington statt- 
finden sollte, in Aussicht genommen. Die Tagesordnung, die er hierfür 
festsetzte, bezieht sich auf folgende fünf Punkte: 

1. Durchführung des Grundsatzes des Achtstundentages oder der 

48-Stunden-W oche. 

2 Fragen hinsichtlich der Mittel zur Verhütung der Arbeitslosigkeit 
und zur Beseitigung ihrer Folgen. 

3. Beschäftigung der Frauen: 

a) vor und nach der Niederkunft (mit Einschluß der- Frage der 

Mutterschaftsunterstützung), 

b) Nachtarbeit, 
c) gesundheitsschädliche Arbeiten. 
4. Beschäftigung der Kinder: 
-a) Altersgrenze der Zulassung zur Arbeit, 
b) Nachtarbeit, 
c) gesundheitsschädliche Arbeiten. 

5. Ausdehnung und Durchführung der 1906 in Bern angenommenen 
internationalen Abkommen über das Verbot der Verwendung von 
weißem (gelbem) Phosphor zur Anfertigung von Zündhölzern. 

Der Pariser Arbeitsausschuß hat aber doch empfunden, daß die bloße 
Einrichtung einer Organisation unter Beifügung eines Programms für 
deren ersten Zusammentritt den Erwartungen, die man an seine Tätigkeit 
geknüpft hatte, nicht entsprach. Er hat daher als zweiten Abschnitt des 
von ihm bearbeiteten Teils der Friedensbestimmungen allgemeine Grund. 
sätze aufgenommen und diese durch eine besondere Präambel eingeführt 
und mit einem besonderen Schlußwort versehen. Die Präambel enthält wie 
das Schlußwort eine Art von Entschuldigung dafür, daß der Ausschuß nicht 
zu positiven Ergebnissen gelangt ist. Es wird zugegeben, „daß die Verschie- 
denheiten des Klimas, der Sitten und Gebräuche, der wirtschaftlichen Zweck- 
mäßigkeit und der industriellen Überlieferung die sofortige Herbeiführung 
der vollständigen Einheitlichkeit in den Arbeitsverhältnissen erschweren“. 


Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 177 





Es wird ausdrücklich erklärt, „daß die hier aufgestellten Grundsätze 
und Verfahrensarten nicht vollständig oder endgültig sind, daß sie jedoch 
geeignet erscheinen, der Politik des Völkerbundes als Richtschnur zu 
dienen, und im Falle ihrer Annahme durch die dem Völkerbund als 
Mitglieder angehörenden industriellen Gemeinschaften und im Falle 
ihrer gesicherten praktischen Durchführung durch eine entsprechende 
Aufsichtsbehörde dauernde Wohltaten unter den Lohnarbeitern der Welt 
verbreiten werden“. Unter diesen Vorbehalten stellte die Kommission 
folgende neun Grundsätze auf, die fast unverändert in den Friedens- 
vertrag Eingang gefunden haben: 


1. den Grundsatz, daß die Arbeit nicht lediglich als Ware oder 
Handelsgegenstand angesehen werden darf; 

2. das Recht des Zusammenschlusses zu allen nicht dem Gesetz zu- 
widerlaufenden Zwecken sowohl für Arbeitnehmer als auch für 
Arbeitgeber; 

3. die Bezahlung der Arbeiter mit einem Lohn, der ihnen eine nach 
der Auffassung ihrer Zeit und ihres Landes angemessene Lebens- 
führung ermöglicht; 

4. die Annahme des Achtstundentages oder der 48-Stunden-Woche als 
zu erstrebendes Ziel überall da, wo es noch nicht erreicht ist; 

5. die Annahme einer wöchentlichen Arbeitsruhe von mindestens 
24 Stunden, die nach Möglichkeit jedesmal den Sonntag ein- 
schließen soll; 

6. die Beseitigung der Kinderarbeit und die Verpflichtung, die Arbeit 
Jugendlicher beiderlei Geschlechts so einzuschränken, wie es not- 
wendig ist, um ihnen die Fortsetzung ihrer Ausbildung zu ermög- 
lichen und ihre körperliche Entwicklung sicherzustellen; 

7. den Grundsatz gleichen Lohnes ohne Unterschied des Geschlechts 
für eine Arbeit von gleichem Werte; 

8. die Verpflichtung jedes Landes, durch seine Gesetzgebung über die 
Arbeitsverhältnisse allen Arbeitern, die sich erlaubterweise im 
a. aufhalten, eine gerechte wirtschaftliche Behandlung zu 
sichern; 

9. die Verpflichtung jedes Staats, einen Aufsichtsdienst einzurichten, 
an dem auch Frauen teilnehmen, um die Durchführung der Gesetze 
und Vorschriften für den Arbeiterschutz sicherzustellen. 

Der Pariser Friedenskonferenz war aber auch diese Darstellung ihrer 
Ziele noch nicht weitgehend genug. Sie hat daher dem XIII. Teil noch 
eine weitere Präambel beigefügt, so daß jetzt ein und dasselbe inter- 
nationale Vertragswerk, der Friede von Versailles, drei verschiedene Prä. 
ambeln hat: die Eingangsworte zum ganzen Vertrag, die Eingangsworte 
zum XIII. Teil und die Eingangsworte zum 2. Abschnitt des XIII. Teils, 
Die Präambel zum XIII. Teil führt nun als Ziel der Friedenskonferenz 
folgende elf Punkte auf: e 


1. Regelung der Arbeitszeit; 

2, un einer Höchstdauer des Arbeitstags und der Arbeits- 
woc 

3. Regelung des Arbeitsmarktes; 

f Verhütung der Arbeitslosigkeit; 
5. Gewährleistung von Löhnen, die angemessene Lebensbedingungen 
ermöglichen; 

6 Schutz der Arbeiter gegen allgemeine und Berufskrankheiten 
sowie gegen Arbeitsunfälle; 

7. Schutz der Kinder, Jugendlichen und Frauen; 


178 Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 


8. Alters- und Invalidenunterstützung; 

9. Schutz der Interessen der im Ausland beschäftigten Arbeiter; 

10. Anerkennung des Grundsatzes der Freiheit gewerkschaftlichen Zu- 
sammenschlusses; 

11. Gestaltung des beruflichen und technischen Unterrichts. 

Auch hier bleibt es wieder bei den allgemeinen Kapitelüberschriften 
an Stelle der von den Gewerkschaftskongressen und von der deutschen 
Regierung erforderten positiven Normen, 

Nach dem Wortlaut der Programme könnte es scheinen, als ob die 
Friedenskonferenz die internationale Arbeitsorganisation lediglich zum 
Besten der industriellen Arbeiter eingerichtet hätte, weil immer nur 
von industrieller Tradition, industriellen Gemeinschaften und dergleichen 
gesprochen wird. Aus den Beratungen des Pariser Arbeitsausschusses 
geht aber hervor, daß man auch an andere Lohnarbeiter gedacht hat. 
Dies gilt in erster Linie für die Seeleute. Denn der Ausschuß hat an- 
erkannt, daß das internationale Arbeitsrecht und der internationale 
Arbeitsschutz der Seeleute eine besonders dringliche Angelegenheit sei; 
er hat ihnen deshalb eine besondere Konferenz der neugeschaffenen 
Organisation gewidmet. Die Konferenz hat im Jahre 1920 in Genua statt- 
gefunden und zu einer Reihe von Entschließungen geführt, deren nähere 
Darstellung den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten würde. 

Aber auch die Landarbeiter sind in die Zwecke der Organisation 
hereingezogen worden. Auf der Versailler Friedenskonferenz hatte die 
deutsche Delegation das Fehlen von Bestimmungen für die Landarbeiter 
hervorgehoben. Der Präsident der Konferenz, Herr Clémenceau, er- 
widerte darauf, daß die Landarbeiter, die in vielen Staaten einen sehr 
großen Teil der Arbeiterschaft umfassen, im allgemeinen nicht in Ge- 
werkschaften zusammengefaßt sind, daß ihre Interessen daher in der 
Hauptversammlung der internationalen Arbeitsorganisation durch die 
Regierungsvertreter wahrgenommen werden müßten. Diese Auffassung 
Clemenceaus ist durch die neuesten Verhandlungen des Verwaltungs- 
rats der Organisation bestätigt worden. Man geht in der Tat daran, 
die bisherige internationale Interessenvertretung der Landwirtschaft, 
nämlich das Internationale Landwirtschaftsinstitut zu Rom, das im 
Jahre 1905 durch die auf Anregung des Königs von Italien zusammen- 
getretene internationale Staatenkonferenz ins Leben gerufen worden ist, 
mit der Arbeitsorganisation des Völkerbundes zu vereinigen. Immerhin 
sind in Völkerbundskreisen Zweifel über die Anwendung der Bestim- 
mungen des XIII. Teils auf Landarbeiter wach geblieben. Um sie zu 
beseitigen, hat der Völkerbundsrat in seiner Tagung vom Mai 1922 be- 
schlossen, den neu eingerichteten Ständigen Internationalen Gerichtshof 
im Haag um die Abgabe eines Gutachtens über die Streitfrage zu er- 
suchen (vgl. Journal Officiel de la Société des Nations, Bd. III Nr. 6, 
2. Teil: Procès-verbal de la XVIIIme Session du Conseil, S. 527). 

Im vorstehenden ist bereits auf die Organisationsformen des in 
Versailles geschaffenen sozialen Verbandes hingewiesen worden. Seine 
Organe bestehen nämlich aus der Hauptversammlung, in der jeder teil- 
nehmende Staat durch zwei Regierungsvertreter und je einen Vertreter 
der Arbeitgeberschaft und Arbeitnehmerschaft Stimmrecht hat, aus dem 
Internationalen Büro in Genf, das die statistischen und wissenschaft- 
lichen Arbeiten ausführt, die Konferenzen vorbereitet und die Verbindung 
ınit dein Völkerbund einerseits, mit den einzelnen Regierungen andererseits 








Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 179 





aufrecht erhält, und aus dem Verwaltungsrat, einer Körperschaft von 24Mit- 
gliedern. von denen 12 dutch ein kompliziertesSystem als Regierungsvertreter 
gewählt werden, während je 6 von den Arbeitgebern und den Arbeit- 
nehmern der Hauptversammlung zu delegieren sind. Unter den Regie- 
rungsvertretern müssen 8 den Hauptindustriestaaten der Erde angehören. 
Der Verwaltungsrat tritt nach Bedarf zusammen, stellt die leitenden 
Grundsätze für die Geschäftsführung auf, überwacht die Tätigkeit des 
Büros und bestimmt die Tagesordnung der Hauptversammlung. In allen 
drei Organen ist Deutschland vertreten; denn obwohl Deutschland dem 
Völkerbund nicht angehört, war es doch zur ersten Konferenz in Wa- 
shington eingeladen worden. Wenn auch diese Einladung infolge der 
Unschlüssigkeit der damaligen deutschen Regierung nicht zu einer 
tätigen Beteiligung geführt hat, so trug doch die Konferenz von Wa- 
shington der Bedeutung Deutschlands für die Arbeiterfragen der Welt 
dadurch Rechnung, daß sie Deutschland einen Sitz unter den Regierungs- 
vertretern und einen Sitz unter den Arbeitnehmervertretern einräumte, 
Im Internationalen Arbeitsamt sind verschiedene Deutsche angestellt, 
darunter hervorragende Vertreter der deutschen Gewerkschaftsbewegung 
in ihren verschiedenen politischen Abarten. Zu bedauern ist, daß die 
Interessen der deutschen Arbeitgeber weder im Verwaltungsrat noch im 

Büro hinreichend wahrgenommen werden. i 

Zum Schluß muß noch ein Überblick über das Verfahren der Organi- 
sation gegeben werden. Es gipfelt in den Verhandlungen und Beschlüssen 
der Hauptversammlung. Die Hauptversammlungen sollen in der Regel 
am Sitz des Völkerbundes stattfinden, können aber durch einen Mehr- 
heitsbeschluß von zwei Dritteln der erschienenen Mitglieder auch an 
einen anderen Ort verlegt werden. Es ist schon erwähnt worden, daß 
die erste Konferenz auf Grund des Friedensvertrages selbst in Washington 
stattfand. die zweite auf Grund einesBeschlusses von’ Washington in Genua; 
diedritte Konferenzhatdann in Genfigetagt. Die Entschließungen der Haupt- 
versammlungen haben eine doppelte Form: sie sind entweder Entwürfe 
zu internationalen Abkommen über bestimmte soziale Probleme oder Vor- 
schläge, die lediglich als Anregungen für die einzelnen Regierungen 
dienen sollen. Der Unterschied ist insofern wichtig, als angenommen 
wird, daß alle Regierungen die Entwürfe ihren Parlamenten zur Ge- 
nehmigung vorlegen und nach deren Zustimmung ratifizieren werden, 
während Vorschlägen gegenüber jede Regierung völlig freie Hand hat. 
Bisher sind freilich auch die von den Hauptversammlungen beschlossenen 
Entwürfe noch von keinem der wichtigeren Staaten der Welt ratifiziert 
worden, weil jeder wartet, daß der andere mit der Bindung seiner inneren 
Gesetzgebung beginne, damit nicht die eigene nationale Industrie zum 
Vorteil der Konkurrenzindustrie anderer Länder belastet würde. Gerade 
um diese verhängnisvolle Folge der internationalen Konkurrenz auszu- 
schließen, hatte in Versailles die deutsche Regierung vorgeschlagen, daß 
Entwürfe, die von der Hauptversammlung mit einer Mehrheit von 4/5 der 
abgegebenen Stimmen angenommen wären, alle an dem sozialen Ver- 
band beteiligten Staaten unmittelbar verpflichten sollten. 

Wie aus dem Bericht der Pariser Kommission ersichtlich ist (vgl. 
die Vorveröffentlichung aus dem Schückingschen Kommentar zum 
Friedensvertrag von Eckardt und Kuttig: „Das internationale Ar- 
beitsrecht im Friedensvertrag“, Berlin 1920, Seite 108 f.), war gerade die 


180 | Simons, Völkerrecht und Arbeitsrecht 





Frage der Verbindlichkeit der Beschlüsse einer Hauptversammlung 
Gegenstand lebhaftester Meinungskämpfe innerhalb der Kommission. 
Der ursprüngliche Entwurf hatte, dem deutschen Vorschlag näher 
kommend, vorgesehen, daß jeder Entwurf zu einem Übereinkommen, den 
die Hauptversammlung mit Zweidrittelmehrheit angenommen hat, von 
jedem Mitgliedstaat ratifiziert werden müßte, wenn er nicht binnen 
Jahresfrist von dem gesetzgebenden Faktor des Staats abgelehnt worden 
sei. Die Regierungen wären dann gezwungen gewesen, auch solche Ent- 
würfe ihren Parlamenten vorzulegen, gegen die sie gestimmt hatten. 
Frankreich und Italien wären damals bereit gewesen, noch weiter zu 
gehen und unmittelbare Ratifikationspflicht der Staaten, jedoch in Ver- 
bindung mit einem Berufungsrecht an den Völkerbundsrat, zu verein- 
baren. Die Mehrheit der im Ausschusse vertretenen Staaten erblickte 
in einer zu starken Bindung eine Gefahr für den Bestand des ganzen 
sozialen Weltverbandes, ja des Völkerbundes selbst, und entschied sich 
dafür, die Ratifikation der Entwürfe von der Billigung durch die Parla- 
mente abhängig zu machen. Die Vertreter der Vereinigten Staaten er- 
klärten sich überhaupt für unzuständig, über das Arbeitsrecht, das zur 
Kompetenz der 48 Einzelstaaten gehöre, verbindliche Vertragsbestimmun- 
gen einzugehen. Sie lehnten es sogar ab, eine Gewähr dafür zu über- 
nehmen, daß selbst in dem Falle der Annahme der Entwürfe durch die 
einzelstaatlichen Gesetzgebungen diese Gesetze nicht durch das höchste 
Gericht für verfassungswidrig erklärt wurden. So mußte man denn die 
Folgerung ziehen, daß solche Staaten, deren Verfassung die parlamen- 
tarische Behandlung der Entwürfe nicht zulasse, auch den Entwürfen 
mit gleicher Freiheit gegenüberständen, wie die übrigen Staaten den 
Vorschlägen gegenüberstehen. Diese Bestimmung zerreißt die letzten 
Bande, die durch die Beschlüsse der Hauptversammlungen um die Mit- 
glieder der sozialen Gemeinschaft geschlungen werden. Daneben ist es 
von untergeordneter Bedeutung, wenn im XIII. Teil wiederholt hervor- 
gehoben wird, daß gewisse Programmpunkte der Friedenskonferenz auf 
sozial zurückgebliebene oder klimatisch besonders benachteiligte Länder 
keine Anwendung finden; denn wenn ohnehin kein Staat durch die 
Organe des Verbandes unmittelbar zur Änderung seiner Gesetzgebung 
angehalten werden kann, so steht es jedem Staat frei, eine Ausnahme- 
stellung für sich zu beanspruchen. Jedenfalls wird es noch geraumer 
Zeit bedürfen, bevor die erhabenen Gedanken, die in den XIII. Teil des 
Friedensvertrags hineingearbeitet worden sind, in die Wirklichkeit über- 
geführt werden. 

Aber als Gegenstand völkerrechtlicher Arbeit auf praktischem wie 
auf theoretischem Gebiete wird das Arbeitsrecht nicht wieder von der 
Tagesordnung internationaler Konferenzen verschwinden, und so spielt 
es auch eine Rolle in dem Programm der diesjährigen Hauptversammlung 
der International Law Association, die Ende August in Buenos Aires 
stattfinden soll. 


H 
Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


Von Wilhelm Kulemann 


Die immer enger werdenden Beziehungen der Völker untereinander 
sowohl auf wirtschaftlichem wie auf geistigem Gebiete finden auch darin 
ihren Ausdruck, daß man nicht allein bestrebt ist, gewisse Angelegen- 
heiten, zu denen insbesondere das Handels- und Wechselrecht, sowie das 
Urheberrecht einschließlich Erfindungs- und Patentrecht gehören, auf 
internationalem Wege zu regeln, sondern daß auch die Gesetzgebung der 
einzelnen Länder nicht umhin kann, weitgehend auf die der übrigen 
Rücksicht zu nehmen und sie als Vorbild zu benutzen. Zu diesem Zwecke 
bedarf man der Kenntnis der ausländischen Bestimmungen. In be- 
sonders hohem Grade gilt das von dem Arbeitsrecht, d. h, den gesetzlichen 
Vorschriften, die sich auf die wirtschaftliche und soziale Stellung der 
Arbeitnehmer (Arbeiter, Angestellte und Beamte) und ihr Verhältnis 
zu den Arbeitgebern beziehen. Wertvolles Material bietet das seit 1894 
von der Internationalen Gesellschaft für vergleichende Bechtswissen- 
schaft herausgegebene Jahrbuch. Ich persönlich habe mich bemüht, 
hierzu einen Beitrag zu liefern, indem ich in Band 4—6 meines Werkes 
über die Berufsvereine der geschichtlichen Darstellung der sozialen Ent- 
wicklung jedes Landes einen Überblick über die einschlägige Gesetzgebung 
vorangeschickt habe. Die beste amtliche Quelle bildet das von dem 
belgischen office du travail herausgegebene, seit 1896 erscheinende 
Annuaire de la législation du travail, über das ich in früheren Jahr- 
gängen der Zeitschrift für Politik regelmäßig berichtet habe. 

Auch in Deutschland sah man ein, daß es notwendig sei, denjenigen, 
die sich mit Fragen der Arbeitsgesetzgebung beschäftigen wollen, das 
dazu erforderliche Material in leicht erreichbarer Form zugänglich zu 
machen; man glaubte jedoch, schrittweise vorgehen zu sollen und hielt 
es für zweckmäßig, zunächst das Gebiet in Angriff zu nehmen, das für 
eine gesetzgeberische Arbeit in erster Linie in Betracht kommt. Dieses 
bilden die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- 
nehmern. In der Sitzung des Reichstages vom 10. Dezember 1913, in 
der man die Angelegenheit eingehend erörterte, versprach der Reichs- 
kanzler die Vorlegung einer Denkschrift über die Erfahrungen, die man 
hinsichtlich der Arbeitsstreitigkeiten in Deutschland und im Auslande 
gemacht habe: insbesondere sollten die Verhältnisse der gewerblichen 
Berufsvereine, das Schieds- und Einigungswesen sowie die Ordnung der 
Tarifverträge zur Darstellung gelangen. Mit der Erfüllung dieser Zu- 
sage wurde sofort begonnen, indem das kaiserlich-statistische Amt, Ab- 
teilung für Arbeitsstatistik, mit der Sammlung des einschlägigen Mate- 
rials beauftragt wurde. Der Ausbruch des Krieges und der dadurch 


182 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


verursachte Mangel an Arbeitskräften war der Grund, weshalb man die 
Arbeit zunächst auf das Ausland beschränkte; für dieses wurde sie jedoch 
schon 1918 zu Ende geführt. Das Ergebnis ist als 18. Sonderheft zum 
Reichsarbeitsblatt veröffentlicht. In ihm wird eine außerordentlich 
wertvolle Zusammenstellung der ausländischen Gesetzgebung auf diesem 
Gebiete geboten, durch die sich die Verfasser Anspruch auf den wärm- 
sten Dank aller Sozialpolitiker erworben haben. Um den Umfang nicht 
über Gebühr auszudehnen, hat man allerdings nicht alle Staaten be- 
handelt, sondern sich auf die wichtigsten Industrieländern, nämlich 
Österreich, die Schweiz, Frankreich, Italien, Belgien, die Nieder- 
lande, Dänemark, Schweden, Norwegen, das britische Reich (GroB- 
britannien, Canada, Südafrika, Transvaal, Australien) und die Ver- 
einigten Staaten von Amerika beschränkt. Auch hinsichtlich dieser 
Staaten sind nicht sämtliche Gesetze aufgenommen, sondern nur solche, 
die einen typischen Charakter tragen. Aus diesen Gründen sind die 
Bestimmungen über die öffentlich-rechtlichen Arbeitervertretungen so- 
wie die strafrechtlichen Vorschriften über Arbeitskämpfe nur insoweit 
berücksichtigt, wie sie mit der Gesetzgebung über die genannten Gebiete 
im Zusammenhange stehen. Auf der anderen Seite sind jedoch neben 
den Gesetzen auch die zu deren Durchführung erlassenen Verordnungen 
sowie die wichtigeren noch nicht zur Erledigung gelangten Gesetzentwürfe 
aufgenommen. Überall ist neben dem Text in der Ursprache auch die 
deutsche Übersetzung gegeben. In erläuternden Bemerkungen sind Hin- 
weise beigefügt, die sich auf die Entwicklung der Gesetzgebung be- 
ziehen, sowie kritische Urteile über deren Systematik und die bisher 
. gemachten Erfahrungen. l 

Der Wert der Arbeit für Deutschland ist um so größer, als wir 
gerade jetzt vor der Aufgabe stehen, unsere eigene einschlägige Gesetz- 
gebung weitgehend umzugestalten, wobei die Kenntnis der gleichartigen 
Bestrebungen in anderen Kulturländern unentbehrlich ist. Selbstverständ- 
lich wäre es verfehlt, deren Vorgehen kritiklos zum Vorbilde zu nehmen, 
denn die nationale Eigenart und die geschichtliche Entwicklung be- 
gründete tiefgreifende Verschiedenheiten, die man nicht außer Augen 
setzen darf. Aber immerhin bieten doch die Verhältnisse der Kultur- 
länder so viel Gemeinsames, daß die anderwärts unternommenen Versuche 
und die dabei gemachten Erfahrungen für unser eigenes Vorgehen die 
allergrößte Bedeutung haben; sie sind wichtiger als alle theoretischen 
Erörterungen. 

Im folgenden soll versucht werden, aus dem reichen durch die 
Arbeit gebotenen Material einen kurzen Auszug zu geben. Da das Heft, 
wie bemerkt, schon 1918 veröffentlicht ist und deshalb die neueste Ent- 
wicklung nicht enthält, so habe ich die gelassene Lück& ausgefüllt, indem 
ich die wichtigeren seitdem erlassenen Gesetze beigefügt habe. Zum 
Schlusse sollen dann einige Bemerkungen der Denkschrift wieder- 
gegeben werden, in denen sie zu der Gesetzgebung einzelner Länder 
kritisch Stellung nimmt. 


I. Österreich 


Das ehemalige Kaiserreich Österreich hat auf unserem Gebiete nur 
geringe Arbeit geleistet. Versuche zur Regelung des Einigungs- 
wesens sind bloße Entwürfe geblieben, und nur für den Bergbau ist 


Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 183 





durch das Gesetz vom 29. August 1896 die Möglichkeit geschaffen, Ein- 
richtungen zu friedlicher Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten zu treffen. 
Vorschriften über Tarifverträge sind lediglich in der Gewerbeord- 
nung gegeben; sie beschränken sich deshalb auf die den deutschen 
Innungen entsprechenden gewerblichen Genossenschaften. Ein Gesetz- 
ertwurf von 1918, der für die Privatangestellten Tarifvertragsausschüsse 
schaffen wollte, ist nicht zur Erledigung gelangt. Die Berufsvereine 
entbehren bisher der gesetzlichen Regelung. Nach Ausbruch der Revo- 
lution forderten die Arbeiter die Einsetzung von Betriebsräten. In 
aer Tat gelang es 1921 zunächst für Deutsch-Österreich und dann auch 
für die Tschecho-Slowakei ein Gesetz zur Verabschiedung zu bringen, 
dua weitgehend dem deutschen nachgebildet ist. 


II. Schweiz 


In mehreren Kantonen, insbesondere Basel-Stadt, Bern, Graubünden, 
St. Gallen, Zürich und Genf, sind Gesetze über Tarifverträge und das 
Einigungswesen erlassen. Für die Eidgenossenschaft als solche 
kommen in Betracht einerseits das schweizerische Obligationenrecht vom 
%. März 1914, das Bestimmungen über Tarifverträge („Gesamtarbeits- 
verträge“) enthält, andererseits das Fabrikgesetz vom 18. März 1914, in 
dem die Einrichtung von Einigungsstellen für Kollektivstreitigkeiten vor- 
gesehen ist. 

III. Frankreich 


Die französische Gesetzgebung hat sich lange gegen das gesamte 
Urganisationswesen durchaus ablehnend verhalten. Das gilt insbesondere 
für die Periode, für die man es am wenigsten erwarten sollte, nämlich 
die Zeit der großen Revolution. Die sog. loi Chapellier vom 14./27. Juni 
1791 verbot die Bildung von Vereinigungen von Bürgern desselben 
Standes und Berufes. Daneben waren durch Art. 416—418 dea Code pénal 
alle Verbindungen von Arbeitern und Arbeitgebern unter Strafe gestellt, 
die den Zweck verfolgten, durch Streiks oder Aussperrungen, Boykott, ` 
Verrufserklärung oder Sperre die Höhe des Arbeitslohns zu beeinflußen. 
Noch weiter ging das Gesetz vom 10. April 1834, das für alle Vereine 
vən mehr als 20 Personen deren Bildung von polizeilicher Erlaubnis ab- 
hängig machte. Das Gesetz vom 25. Mai 1864 brachte für die Berufs- 
rereine insofern eine Erleichterung, als die Strafbestimmungen auf die 
Anwendung von Gewalt, Drohungen oder betrügerische Handlungen 
awie solche gemeinsame Arbeitseinstellungen beschränkt wurden, welche 
den Zweck hatten, die freie Ausübung des Gewerbes zu beeinträchtigen. 
Einen wesentlichen Fortschritt bedeutete das Syndikatsgesetz vom 
21. März 1884. In ihm wurden nicht allein erleichternde Bestimmungen 
über die Gründung von Berufsvereinen der Arbeiter und der Arbeitgeber 
sowie die sog. gemischten Syndikate getroffen, sondern auch die er- 
wähnten besonderen Strafvorschriften aufgehoben, so daß jetzt nur das 
allgemeine Strafrecht in Betracht kommt. Unter Berufsvereinen versteht 
das Gesetz Vereinigungen von Personen desselben Gewerbes oder ver- 
wandter Zweige, deren Zweck ausschließlich auf die Wahrung ihrer 
wirtschaftlichen, gewerblichen, merkantilen oder landwirtschaftlichen 
Interessen gerichtet ist. Solche Vereine können durch Eintragung in ein 
van der Behörde geführtes Register Rechtsfähigkeit erlangen, doch 





184 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


dürfen sie Grundstücke nur insoweit erwerben, wie ea zur Erreichung 
ihrer Vereinszwecke erforderlich ist. Sie können Unterstützungs- und 
Pensionskassen sowie Arbeitsnachweise einrichten. Durch das Gestz 
vom 30. November 1892 wurden diese Vorschriften auf gewisse freie 
Berufe, insbesondere die Ärzte, ausgedehnt. Erst durch das allgemeine 
Vereinsgesetz vom 1. Juli 1901 wurde vclle Vereinsfreiheit gewährt. 
Seitdem hat sich die Kammer wiederholt mit Vorschlägen beschäftigt, 
die das Syndikatsgesetz verbessern und seinen Bereich erweitern wollten. 
Diese Versuche haben ein Ergebnis bisher nicht geliefert. 

Ebenso ist es noch nicht gelungen, das Recht der Tarifverträge 
gesetzlich zu ordnen. Ein von der Kammer am 29. Juli 1913 beschlossenes 
Gesetz ist von dem Senat noch nicht genehmigt. 

Auf dem Gebiete des Schieds- und Einigungswesens ist aller- 
dings am 27. September 1892 ein Gesetz zustande gekommen, aber die 
Kammer hat den gesamten von der Regierung vorgeschlagenen Abschnitt 
über ständige Organe dieser Art gestrichen, so daß ausschließlich Verein- 
barungen von Fall zu Fall vorgesehen sind. Die Wirkungen des Gesetzes 
sind deshalb sehr beschränkt geblieben. Dagegen gewährt das Gesetz 
vom 17. Juli 1908 den durch dieses geschaffenen Arbeitsräten die 
Befugmis; bei der Beilegung gewerblicher Streitigkeiten mitzuwirken. 

Auch der Gedanke der Zwangsschiedsgerichte hat in neuester 
Zeit Anhänger gefunden. Zunächst wurde durch das Dekret vom 
17. Januar 1917 für die in der Rüstungsindustrie tätigen Arbeiter all- 
gemein vorgeschrieben, daß sie bei Streitigkeiten mit ihren Arbeitgebern 
unter keiner Bedingung die Arbeit einstellen dürften, sondern die Ent- 
scheidung eines Schiedsgerichts anrufen müßten. Ein vom 9. März 1920 
von dem damaligen Ministerpräsidenten Millerand und dem Arbeits 
minister Jourdain vorgelegter Gesetzentwurf will dieses System ver- 
allgemeinern, doch wird‘ dabei zwischen privaten und gemeinnötigen 
Betrieben unterschieden. Für die ersteren ist nur vorgeschrieben, daB 
vor der Einstellung der Arbeit eine Einigung in einem gesetzlich ge- 
regelten Verfahren versucht werden muß. Dagegen erfolgt bei Streitig- 
keiten in gemeinnötigen Betrieben ein Schiedsspruch, der beide Teile 
bindet. Die Beratungen über die Vorlage sind noch nicht beendet. 


IV. Italien 


Durch das Gesetz vom 15. Juni 1898 sind Collegi di probiviri ge 
schaffen, die eine doppelte Aufgabe zu erfüllen haben, nämlich einerseits 
als Einigungskammern die friedliche Beilegung von Arbeitsstreitig- 
keiten zu versuchen, andererseits, falls dies nicht gelingt, bindende Ent- 
scheidungen zu treffen. Die Einrichtung ist im wesentlichen dieselbe, 
wic bei unseren Gewerbegerichten und leidet, wie diese, an dem in der 
Literatur wiederholt betonten Mangel, daß zwischen Rechtsstreitigkeiten 
und Interessenstreitigkeiten nicht unterschieden wird. So kann das 
Gewerbeamt angerufen werden bei Meinungsverschiedenheiten sowohl 
über die vereinbarten wie über die noch zu vereinbarenden Löhne und 
Arbeitszeiten. Vor die ordentlichen Gerichte dürfen Arbeitsstreitigkeiten 
nur dann gebracht werden, wenn ein Einigungsversuch vor dem Gewerbe- 
amte erfolglos geblieben ist. 

Über die italienischen Arbeitskammern (camere di lavoro) ent- 
hält das Heft keine Mitteilungen; es wird das mit der zutreffenden 


Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 185 


Bemerkung begründet, daß diese Einrichtungen nicht mit denjenigen 
verwechselt werden dürfen, die unter dem gleichen Namen bei uns und in 
Holland bestehen, also öffentlich-rechtlichen Interessenvertretungen. Sie 
bedeuten vielmehr ebenso wie die französischen bourses du travail etwa 
dasselbe wie die deutschen Gewerkschaftskartelle. 

Nach dem Kriege hat man die sozialpolitische Arbeit mit Eifer in 
Angriff genommen. Ein im Februar 1921 der Kammer vorgelegter Gesetz- 
entwurf verfolgte ähnliche Zwecke wie das deutsche Betriebsräte- 
gesetz, enthielt aber im Vergleiche mit diesem erhebliche Erweiterungen 
der Rechte der Arbeiter und wollte außerdem gesetzliche Arbeitsnach- 
weise mit Benutzungszwang einführen. Die parlamentarischen Be- 
ratungen sind bisher noch nicht beendigt. 


V. Belgien 


In Belgien galten bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die oben 
mitgeteilten Bestimmungen des französischen Rechts. Erst das Straf- 
gesetzbuch vom 8./9. Juni 1867 brachte insofern eine Erleichterung, als 
Berufsvereine nur dann strafbar sein sollten, wenn sie die freie Aus- 
übung des Gewerbes durch Gewalttätigkeiten, Beleidigungen, Drohungen 
oder Verrufserklärungen beeinträchtigen. Am 31. März 1898 wurde dann 
das Syndikatsgesetz erlassen, das dem französischen nachgebildet ist, 
aber insofern weiter geht, als nicht bloß den Berufsvereinen, sondern 
auch deren Verbänden das Recht gegeben ist, durch Eintragung in ein 
staatliches Register die juristische Persönlichkeit zu erlangen. Die Er- 
richtung von Unterstützungskassen ist ihnen verboten, dagegen ist ihnen 
eine gewisse genossenschaftliche Tätigkeit gestattet. Die Satzungen 
müseen Bestimmungen über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten auf 
dem Wege der Einigung oder des Schiedsspruches enthalten. Da durch 
das Gesetz Berufsvereine mit politischen Zwecken ausgeschlossen sind, 
hat die große Mehrzahl der industriellen Gewerkschaften abgelehnt, die 
Eintragung nachzusuchen. 

Ebenso wirkungslos ist das Gesetz vom 16. August 1887 über die 
Gewerbe- und Arbeitsräte geblieben, das diesen neben der Ver- 
tretung der allgemeinen Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer 
auch die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten überträgt. Ein Gesetz- 
entwurf vom 20. August 1913, der den letzteren Zweck mit größerem 
Nachdruck verfolgt, ist noch nicht zur Erledigung gelangt. 

In neuester Zeit hat in den Kreisen der Regierung der Gedanke der 
Errichtung von Lohnämtern nach dem Muster von Australien Sym- 
pathie gefunden, und ein im Juli 1921 veröffentlichter Gesetzentwurf 
wollte dem Rechnung tragen. Man stieß jedoch auf Widerspruch bei der 
Arbeiterschaft, die sich auf den Standpunkt stellte, daß die staatliche 
Festsetzung der Löhne erst dann zulässig sei, wenn die Arbeiter die 
Kontrolle über die Industrie erlangt hätten. 


VI. Niederlande 


Aus der sozialpolitischen Gesetzgebung Hollands ist von besonderer 
Bedeutung das Gesetz über Errichtung von Arbeitskammern vom 
2 Mai 1897. Diese paritätisch aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu- 
sammengesetzten Kammern haben die Aufgabe, Aufklärungen über die 





186 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


Arbeitsverhältnisse zu erteilen und Gutachten zu erstatten sowie Arbeit:- 

streitigkeiten zu verhüten, beizulegen oder auf dem Wege des Schieds- 

spruches zur Erledigung zu bringen. Auch hier ist zwischen Rechts- und 

Interessenstreitigkeiten nicht unterschieden; tatsächlich hat das Gesetz 

bieher ganz überwiegend nur auf die letzteren Anwendung gefunden. 
Ein Gesetz über Tarifverträge ist am 13. Juli 1917 erlassen. 


VII. Dänemark 


In Dänemark hat man schon früh die Besserung der sozialen Zu- 
stände in Angriff genommen; insbesondere der Arbeiterschutz, die Ver- 
sicherung gegen Krankheit, Unfall, Invalidität, Alter und Arbeitslosig- 
keit sowie die Wohnungsfürsorge sind vorzüglich geordnet. Dasselbe gilt 
von den in den Kreis unserer Übersicht fallenden Gebieten, insbesondere 
der Regelung von Arbeitsstreitigkeiten. Die Arbeitgeber und die Arbeiter 
sind in ihrer großen Mehrheit zu zwei großen Zentralorganisationen 
zusammengeschlossen. Diese haben ein „permanentes Schiedsgericht“ zur 
Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten eingesetzt, dem durch die Königliche 
Verordnung vom 18. Mai 1900 das Recht der eidlichen Vernehmung von 
Zeugen beigelegt ist. Während die Zuständigkeit dieses Schiedsgerichts 
sich auf Zuwiderhandlungen gegen den von den beiden Zentralorgani- 
sationen geschlossenen kollektiven Vertrag beschränkt, ist daneben durch 
das Gesetz vom 12. April 1910 ein ständiges Schiedsgericht allgemeiner 
Art geschaffen, um Streitigkeiten aus Tarifverträgen sowie auf gemein- 
samen Antrag der Parteien auch andere Streitfälle zu erledigen. Endlich 
ist am 5. Januar 1914 ein Gesetz erlassen, das die Möglichkeit gewährt, 
auch für anderweit noch nicht geregelte Streitigkeiten eine friedliche 
Erledigung herbeizuführen. Während diese Gesetze nur für eine be- 
schränkte Zeitdauer erlassen waren, ist am 1. Januar 1922 ein endgültiges 
Gesetz in Kraft getreten, das den Verhandlungszwang vor den von der 
Regierung ernannten Schiedsmännern einführt, jedoch ist nicht vor- 
geschrieben, daß während der Dauer der Verhandlungen Arbeitsein- 
stellungen nicht stattfinden dürfen, wie es in Norwegen geschehen ist. 


VIII. Schweden 


Das Gesetz vom 31. Dezember 1906 hat die Erledigung von Arbeits- 
streitigkeiten auf dem Wege der freiwilligen Verständigung vor- 
gesehen und ist vielfach mit Erfolg hierfür verwendet. Am 11. März 
1910 wurden von der Regierung dem Reichstage zwei Gesetzentwürfe 
vorgelegt, von denen der eine die Regelung der Kollektivverträge 
bezweckte, während der andere einen Gerichtshof zur Entscheidung von 
Arbeitsstreitigkeiten errichten wollte. Beide Entwürfe wurden von dem 
seitens des Reichstags eingesetzten Ausschusse völlig umgearbeitet und 
dann schließlich abgelehnt. | 


IX. Norwegen 


Die norwegische Gesetzgebung bietet insofern ein besonderes Interesse, 
als wie den Gedanken des Zwangsschiedsgerichts verwirklicht hat. 
Ein Gesetzentwurf der Regierung vom 11. April 1913 brachte neben der 
Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten durch die Bildung freiwilliger 
Schiedsgerichte auch deren Erledigung durch obligatorischen Schieds- 
spruch in Vorschlag, sofern ein allgemeines Interesse anzunehmen sei. 

d 


Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 187 


Die beiden Zentralorganisationen der Arbeitgeber und der Arbeiter be- 
anstandeten dieses Vorgehen und überreichten einen Gegenentwurf. Nach 
längeren Verhandlungen zog die Regierung ihren Entwurf insoweit, wie 
er die Zwangsschiedsgerichte vorsah, zurück; der Rest wurde vom Reichs- 
tage angenommen und am 6. August 1913 als Gesetz verkündet. Aber die 
im Frühjahr 1916 ausgebrochenen großen Arbeitskämpfe im Bergbau und 
in der Eisenindustrie veranlaßten die Regierung, auf ihren früheren Vor- 
schlag zurückzugreifen, und unter dem Drucke der veränderten Verhält- 
nisse kam das Gesetz betreffend Zwangsschiedsgerichte für Arbeitsstreitig- 
keiten vom 9. Juni 1916 zustande. Nach ihm kann bei Arbeitsstreitig- 
keiten, bei denen wichtige Interessen der Allgemeinheit gefährdet werden, 
der König bestimmen, daß sie durch zwangsschiedsrichterliches Ver- 
fahren geschlichtet werden sollen. Der Schiedsspruch darf ohne Zu- 
stimmung der Parteien nicht für längere Zeit als 3 Jahre erlassen werden. 
Zuwiderhandlungen sind mit Geldstrafen von 5 bis 25 000 Kronen bedroht, 
auch kann bestimmt werden, daß der betreffende Berufsverein für die 
Strafe haftet, falls nicht die unmittelbar Beteiligten gegen die Satzungen 
oder einen Vereinsbeschluß verstoßen haben. Das Gesetz findet jedoch 
nur auf solche Streittgkeiten Anwendung, die während des bei seinem 
Erlasse bestehenden europäischen Krieges entstanden sind oder entstehen. 

Am 1. Januar 1921 ist ein Betriebsrätegesetz in Kraft getreten, 
das ähnliche Vorschriften enthält, wie das deutsche. 


X. Großbritannien 


In England war 1825 durch Aufhebung der früher für alle Gewerbe- 
zweige bestehenden Koalitionsverbote freilich formell die Voraus- 
setzung für das Erstarken der Gewerkschaftsbewegung gegeben, aber 
tatsächlich waren ihr die schwersten Fesseln dadurch angelegt, daB die 
Gerichte diejenige Form der gewerkschaftlichen Tätigkeit, ohne die sie 
nicht mit Erfolg betrieben werden kann, insbesondere die Anwendung 
von Druckmitteln gegenüber den Arbeitgebern als einen Eingriff in die 
individuale Freiheit und das Recht zum Gewerbebetriebe betrachteten 
und bestraften. Vereinigungen, die den Zweck verfolgten, auf diesem 
Wege durch gemeinsames Vorgehen Vorteile für die Arbeiter zu er- 
reichen, stellte man unter dem Begriff der Verschwörung (conspiracy) 
und der Verletzung der Gewerbefreiheit (restreint of trade). Erst das 
Gewerkschaftsgesetz vom 29. Iuni 1871 schuf hierin eine wesent- 
liche Besserung, indem bestimmt wurde, daß die Tätigkeit der Gewerk- 
schaftler nicht als unter den Gesichtspunkt einer Beschränkung der 
Gewerbefreiheit fallend angesehen werden solle. Jedoch wurde zugleich 
die Anwendung von Gewalt, Drohung und Einschüchterung, das 
Streikpostenstehen (picketing) sowie die Wegnahme oder die Beschädi- 
gung von Werkzeugen (rattening) unter schwere Strafen gestellt. Erst 
1875 wurde dieses Gesetz durch den conspiracy and property protection 
act ersetzt, in dem vorgeschrieben war, daß für die Anwendung von Ge- 
walt lediglich die allgemeinen Strafgesetze maßgebend und daß eine 
von einer Mehrheit von Arbeitern vorgenommene Handlung nur dann 
strafbar sein solle, wenn sie dies auch bei Verübung durch einen einzelnen 
und ohne Rücksicht auf dessen Eigenschaft als Arbeiter sein würde.. 
Gleichzeitig wurde durch den employers and workmen act die Bestrafung 
des Vertragsbruchs aufgehoben. 


188 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


Eine gewaltige Bewegung verursachte das 1900 in dem Taft-Vale- 


Falle von dem obersten Gerichtshofe erlassene Urteil, durch das die Ge- 


werkschaften als für unerlaubte Handlungen ihrer Angestellten haftbar 


erklärt wurden. Der eingeleiteten und mit den stärksten Druckmitteln 


betriebenen Agitation gelang es, das Gesetz vom 21. Dezember 1006 


(trade disputes act) zustande zu bringen, in dem ausgesprochen ist, daß 


eine Klage gegen eine Gewerkschaft, die auf eine angeblich von dieser 


oder für sie begangene Handlung gestützt zei, von keinem Gerichte 
angenommen werden dürfe. 


In ähnlicher Weise gab der Osborne-Prozeß Anlaß zu einem Ein- 
greifen der Gesetzgebung. Das Gericht hatte nämlich entschieden, daß 


die Gewerkschaften von ihren Mitgliedern Beiträge zur Unterstützung 
von Parlamentswahlen nicht erheben dürften. Da jedoch die Aufstellung 


von besonderen Arbeiterkandidaturen unentbehrlich schien, um die 


Forderungen der Gewerkschaften auf politischem Wege zur Geltung zu 
bringen, und hierdurch erhebliche Kosten entstehen, wurde von neuem 


eine große Agitation eingeleitet, die den Erfolg hatte, daß durch das 


Gesetz vom 7. März 1913 die Verwendung von Gewerkschaftsgeldern für 


Wahlzwecke unter gewissen Bedingungen gestattet wurde. 


Schon früh wurde in England das gewerbliche Schieds- und 
Einigungswesen in die Hand genommen, was um so notwendiger 


war, als infolge der Langsamkeit und Kostspieligkeit des englischen 
Gerichtsverfahrens sowie der Unsicherheit in der Auslegung der Gesetze 


die Beschreitung des ordentlichen Prozeßweges mit den größten 


Schwierigkeiten verbunden ist. Anfangs stieß man dabei sowohl auf die 
Abneigung der Arbeitgeber, wie auf Mangel an Vertrauen bei den Ar- 
beitern, und die erlassenen Gesetze, insbesondere der master and workmen 
arbitration act von 1824, der councils of arbitration act von 1867 und 
der arbitration master and workmen act von 1872 hatten so geringen 
Erfolg, daß nach dem Berichte der 1894 eingesetzten königlichen Unter- 
suchungskommission kein einziger Fall festgestellt werden konnte, in 
dem auf Grund dieser Gesetze ein Schiedsgericht gebildet war. Übrigens 
litten sie auch an dem Fehler, daß die Rechtsstreitigkeiten von den 
Interessestreitigkeiten nicht getrennt waren. Das wurde dadurch be- 
seitigt, daß durch den arbitration act von 1889 die Rechtsstreitigkeiten 


ausgeschieden und den Gerichten überwiesen wurden. Durch den conci- 


liation trade disputes act von 1896 wurde dann das Verfahren bei Inter- 
essenstreitigkeiten vor den Schiedsgerichten neu geregelt. Immerhin 
blieb auch jetzt noch die Anwendung des Gesetzes beschränkt, da in den 
meisten großen Industrien durch freie Vereinbarungen Einigungs- und 
Schiedsinstanzen gebildet waren, die das Bedürfnis nach gesetzlich ge 
schaffenen Einrichtungen zurücktreten ließen. 

Das änderte sich völlig durch den Ausbruch des Krieges, zumal jetzt 
auch das Gesamtwohl dringend die Vermeidung von Arbeitskämpfen er- 
forderte. Durch das 1915 zwischen der Regierung und den Gewerk- 
schaften getroffene treasury agreement wurden einerseits die industr!- 
ellen Betriebe unter staatliche Oberaufsicht gestellt, und insbesondere 
die Höhe des zulässigen Unternehmergewinns begrenzt, andererseits 
wurden alle produktionshemmenden Einrichtungen der Gewerkschaften 


außer Kraft gesetzt und zugleich vorgeschrieben, daß Arbeitsstreitig- 


keiten vor den näher geregelten Schiedsinstanzen zum Austrage ge- 


Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 189 


bracht werden müßten. Noch weiter ging für die Rüstungsgewerbe der 
19168 erlassene munition of war act. Hier wurde unter Androhung von 
Strafen bestimmt, daß, bevor zum Streik oder zur Aussperrung ge- 
schritten werden dürfe, ein Schiedsspruch nachgesucht werden müsse, 
der für verbindlich erklärt werden konnte. Durch Verordnung durfte 
dieses System auch auf den Bergbau, die Textilindustrie und die Ver- 
kehrsgewerbe ausgedehnt werden.. Das Munitionsgesetz von 1917 er- 
weiterte den gezogenen Rahmen und bestimmte, daß auch Tarifverträge 
für allgemeinverbindlich erklärt werden konnten. 

Nach Beendigung des Krieges im November 1918 wurde durch den 
wages tempory regulation act das Streikverbot auf bestimmte Fälle be- 
schränkt, aber dem Minister das Recht gegeben, ein Schlichtungsver- 
fahren einzuleiten. Zugleich wurde, um ein plötzliches Sinken der 
während des Krieges gestiegenen Arbeiterlöhne zu verhindern, ange- 
ordnet, daß deren durchschnittlicher Betrag weitergezahlt werden müsse. 
Die Verbindlichkeitserklärung der Tarifverträge wurde beibehalten. 

Dem obligatorischen Schiedsgerichtswesen wie dem Ver- 
bote von Streiks und Aussperrungen stehen sowohl die Regierung wie 
die Gewerkschaften grundsätzlich ablehnend gegenüber. Sie betrachten 
die während des Krieges getroffenen entgegenstehenden Vorschriften ale 
Ausnahmemaßregeln, die jetzt wieder in Wegfall kommen müssen. Daa 
Normale ist in ihren Augen, die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten den 
Parteien selbst zu überlassen; nur in besonders wichtigen Fällen soll 
die Regierung ihre Hilfe anbieten. Dieser Standpunkt hat seinen Aus- 
druck gefunden in dem industrial court act von 1919. Es wird ein stän- 
diges Schiedsgericht, der industrial court, eingesetzt, aber den Parteien 
bleibt es überlassen, ihn anzurufen. Daneben darf der Arbeitsminister 
den Beteiligten die Ernennung von Schiedsrichtern vorschlagen. Ebenso 
kann er einen Untersuchungsausschuß einsetzen, der durch Veröffent- 
lichung des von ihm erstatteten Gutachtens die öffentliche Meinung be- 
einflussen soll. 

Hat das von Australien gegebene Beispiel der Zwangsschiedsgerichte 
in England keinen Beifall gefunden, zo steht es anders mit dem System 
der Lohnämter, deren Tätigkeit sich auf die Regelung der Löhne 
beschränkt. Allerdings will man auch dieses System grundsätzlich nur 
für solche Gewerbe in Anwendung bringen, in denen eine besondere Not- 
lage der Arbeiter sich geltend macht oder die aus anderen Gründen einen 
Ausnahmecharakter tragen. Zunächst wurden durch den trade boards 
act von 1909 für die Heimarbeit Lohnämter geschaffen, die das Recht 
haben, die Löhne zwangsweise festzusetzen. Später wurde das auf eine 
große Anzahl von solchen Gewerben ausgedehnt, in denen die Arbeiter 
nicht ausreichend organisiert sind. Zurzeit bestehen Lohnämter in 
3 Gewerben mit rund 3 Millionen Arbeitern. Aber auch der Gedanke 
scheint sich geltend zu machen, daß solche Industriezweige, in denen 
Arbeitseinstellungen eine außergewöhnliche Schädigung der Gesamtheit 
mit sich bringen, anders behandelt werden müssen als die übrigen. So 
hat der große Eisenbahnstreik im Winter 1919/20 dazu geführt, neben 
lokalen Instanzen auch ein nationales Lohnamt zu schaffen, das aus je 
4 Vertretern der Eisenbahngesellschaften, der Arbeiter und der Benutzer 
der Eisenbahnen, nämlich der Organisationen des Handels, der Industrie 
und der Genossenschaften, besteht. Die Gewerkschaften haben sich ver- 


Zeitschrift für Politik. 12. 13 


190 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


pflichtet, innerhalb eines Monats nach dem Ausbruche einer Streitigkeit 
nicht zur Arbeitseinstellung zu greifen, sondern zuvor das Nationale 
Lohnamt anzurufen. 

Derselbe Gedanke, gemeinnötige Betriebe gegen Stillegung zu 
schützen, hat den Erlaß des emergency powers act von 1920 zur Folge 
gehabt, durch den für solche Betriebe eine technische Nothilie ge- 
schaffen ist. Nach dem Gesetze kann der „öffentliche Notstand‘ erklärt 
werden, wenn „von einer Person oder einer Gruppe von Personen irgend- 
eine Handlung ausgeführt oder unmittelbar angedroht wird, die von 
solcher Natur oder von solcher Ausdehnung ist, daß zu befürchten ist, 
daß die Gemeinschaft notwendiger Lebensbedürfnisse beraubt wird“. Ist 
der öffentliche Notstand erklärt, so haben die zuständigen Behörden alle 
Anordnungen zu treffen, die erforderlich sind, um den Frieden und die 
öffentliche Sicherheit zu wahren und die Bevölkerung mit Lebensbedürf- 
nissen zu versehen. Ist das Parlament versammelt, so müssen ihm sofort 
die verfügten Maßregeln zur Bestätigung unterbreitet werden. 


XI. Canada 


In Canada wurden 1900 und 1903 Gesetze über das Schieds- und 
Einigungsverfahren erlassen. Während sie lediglich dem englischen 
Vorbilde folgen, ist von besonderem Interesse das von dem damaligen 
Arbeitsminister L&mieux durchgesetzte und deshalb in der Regel nach 
ihm benannte Gesetz vom 22. März 1907 (industrial disputes investigation 
act). Es schreibt vor, daß jede Arbeitsstreitigkeit vor ein staatliches 
Einigungsamt gebracht werden muß, und daß, solange das von ihm ein- 
_ geleitete Verfahren schwebt, Arbeitseinstellungen und Aussperrungen 

nicht stattfinden dürfen. Arbeiter und Arbeitgeber, die sich hiermit in 
Widerspruch setzen, sollen für jeden Tag einer unzulässigen Unter- 
brechung der Arbeit mit 10—50 bzw. 100—1000 Dollar bestraft werden. 
Das Gesetz hat die Wirkung gehabt, daß bis Ende 1913 nur in 12 Fällen 
ihm zuwidergehandelt war. 

Ein Sondergesetz für das Personal der Gemeindeverwaltungen (Polizei, 
Feuerwehr, Müllabfuhr, Wasserversorgung), durch das alle Arbeitsein- 
stellungen, solange nicht ein schiedsgerichtliches Verfahren stattgefunden 
hat, mit hohen Strafen verboten wurden, ist 1921 in Quebec erlassen. 


XII. Südafrika 
Für Südafrika ist am 7. Juli 1909 ein Gesetz erlassen, das dem 
canadischen L&emieux Act nachgebildet ist und vorschreibt, daß keine 
Arbeitseinstellung oder Aussperrung stattfinden darf, bevor nicht die 
Sachlage vor einem Einigungsamte geprüft und nach Veröffent- 
lichung des von ihm zu erstattenden Berichtes ein Monat verstrichen ist. 


XIII. Australien 

Die Rechtsverhältnisse der Berufsvereine sind in Australien 
nach dem englischen Vorbilde geordnet. Besonderes Interesse dagegen 
bietet die australische Gesetzgebung für die Verhütung und Beilegung 
von Arbeitseinstellungen. Den Ausgangspunkt bildete der neu- 
seeländische industrial conciliation and arbitration act von 1884, der 
später durch ein Gesetz vom 4. August 1908 ersetzt wurde. Die wichtigste 
Vorschrift besteht in dem völligen Verbote von Streik und Aus- 
sperrung, indem Instanzen geschaffen sind, vor denen alle Streitfälle 


Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 191 


durch Einigung oder Schiedsspruch zur Erledigung gelangen müssen. 
Ähnliche Einrichtungen wurden in den meisten der zum Australischen 
Bunde gehörigen Einzelstaaten sowie für den Bund selbst erlassen. 
Später ist man vielfach zu einem neuen System übergegangen, das man 
als dasjenige der Lohnämter bezeichnet. Sie unterscheiden sich von 
den obligatorischen Schiedsgerichten dadurch, da8 sie sich 
unter Ausscheidung der übrigen Streitfragen auf die Regelung der Löhne 
und des Lehrlingswesens beschränken, daß sie stets nur für einen ein- 
zelnen Industriezweig errichtet werden, daß sie das Vorhandensein von 
Gewerkschaften nicht voraussetzen, sondern auch von Nichtorganisierten 
angerufen werden können, und daß ihr Eingreifen nicht von einem Antrage 
der Beteiligten abhängig ist, sondern auch von Amts wegen stattfindet. 
In einigen Staaten ist man jetzt wieder zu dem früheren System zurück- 
gekehrt. 
XIV. Vereinigte Staaten von Amerika 

Die Gesetzgebung der Union zeigt die oben erwähnten Mängel der 
englischen, insbesondere die Unklarheit, Weitschweifigkeit und kasuisti- 
sche Abfassung. Dazu kommt die auch für England maßgebende Bindung 
der Richter an die frühere Rechtsprechung (prejudices), die jedem Fort- 
schritt entgegenwirkt. Aber fast noch verhängnisvoller ist die anti- 
soziale Haltung der Gerichte, die den Zweck verfolgen, alle arbeiter- 
freundlichen Gesetze für wirkungslos zu erklären, weil sie angeblich dem 
Grundsatz der Verfassung widerstreiten, daß niemand ohne ordentliches 
Verfahren des Lebens, der Freiheit oder des Eigentums beraubt werden 
darf. Endlich wird eine Besserung sehr erschwert durch das Verhältnis 
der einzelstaatlichen zu der Bundesgesetzgebung sowie dadurch, daß man 
in einer für den Europäer ganz unverständlichen Weise zwischen Zivil- 
recht, Strafrecht und Prozeßrecht gar keine Grenze kennt, sondern Be- 
stimmungen der verschiedensten Art in denselben Gesetzen vereinigt. 

Aus den erwähnten Umständen erklärt sich die Rückständigkeit des 
amerikanischen Rechts insbesondere auch auf sozialem Gebiete, Da eine 
Organisation ohne gewisse Beschränkungen der persöhlichen Freiheit 
nicht denkbar ist, so steht man den Koalitionen grundsätzlich ab- 
lehnend gegenüber, vielfach hat man sogar die Antitrustgesetze gegen 
die Gewerkschaften in Anwendung gebracht. Die Abneigung gegen 
Streiks, Sperren und Verrufserklärungen ist damit von selbst 
gegeben. Ein Druckmittel, das von den Gerichten besonders häufig 
gegen kämpfende Arbeiter angewandt wird, ist der Einhaltsbefehl 
(injunction), durch den man sie zwingt, von der Durchsetzung ihrer 
Forderungen Abstand zu nehmen. 

Das Schieds- und Einigungswesen ist völlig der freiwilligen 
Vereinbarung überlassen. Allerdings bestehen in 19 Staaten ständige 
Organisationen dieser Art, aber sie werden nur tätig, wenn beide Parteien 
sie anrufen, den Behörden ist es sogar teilweise ausdrücklich verboten, 
sich in Arbeitskämpfe einzumischen. Versuche, das Tarifvertrags- 
recht gesetzlich zu regeln, sind bisher überhaupt noch nicht gemacht. 

Li kd 


e 
Die Denkschrift, aus der im Vorstehenden ein kurzer Auszug gegeben 
ist, enthält nicht allein ein umfangreiches und für uns sehr wertvolles 
Tatsachenmaterial, sondern bietet auch in vorzüglicher Weise Gelegen- 
heit, zu beobachten, in welcher Weise der gemeinsame soziale Gedanke 


18* 


192 Kulemann, Die Arbeitsgesetzgebung des Auslandes 


unter dem Einflusse der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen 
Verhältnisse in den einzelnen Ländern seine Ausgestaltung erfahren hat, 
Aber sie bietet noch in einer anderen Richtung Interesse, nämlich 
insofern, als sie erkennen läßt, wie verschieden bei den Völkern die 
Fähigkeit entwickelt ist, ihre Gedanken in den Formen der Gesetzgebung 
zum Ausdruck zu bringen. Schon oft ist darauf hingewiesen, wie weit 
in dieser Beziehung die angelsächsischen Länder hinter den übrigen 
zurückstehen'). Auch die Denkschrift, obgleich sie als amtliche Urkunde 
eine gewisse Vorsicht übt, äußert sich hierüber immerhin mit aner- 
kennenswerter Deutlichkeit. 

Zunächst wird auf einen äußeren Mangel des englischen Rechts- 
wesens hingewiesen, nämlich auf „die meist auf einzelne Fälle abgestellte 
Gesetzestechnik und die unklare Gesetzessprache. .. . Hieraus erklärt 
sich die den Gesetzen eigentümliche, häufig eine Rechtsauffassung ver- 
neinende Abfassung“, Dieselbe Unklarheit tritt hervor in dem Zusammen- 
werfen der Rechtsstreitigkeiten mit den Interessenstreitigkeiten. Dazu 
kommt, daß es an jeder systematischen Ordnung des Rechts fehlt, worauf 
es beruht, daß die Gerichte ängstlich an früher einmal ergangenen Ent- 
scheidungen kleben, denen sie eine den Gesetzen gleichkommende Be- 
deutung beilegen, während sie sich eines selbständigen Urteils enthalten. 

Fast noch ungünstiger liegt alles dies in den Vereinigten Staaten. 
Hier werden die erwähnten Mängel noch verschärft durch das unklare 
Verhältnis zwischen der Gesetzgebung des Landes und der Einzelstaaten. 
Daneben „fehlt es an einer scharfen Abgrenzung zwischen bürgerlichem 
Recht und Strafrecht, zwischen materiellem und prozessuslem Recht. 
sowie an einer einheitlichen Ordnung des Prozeßrechts. An deutschen 
Anschauungen gemessen erscheint daher das amerikanische Recht 
durchaus rückständig.“ Noch ungünstiger wird die Lage durch die bei 
den Gerichten herrschende antisoziale Tendenz und den starren Dogmatis- 
mus, was seinerseits seinen Grund darin hat, daß die Richter, abgesehen 
von wenigen Ausnahmen, nicht von der Staatsgewalt auf Lebenszeit an- 
gestellt, sondarn auf einige Jahre vom Volke gewählt werden, so daß 
sie zum Spielball des politischen Parteigetriebes herabsinken. „Das 
Schicksal sehr zahlreicher amerikanischer Gesetze ist, daß sie vom 
Richter für verfassungswidrig erklärt und hierdurch tatsächlich auf- 
gehoben werden. Die Gerichte stützen sich dabei auf die Bestimmung 
der Verfassung, daß „niemand des Lebens, der Freiheit oder des Eigen- 
tums ohne rechtliches Verfahren beraubt werden darf“. Die Denkschrift 
bezeichnet das mit Recht als „einen allgemeinen Grundsatz, der so viel- 
deutig ist, daß in der Abgrenzung des Begriffes der Freiheits- und Eigen- 
tumsentziehung dem Ermessen des Richters und damit der herrschenden 
politischen und sozialen Anschauungen der weiteste Spielraum gelassen 
ist“. Das ist ein wertvoller Beweis dafür, daß Freiheit, wenn sie ein- 
seitig betont wird, mit der Ordnung in Widerspruch gerät, und daß die 
Aufgabe einer vernünftigen Verfassung darin besteht, auf einer mittleren 
Linie den Ausgleich zu suchen. 


t) Ich selbst habe in Band IV S. 59 meines Werkes über ‘die Berufs 
vereine dieses Thema behandelt und das Urteil von S. und B. Webb 
angeführt, das die schweren Nachteile betont, die aus der Unbestimmt- 
heit und Zweifelhaftigkeit der englischen Gesetze für die gesamte soziale 
Entwicklung sich ergeben. 





Besprechungen 


Zur deutschen Chinaliteratur’) 
Von Andreas Walther 


Es ist charakteristisch für unser langes Eingesponnensein in die 
drängenden Fragen unseres engeren Schicksals, daß seit dem Erscheinen 
der Geschichte des chinesischen Reiches von Gützlaff 1847, die noch der 
‚älteren Periode universaler Interessen angehört, keine vollständige 
Bearbeitung des Gegenstandes in deutscher Sprache herau-gekommen 
war. Erst kurz vor dem Kriege begannen wir unsere, besonders zu eng- 
!ischen Einstellungen so stark im Gegensatz stehende, provinziale Denk- 
weise gegenüber den Verhältnissen des ferneren Auslandes zu über- 
winden. Hätte das nur ein paar Jahre länger ausreifen und wirken 
können, so wären wir vielleicht entscheidend (man braucht nur an die 
Einschätzung Amerikas zu erinnern) besser für eine große Krisis gerüstet 
gewesen. Der Krieg hat dann abermals unsere Interessen auf das Nahe 
eingeengt, so daß es nicht unnütz sein wird, an die nur wenig zur 
Wirkung gekommenen Arbeiten der letzten Vorkriegsjahre wieder an- 
zuknüpfen. 

Das Jahr 1912 brachte uns gleichzeitig zwei zusammenfassende Bücher 
über chinesische Geschichte. Beide sind von Missionaren geschrieben. 
Das ist nicht ganz zufällig, da bei uns, anders als im Ausland, aus ver- 
schiedenen Gründen der popularisierende Gelehrte, der schriftstellernde 
Auslandsbeamte und der umfassender arbeitende Zeitungsberichterstatter 
verhältnismäßig seltene Erscheinungen waren. Eine soziologische Be- 
leuchtung unserer auslandskundlichen Literatur im Gegensatz zu der 
anderer Völker würde lehrreich sein und vieles von unseren widerspruchs- 
vollen Einstellungen zum Ausland verständlich machen. 

Das tiefergehende Buch ist das von Heinrich Hermann, Chinesische 
Geschichte (Stuttgart 1912, Gundert, 519 S.). Es stützt sich zu erheblichem 
Maße auf die englische Zeitschriften-Spezialliteratur, gibt wertvolle Ver- 
weisungen auf diese zerstreuten Studien und legt überall die wissenschaft- 
lieben Kontroversen dar. Die Geistes- und Kulturgeschichte, speziell 
natürlich auch die Missionsgeschichte, werden stark berücksichtigt. 

Anspruchsloser ist der „Abriß der neueren Geschichte Chinas, unter 
besonderer Berücksichtigung der Provinz Schantung“ von Lie, Wilhelm 
Schüler (Berlin 1912, Karl Ourtius, 380 S.) Es wird in einfacher 
frischer Darstellung, ohne wissenschaftlichen Apparat, in der Hauptsache 
aur die politische Geschichte behandelt. Ein Überblick über die Ent- 
wicklung des Schutzgebietes Kiautschou schließt das Buch. Diese Skizze 
und manche andere über den Gegenstand sind Beispiele dafür, wie stark 





2) Dieses Sammelreferat schließt sich an die der Redaktion zur Be- 
sprechung zugegangenen Werke an. Sein Ziel ist also nicht Vollständig- 
keit, die man in den Fachzeitschriften, nicht zum wenigsten auch den 
ausländischen, suchen wird. Mein Interesse an Ostasien ist durch ver- 
gleichende kultursoziologische Studien bestimmt, die auf einen reichlich 

ijjährigen Aufenthalt im Orient, davon ein halbes Jahr in China, 
zurückgreifen können. Demgemäß sind die kulturellen und geistigen 
Fragen in den Vordergrund gerückt worden. Der Hinweis auf sie in einer 
Zeitschrift für Politik bedarf heute, nachdem die katastrophale Unter- 
schätzung der Imponderabilien durch unsere Vorkriegs- und Kriegspolitik 
jedermann sichtbar geworden ist, keiner weiteren Begründung. 


194 Besprechungen 


die offizielle Bindung unserer kolonialen Aufklärungsliteratur war. Kaum 
über die Kreise der Regierung und der nicht viel weniger exklusiven 
Wirtschaftsaristokratie hinaus waren die eigentlichen Probleme unseres 
ostasiatischen Schutzgebietes bekannt: die durch den Besitz selbst und 
sein Milieu genährte, im großen Zuge unserer politischen Notwendig- 
keiten sinnlose und verhängnisvolle japanische Gegnerschaft; die des- 
orientierenden Schwierigkeiten des Ressortpartikularismus des Reichs 
marineamts, dem das Schutzgebiet unterstellt war, der Pekinger Gesandt- 
schaft und des Schanghaier Generalkonsulats; die wichtigen Meinungs- 
verschiedenheiten zwischen Tsingtau und dem Konsulat in Tsinanfu; das 
Bedenkliche an dem vielgerühmten Prinzip völliger Trennung der 
Europäer- und Chinesenstadt, welches Prinzip zuwege brachte, daß die 
Europäerstadt zwar jene entzückende reindeutsche „Ausstellung“ wurde, 
aber die „Kolonisation“, d. h. die Verwachsung mit dem fremden Volks- 
leben, die in China mit seiner glänzend genossenschaftlich organisierten 
Großkaufmannschaft besonders wichtig ist, Hemmungen fand; vor allem 
die wirtschaftsgeographischen Fragen des Hafens Tsingtau. Nicht nur 
die Konkurrenzmöglichkeiten von Tschifu im Norden nach Vollendung 
seiner Bahn und die vielleicht später von dem noch schlammumlagerten 
Haitschau im Süden her drohenden, sondern das entscheidende Problem. 
daß der bisherige Aufschwung Tsingtaus in der Hauptsache auf der Er- 
schließung der relativ armen Schantunghalbinsel selbst beruhte, während 
das eigentlich reiche Hinterland erst jenseits des Schantunggebirges 
beginnt, das sich wie eine Barriere hinter dem Hafen erhebt und das 
durch die Schienenstränge aus dem Innern umgangen werden muß, wobei. 
wie ein Vergleich der Entfernungen auf der Karte zeigt, am nördlichen 
Umgehungspunkt der Abfluß des Handels nach Tientsin, am südlichen 
zum unteren Jangtsekiang, in beiden Richtungen durch leistungs- und 
ausbaufähige Bahnen und Schiffahrtsstraßen unterstützt und in Verkehrs- 
knotenpunkten endigend, dauernd droht. In manchen Berichten, von 
denen mir einige 1912 draußen zugänglich wurden, sind solche Probleme 
behandelt worden, aber dem völkischen Interesse der Heimat hielt man 
so nachdenkliche Fragen fern. 

Hätten wir nur vor dem Kriege ein Buch gehabt wie die lehrreiche, 
fesselnde und überlegene Schrift von F. W. Mohr, Gedanken zur neu- 
deutschen Chinapolitik (Neuwied am Rhein 1920, Verlag der Strüder- 
schen Buchdruckerei, 237 S.). Mohr war vor dem Kriege Direktor der 
Salzverwaltung der Salzprovinz Schantung, spricht also aus eingehender 
und besonders auch durch ständigen Verkehr mit Chinesen qualifizierter 
Kenntnis heraus. Dazu zeigt die Schrift eine ungewöhnliche Gabe, ein- 
dringlich, rückhaltlos und doch möglichst wenig verletzend und nicht 
ungerecht, knapp das Wesentliche heraushebend, dieses aber mit Daten 
und Zahlen belegend, tberall zu fest formulierten Schlüssen und be- 
stimmten praktischen Forderungen abrundend zu schreiben. Das ganze 
Trümmerfeld unsrer Chinaarbeit wird unerbittlich bloßgelegt, Illusionen 
über praktisch unmöglich Gewordenes werden schlagend zerstört; und 
doch sieht der Leser freudig erstaunt aus der Lehre unsrer ungeheuren 
Fehler, die keineswegs an einer Stelle allein gesucht werden, ein plasti- 
sches und anspornendes Bild des wieder Möglichen aufsteigen. Die 
Lektüre der Schrift kann nicht dringend genug empfohlen werden. 
Ihre Perspektiven prinzipieller Natur werden jedem, der irgendwo in 
der Welt an Deutschlands Wiedererhebung arbeiten will, von Wert sein. 

In ihren politischen Ausblicken natürlich jetzt veraltet, aber noch 
mit Nutzen verwendbar zur Beurteilung der ständig bleibenden Faktoren 
in den wirtschaftlichen, sozialen, institutionellen Grundlagen und den 
großen Richtungen politischer Tendenzen, sind die Schriften von Werner 
Foth, Der politische Kampf im Fernen Osten und Chinas finanzielle 
Schwäche (Gotha 1919, Friedrich Andreas Perthes A.-G., 116 S.); des 


Besprechungen 195 


Nationalökonomen Karl Rathgen, Die Vereinigten Staaten, Japan, 
in der Sammlung: Macht- und Wirtschaftsziele der Deutschland feind- 
lichen Staaten, 1918, 45 S. und des Historikers Justus Hashagen, Ost- 
asienpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika, 1917, 45 S. Hashagen 
betont das allmähliche Zurückweichen der amerikanischen Politik in 
Ostasien, unterschätzt aber die Zukunftsmacht der amerikanischen 
Sympathieaussaat in China. Amerikas Stellung in China ist ein be- 
sonders lehrreiches Beispiel dafür, wie das Einführen idealistischer 
Momente in die Politik zwar auf der einen Seite das Augenblicks- 
Rechenspiel der Politik desorientieren, aber dafür in der Tiefe einen 
sehr stabilen, weil in elementareren psychologischen Regionen be- 
festigten, und nicht leicht erschöpfbaren Reservefonds politischen Ein- 
fiusses schaffen kann, 

Über die neuesten Ereignisse orientiert in hervorragender Weise 
fortlaufend die Zeitschrift: „Der Neue Orient“, Halbmonatsschrift für 
das politische, wirtschaftliche und geistige Leben im gesamten Osten, 
(Berlin W 50, Verlag Der Neue Orient). Diese Zeitschrift, die eben 
ihren 5. Jahrgang abschließt und künftig als Vierteljahrsschrift er- 
scheint, sollte von jedem unterstützt und weiterempfohlen werden, dem 
die außenpolitische Erziehung unsres Volkes am Herzen liegt. 

Eine dankenswerte enzyklopädische Orientierung über China gibt 
der Sinologe Dr. Eduard Erkes in Perthes’ Kleiner Völker- und Länder- 
kunde Bd. 7: China (Gotha 1919, Friedrich Andreas Perthes A.-G., 168 S.) 
mit Karte und Literaturverzeichniss Das Buch kann in manchen Ur- 
teilen irreführen, da der Verfasser zu ungezügeltem Absprechen über 
fremde Ansichten neigt. Auch ist er nur der rationalistischen Ader des 
chinesischen Geistes wahlverwandt, allem „Mystizismus“ aber, der doch 
so tief auch den östlichen Orient durchwebt und ein Anfassen mit 
feinen, ehrfürchtigen Fingern, auch gerade durch den Politiker, ver- 
langt, scharf abgeneigt. In den zahllosen Einzelnotizen besonders über 
die wirtschaftlichen Dinge finden sich manche Lücken und Irrtümer. 
Doch haben wir gerade heute, wo deutlich geworden ist, wie sehr unserm 
Spezialistentum über seiner Genauigkeit im einzelnen die Richtigkeit 
und Übersicht im großen abhanden zu kommen drohte, alle Ver- 
anlassung, uns zu freuen, wenn Fachwissenschaftler, übrigens in diesem 
Fall unter Einwirkung der soziologischen Interessen Conradys, ihre Auf- 
gabe weit fassen. — An dieser Stelle sei wenigstens flüchtig erinnert 
= ee den modernen Fragen zugewandten Arbeiten des Sinologen Otto 
ranke. 

Einen typisch interessanten Versuch, Chinas Revolutionierung in der 

iefe zu erfassen, und dem populären Urteil über chinesische Dinge, 
welches arabische Spruchweisheit in dem Bildwort kennzeichnet: „Die 
Hunde bellen, die Karawane zieht vorüber“, die säkulare Großartigkeit 
der Vorgänge gegenüberzustellen, machte Dr. von Mackay in der 
Schrift: „China, die Republik der Mitte“ (Stuttgart 1914, Cotta, 246 S.) 
mit Anhang von (einseitig gewählten) Karikaturenzeichnungen und 
Pamphleten aus der Revolutionsbewegung. Der urgierte Stil mit seinen 
Häufungen inkongruenter Bilder ist so störend wie grundlegend ver- 
zeichnend die stramm konservative Auffassung, die für die Südpartei 
und die Revolutionäre nur die verächtliche Ablehnung hat, welche die 
deutsche Politik zum schweren Schaden unsrer Chinapolitik kennzeich- 
nete. So selbstverständlich es ist, daß die deutsche Diplomatie die 
einmal gewonnenen Beziehungen zu dem konservativ-monarchischen 
Nordchinesentum pflegte, so wenig ist es doch die Aufgabe der Politik, 
in den inneren Auseinandersetzungen eines fremden Volkes so bitter 
Partei zu ergreifen. Wie man innerlich zur demokratisohen Strömung 
steht, die Jungchina natürlicherweise zuerst einmal mit ihren aus- 
gemünztesten Phrasen überschwemmte, hat gesondert von der rein prak- 





196 Besprechungen 


tischen Notwendigkeit zu bleiben, mit allen nun einmal vorhandenen 
Kräften, deren Entwicklung und Machtentfaltung noch nicht abzusehen 
ist, vorsichtig abwartend einen Modus vivendi zu finden. — Auf dem 
kulturellen Gebiet aber erlaubt gerade die schroff konservative Stimmung 
des Verfassers, die entscheidenden Probleme äußerst scharf zu zeichnen, 
und meist doch geschmackvoller als auf dem Titelbild, das die altehr- 
würdige Pagode mit der roten Jakobinermütze darauf zeigt. Es ist eine 
nützliche Zusammenfassung in der Luft liegender Gedanken, wenn er 
ausführt, eine wie breite Kluft zwischen dem chinesischen quietistischen, 
weltbürgerlichen Kulturempfinden und dem modernen aktiven Nationa- 
litätsgedanken liegt; wie die zu einem goldenen Zeitalter der Ehrfurcht 
rückwärtsschauende Lehre des Konfuzius, den Mackay dem Theoretiker 
‚und Romantiker Rousseau verwandt und nicht „aus dem festen staats- 
männischen Kernholz geschnitzt‘“ findet (ein um so bemerkenswerteres 
Problem dann die beispiellose praktische Wirkung!), dem westlichen 
Persönlichkeits- und Freiheitsideal widerstrebt; wie weltenfern der Ge- 
danke einer zwangsrechtlichen Staatsordnung und einer Selbstgesetz- 
gebung des souveränen Volkes der chinesischen Staatsauffassung mit 
ihrer Gründung des sozialen Zusammenhalts auf traditionsverwurzelte 
sittliche Kräfte liege, wobei der Verfasser freilich fälschlich die starken 
„demokratischen“ Elemente der chinesischen sozialen Ordnung und 
einnung leugnet und eine Gründung der Volksvertretung auf die stark 
ausgebildeten Berufsverbände, eine Art mittelalterlichen Ständestaat, 
empfiehlt, als ob nicht unter Herrschaft der Genossenschaften die terri- 
toriale Zersplitterung, die Ausnutzung der Massen und besonders die 
Korruption nur noch zunehmen würden. So sehr man es beklagen mag: 
Freiheit von Korruption bringt nur eine genügende Dosis von Verunper- 
sönlichung, die z. B. auch Amerikas staatliche Organisationen nicht 
besitzen, und deren Maschen bei instabilen Verhältnissen nicht mehr 
schließen. Richtig ist wieder Mackays Hinweis darauf, wie schwierig 
die Loslösung des Grund und Bodens vom Familienzwang und seine 
Überführung in freiheitlichpersönliche, private Verfügung ist; wie im 
Unterrichtswesen die Gefahr droht, daß mit der scholastischen Dressur 
auch die grundlegende sittlich-soziale Einstellung fortgeworfen werde 
zugunsten eines leeren Aufklärungsfirnis; wie stark der orientalische 
Geist der gemütstötenden Fabrikarbeit widerstrebt, so daB Schutz und 
Pflege des Handwerks eine grundlegende Forderung sei. . 

Eine bemerkenswerte Zusammenfassung gibt aus eingehender, an- 
schauungsgesättigter Kenntnis heraus der Vortrag von Arthur von 
Rosthorn, Das soziale Leben der Chinesen (Leipzig 1919, Der Neue 
Geist Verlag, 24 BL Er erörtert mit feinsinnigem Verständnis vor allem 
die Grundtatsache, daß China in viel höherem Maße sozialisiert sei als 
Europa, wobei er unter Sozialisierung versteht „das Bewußtsein der 
Gleichheit und Solidarität der Bürger und ihre organische Verbindung 
zu gegenseitiger Anteilnahme und Hilfe“. Die Begründung wird durch 
eine plastische Skizze der chinesischen sozialen Struktur gegeben. 

Eine ganz große geistige Leistung stellen die Untersuchungen dar, 
die Max Weber in seiner Aufsatzserie über die „Wirtschaftsethik der 
Weltreligionen“ dem Konfuzianismus und Taoismus gewidmet hat; jetzt 
zusammengefaßt in den „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziolo- 
gie“, Bd. I S. 276—536 (Tübingen 1920, J. C. B. Mohr). Es verlangt Zeit 
und Beharrlichkeit, sich hier von Max Weber durch seine noch wenig 
aufgeräumte soziologische Arbeitswerkstätte führen zu lassen, besonders 
da das Bekanntsein mit der chinesischen Entwicklung im wesentlichen 
schon vorausgesetzt wird. Aber ea ist in diesen Forschungen eine Inten- 
sität des Fragens nach dem Warum größter kulturgeschichtlicher Zu- 
sammenhänge, die kein Leser ohne starken Gewinn auf sich wirken 
lassen kann, mag ihm auch manches sachlich ferner liegen, wie da» 


. Besprechungen 197 





übrigens keineswegs absorbierende Interesse an der Religionssoziologie 
(die buddhistische Religiosität, auch in ihren wichtigen japanischen 
Sonderprägungen, wird in Bd. II, über Hinduismus und Buddhismus, 
erörtert). Max Webers Ausgangspunkt ist die Frage, warum es in China 
keinen Kapitalismus und, weiter gefaßt, nicht die charakteristische 
abendländische Rationalisierung alles Lebens gebe. Obwohl China als 
ein Land der großen Städte, einer Bevölkerung von ungewöhnlicher 
Vitalität und Betriebsamkeit, eines Binnenhandels großen Stils, einer 
organisierten Kaufmannschaft, einer teilweise äußerst durchrationali- 
sierten Bürokratie, ferner bei seiner großen Steigerung des Edelmetall- 
besitzes und der neuerlichen riesigen Vermehrung der Bevölkerung viele 
Voraussetzungen für die Entstehung rationalistischer und kapitalistischer 
Lebensordnungen zu bieten scheint, ist es doch nicht den Weg des 
Westens gegangen. Die Ursachen werden mit Max Webers Vielge- 
richtetheit und seinen höchst anregenden universalhistorischen Ver- 
gleichen dargelegt oder skizziert: das Fehlen exakter Naturwissenschaft, 
das Gebundensein der Städte unter die Bürokratie, die Pazifizierung des 
Großreiches nach der Periode der Teilstaaten, deren Konkurrenz einst 
eharakteristische Ansätze zu kapitalistischer Rationalisierung gezeitigt 
hatte: insbesondere aber die mehr und mehr völlig herrschende Schicht 
der konfuzianischen Literaten-Beamten mit ihrer prononziert huma- 
nistischen Lebensorientierung, ihrem Gentleman-Ideal, ihrer Ablehnun 
des Fachbeamtentums, ihrer Ablehnung der Rechtskodifikation und 
damit der Rechtsberechenbarkeit, dieser Grundlage jedes rationalen 
(Max Weber kennt auch andere Typen) Kapitalismus, besonders auch 
mit ihrer „Verpfründung“, die als eine Hauptursache von Kultur- 
erstarrung überhaupt aufgezeigt wird (worüber man sehr wichtige 
kultur- und gegenwartskritische Variationen schreiben könnte). 

Ein Eindringen in die chinesische Kultur mit ihren großen Fremd- 
artigkeiten ist ohne umfangreicheres selbständiges Studium der Quellen 
durchaus unmöglich. Es gibt Leute, die mit nicht schlechten Gründen 
vermuten, daß das zweifellos einmal wieder kommende internationale 
Verständigungsmittel die von der gesprochenen Sprache ablösbare Be- 
griffsschrift des ostasiatischen Kulturkreises oder wenigstens etwas nach 
"ihrem System Gebildetes sein werde. Vorerst haben wir für die Kenntnis 
der östlichen Kulturen einen großen und noch viel zu wenig zugänglich 
gemachten Schatz in den Übersetzungen in die europäischen Haupt- 
sprachen. 

Die deutschen Übersetzungen erlauben bisher wenigstens eine selb- 
ständige Orientierung über die Hauptwerke der klassischen Literatur 
der Chinesen. Diese geht sehr auch den Politiker an, da bei der außer- 
ordentlichen Durchbildung und Macht der politisch-sozialen Ideen als 
des Hauptstückes der fernöstlichen Kulturinteressen gerade auch alle 
politischen Handlungen und Strebungen von Chinesen nur aus der 
Kenntnis dieser Ideenwelt verstanden und vorausberechnet werden 
können. Der Aufgabe, in systematischem Aufbau die Hauptwerke der 
chinesischen Geistesgeschichte zugänglich zu machen, hat sich der Ver- 
lag Eugen Diederichs in Jena angenommen durch die auf 10 Bände be- 
rechnete Sammlung: „Die Religion und Philosophie Chinas“, aus den 
Originalurkunden übersetzt und herausgegeben von Richard Wilhelm. 
Der Herausgeber, der in Tsingtau eine Kulturbewegung um sich zu 
sammeln im Begriff war (hätte man doch solche Männer an die wirk- 
lichen Zentren des chinesischen Lebens gesetzt!), ist in seinen fein- 
sinnigen Übersetzungen bemüht, die Ideen der chinesischen Klassiker 
dem modernen Empfinden zu vergegenwärtigen und sie insbesondere mit 
den Ideen unsrer klassischen Literaturepoche in Verbindung zu bringen. 
Das gibt viel Anregung, sollte aber veranlassen, auch andere r- 
setzungen zu vergleichen. Die dabei zutage tretenden Verschiedenheiten 


198 Besprechungen 


vermitteln schon, wenn sie nicht so leichtsinnig begründet sind wie die 
grotesken Diskrepanzen vieler unsrer Laotse-„Übersetzungen“, viele Auf- 
schlüsse über die Struktur der chinesischen Sprache und mögen an- 
regen, durch Benutzung zunächst eines Transskriptionslexikons und 
durch das nicht allzu schwierige Aufsuchen der Zentralbegriffe in einem 
großen chinesischen Lexikon sich auch als Nichtsinologe an das Original 
heranzuarbeiten. — In der Diederichsschen Sammlung sind zunächst die 
Schriften aus der taoistischen Gedankenwelt bevorzugt worden, mit 
reicher Ausbeute an mystischem Tiefsinn und sprühenden individualisti- 
schen Geistreichigkeiten; beides in China später durch die soziologische 
Entwicklung, die völlige Diktatur der konfuzianischen Literaten-Beamten, 
fast verloren. Viel wichtiger in ihrer Nachwirkung und für das poli- 
tische Gegenwartsverständnis ist die konfuzianische Reihe, die in der 
Sammlung hoffentlich noch umfangreich, mit Betonung auch der späte- 
ren, scholastisch verhärteten Formen, ausgebaut werden wird. 

An Übersetzungen zur Gegenwartsentwicklung mangelt es noch sehr. 
Eine periodische Veröffentlichung etwa nach der Art der Peking Gazette 
wäre das Ideal. Wie viel Licht schon Übertragungen bescheidenen Um- 
fangs zu geben vermögen, zeigt das fesselnde Buch von J. O. P. Bland 
und E. Backhouse: China unter der Kaiserinwitwe (deutsch Berlin 
1918, Karl Siegismund, 2. Aufl., 508 SL Das Buch kann zu dem leider 
bei uns noch fast unbekannten Typus ernster Werke von Zeitung 
berichterstattern gerechnet werden, der in England so viel zur Politi- 
sierung des Volkes beigetragen und vielfach auch Grundlegendes ge- 
leistet hat. Behandelt wird die Pekinger Hofgeschichte unter dem 
halbhundertjährigen bestimmenden Einfluß der Kaiserin Tsehsi. Daß 
dieser Frau Größe zugesprochen werden muß in „ihrer eigensten Sphäre, 
dem Schachspiel der Dymnastieparteien‘, wie Hermann es einmal aus- 
drückt, und zwar Größe durch Überlegenheit ihrer Persönlichkeit, tritt 
eindringlich heraus. Sie zu den Größten der Geschichte zu zählen, wie 
man zuweilen liest, geht nicht an, da sie doch zu sehr im Alten wurzelte, 
um die zweite Aufgabe jedes wahrhaft Großen, die Umleitung in das 
Neue, haben durchführen zu können. In den sehr zahlreich mitgeteilten 
Regierungsdekreten, Tagebuchaufzeichnungen, Denkschriften, Briefen 
von Hofbeamten, Zensoren, Literaten liegt der große Reiz des Werkes. 
Sie lassen nicht nur die chinesische Regierungskunst mit ihrer Ge- 
schmeidigkeit, Skrupellosigkeit, stilisierten Etikettegebundenheit, ihrem 
ehrwürdigen Kulturhintergrund und das in diesem Milieu erzeugte 
Menschentum von oft durchaus heroischem Charakter (Heroismus auf 
kollektivistischer, nicht individualistischer Basis!) heraustreten, sondern 
geben auch Eindrücke von dem Feinen und betont Gemütvollen der 
Seele des Ostens. Kein Räsonnement über die fernöstliche Kultur kann 
Dokumente ersetzen wie etwa die letzte Tagebuchaufzeichnung des 
Tseng Kuo fan (1872), des führenden Gelehrten und Taiping-Besiegers: 
„Meine Kräfte lassen rasch nach, und ich muß viele Fragen ungelöst, 
viele Geschäfte halb getan hinterlassen. Die abgestorbenen Blätter be- 
trogener Hoffnungen füllen die Landschaft, und ich habe keine Aus- 
sicht, meine Angelegenheiten zu ordnen. Dreißig Jahre sind verstrichen, 
seit ich promovierte, und ich habe die höchste Stufe der Rangleiter er- 
klommen, und doch: nichts habe ich gelernt, und meinem Charakter 
fehlt die wahre Festigkeit. Welche Schande, so nutzlos alt geworden zu 
sein“ (S. 79). Sollten die einst verschollenen Bemühungen politischer 
Denker vor einem Jahrhundert, in unsre staatlichen Organisationen die 
vergessene „moralische Gewalt“ neben den drei anderen wieder einzu- 
setzen, uns in der jetzigen Krisis wieder dringend werden, so wird der 
Konfuzianismus uns manches zu sagen haben. | 

In dieser Geschichte des Hofes wird naturgemäß neben den leitenden 
Mandschukreisen fast nur der ältere Typus des chinesischen Beamten- 











Besprechungen 199 


und Literatentums beleuchtet. Die Gestalten der Reformer bleiben un- 
bestimmt. Die ganz der westlichen Kultur Hingegebenen freilich, ein 
Kang Yu wei oder Sun Yat sen, sind leicht durchschaubar. Einen mit 
den Kompromissen des Tatmenschen zwischen Altem und Neuem Balan- 
zierenden zeigen in manchen interessanten Zügen die „Memoiren des 
Vizekönigs Li Hung tschang“, (in Auswahl) übersetzt von M. vom 
Hagen, 1915, 243 S. Ein zwischen Ost und West tief geistig Ringender 
aber ist Ku Hung ming. In seiner schon 1911 für Diederichs über- 
setzten Aufsatzsammlung: „Chinas Verteidigung gegen europäische 
Ideen“ steht ein Memoire von bleibendem historischen Interesse: „Die 
Geschichte einer chinesischen Oxfordbewegung“ (S. 28—134). Es ist die 
von einem hingebend Beteiligten geschriebene Geschichte des vorläufig 
gescheiterten Versuchs von Gruppen der chinesischen Humanisten, sich 
der Stoßkraft der europäisch-amerikanischen Ideen durch Zurückgehen 
auf das alte eigene Kulturgut und durch seine Läuterung zu erwehren. 
— Die Grundgedanken einer zweiten Schrift von Ku Hung ming, „Der 
Geist des chinesischen Volkes“ (Jena 1916, Eugen Diederichs, 181 S.), 
habe ich in den Preußischen Jahrbüchern 1916 eingehender dargelegt. 
Diese Essaisammlung enthält für den, der sich durch unruhiges Wuchern 
des Geistreichen nicht abhalten lassen will, das manchmal etwas ver- 
schüttete Gold zu suchen, das Eindringlichste, das aus dem auch geistig 
vergewaltigten Orient bisher zu uns herüberkam. Ein Kapitulieren liegt 
dem chinesischen Philosophen sehr fern. Vielmehr zeichnet er als Vor- 
bild für den auf falschem Wege befindlichen Westen den Menschen des 
Ostens, der in ehrfürchtigen Familien-, genossenschaftlichen und staat- 
lichen Bindungen zu einer „Religion des guten Bürgers“ aufwächst; den 
Großstaat des Ostens, der in seiner Gründung auf ethische Mächte Jahr- 
tausende überdauerte und der verrohenden Zwangsgewalten der west- 
lichen Staaten nicht bedurft habe; die Religion des Konfuzianismus, die 
dem Menschen im Diesseitigen den Halt und das Genüge gebe, das ein 
Bedürfnis nach desorientierenden Jenseitigkeitsreligionen gar nicht auf- 
kommen lasse. 

Seinen Fußpunkt in Japan, wo die chinesische Kultur ihren gesün- 
desten und anmutigsten Zweig getrieben hat, nimmt das Buch von 
Percival Lowell, Die Seele des Fernen Ostens (deutsch Jena 1911, 
Eugen Diederichs, 177 S.). Die bewundernden, sich selbst herabsetzenden 
Worte, die Lafcadio Hearn über dies Buch schrieb, müssen überraschen, 
weil gar nichts von dem Hearnschen innig anschmiegenden Geist darin 
ist. Der prophetische Interpret der östlichen Seele, den Japans Schön- 
heit in einen Lebensrausch band, wird die nüchterne Objektivität, die 
scharfsinnige Analyse, das Gleichgewicht dieses kultivierten Geistes als 
überlegen empfunden haben. Lowell steht fest mit beiden Füßen in 
seinem Amerikanismus und betrachtet bei allem Sinn für den japani- 
schen „Geist der unsagbaren Anmut“ doch die ostasiatische Kultur als 
„die erwachsene Form eines niedrigeren geistigen Typus“, sieht dort 
„wie beim Monde das Schauspiel einer Welt, die an Altersschwäche ge- 
storben ist“, und prophezeit diesen Völkern, daß sie verschwinden werden 
vom Angesicht der Erde, wenn sie weiter in Todsünde gegen das Welt- 
gesetz leben, daß „die Seele auf ihrer Wanderung durch die Welt einer 
immer ‘größeren Individualisierung zustrebt“. Die Unpersönlichkeit der 
ostasiatischen Kultur ist diesem Amerikaner, den die neue sozialistische 
Welle noch nicht erreichte, das entscheidend verhängnisvolle Merkmal. 
Der Nachweis wird anziehend konkret durchgeführt: Es gibt keinen 
individuellen Geburtstag, kein individuelles Eigentum, nur eine obliga- 
torische Gattin, welche aus Liebe zu wählen einer Art Kleptomanie 
gleichgestellt werden würde; das Leben dreht sich nicht ptolemäisch um 
den einzelnen, sondern um eine patrizische Achse: die Konversation er- 
stickt in Höflichkeit; das Lebens- und Kunstgefühl ist in sensibelstes 





200 Besprechungen 


Naturgefühl eingehüllt; nicht Handeln sondern Kontemplation sei das 
fernöstliche Ideal; die buddhistische Jenseitigkeitshoffnung ersehnt die 
Auflösung in Wolken. Manches davon trifft schon auf China mit seinem 
strafferen Konfuzianismus nicht zu. Aber das Grundlegende ist in der 
Tat, daß der westliche Individualismus mit seinen ganz umfassenden 
Folgen für die Entwicklung des Menschentypus und der gesamten Kultur 
dem Osten fremd ist. 

Nach einer andern Seite hin hat diese Tatsache der relativen Un- 
persönlichkeit des Orientalen übertrieben Willy Haas in der Schrift: 
„Die Seele des Orients, Grundzüge einer Psychologie des orientalischen 
Menschen“ (Jena 1916, Eugen Diederichs, 46 S.). Er sucht zu erweisen, 
daß die orientalische Seele ihrer Struktur nach eine andere als die 
okzidentale und mit dieser schlechthin unvergleichbar und unmeßbar 
sei. Die orientalische Seele sei das geschiedene Nebeneinander, die okzi- 
dentale die organische Einheit. Das ist schief gesehen. Die zugrunde- 
liegende einfache Wahrheit ist vielmehr die, daß Individualismus eben 
nichts anderes heißt als jene Zusammenraffung der Persönlichkeit, die 
nun allem, was sie berührt, ihren Stempel aufdrückt und darum auch 
aus all ihren einzelnen Lebensäußerungen unmittelbar erkannt werden 
kann. Diesem Typus nähert sich der Abendländer, während der orien- 
talische Mensch ruht in und handelt aus den überkommenen Objektivi- 
täten seiner sitten- und scholastikgebundenen Kultur und darum in 
seinen Lebensäußerungen weniger eine Persönlichkeit eigenen Rechtes, 
als eben diese Kultur, auch in ihren Widersprüchen und Krisen. wider- 
spiegelt. Es ist der Typus auch unsres Mittelalters, ein immer wieder- 
kehrender geistiger Typus, und es handelt sich nicht, wie es bei Haas 
erscheint, um eine biologisch andersartige seelische Struktur der einen 
Hälfte der Menschheit. Mit der Behauptung einer Unbegreifbarkeit des 
Orientalen ist viel Unfug getrieben worden. In Wahrheit ist doch noch 
keine unsrer mächtigen psychologischen Erkenntnismethoden auf ihn an- 
gewendet worden, weder die Methoden der differentiellen und der experi- 
mentellen Psychologie, welche die von der europäischen Norm ablenken- 
den physiologischen Faktoren feststellen würden, noch die vergleichend- 
kultursoziologische Methode, der sich die in Milieu, Erziehung und 
Kultur liegenden Sonderfaktoren erschließen. Es ist eben ein unzu- 
längliches Verfahren, eine unter abweichenden Voraussetzungen lebende 
Seele nach Analogie der eigenen Psyche einfach einfühlend „verstehen“ 
zu wollen; vielmehr muß bewußt das „Erklären“, das Nachkonstruieren 
aus objektiv festzustellenden Faktoren, hinzutreten. 

Jenes Komplement der relativen Unpersönlichkeit des Orientalen, 
das Ruhen in einem objektiv gegebenen, allseitig ausgebauten Gedanken- 
und Gewohnheitsgefüge hat auch Hermann Graf Keyserling im Auge 
in der Schrift: „Kulturprobleme des Orients und des Okzidents“ (Jena 
1818, Eugen Diederichs, 30 S.). Er findet in der indischen Kultur ein 
Beispiel der vollendeten Selbstverwirklichung in der Sphäre des Psychi- 
schen, in der chinesischen ein Beispiel der vollendeten Selbstausprägung 
im konkreten, besonders sozialen Leben. Und da der Osten in diesem 
gerundeten Fertigsein seiner Kultur etwas Überlegenes besitze, welches 
der Westen gerade jetzt wieder, in einem Prozeß der Veröstlichung, zu 
suchen beginne, habe der Osten keine Veranlassung, sich so unbesehen 
weiter zu verwestlichen. — Bedeutende Bemerkungen finden sich auch in 
Keyserlings bekanntem Reisetagebuch eines Philosophen (Darmstadt 1919, 
Otto Reichl, 754 S., über China und Japan S. 361—587). Der Preis des Buches 
ist unerhört hoch angesetzt (Anfang 1922 waren es schon 528 M.), als ob auch 
er sagen wolle, daß eine Elite zum Kosten von diesen vielfach auf die 
8 tze getriebenen kulturphilosophischen Aphorismen eingeladen sei. 
Unmittelbar für den Politiker von Interesse ist Keyserlinga Charakte- 
ririerung der abgedankten reaktionären chinesischen Staatsmänner, die 





Besprechungen 201 





sich vor der demokratischen Überschwemmung im deutschen Tsingtau 
sammelten. Seine kulturphilosophische Einstellung idealisiert sie im 
Sinne aller guten Geister der chinesischen Kultur: des Wurzelns alles 
Außeren im Innern, alles Innern und Geistigen im veredelten Natür- 
lichen usw. Wie dieser Zustrom die für Deutschland immer ungünstiger 
werdende Konstellation der Imponderabilien beeinflußte, wird nicht er- 
örtert. Soweit ich die alten Herren in Taingtau sah, waren sie harmlos, 
schicksalsfügsam, idealistische Humanisten und Scholastiker im Sinne 
unsres typischen, jetzt schon ziemlich ausgestorbenen klassischen Philo- 
logen oder des Pfarrers alten Stils, der in der Sprache Kanaans lebt und 
webt. Mittelbar von Bedeutung für den Politiker ist Keyserlings außer- 
ordentliches Einfühlungsvermögen und sein nicht weniger außerordent- 
liches Freisein von europäischen Vorurteilen. Dieses jetzt weite deutsche 
Kreise erfassende Freiwerden von europäischen Denk- und Empfindungs- 
gebundenheiten wird vielleicht den Nachlebenden als einer der charakte- 
ristischen Züge unsrer deutschen Gegenwartskultur des reif gewordenen 
Historismus und einer schon seit Jahrzehnten herangekrochenen, dann 
plötzlich niederwerfend angesprungenen Enttäuschung erscheinen, als 
ein Wendepunkt deutscher Kultur und als eine. ihrer wesentlichen Uber- 
legenheiten, die manche ihrer Unterlegenheiten gegenüber den ge- 
schlosseneren und selbstsichereren westlichen Kulturen aufwiegt, und 
uns belfen könnte, auch politisch im Osten eine über den möglichen 
Machteinsatz weit hinausreichende Rolle zu spielen. 

Kulturkritisch orientiert ist die Schrift des österreichischen Sozia- 
listen Ernst Viktor Zenker, Soziale Moral in China und Japan 
(Schriften des sozialwissenschaftlichen Vereins in Czernowitz, München 
18915, Duncker & Humblot, 42 S.). Der Verfasser stellt dem Geist der 
„europäischen Militär- und Geldstaaten“ nach den Äußerungen der 
chinesischen Klassiker die konfuzianischen Ideale der ethisch gegrün- 
deten Humanität, des -Friedens, der Persönlichkeitskultur, der Gemein- 
samkeit gegenüber. DaB die sozialistische Weltanschauung in der 
Grundeinstellung des Orients Geist von ihrem Geist findet, eröffnet 
weiteste, Weltalter umspannende Perspektiven, die über das schon An- 
gedeutete hinaus hier nicht verfolgt werden Rönnen. 

Nach all dem noch mühsam genug brodelnden Gedankengedränge 
dieser Schriften zum Schluß das feine Werkchen eines Dichters: Paul 
Claudel, Aus der Erkenntnis des Ostens (deutsch (in Auswahl), Leipzig 
D J. Inselverlag, 45 SL Gegenständliche Bilder: eine Palme, eine 
Götzengesellschaft in halbdunkler Halle, nächtliche Barken-Festfahrt, 
rauschende chinesische Theaterbuntheit, Stimmung und Nachdenkliches 
eingestreut, schließlich ein wonniges Schwelgen in der sehr köstlichen 
Japanischen Legende von der Befreiung der Sonnengöttin Amaterasu. 


Hans Delbrück*), Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politi- 
schen Geschichte. 2. Teil. Die Germanen. 3., neu durchgearbeitete und 
vervollständigte Auflage. Berlin 1921. Georg Stilke. VIII u. 508 S. 

Um etwas mehr Äußerliches vorwegzunehmen: der Änderungen 
gegenüber der zweiten Auflage von 1909 gibt es nicht viele. Kleinere 

Nachträge und Verbesserungen (z. B. in der Kriegsverfassung der West- 





. *) Eine kurze Auseinandersetzung über den Fall Delbrück-Ludendorff 
(im Anschluß an Delbrücks Schrift „Ludendorffs Selbstporträt‘), die sich 
am Anfang dieser Besprechung befunden hatte, und ein knappes Schluß- 
wort sind als nicht unmittelbar zur Sache gehörig von der Redaktion im 
invernehmen mit dem Rezensenten weggelassen worden. (Anmerkung 
der Redaktion.) 


202 Besprechungen 


goten: S. 415—417, auf Grund einer Berliner Doktorarbeit von 1809) sind 
natürlich vorhanden; aber man wünschte mehr davon zu spüren. Gewiß 
bereitete es dem Verfasser hohe Genugtuung, wenn er imstande war, 
angefochtene Auffassungen (z. B. vom Wesen des germanischen Keils 
oder von der Identifizierung der Lage des Kastells Aliso mit der Anhöbe, 
wo heute der Paderborner Dom steht) durch neue Argumente zu ver- 
stärken. Doch an zahlreichen Stellen, wo sich Delbrück mit den vor 
1909 erschienenen Vermutungen auseinander gesetzt hatte, ist die latente 
Verpflichtung, das Gesagte überall auf den Stand der Forschung von 
1920 zu bringen, sichtlich unterblieben. Ohne Zweifel hat den Verfasser 
die Vollendung des Werkes (vierter und letzter Teil 1920) so stark be- 
schäftigt, daß für die Kleinarbeit, die vorher erschienenen Bände up to 
date zu halten, nicht viel Zeit übrig blieb. Das bedauert man z. B. bei 
der Lokalisierung der Varus-Schlacht und anderen topographischen Pro- 
blemen aus der “altdeutschen Kriegsgeschichte.e Was mich aber be- 
sonders stört, das ist die Nachlässigkeit, den Text von 1809 nicht zu 
ändern, wo eben nur die Sachlage jener Zeit gemeint war. Es mag allen- 
falls noch dahingehen, wenn es auf S, 146 von Haltern heißt, daß der 
Umriß des dortigen Kastells „neuerdings“ mit Sicherheit festgestellt 
worden sei; denn schließlich ist das ein relativer Begriff von großer 
Dehnbarkeit, der von 1921 auf 1900 projiziert immer noch passen mag. 
(Ähnlich auf S. 306: „jüngst“ = 1901.) Aber es führt direkt irre, wenn 
wir auf S. 153 lesen, die großen Lager bei Haltern seien „vor neun 
Jahren“ entdeckt worden; denn so gerate ich in das unmögliche Jahr 
1912. In derselben Linie liegt die in Gedanken stehengebliebene Be- 
hauptung, Pfarrer Prein habe das sogar bei Oberaden „vor vier Jahren 
gefunden. Derartiger Widersprüche gegen die Titelaussage „neu durch- 
gearbeitet“ gibt es eine schwere Menge. Fand sich denn kein dankbarer 
Schüler, der diese unbedingt nötige Durchsicht (vgl. z, B. die Unordnung 
in den Anmerkungen zu S. 307£. u. 313!) mit der Akribie besorgt hätte, 
die die bewährte zweite Auflage aufwies? Der Zusatz auf S. 154 „Zur 
3. Auflage“ entband den Verfasser keineswegs von einer gründlichen 
Revidierung des vorhergehenden langen -Exkurses. Auch die Notiz über 
Oman läßt sowohl nach Titelangabe wie nach Kommentar die sonst 
übliche Sorgfalt vermissen. en 

Doch das sind schließlich Äußerlichkeiten, Viel wichtiger ist 
natürlich die Frage nach dem Inhalt und seinen Hauptergebnissen. _ 

Da bedeutet es gerade für den vorliegenden Band ohne Zweifel eine 
besondere Auszeichnung, wenn ihn der Verfasser selber für den wichtig- 
sten hält. Gewiß hat der erste Band mit seiner grundlegenden Kritik 
an den riesigen Heereszahlen der Alten Geschichte seine großen Ver- 
dienste (die sich übrigens der zweite Band gerade auf diesem Gebiete 
gleichfalls erworben hat); gewiß hat der vierte Band mit seiner viel- 
besprochenen Antithese: hie Niederwerfungs-, dort Ermattungs-Strategie 
die theoretische Kriegswissenschaft stark gefördert, angeregt und belebt. 
Aber der „Germanen“-Band greift am tiefsten ein in die Überlieferung 
weltgeschichtlicher Auffassungen. Negativ wie positiv. Er räumt einer- 
seits die legendären Vorstellungen vom Untergange der antiken Welt 
und von der Völkerwanderung hinweg. Weg mit solchem Schutt! Ander- 
seits begründet er erstens das Bündnis zwischen Konstantin dem Großen 
und der christlichen Kirche als Postulat der veränderten Kriegsver- 
fassung. Zweitens stellt er das Wesen der Lehnsverfassung und des 
Rittertums fest. Dies der neue Aufbau, das Greifbare, das Erträgnis 
Zugrunde liegt ihm die Polarität zwischen Einzelkämpfer und taktischem 
Körper im Wesen des Kriegertums (worüber dann der dritte Band die 
eigentliche Ausarbeitung liefert). 

So sehen in den Augen des Autors die Gipfel seines Werkes aus. 
Und er hat Recht, stolz auf sie zu sein. Denn der Ton liegt auf dem 


Besprechungen 203 


Begriffe „tief eingreifend“. Ehe er sich dem eigentlichen Thema des 
ersten Buches, dem Kampfe der Römer und der Germanen, zuwendet, ver- 
schafft er sich durch Bloßlegen der Wurzeln des germanischen Krieger- 
tums eine solid grundlegende Anschauung über den urgermanischen Staat. 
Das Charakteristische daran ist die ziffermäßig ziemlich genau festzu- 
stellende Kleinheit der Verhältnisse. Gerade auf diesem Felde bewährt 
sich immer von neuem die jeder Phantasterei abholde, unbestechliche 
Nüchternheit Delbrücks. Eine seiner wichtigsten Thesen ist die Gleich- 
setzung Geschlecht = Hundertschaft = Dorf. Aber auch sonst geht er 
den verfassungsgeschichtlichen Grundlagen mit sichtlicher Liebe auf den 
Leib, weil nur sie die kriegerischen Leistungen der Germanen richtig 
verstehen lehren. Außer der wilden Tapferkeit des Einzelkämpfers muß 
es etwas gegeben haben, was den verhältnismäßig geringen Heeren der 
Germanen von vornherein Stoßkraft und Erfolge verbürgte Das war 
die sicher funktionierende, eine wuchtige Führung hier, eine ausreichend 
fest gekittete Disziplin dort ermöglichende Gliederung, der taktische 
Körper. Der von Delbrück angenommene und hartnäckig verfochtene 
natürliche Zusammenhang zwischen Dorf, Geschlecht und Hundertschaft 
sicherte den Volksheeren auch auf der Wanderung jenes Zusammen- 
halten, das sie den Römern so furchtbar machte. Die Urform des takti- 
schen Körpers der Germanen ist der Gevierthaufe, die tiefe Kolonne — 
zum Unterschiede von der Phalanx als der griechisch-römischen Urform. 
Wie sich Delbrück den Kampf eines solchen „cuneus“ (was man der Miß- 
verständlichkeit wegen nicht mit „Keil“ wiedergeben sollte) vorstellt, 
das ist sehr anschaulich und reizvoll beschrieben. Erst nachdem er so 
die allgemeine Basis gelegt hat, wendet er sich, ein nicht genug zu 
rühmender methodischer Vorzug, der Einzeluntersuchung zu. 

In der tiefschürfenden Forschungsart, wie sie sich in Delbrücks 
„Geschichte der Kriegskunst‘‘ immer wieder bewährt, liegt eins ihrer 
Hauptverdienste. Der Verfasser wirtschaftet dabei mit einem gelahrten 
Apparate des Philologen und Antiquars ebenso souverän wie mit der 
Kunst, durch möglichst sinnfälliges Vergleichen und Operieren mit wirt- 
schaftlichen Argumenten das Verständnis dunkler Punkte zu fördern. 
Ihm deswegen, wie es Ernst Troeltsch im „Marxismus“ (Histor, Zeit- 
schrift 120, 441) beliebt, hat, einen „unverkennbar marxistischen Ein- 
schlag“ aufzunötigen, geht natürlich zu weit. Wenn Hans Delbrück 
z. B. die Schwierigkeiten der Verpflegung größerer Truppenkörper ge- 
wissenhaft nachprüft, um aus Prämissen, wie sie dies Problem zu allen 
Zeiten und bei allen Völkern, mutatis mutandis, immer von neuem liefert, 
seine Schlüsse für den konkreten Fall zu ziehen, so wird er doch damit 
noch lange nicht zum Marxisten. Vielmehr ist das eine Methode, wie 
sie seit B. G. Niebuhr jeder mit dem Wesen der Analogie vertraute 
Historiker mit Erfolg angewandt hat. 

Nur dahinter darf man hier und da — also nur gelegentlich, stellen- 
weise! — wohl ein Fragezeichen setzen, wenn Hans Delbrück seiner 
Überzeugung, das Richtige getroffen zu haben, allzu emphatisch Aus- 
druck verleiht. Die Überlieferung ist doch für recht zahlreiche Vor- 
kommnisse aus der Frühgeschichte Deutschlands nicht das, was man 
„quellenmäßig sicher“ nennen darf. Alle Achtung vor dem Aufwande 
von Textkritik und Scharfsinn, den der Verfasser in manchen Teilen des 
Werkes Seite für Seite betätigt! Jeder Leser wird solchem Gedanken- 
turnei mit ästhetischem Genusse folgen. Aber er wird sich, wenn er 
sich nicht überrumpeln und gefangennehmen lassen will, doch in jedem 
Einzelfalle vorhalten, daß es sich eben nur um Vermutungen und Wahr- 
scheinlichkeiten handeln kann, nicht mehr! Dagegen hat sich, wie ge- 
sagt, Delbrück an mehreren Stellen versündigt. Im stolzen Bewußtsein 
des überlegenen Sachkenners setzt er dann an die Stelle eines vorsichtigen 
„Vielleicht“ oder eines „Es dürfte so gewesen sein“ das einfache 


204 Besprechungen 


Diktat „Es ist so gewesen“. Das gilt ebenso von temperamentvollen 
Episoden der Schlacht im Teutoburger Walde wie von verschiedenen 
Kämpfen der Ostgoten ein halbes Jahrtausend später (vgl. z. B. die be- 
zeichnenden Wendungen „unmöglich“ und „ohne Zweifel“ auf S. 305 oder 
„gewiß“ und „niemals“ auf S. 311). Nicht überall hat der Verfasser sein 
Verfahren so ausführlich „gerechtfertigt“, wie er es mit seiner Schilde- 
rung der Schlußkatastrophe vom Jahre 9 (auf S. 83-85) tun zu müssen 
geglaubt hat. Für schwankende Gemüter mag ja Delbrücks autorita- 
tives Auftreten, das auf niemand den Eindruck einer imponierenden Ge- 
schlossenheit verfehlen wird, seine Vorteile haben — der kritisch ver- 
anlagte Benutzer wird gerade dadurch mißtrauisch gemacht und ver- 
stimmt. Eine feste Ansicht sich zu erobern, ist für jeden echten Histo- 
riker Voraussetzung jeder Historiographie, Er soll aber in einem Werke 
der Wissenschaft die Grenzen zwischen absoluter Sicherheit und gemut- 
maßter Möglichkeit niemals verrücken noch verwischen. 

Das mußte auch einem Hans Delbrück gegenüber einmal offen 
heraus gesagt werden. Denn mit den eben skizzierten Beanstandungen 
werden, das sei ausdrücklich betont, fast nirgends die allgemeinen Richt- 
linien getroffen, sondern beinahe ausschließlich bloße Einzelfrüchte dieser 
oder jener Sonderuntersuchung. In den großen Zügen herrscht nach wie 
vor die achtunggebietende pupillarische Sicherheit der Aufstellung. Vor 
allem gilt das von der These, die schon gestreift ist: wie von der sich 
fortfressenden Zersetzung der römischen Legionen durch Barbarenbanden 
das nun geschwächte, ja in seinem Mark getroffene Imperium einfach 
gezwungen ward, sich mit den Bischöfen zu verbinden. „Niemals“, sagt 
Delbrück mit Recht, „hätte der römische Kaiser (Konstantin) die christ- 
liche Kirche als souveräne Macht neben sich zugelassen, wenn er noch 
in den Legionen die alte Stütze gehabt hätte“. Diesen weltgeschichtlich 
ungeheuer tief wirkenden Zusammenhang zwischen Heer und Kirche 
herausgearbeitet zu haben, wird immer ein leuchtendes Verdienst Hans 
Delbrücks bleiben. 

Auch sonst hat er gerade für Wandlungen, die zu den schwerst 
faßbaren, weil den Quellen nur indirekt zu entnehmenden Vorgängen 
der Weltgeschichte gehören, ein scharfes Auge, So kommt innerhalb der 
Kriegsverfassung der Westgoten neben dem allgemeinen Volksaufgebot 
im 5. Jahrhundert ein anderes Kriegertum auf, das der Buccellarier, in 
gewissem, aber auch nur in einem gewissen Sinne Verwandte der vor- 
maligen Gefolgsleute; freilich ruhte auf ihnen nur noch ein Abglanz 
des einst hoch gehaltenen Gedankens der persönlichen Treueverpflich- 
tung. Weiter gehören zu den Gipfelpunkten des zweiten Bandes die 
feinen Bemerkungen über den grundlegenden Unterschied zwischen dem 
Berufskrieger im Merowinger- und dem im Gotenreiche. Hier aus- 
schließlich der unvermischte Ostgote in seiner Gesamtheit, dort ein bald 
fränkischer, bald romanischer Untertan von kriegerischer Tauglichkeit. 
„Gefolgschaft“ ist eben ein je nach Zeit und Volk wesentlich verschie- 
dener Begriff. i 

Mit der Kriegsverfassung mußte sich natürlich auch die Taktik 
wandeln. Eine Hoplitenphalanx mazedonischer Könige ist etwas anderes 
als eine Kohorte römischer Republikaner oder als eine germanische 
Hundertschaft um Christi Geburt herum; und diese wieder weicht in 
ihrer Fechtweise stark ab von der etwa des fränkischen Zeitalters. 
Durchweg aber verbleibt dem germanischen Auftreten ein Charakteristi- 
kum: das der Qualität. Klein waren die Heere der Völkerwanderung. 
klein die der Ostgoten Theoderichs, klein die der Franken Chlodwigs- 


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206 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


schen Kriegssteuerpolitik. Die Erträge aus den Kriegssteuern 
stiegen so beträchtlich, daß sie bereits im zweiten Friedensjahr 
zur Deckung der Gesamtausgaben fast ausreichten. Es betrugen 
in Mill. E") 
die Gesamt- die Steuer- % der Gesamt- 
ausgaben einnahmen ausgaben 


1917118... ... 2696 613 22,7% 
1918/19 . ..... 2579 784 30,4% 
1919/20 ...... 1666 999 60,0% 
1920/21 ...... 1195 1032 86,3%. 


Hier zeigt sich wieder, daß Abbau der Ausgaben und Ausbau 
der ordentlichen Einnahmen so rechtzeitig wie möglich in die 
Hand genommen werden müssen, wenn die Staatsfinanzen im 
Kriege in Ordnung bleiben sollen. 

Während Großbritannien so heute eigentlich nur vor der einen 
finanzwirtschaftlichen Aufgabe steht, die im Kriege angeschwolle- 
nen Ausgaben herabzusetzen, damit die Steuerlast ermäßigt werden 
kann, müssen alle anderen Staaten, die im Kriege die sehr bequeme 
Finanzpolitik getrieben haben, die ständig sich vergrößernde Span- 
nung zwischen Ausgaben und Einnahmen durch Aufnahme von in- 
und ausländischen Anleihen und Ausgabe von kurzfristigen Schatz- 
wechseln und Noten auszufüllen und die deshalb mit einer unge- 
heuren Staatsschuld aus dem Kriege hervorgegangen sind, sich heute 
damit abmühen, durch umfassende Steuerreformen die zahlreichen 
Milliarden aufzubringen, die zur Deckung der laufenden Aus- 
gaben und zur Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld erforder- 
lich sind. Wohl die gewaltigsten Anstrengungen in dieser Hin- 
sicht hat das Deutsche Reich mit seinen durchgreifenden und um- 
fassenden Steuerreformen von 1919—1922 gemacht; wenn trotz- 
dem die Ordnung der Reichsfinanzen vorläufig mißlungen ist. so 
liegt das vorwiegend daran, daß die alliierten Mächte im Ver- 
sailler Vertrage und Londoner Ultimatum Deutschland finanzielle 
Lasten aufgebürdet haben, die die Leistungsfähigkeit eines in 
seiner volkswirtschaftlichen und sozialen Struktur erschütterten 
Volkes um ein Vielfaches übersteigen, und die deshalb eine so 
rasche und starke Entwertung der Mark hervorrufen, daß die 
Herstellung des Gleichgewichts zwischen Ausgaben und Ein- 
nahmen völlig unmöglich wird. Auf den Reichsfinanzen lastet der 
Druck des gewaltigen Defizits, welches die französischen Finanz- 
minister zuerst im Kriege, dann seit dem 11. November 1918 mit 


1) Vgl. Weltwirtschaftliches Archiv, 18. Bd., Juli 1922, Heft 1, S. 47 ff., 
wo ich ausführlicher darauf eingegangen bin. 


Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 207 


einer auf politische Motive zurückzuführenden absichtlichen Sorg- 
losigkeit im Budget special des dépenses recouvrables (Repara- 
tionsetat) ins ungemessene haben anschwellen lassen. Einschließ- 
lich der Zinsen erreichen diese von Deutschland zurückzuerstatten- 
den Ausgaben bis Ende 1922 bereits die Höhe von mehr als 100 
Milliarden Francs?”). Obwohl das französische Gesamtbudget so 
mit einem gewaltigen Defizit von Jahr zu Jahr weitergeschleppt 
wird, hat die französische Finanzverwaltung bisher keinerlei ent- 
sprechende Anstrengungen unternommen, die enormen Ausgaben 
abzubauen oder seine ordentlichen Einnahmen und Steuern ent- 
sprechend zu vermehren; sie verläßt sich darauf, daß Deutschland 
die Phantasiesummen, die ihm in Versailles und London aufge- 
bürdet worden sind, zahlen wird. „Der Finanzminister‘, schreibt 
Charles Seignobos im ersten Heft des laufenden Bandes der „Zeit- 
schrift für Politik“, „benutzte die öffentliche Meinung, um sich von 
der Verpflichtung zu befreien, das Budget ins Gleichgewicht zu 
bringen; er eröffnete auf die Reparationen einen Kredit, indem er 
sagte: ‚Deutschland wird zahlen‘.“ 


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Was hat Frankreich bisher aus eigener Kraft getan, um den 
Wiederaufbau seiner Staatsfinanzen nach dem Kriege in die Wege 
zu leiten? 

Frankreichs Finanzbedarf, der im letzten Friedensjahre 5060 
Millionen Francs betrug, hat im Kriege zwar nicht annähernd die 
Höhe erreicht wie der Großbritanniens, übersteigt aber, wenn man 
berücksichtigt, daß es vier Jahre lang den Krieg im eigenen 
Lande führen mußte, bei weitem die eigene Leistungsfähigkeit des 
französischen Volkes. Die Gesamtausgaben, die bis 1920 unauf- 
hörlich und in starkem Verhältnis stiegen (in Milliarden Francs: 
1914: 10,4; 1915: 22,1; 1916: 36,8; 1917: 44,7; 1918: 56,7; 1919: 
94,1; 1920: 58,1), weisen erst in den beiden letzten Jahren einen 
geringen Rückgang auf (1921: 52,0; 1922: 48,7), während die 
ordentlichen Einnahmen in den ersten Kriegsjahren sogar zurück- 
gingen und dann nur langsam anstiegen. Sie sind im Rechnungs- 
jahre 1921 mit 16,5, im Rechnungsjahre 1922 mit 19,8 Milliarden 


1) Alle Angaben dieses Aufsatzes über Frankreichs Finanzlage ent- 
stammen, soweit nicht besondere Angaben gemacht sind, den amtlichen 
französischen Quellenwerken, insbesondere den Projets de loi presentés à 
la Chambre des Députés portant fixation du budget general des exercices 
1921. 1922, 1923 und den dazu gehörigen Ergänzungsberichten. 

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Abhandlungen 


X 
Frankreichs Finanzpolitik 


Von Oswald Schneider 


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Der Wiederaufbau der Staatsfinanzen nach dem Weltkriege ist 
eine der schwierigsten staatswirtschaftlichen Aufgaben, die in 
allen am Kriege beteiligten Ländern bald in Angriff genommen, 
nirgends aber bisher gelöst worden ist. Großbritannien allein 
ist es unter allen europäischen Großmächten gelungen, seine 
Staatsfinanzen wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Das eng- 
lische Schatzamt hatte schon während des Krieges mit kluger 
Voraussicht und starker Ehrlichkeit sich bemüht, das Gleich- 
gewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen aufrechtzuerhalten. 
Auch in Großbritannien sind zwar in den vier Kriegsjahren die 
Gesamtausgaben so rasch und in einem solchen Maße ange- 
schwollen (1913/14: 197 Mill. £, 1917/18: 2696 Mill. £), daß es 
ausgeschlossen war, die ordentlichen Einnahmen, insbesondere die 
Steuern, im gleichen Verhältnis zu steigern. Aber durch seine 
energische Kriegssteuerpolitik hat es das englische Schatzamt 
doch erreicht, daß die Spannung zwischen den Gesamtausgaben 
und den ordentlichen Einnahmen von Jahr zu Jahr kleiner wurde 
und die Einnahmen aus Steuern, deren Ertragssteigerung sich 
erfahrungsgemäß auf eine Reihe von Jahren verteilt, gerade dann 
ihren höchsten Stand erreichten, als die Ausgaben bereits erheb- 
lich zurückgingen. Im letzten Friedensjahre wurden von den 
197 Mill. £ Gesamtausgaben 163 Mill. £ (82,7°/,) durch Steuer- 
einnahmen gedeckt. Dieses Verhältnis zwischen Gesamtausgaben 
und Steuereinnahmen sank bereits im zweiten Kriegsjahr auf 
18,6°/, und verbesserte sich in den nächsten Jahren nur wenig. 
Am Kriegsende aber, als die Gesamtausgaben bereits erheblich 
sanken, erntete das englische Schatzamt den Erfolg seiner energi- 

Zeitschrift für Politik. 13. 14 


206 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


schen Kriegssteuerpolitik. Die Erträge aus den Kriegssteuern 
stiegen so beträchtlich, daß sie bereits im zweiten Friedensjahr 
zur Deckung der Gesamtausgaben fast ausreichten. Es betrugen 
in Mill. E) | 
die Gesamt- die Steuer- % der Gesamt- 
ausgaben einnahmen ausgaben 


1917/18... ... 2696 613 22,7% 
1918/19 . ... . - 2579 184 30,4% 
1919/20 ...... 1666 999 60,0% 
1920/21 — 1195 1032 86,3%. 


Hier zeigt sich wieder, daß Abbau der Ausgaben und Ausbau 
der ordentlichen Einnahmen so rechtzeitig wie möglich in die 
Hand genommen werden müssen, wenn die Staatsfinanzen im 
Kriege in Ordnung bleiben sollen. 

Während Großbritannien so heute eigentlich nur vor der einen 
finanzwirtschaftlichen Aufgabe steht, die im Kriege angeschwolle- 
nen Ausgaben herabzusetzen, damit die Steuerlast ermäßigt werden 
kann, müssen alle anderen Staaten, die im Kriege die sehr bequeme 
Finanzpolitik getrieben haben, die ständig sich vergrößernde Span- 
nung zwischen Ausgaben und Einnahmen durch Aufnahme von in- 
und ausländischen Anleihen und Ausgabe von kurzfristigen Schatz- 
wechseln und Noten auszufüllen und die deshalb mit einer unge- 
heuren Staatsschuld aus dem Kriege hervorgegangen sind, sich heute 
damit abmühen, durch umfassende Steuerreformen die zahlreichen 
Milliarden aufzubringen, die zur Deckung der laufenden Aus- 
gaben und zur Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld erforder- 
lich sind. Wohl die gewaltigsten Anstrengungen in dieser Hin- 
sicht hat das Deutsche Reich mit seinen durchgreifenden und um- 
fassenden Steuerreformen von 1919—1922 gemacht; wenn trotz- 
dem die Ordnung der Reichsfinanzen vorläufig mißlungen ist. so 
liegt das vorwiegend daran, daß die alliierten Mächte im Ver- 
sailler Vertrage und Londoner Ultimatum Deutschland finanzielle 
Lasten aufgebürdet haben, die die Leistungsfähigkeit eines in 
seiner volkswirtschaftlichen und sozialen Struktur erschütterten 
Volkes um ein Vielfaches übersteigen, und die deshalb eine so 
rasche und starke Entwertung der Mark hervorrufen, daß die 
Herstellung des Gleichgewichts zwischen Ausgaben und Ein- 
nahmen völlig unmöglich wird. Auf den Reichsfinanzen lastet der 
Druck des gewaltigen Defizits, welches die französischen Finanz- 
minister zuerst im Kriege, dann seit dem 11. November 1918 mit 


1) Vgl. Weltwirtschaftliches Archiv, 18. Bd., Juli 1922, Heft 1, S. 47 ff., 
wo ich ausführlicher darauf eingegangen bin. 


Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 207 
einer auf politische Motive zurückzuführenden absichtlichen Sorg- 
losigkeit im Budget special des dépenses recouvrables (Repara- 
tionsetat) ins ungemessene haben anschwellen lassen. Einschließ- 
lich der Zinsen erreichen diese von Deutschland zurückzuerstatten- 
den Ausgaben bis Ende 1922 bereits die Höhe von mehr als 100 
Milliarden Francs’). Obwohl das französische Gesamtbudget so 
mit einem gewaltigen Defizit von Jahr zu Jahr weitergeschleppt 
wird, hat die französische Finanzverwaltung bisher keinerlei ent- 
sprechende Anstrengungen unternommen, die enormen Ausgaben 
abzubauen oder seine ordentlichen Einnahmen und Steuern ent- 
sprechend zu vermehren; sie verläßt sich darauf, daß Deutschland 
die Phantasiesummen, die ihm in Versailles und London aufge- 
bürdet worden sind, zahlen wird. „Der Finanzminister‘, schreibt 
Charles Seignobos im ersten Heft des laufenden Bandes der „Zeit- 
schrift für Politik“, „benutzte die öffentliche Meinung, um sich von 
der Verpflichtung zu befreien, das Budget ins Gleichgewicht zu 
bringen; er eröffnete auf die Reparationen einen Kredit, indem er 
sagte: „Deutschland wird zahlen‘.“ 


H 


Was hat Frankreich bisher aus eigener Kraft getan, um den 
Wiederaufbau seiner Staatsfinanzen nach dem Kriege in die Wege 
zu leiten? 

Frankreichs Finanzbedarf, der im letzten Friedensjahre 5060 
Millionen Francs betrug, hat im Kriege zwar nicht annähernd die 
Höhe erreicht wie der Großbritanniens, übersteigt aber, wenn man 
berücksichtigt, daß es vier Jahre lang den Krieg im eigenen 
Lande führen mußte, bei weitem die eigene Leistungsfähigkeit des 
französischen Volkes. Die Gesamtausgaben, die bis 1920 unauf- 
hörlich und in starkem Verhältnis stiegen (in Milliarden Francs: 
1914: 10,4; 1915: 22,1; 1916: 36,8; 1917: 44,7; 1918: 56,7; 1919: 
54,1; 1920: 58,1), weisen erst in den beiden letzten Jahren einen 
geringen Rückgang auf (1921: 52,0; 1922: 48,7), während die 
ordentlichen Einnahmen in den ersten Kriegsjahren sogar zurück- 
gingen und dann nur langsam anstiegen. Sie sind im Rechnungs- 
jahre 1921 mit 16,5, im Rechnungsjahre 1922 mit 19,8 Milliarden 





3) Alle Angaben dieses Aufsatzes über Frankreichs Finanzlage ent- 
stammen, soweit nicht besondere Angaben gemacht sind, den amtlichen 
französischen Quellenwerken, insbesondere den Projets de loi presentes A 
la Chambre des Députés portant fixation du budget general des exercices 
1921, 1922, 1823 und den dazu gehörigen Ergänzungsberichten. 

14° 


208 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik ~ 


Francs veranschlagt, so daß sie etwa ein Drittel der Gesamtaus- 
gaben ausmachen. Bringt man allerdings, wie es die französische 
Finanzverwaltung im Budget tut, die Reparationslasten (dépenses 
recouvrables) in Abzug, so ist zwar der Rückgang der Ausgaben 
erheblich größer (1922: 24,7, 1923: 28,2 Milliarden Francs) und 
das Verhältnis der Ausgaben zu den ordentlichen Einnahmen 
günstiger. Aber in diesem Abzug der Reparationsausgaben liegt 
eine absichtliche Verschleierung des gewaltigen Defizits im fran- 
zösischen Gesamtbudget, die darlegen soll, daß die französischen 
Ausgaben und Einnahmen sich das Gleichgewicht halten würden, 
wenn Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen Frankreich 
gegenüber nachkäme, d. h. die Reparationsausgaben Frankreichs, 
die der französische Finanzminister vorläufig im Wege des Kredits 
flüssig gemacht hat, in bar deckte. 

Vorläufig hat Frankreich nur wenig getan, um seine im Kriege 
gewaltig angeschwollenen Ausgaben abzubauen. Das zeigt sich 
am besten bei den Ausgaben für militärische Zwecke, die im 
letzten Friedensjahr 1913 1807 Millionen Francs betrugen, nach 
dem Kriege nur langsam zurückgingen (1920: 8293; 1921: 7098; 
1922: 5438 Millionen Francs)’”) und im nächsten Rechnungsjahr 
192% sogar wieder etwas ansteigen. Während in Großbritannien 
z. B. die Ausgaben für militärische Zwecke 1922 mit 128,1 Mill £ 
nur noch um 60 Prozent höher sind als im Frieden (1913/14: 77,2 
Millionen £), betragen sie in Frankreich noch das Dreifache wie 
im Frieden. Allerdings hat sich der Franc mehr entwertet als das 
Pfund Sterling. 

Stärker tritt der Abbau der Ausgaben bei den Kosten der 
Zivilverwaltung in Erscheinung. Vom staats- wie volkswirt- 
schaftlichen Standpunkt muß immer wieder gefordert werden, daß 
das im Kriege in allen Staaten zusammengeströmte Heer von 
Staatsbeamten und -angestellten, das nicht nur Milliarden an Ge- 
hältern beansprucht, sondern auch, um seine Daseinsberechtigung 
zu erweisen, Milliarden unproduktiver sächlicher Ausgaben ver- 
ursacht, so rasch wie möglich abgebaut wird. Frankreich hat 
nach dem Kriege zunächst an einen solchen Abbau seiner Zivil- 
verwaltung nicht gedacht, im Gegenteil hat es die Verwaltungs- 
ausgaben, die sich in den Kriegsjahren auf einer erträglichen Höhe 
hielten (1913: 1904; 1914: 2005; 1915: 2479; 1916: 2817; 1917: 
4119; 1918: 5443 Millionen Francs), nach dem Kriege noch be- 


2) Einschließlich der Kosten für die Besatzungstruppen. 


Schneider, Frankreichs Finanzpolitik | 209 


trächtlich anschwellen lassen (1919: 9257; 1920: 11377; 1921: 
9938 Millionen Francs). Erst im laufenden Rechnungsjahr 1922 
tritt ein wesentlicher Rückgang der Verwaltungsausgaben auf 
7035 Millionen Francs ein. 

Gewaltig sind dagegen die Ausgaben Frankreichs für die Ver- 
zinsung und Tilgung der Staatsschuld gestiegen. Der frühere 
französische Finanzminister Doumer hat bei der Vorlage des 
Budgetentwurfs für 1922 die gesamte Staatsschuld Frankreichs, 
die vor dem Kriege 34 188 Millionen Francs betrug, im Mai 1921 
auf 264 344 Millionen Francs berechnet. Am 31. März 1922 setzt 
sie sich in Millionen Francs wie folgt zusammen: 


Konsolidierte Schuld `, . .. 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 0. 155058 
Schwebende Schuld . . » - 2 2 2 2 2 2 2 0 2 oo 87050 


Ein interessantes Bild ergibt eine Aufstellung darüber, wie 
sich die auswärtige Schuld Frankreichs auf seine Gläubiger ver- 
teilt. Im einzelnen setzt sich die auswärtige Schuld Frankreichs 
am 31. März 1922 in Millionen Francs wie folgt zusammen: 


Vereinigte Staaten: 
Vorschüsse aus der Staatskasse . . . © : 2 2 2 20. 88 639 
Anleihe 1920 . .. 2 2 0 0 0 vr nn er ee. 1 079 
Anleihe 1921. . . 2 2 2 20 Er rn re re 1 070 
Obligationen, rückzahlbar an die amerikanische Re- 
Kirang e e Wan en en a 4 644 
Insgesamt. 40432 
Anleihen der Städte .. ... 2.22 0202000. 463 
esamt - 40 895 
England: eg 


Schatzwechsel, rückzahlbar an das engl. Schatzamt. . 28 626 
Schatzwechsel, rückzahlbar an die Bank von England 8250 
Kurzfristiger Bankkredit . . . 2 2 2 20 220. 148 


Japan: 
Langfristige Anleihe. . . . . 2.2220 e 545 
Kurzfristige Schatzwechsel . . . . . 2.2... eso 179 
Insgesamt . 724 
geg u le a he ee a a 666 
Argentinien `... . 2 0000. ee are 198 
287 
UFDEGBY ea 0 0. ea nn ad a a 185 


Insgesamt belief sich demnach die öffentliche Schuld Frank- 
reich Ende März 1922 auf rund 317 Milliarden Fr. Davon in 


210 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


Abzug zu bringen ist die Verschuldung ausländischer Staaten an 
Frankreich, die rund 15 Milliarden Francs beträgt‘). 

Die Ausgaben für die Verzinsung und Tilgung der öffentlichen 
Staatsschuld sind unaufhaltsam und beträchtlich angewachsen. 
Sie betragen in Millionen Francs: 

1918 . . . 1355 1916 . . . 8897 | 1919. . . 7908 | 19821. . . 11686 
1914 . . . 1860 | 1917 . . . 4816 |, 1920. . . 11747 | 1922. . . 18191 
1915 . . . 1818 | 1918 . . . 7021 

Zeigen schon diese Beispiele zur Genüge, daß Frankreich nach 
dem Kriege, namentlich in den Jahren vor Festsetzung der Re- 
parationssumme in London, wenig oder nichts getan hat, die ge- 
waltige Last der Staatsausgaben, mit der es aus dem Kriege 
herausgegangen ist, aus eigener Kraft zu vermindern, so behebt 
ein Blick auf den französischen Reparationsetat (Budget spécial 
des dépenses recouvrables et comptes spéciaux) jeden Zweifel, daß 
die französische Finanzpolitik nach dem Kriege darauf angelegt 
war, durch eine künstliche Steigerung der ungedeckten Staats- 
ausgaben aus politischen Gründen eine möglichst hohe Bemessung 
der von Deutschland zu verlangenden Reparationssumme zu er- 
zwingen. In den Motiven zum Budgetentwurf für 1923 heißt es 
in bezug auf die Reparationsausgaben: „L’importance de ces 
charges s’accroit brusquement, et dans des propositions con- 
siderables, de 1918 à 1919 et de 1919 à 1920. En deux années leur 
total passe de 8065 millions à 27371 millions.“ Die französischen 
Finanzminister nehmen binnen wenigen Jahren in der Höhe von 
74 Milliarden Francs Kredite auf Deutschlands Rechnung auf, um 
so in London mit dem Schein des Rechts jene phantastischen 
Summen fordern zu können, die Deutschland schließlich durch ein 
brutales Ultimatum aufgezwungen worden sind. 

Auch die Zusammensetzung und Entstehung der Reparations- 
schuld zeigt die Willkürlichkeit, mit welcher diese gewaltige 


4) Die Verschuldung ausländischer Staaten an Frankreich Ende Juli 1921 
(in Mill. Fr.): 


Rußland (zaristisches Regime) 5275 Polen cos eu ne e 1082 
Rußland (republikanisches Tschechoslowakei . . . . - 552 
Regime) `. e 480 Italien . 22.2 2002000 49 
Belgien e... esses 8027 Montenegro . ...... 18 
Jugoslawien . .. 2... 1554 Estland . ... 2.220. 11,6 
Rumänien . . e e e 1103 Lettland . . ». 2. 2 202.0. 11,5 
Griechenland . e... 918 Litauen . .» 2 222200 6,0 


Ein Teil dieser Beträge, insbesondere die an Rußland geliehenen, wird 
allerdings Frankreich kaum jemals wieder zurückerhalten. (Vgl. Weltwirtschaft- 
liches Archiv, 17. Band, April 1992, Heft 4, S. 869.) 


Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 211 





Summe zusammengetragen worden ist. Die durch Aufnahme von 
Kredit bereits getätigten Reparationsausgaben werden in dreierlei 
Ausgaben geteilt: in Ausgaben für die öffentliche Schuld, in mili- 
tärische Ausgaben und in Ausgaben für die Zivilverwaltung in 
den befreiten Gebieten. Unter den Ausgaben für die öffentliche 
Schuld haben die Militärpensionen den bei weitem größten Anteil 
an der Gesamtsumme. Die Reparationsausgaben haben sich in 
der Zeit von 1914—1922 wie folgt entwickelt: 


für die militärische — in 
— Ausgaben den befreiten insgesamt 
Gebieten 
in Millionen Francs j 
1914 — 868 4 372 
1915 17 1882 15 1914 
1916 107 2495 845 2947 
1917 149 8233 699 4081 
1918 168 5250 584 5952 
1919 186 5190 10108 15481 
1920 8454 2688 16187 222379 
1991 4364 2390 14669 21423 
1922 4973 980 17181 23 084 


Zu diesen Summen rechnen die Franzosen alsdann noch den 
kapitalisierten Wert der Pensionen mit 47074 Milliarden Francs 
und die Kosten, welche der Wiederaufbau der befreiten Gebiete 
in den nächsten acht Jahren verursachen wird, mit insgesamt 
72 Milliarden Francs. 

Rechnet man die jährlichen Ausgaben, die Frankreich auf 
Kosten Deutschlands macht, mit seinen ordentlichen Staatsaus- 
gaben zusammen, und stellt sie den ordentlichen Einnahmen 
gegenüber, so tritt in den französischen Finanzen ein so gewaltiges 
Defizit zutage, daß in keinem anderen Staate, in dem das Volk 
nicht in der Illusion erhalten werden muß, aus einem wirtschaftlich 
erschöpften Lande wie Deutschland so viel Milliarden heraus- 
pressen zu können, ein Finanzminister es wagen würde, die Ver- 
antwortung für die Fortführung einer solchen leichtfertigen 
Finanzpolitik zu übernehmen. Eine Gegenüberstellung der (ie- 
samtausgaben Frankreichs und seiner ordentlichen Einnahmen 
gibt das folgende besorgniserregende Bild von den franzörischen 
Finanzen (in Milliarden Fr.): 


Gesamt- Gem Defizit | — e = Donali 
1913 SI 49 0,2 1918 68,7 u8 Wvo 
1914 104 42 6,2 1919 64.1 11,8 49,5 
1915 ` oi 41 18,0 1920 58,1 HR ` mä 
1916 868 A8 81,9 1921 690 op 665 


1917 447 6,2 88,5 1923 48.1 1 2,8 


212 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


Dieses gewaltige Defizit hat bisher noch keinen französischen 
Finanzminister dazu veranlaßt, diejenigen finanzwirtschaftlichen 
Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, die Spannung zwischen 
Ausgaben und Einnahmen zu vermindern. Als die Ausgaben 
bereits den zehnfachen Betrag wie im Frieden erreichten, waren 
die Einnahmen noch immer nur um 35°/, höher als im letzten 
Friedensjahr. Seit Kriegsende sind die Ausgaben ganz unbeträcht- 
lich abgebaut worden, die ordentlichen Einnahmen nur langsam 
und unvollkommen gesteigert worden. Seit Juli 1920 ruht in 
Frankreich jede Steuergesetzgebung. Aber keine Kammerdebatte 
über die Reparationsfrage oder die Finanzen, keine Reise Poin- 
carés in die befreiten oder unsere besetzten Gebiete geht vorüber, 
ohne daß nicht das gewaltige Defizit in den französischen Finanzen 
als Schaugericht herausgestellt wird, um zu beweisen, daß 
Deutschland zahlen muß. 

II 

Wer die Finanzgesetzgebung Frankreichs nach dem Kriege 
kennt, wird hier einwenden, daß im Jahre 1917 und 1920 eine 
umfassende Reform des französischen Steuersystems in Angriff 
genommen worden ist. Die Frage, die hier aber sofort dagegen zu 
stellen ist, ob diese Steuerreform eine finanzielle Anstrengung 
Frankreichs darstellt, die im richtigen Verhältnis zu seinen Aus- 
gaben und seiner Leistungsfähigkeit steht, ist die entscheidende, 
die im Zusammenhang mit der bisherigen Betrachtung zu beant- 
worten ist. 

Frankreich hatte, als es 1914 in den Krieg eintrat, ein Steuer- 
system, das, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in seinen 
Grundzügen entstanden, in seiner Technik veraltet war und 
weder mit den veränderten ökonomischen Voraussetzungen des 
zwanzigsten Jahrhunderts noch mit den rasch steigenden Bedürf- 
nissen der Staatskasse in Einklang stand. Eine Reform dieses 
Steuersystems, insbesondere der direkten Steuern, wäre eine dring- 
liche Notwendigkeit gewesen, auch wenn der Weltkrieg nicht 
über Europa hereingebrochen wäre. Wenn also Frankreich eine 
organische Steuerreform durchgeführt hat, so unterzog es sich 
einer selbstverständlichen Aufgabe, an deren Lösung ja Caillaux 
schon vor dem Kriege seine Finanzkunst zu erproben versuchte. 
Lediglich die Abneigung der französischen Steuerzahler gegen ein 
inquisitorisches Eindringen der Steuerbehörden in die persönlichen 
Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Steuerpflichtigen hat 
eine durchgreifende Steuerreform erst unter dem Druck der 
Kriegslasten möglich gemacht. 


Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 213 


Den Kern dieser Reform bildet das System von Einkommen- 
steuern (impôts c&dulaires sur les revenus), das die verschiedenen 
Arten des Einkommens ähnlich wie die englische Einkommensteuer 
an der Quelle erfaßt. Einkommen aus bebautem und unbebautem 
Grundbesitz, aus Industrie- und Handelsunternehmungen, aus 
landwirtschaftlichen Betrieben, aus gewinnbringender Beschäfti- 
gung, aus investierten Kapitalien wird unabhängig von den 
individuellen Verhältnissen des Steuerzahlers nach äußeren Merk- 
malen erfaßt. Eine solche Steuer nach äußeren Merkmalen muß, 
wenn sie nicht steuerliche Ungleichmäßigkeiten und Härten 
zur Folge haben soll, sehr niedrige und proportionale Steuersätze 
zur Anwendung bringen und zahlreiche Erleichterungen und Aus- 
nahmen bei der Veranlagung und Erhebung vorsehen. Bei dem 
System der französischen Einkommensbesteuerung erscheinen die 
proportionalen Steuersätze, die vom Reinertrage des Steuerobjekts 
erhoben werden, mäßig hoch (meist 10°/,), aber die Ertragsberech- 
nung ist in Frankreich vorläufig eine so rohe und summarische, 
daß sie meist hinter dem tatsächlichen Einkommen, das der 
Steuerzahler aus dem betreffenden Steuerobjekt herauswirt- 
schaftet, weit zurückbleibt und erhebliche Ertragssteigerungen von 
Jahr zu Jahr steuerlich überhaupt nicht erfaßt werden. Der 
Steuergesetzgeber ist sich dieser unzulänglichen steuerlichen Er- 
fassung des Einkommens bewußt gewesen und hat sie deshalb 
durch eine allgemeine Einkommensteuer ergänzt. Diese all- 
gemeine Einkommensteuer (impôt général sur le revenu) gibt 
außerdem dem System der Einkommenbesteuerung den per- 
sonellen und progressiven Charakter, der erforderlich ist, wenn 
die steuerlichen Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit ver- 
wirklicht werden sollen. Nach der Reform der Einkommen- 
besteuerung in Frankreich zahlt ein dem guten Mittelstand ange- 
höriger Familienvater mit 3 Kindern, der ein Berufseinkommen 
von 35000 Francs jährlich bezieht, jährlich insgesamt 442 Francs 
(IO) Einkommensteuer. Damit ist die starke Belastung der ` 
Steuerzahler in Deutschland mit der Reichseinkommensteuer, die 
schon in den untersten Stufen (Dienstpersonal, Arbeiter, Unter- 
beamte usw.) 10°/, des Gesamteinkommens beträgt, überhaupt 
nicht zu vergleichen. Eine direkte Besteuerung des Vermögens 
kennt die französische Steuergesetzgebung vorläufig überhaupt 
nicht. Lediglich bei der Reform der Erbschaftsbesteuerung wird 
die Steuerschraube etwas stärker angezogen, aber Veranlagung 
und Erhebung werden so milde gehandhabt, daß von einer so 


214 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


hohen steuerlichen Erfassung des Vermögens wie in Deutschland, 
wo ein ganzes System von Vermögenssteuern fast zur voll- 
ständigen \Wegsteuerung des Kapitals führt, nicht die Rede sein 
kann. Die einzige neue Steuer in Frankreich, die erhebliche Mehr- 
erträge bringt, ist die Umsatzsteuer (impöt sur le chiffre d’affaires); 
ihr Ertrag ist für 1923 mit 2513 Millionen Francs in Anschlag 
gebracht worden. 

Betrachten wir die finanziellen Anstrengungen, welche Frank- 
reich im Wege der Besteuerung gemacht hat, insgesamt, so kommen 
wir zu einem recht bescheidenen Ergebnis. Während die Aus- 
gaben sich von 1913 bis 1923 verzehnfacht haben, sind die Ein- 
nahmen aus Steuern in derselben Zeit von 4907 auf 16119 Millionen 
Francs, d. h. von 100 auf 318°/, gestiegen. Berücksichtigt man, 
daß sich der Franc im gleichen Verhältnis dieser Steigerung ent- 
wertet hat, so kann von einer Steigerung der Einnahmen aus 
Steuern überhaupt nicht die Rede sein. Vor dem Kriege machten 
die Einnahmen aus den direkten Steuern mit 634 Millionen Francs 
13°/, der Gesamteinnahmen aus Steuern aus; dieser Anteil ist im 
Jahre 1921, für welches die letzten Rechnungsergebnisse vor- 
liegen (1872 Millionen Francs), auf 11,2°/, herabgesunken. Aller- 
dings erhöht sich der Anteil der direkten Steuern am Gesamt- 
steuerertrage nach den Voranschlägen für 1923 (2983 Millionen 
Francs) auf etwa 18°/,. Wie aber bereits im Vorjahr voraus- 
zusehen war, ist die Weltwirtschaftskrise auch in Frankreich 
nicht ohne ungünstigen Einfluß auf den Ertrag aus den Steuern 
geblieben; die Steuereinnahmen blieben schon im laufenden 
Rechnungsjahr erheblich hinter den Voranschlägen und sogar 
hinter den tatsächlichen Einnahmen im Jahre 1921 zurück, so daß 
der Anteil von 18°/, keinerlei Anspruch auf Gültigkeit machen 
kann. Die Einnahmen aus anderen Steuern, wie z. B. aus den 
Stempelsteuern, den indirekten Verbrauchsabgaben sind nicht 
einmal in dem Verhältnis gesteigert worden, wie die Entwertung 
des Franc fortgeschritten ist. Die nebenstehende Tabelle zeigt, wie 
geringfügig die Steigerung der Einnahmen aus Steuern, die etwa 
80°/, der ordentlichen Einnahmen ausmachen, unter Berücksichti- 
gung der Geldinflation in Frankreich ist. 


IV 
Diese Tatsachen muß man sich immer wieder in Erinnerung 
rufen, wenn man in den Motiven des Budgetentwurfs für 1923 
den Abschnitt „Politique financière“ liest. Wie eine Selbst- 











Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 215 





Steuereinnahmen Frankreichs 
(in Millionen Francs) 


u Rsislısıahsısfiselisızlisnsjisns) 1920 | 1921 | 1922 1998) 


| 
Direkte Steuern. . || 634| 611| 547 550! 730 696/1069) 1620; 1872| 2507| 2983 
Verkehrssteuern. . || 834| 611; 464| 5265! 720! 924/1874! 2718| 29705! 2953| 2915 
Stempelabgaben. . || 241| 198| 145| 158| 173| 216| 314| 517| 8565| 528; 581 
Börsensteuer . . | 0 6 1 2 8383 8 7) 2| 10 DA om 
Steuer aus dem 





Ertrage mobiler 

Werte ..... 188| 153| 157) 181| 242 253| 290| 568; 926| 737| 821 
Umsatzsteuer . . — | — | — | — | — | — | — | 942| 1911| 3068| 3513 
Zölle. 2.4. e 756| 679| 7641400 1611/1186 1477| 1596| 1197| 2466| 1923 
Indirekte Steuern . || 720| 604| 517 7562| 95411779] 2612| 2919| 2927| 2682 
Zuckersteuer . . . || 191| 159| 218| 188| 266| 184| 377| 444| 865| 5483| 519 
Stastsmonopole . . || 611| 571| 549| 616| 712| 71011052| 1582| 1711| 1802| 1887 


anklage wirkt dann jeder Satz dieses Abschnittes auf den objek- 
tiven Leser. Obwohl die Steuereinnahmen 1923 relativ kaum 
die Höhe von 1913 erreichen, spricht der französische Finanz- 
minister darin von einer finanziellen Anstrengung ohnegleichen in 
der Geschichte (effort inouï, sans précédent dans l’histoire) und 
lehnt jede weitere Erhöhung der Steuereinnahmen nachdrücklich 
ab. „Quel qu’ait été notre désir de vous présenter un budget en 
équilibre, nous n’avons pas cru pouvoir vous proposer aujourd’hui 
la création de nouveaux impôts“. Wenn der französische Finanz- 
minister auf einer Reihe von Großquartseiten die unzähligen 
Gründe darlegt, die ökonomischen, die steuertechnischen und die 
verwaltungstechnischen, die finanzpolitischen und die politischen, 
die temporären und die dauernden, die historischen und die 
organischen, diejenigen der formalen und der materiellen Ordnung 
des Budgets usw., aus denen es zurzeit und bis auf weiteres ganz 
unmöglich sei, neue Steuern einzuführen oder bestehende zu er- 
höhen, so wirkt das wie eine endlose Entschuldigung. Qui s'excuse, 
sacose! Unvermittelt und mit brutaler Offenheit ruft dann am 
Schluß seiner Ausführungen der französische Finanzminister das 
wabre Motiv seiner Politique financière den Deputierten der 
Kammer und der ganzen Welt zu: „Warum stehen wir heute vor 
einem solchen Defizit? Deutschland hat den Vertrag von Versailles 
nicht erfüllt; die Verpflichtungen, auf deren Erfüllung zu rechnen 
wir ein Recht hatten, sind nicht gehalten worden. Bevor wir vom 





n Für 1918—21 nach den Rechnungsergebnissen, für 1922 und 19988 nach 
den Voranschlägen. 


216 Schneider, Frankreichs Finanzpolitik 


französischen Volke neue Opfer fordern, ist es für die Regierung 
eine strenge Pflicht, alle Mittel, die in ihrer Macht stehen, zu ge- 
brauchen, um Deutschland zu zwingen, die Schäden wiedergut- 
zumachen, die es angerichtet hat: Verlassen Sie sich darauf, die 
Regierung wird sie mit ihrer ganzen Energie gebrauchen.“ (Vous 
pouvez être certain que, de toute son Energie, le Gouvernement 
s’y emploiera.) Hier tritt das letzte und einzige Ziel der französi- 
schen Finanzpolitik klar zutage: Deutschland muß zahlen! Dazu 
muß es nötigenfalls mit allen Mitteln der Gewalt und mit ganzer 
Energie gezwungen werden! 
* 


Nachwort 


Erst nach der Drucklegung dieses Aufsatzes ist bekannt 
geworden, daß der französische Finanzminister de Lasteyrie einer 
weiteren Ermäßigung der Einkommensteuer durch Heraufsetzung 
der Grenze des steuerfreien Einkommens (jetzt 2000 Frs.) zu- 
stimmt und außerdem bereit ist, das Streichholzmonopol, das einen 
erheblichen Anteil an den Einnahmen aus Verbrauchssteuern hat, 
aufzuheben. Auch die Aufhebung des Tabakmonopols ist bereits 
von ihm in Erwägung gezogen, vorläufig aber noch einmal ver- 
schoben worden. Die Aufhebung der beiden Monopole war be: 
kanntlich in der vorigen Sitzungsperiode der französischen Kammer 
vom Finanzausschuß beantragt worden. (Vgl. Le Petit Journal 
vom 27. IX. 22 und Le Petit Parisien vom 29. IX. 22.) 


XI 


Neues über die Vorgeschichte des Rück- 
versicherungsvertrags - 
Bine Aufzeiehrıazz Zoe E Zevctstencralr Schweinitz 


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218 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 


vor, dem vor allem die Gabe der schriftstellerischen Darstellung 
in hohem Maße verliehen war. Als Einleitung und Ergänzung zu 
den Aufzeichnungen des Generals v. Schweinitz, die leider gerade 
vor Erörterung des Rückversicherungsvertrages selbst abbrechen 
und auch später nicht weiter fortgesetzt worden sind, möchte ich 
den Versuch machen, aus der Fülle des jetzt bekannt werdenden 
Materials eine Reihe von unbekannten Einzelzügen hervorzuheben 
und nach Möglichkeit zu verknüpfen, nicht mit der Absicht, eine 
erschöpfende Darstellung des Rückversicherungsvertrages und 
seiner Vorgeschichte zu geben, sondern lediglich aus dem Bestreben 
heraus, die Aufmerksamkeit eines politisch interessierten Kreises 
auf diesen besonders bedeutungsvollen Teil der großen Publikation 
zu lenken’). 

Die deutsch-russischen Beziehungen waren ja bekanntlich seit 
der Übernahme der Geschäfte durch Bismarck überaus nahe und 
warm; dieses vertrauensvolle Nachbarschaftsverhältnis gehörte, 
wie ganz Europa wußte, gewissermaßen zum Bismarckischen Pro- 
gramm. Ohne die russische Rückendeckung hätte Bismarck seine 
drei Kriege nach drei verschiedenen Seiten nicht durchführen 
können. Die glänzenden Erfolge der Bismarckischen Politik er- 
weckten den russischen Ehrgeiz und die russische Eifersucht. Den 
ersten politischen Erfolg, den Rußland nun gewissermaßen zum 
Ausgleich durchsetzte, errang es auf der Pontus-Konferenz von 
1871: wesentliche Punkte des lästigen Pariser Friedens von 1856 
wurden revidiert — es gab kein napoleonisches Frankreich mehr, 
das Einspruch erhoben hätte. In einem französisch geschriebenen 
Briefe sprach Fürst Gortschakow Bismarck seinen wärmsten Dank 
für seine Hilfeleistung aus. Dieser Brief schließt mit den Worten 
‘in deutscher Sprache: „daß wir einander treu geblieben sind‘. 
Schon damals hat Bismarck mit unübertrefflicher Klarheit das 
Grundproblem des deutsch-russischen Verhältnisses formuliert. In 
einem vertraulichen Brief aus Versailles vom 28. November 1870 
schreibt er an den Botschafter in London, Grafen von Bernstorff: 
„Die ganze orientalische Frage, selbst wenn sie zum Kriege führte, 
ist im Vergleich zur französischen für uns unwichtig. Nur die 
Gefahr eines russisch-französischen Bündnisses könnte die Lösung 
unserer Freundschaft mit Rußland rechtfertigen.“ Die andere 
Seite des russischen Problems wird aber in demselben Schreiben 


:) Vgl. für das Folgende auch meine soeben erschienene Schrift: 
Bismarcks Außenpolitik von 1871—1890. Eine Übersicht über die sechs 
ersten Bände der diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. Berlin 
W 8, 1922, Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte. 





Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 219 


gleichfalls aufgezeigt — nämlich die Beziehung zu England: „So- 
lange in England die Erkenntnis nicht durchgedrungen ist, daß, 
sein einziger wertvoller und sicherer Alliierter auf dem Kontinent 
in Deutschland zu finden ist, sind uns die guten Beziehungen zu 
Rußland von dem größten Wert.“ Aus diesen beiden Sätzen läßt 
sich eigentlich schon die ganze Russenpolitik Bismarcks bis 1890 
entwickeln: Rußland und Frankreich dürfen nicht zusammen- 
kommen; wenn wir die Wahl zwischen England und Rußland 
haben, dann ist uns England doch lieber, vorausgesetzt, daß wir 
mit unsern eigensten Interessen nicht dabei zu Schaden kommen. 

Die Kombination, die Bismarck gewissermaßen die angenehmste 
und sicherste war, ist nun das Dreikaiserbündnis gewesen. Es be- 
gann mit der Dreikaiserentrevue von 1872, wurde vorbereitet durch 
die deutsch-russische Militärkonvention von 1873, die, im Falle 
des Angriffes auf einen der beiden Kontrahenten durch eine dritte 
Macht, die Hilfeleistung des andern in der Höhe von 200 000 Mann 
zusicherte, und wurde am 26. Juni 1873 zum erstenmal als eine 
Defensiv-Entente abgeschlossen, deren historische Verwandtschaft 
ınit der Heiligen Allianz nach ihren außenpolitischen und innen- 
politischen Tendenzen unverkennbar ist. Das Dreikaiserbündnis 
war eine Interessengemeinschaft konservativer Dynastien und ver- 
folgte die Absicht, den revolutionären Gedanken ebenso zurück- 
zudrängen wie den Nationalismus. Polonismus, Panslawismus und 
Pangermanismus bezeichnete der russische Feldmarschall Graf 
Berg als die Hauptfeinde des Blocks der Dreikaisermächte. Die 
orientalische Frage hat nun den Keil zwischen die beiden Kaiser- 
reiche Rußland und Österreich getrieben und die friedliche Fort- 
führung der Dreikaiserpolitik sehr zum Unbehagen Bismarcks un- 
möglich gemacht. Rußland schickte sich an, durch eine aktive 
Orientpolitik einen weiteren Ausgleich zu finden für die deutschen 
Erfolge von 1870/71, und es rechnete dabei auf die deutsche Dank- 
harkeit. Immer wieder erinnerten der Zar und seine Minister an 
jenen Brief Kaiser Alexanders an Kaiser Wilhelm aus dem Jahre 
1870, in dem er seine Erklärung an Österreich mitteilte, daß im Falle 
einer feindseligen Wendung Österreichs gegen Deutschland 300 000 
Russen an der Grenze Galiziens stehen würden. Bismarck war 
aber nicht dafür zu haben, sich an den russischen Wagen an- 
spannen zu lassen. Die Akten sind voll von seiner Entrüstung 
über die bekannte Anfrage des Zaren an den General v. Werder 
bezüglich der deutschen Hilfe im. Falle eines russisch-öster- 
reichischen Krieges. Am 4. Oktober 1876 diktiert Bismarck seinem 
Sohne Herbert: „Es ist unter diesen Umständen ein diplomatischer 


220 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 


Nachteil für uns, daß General von Werder sich in Livadia und 
gewissermaßen in der Gewalt des Fürsten Gortschakow befindet, 
der die kaiserliche Person mit Geschick gegen uns ausspielt, und 
uns durch den Kanal Werder unter der Maske der Bonhommie 
Zumutungen stellen kann, die so unverschämt sind, daß sie uns 
im amtlich diplomatischen Wege gar nicht beigebracht werden 
könnten.“ Bismarcks Antipathie gegen die Einrichtung des 
Militärbevollmächtigten in Petersburg kam damals voll heraus. 
Die innere Abkehr Bismarcks von Rußland setzt in diesem Jahre 
1876 ein. Die Erfahrungen der nächsten Jahre konnten ihn darin 
nur bestärken. 

Der Berliner Kongreß hat eine überaus verwickelte Vor- 
geschichte; ursprünglich war Wien als Kongreßort vorgesehen. 
Bismarck wollte zunächst nicht die schwere Verantwortung einer 
Kongreßleitung auf sich nehmen, ließ sich aber dann doch durch 
die englischen und russischen Wünsche bestimmen. Bismarcks 
beinahe selbstlose Friedensliebe hat damals einen Bruch zwischen 
England und Rußland, der unmittelbar bevorstand, allein ver- 
hindert. Graf Münster prägte in jenen Tagen das hübsche Wort 
vom „platonischen Kriege‘, der zwischen England und Rußland 
bestünde. Den Schöpfungen des Berliner Kongresses wird man 
vom Standpunkt der heutigen geschichtlichen Entwicklung skep- 
tisch gegenübertreten müssen. Die beiden Hauptpunkte, die 
Trennung Bulgariens in eine nördliche und eine südliche Hälfte. 
und die Angliederung Bosniens und der Herzegowina an Österreich 
sind verhängnisvoll gewesen für die Weiterentwicklung der Dinge 
auf dem Balkan und haben immer wieder gefährliche Erregungen 
und endlich katastrophale Ausbrüche zur Folge gehabt. Aus der 
damaligen Situation heraus beurteilt, bedeuteten aber diese 
typischen Kompromißlösungen das einzige Mittel, einen Zusammen- 
stoß der Mächte zu verhindern. Bekanntlich herrschte in Rußland 
schwerste Enttäuschung über die Ergebnisse des Berliner Kon- 
gresses, und dem Grafen Schuwalow ist es nicht gelungen, diese 
Stimmung niederzukämpfen durch seinen Hinweis auf die ehrliche 
und aufopferungsvolle Vermittlertätigkeit des Fürsten Bismarck. 
Daß der russische Siegespreis schließlich doch wesentlich ge- 
schmälert worden ist, und daß deshalb die deutsch-russischen 
Beziehungen auch leiden mußten, erscheint bei einer gerechten 
Würdigung aller Momente unbezweifelbar. Es war aber nicht 
Sache der russischen Leitung, die Dinge ruhig und nüchtern auf- 
.zufassen. Aus der Stimmung des verletzten Freundesgefühles hat 
Kaiser Alexander II. seinen berühmten Brief vom 15. August 1879 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 221 


an Kaiser Wilhelm geschrieben, den Bismarck als eine Kriegs- 

drohung und den unmittelbaren Vorläufer eines definitiven Bruches 

auffaßte.e Unter dem Eindruck dieses Briefes entschlof er sich 

zur Wendung nach Österreich hin. Die diplomatischen Akten geben 

ein äußerst lebendiges Bild des Ringens zwischen Bismarck und 

dem alten Kaiser um die Neuorientierung der Außenpolitik. Kaiser 

Wilhelm wehrte Sich aus allen Kräften gegen die Defensivallianz_ 
mit Österreich, er schickt Manteuffel nach Warschau, der Zar selbst 

erklärt, daß er den Brief bedauere, daß er ihn als ungeschrieben 

anzusehen bitte, es sei eine Dummheit gewesen. 

Kaum je ist ein Monarch einem andern so entgegengekommen; 
kaum hat aber auch in streng monarchischen Staaten ein leitender 
Staatsmann gegen den so ausdrücklich kundgegebenen Willen 
seines Kaisers seine Absicht durchgesetzt. Man würde Bismarcks 
plötzliche und mit allem leidenschaftlichen Temperament be- 
triebene Abkehr von Rußland nicht begreifen, wenn man nicht 
als maßgebendes Motiv für ihn das folgende anzusehen hätte. Bis- 
marck stellte fest, daß Rußland zum Zweck einer Neuorientierung 
seinerseits in Frankreich und Italien die Bündnisfrage gestellt habe. 
Es bereitete sich also, nach seinem Eindruck, die Kaunitzsche 
Koalition vor, und dagegen glaubte er Deutschland schützen zu 
müssen. Das zukünftige Rußland schien ihm außerordentlich un- 
zuverlässig; er schreibt vom „slavischen Napoleonismus‘“, von 
der „anarchischen Gefahr‘, von der „anspruchsvollen Selbstüber- 
schätzung‘‘ Rußlands. Gewiß mag vieles bei diesen Redewen- 
dungen auf die Mentalität des alten Kaisers berechnet gewesen 
sein; zweifellos erscheint mir aber doch, daß aktenmäßig das tiefe 
innere Mißtrauen gegen die außenpolitischen und innenpolitischen 
Tendenzen Rußlands bei Bismarck seit dem Jahr 1878 als aus- 
schlaggebendes Moment bewiesen ist. Bismarck setzte bekannt- 
lich das deutsch-österreichische Defensivabkommen durch. In 
seinem Gasteiner Bericht an Kaiser Wilhelm vom 15. September 
1879 heißt es: „Wie wenig eine solche Defensivassekuranz bedroh- 
lich für Rußland wäre, geht schon daraus hervor, daß unter den 
drei befreundeten Mächten je zwei miteinander, also Rußland auch 
mit Österreich und wir mit Rußland dasselbe Bündnis schließen 
könnten, ohne daß die friedliche Verbindung A trois dadurch gelöst 
würde; sie würde nur um so fester verbürgt, wenn je 2 der 3 Kon- 
trahenten sich zusagen, gegen den dritten, falls er sie bräche, zu- 
saımmenzuhalten. Leider hat die russische Politik in Österreich 
seit 2 Jahren den Glauben an ihre Versprechungen verloren, sonst 
wäre eine solche dreifache Rückversicherung innerhalb des Drei- 

Zeitschrift für Politik. 12. 15 


222 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 


kaiserbundes vielleicht möglich.“ In dieser Äußerung steckt der 
erste Keim zum Rückversicherungsvertrag. 

Die Abkehr von Rußland muß aufgefaßt werden als eine Maß- 
nahme der Vorsicht und des Selbstschutzes; Bismarcks Politik 
war, wie sich aus den Akten hundertfach erweisen läßt, eine 
ausgesprochene Friedenspolitik: wenn die Russen Ruhe halten 
wollten, war Bismarck bereit, immer wieder ein Stück mit ihnen 
zusammen zu gehen. Die Psychologie der russischen Politik 
kannte er ja besser als irgend einer — wenn man den Russen 
die Zähne zeigte und ihnen begreiflich machte, daß man auch 
andere Freundschaften habe, dann kamen sie wieder. Der Erfolg 
des deutsch-österreichischen Bündnisvertrages war, daß RußBlands 
deutsch-feindliche Haltung sich milderte.. Es begann eine neue 
Periode der Annäherung, deren Hauptträger der Botschafter in 
Berlin, Saburow, gewesen ist. Er stellte schon 1880 die Frage, ob 
nicht ein deutsch-russisches Schutz- und Trutzbündnis möglich 
sei; Bismarck lehnte ab, erklärte aber eine deutsch-russische 
Defensivabmachung für diskutabel. Da wich Saburow aus und 
kam wieder auf das Dreikaiserbündnis zurück. In jenem Bismarcki- 
schen Vorschlag liegt eine neue Etappe auf dem Weg zum Rück- 
versicherungsvertrag. 1881 wurde das Dreikaiserbündnis neu 
abgeschlossen. Aber schon jetzt erklärte Bismarck dem alten 
Kaiser, daß nach Ablauf der drei Jahre das Abkommen für die 
Kaiserhöfe, wenn nicht ganz, so doch jedenfalls für Deutschland 
und Rußland verlängert werden könnte. Trotzdem ist aber 1884 
noch einmal die Verlängerung des gesamten Dreikaiserbündnisses 
möglich gewesen. Man hat den Eindruck, daß die Epigonenpolitik 
des russischen Ministers v. Giers sich dem absoluten Übergewicht 
des Bismarckischen Deutschland so lange unterordnen wollte, bis 
sich eben neue Kombinationen als möglich einstellten. Der neue 
Zar Alexander III. hatte eine ausgesprochene Antipathie gegen 
Österreich. Die Dreikaiserbegegnung von Skiernewice 1884 stellt 
das Ende der Dreikaiserpolitik dar. 

Zu dem Wiener Bericht Bismarcks vom 24. September 1879 
hat Kaiser Wilhelm I. die denkwürdige Randbemerkung gemacht: 
„Der projektierte Vertrag (das deutsch-österreichische Bündnis) 
muß Rußland in die Arme Frankreichs treiben, und dieses wird dem 
Revanchegelüste genüge tun! Denn eine günstigere Chance kann 
Frankreich nicht finden, als Österreich und Deutschland zwischen 
zwei Feuer zu nehmen!“ Das politische Feingefühl des alten 
Kaisers dokumentiert sich in dieser Bemerkung, wie in vielen 
anderen Äußerungen, aufs beste; die Frage ist nur, ob das russisch- 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 223 


französische Bündnis überhaupt noch aufzuhalten war. Die popu- 
läre Ansicht geht dahin, daß es eine Folge der Nichterneuerung 
des Rückversicherungsvertrags durch den neuen Kurs gewesen sei. 
Die Akten beweisen das Gegenteil. Das russisch-französische 
Bündnis entwickelt sich seit den siebenziger Jahren, und die ganze 
Bismarckische Politik geht darauf hinaus, einen Ausgleich dagegen 
zu schaffen. Die Dreikaiserkombination wurde immer unmöglicher, 
je mehr der Balkangegensatz Rußland und Österreich verfeindete. 
Die eine Richtung in Petersburg arbeitete auf einen Bruch hin, 
nicht nur mit Österreich, sondern auch mit Deutschland. Das 
waren die Befürworter der russisch-französischen Allianz, deren 
Einfluß immer mehr zunahm. Die andere Richtung wünschte das 
gute Verhältnis zu Deutschland aufrecht zu erhalten, und arbeitete 
auf ein deutsch-russisches Sonderbündnis hin. Die Hauptträger 
dieses Gedankens waren die Brüder Schuwalow, Graf Peter, der 
ehemalige Botschafter in London, Bismarcks treuer Mitarbeiter 
während des Berliner Kongresses, und Graf Paul, damals Berliner 
Botschafter. Im Dezember 1886 entwickelte Minister v. Giers zum 
erstenmal dem jungen Geschäftsträger Bernhard v. Bülow, dem 
Vertreter des Botschafters von Schweinitz, die Grundlinien eines 
deutsch-russischen Bündnisses.. Es heißt in dem Bericht vom 
24. Dezember 1886: „Ein noch engeres Verhältnis zwischen Ruß- 
land und Deutschland, äußerte Herr v. Giers, würde ein großer 
Segen sein. Ein deutsch-russisches Bündnis ist auch das Ideal des 
Kaisers Alexanders; noch vor drei Tagen meinte der Kaiser zu 
mir: ‚Wie schade, daß wir nicht mit Deutschland allein sind. 
Deutschland und Rußland, fest verknüpft, würden alles in Ord- 
nung bringen, überall Ruhe und Frieden aufrechterhalten können, 
die Revolutionen abwenden und die Herren der Welt sein. Leider 
steht aber Österreich zwischen uns.‘ Der Kaiser will kein Bündnis 
mit Deutschland gegen Österreich; er möchte nur ein Bündnis 
ohne Österreich. Wir könnten ja uns gegenseitig versprechen, 
daß wir den derzeitigen Territorialbestand Österreich-Ungarns 
respektieren und aufrechterhalten wollen" Hier liegt der erste 
Schritt zum Abschluß des Rückversicherungsvertrages. Es war 
eine russische Initiative, auf Grund der Bestrebungen einer be- 
stimmten außenpolitischen Richtung in Rußland, die gegen eine 
andere kämpfte. Bismarcks vorsichtig zuwartende Politik ist nun 
durch zwei Momente bestimmt worden: durch die maßlose Agitation 
der russischen Presse gegen alles Deutsche, über die wiederholt in 
ernster Form Beschwerde geführt werden mußte, und durch die 
österreichische Tendenz, das Bündnis mit Deutschland möglichst 
15* 


224 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 


für seine Balkanschwierigkeiten auszunutzen. Um die Person 
des Prinzen von Battenberg krystallisierten sich ja damals die 
Konfliktstoffe im Orient. Der innerste Herzenswunsch Alexander ll. 
betraf aber gar nicht Bulgarien, sondern die Meerengen. Ihrer in 
dieser oder jener Form Herr zu werden, hielt er für seine Lebens- 
aufgabe. Im ersten Entwurf des Rückversicherungsvertrages vom 
Januar 1887, der vom Grafen Peter Schuwalow redigiert ist, findet 
sich deshalb schon als Hauptpunkt die Verpflichtung Deutschlands 
zur wohlwollenden Neutralität im Falle eines Eingreifens Rußlands 
in der Meerengenfrage — jene Verpflichtung, die dann später in 
die ganz geheime Zusatzklausel versteckt worden ist. Bismarck 
vermied es, irgendeine Initiative in der Frage des deutsch- 
russischen Bündnisses zu ergreifen. Er war aufs äußerste be- 
freındet darüber, daß Monate verstrichen, bis die erste Anknüpfung 
des Grafen Peter Schuwalow fortgesponnen wurde, er warnte den 
deutschen Botschafter v. Schweinitz dringend davor, irgend, etwas 
zu tun, das als Bedürfnis Deutschlands nach einer Abmachung 
. mit Rußland ausgelegt werden könne. Als dann im März 1887 
von Petersburg aus die Verhandlungen wieder aufgenommen 
wurden, betonte der Minister v. Giers als Hauptbedingung die 
Notwendigkeit der strengsten Geheimhaltung. Schweinitz und 
ebenso später Bismarck waren auf das Unangenehmste davon 
berührt, denn sie merkten wohl, daß der Rückversicherungsvertrag 
von den Russen als eine Art Kulisse für ihre deutsch-feindliche 
Politik gebraucht wurde. 

Bismarck hat den Abschluß des Rückversicherungsvertrags 
nach einer Gesamtverhandlungszeit von sechs Monaten in nicht 
besonders behaglicher Stimmung vollzogen. Er war überzeugt 
davon, daß der Vertrag für die russische Politik erheblich größere 
Vorteile und Bürgschaften bot, als für die deutsche. Er witterte 
Hintergedanken; das russische Vorgehen fand er verdächtig und 
undurchsichtig, ein Zögern konnte er sich bei einem so vorteil- 
haften Vertrag zunächst überhaupt nicht erklären. Die Worte, 
die er am 13. Juni 1887 an Schweinitz schrieb, lassen sich keinen- 
falls als taktisches Manöver weginterpretieren: „Nur um Euerer 
Exzellenz persönlich die der hiesigen Auffassung entsprechende 
Stimmung zu geben, nicht behufs Mitteilung an Herrn v. Giers, 
bemerke ich, daß wir seit langem mit der Möglichkeit der Nicht- 
erneuerung der Verträge uns vertraut gemacht haben, und nach 
den nur in der letzten Zeit schüchtern und teilweise zensurierten, 
sonst aber in breiter Weise geduldeten und gepflegten Kund- 
gebungen russisch-französischer Sympathien und Allianzneigungen 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 225 


uns vertraut machen mußten. Wir treten, wenn unsere Beziehungen 
zu Rußland ins Freie fallen, der Frage gegenüber, ob wir unsere 
freundschaftlichen Beziehungen zu andern Mächten, die Pforte 
nicht ausgeschlossen, fester und enger gestalten wollen.“ Danach 
hat also für Bismarck der Rückversicherungsvertrag den Charakter 
eines Rückzugsgefechtes gehabt; schon beim Abschluß war er 
überzeugt, daß diese Kombination eine große Tragfähigkeit nicht 
haben konnte. Für diesen Fall hatte Bismarck aber bereits ein 
neues Programm — die Unterstützung Bulgariens und der Pforte, 
also das, was später unter Kaiser Wilhelm II. die deutsche Orient- 
politik ausgemacht hat. Die Nichterneuerung des Rückversiche- 
rungsvertrags ist also hier bereits von Bismarck als wahrschein- 
liche Eventualität in Aussicht genommen worden. Ursprünglich 
war der Vertrag für fünf Jahre geplant gewesen; als aber die 
Russen im letzten Augenblick nur drei Jahre vorschlugen, in der 
Hoffnung, dadurch Bismarck noch zu anderen Kombinationen zu 
bringen, ging Bismarck sofort darauf ein, um nicht den Anschein 
zu erwecken, als läge Deutschland so viel an dem Abschluß. 
Bismarck äußerte sich darüber aber in sehr interessanter Weise in 
dem Schreiben an Kaiser Wilhelm II. vom 19. August 1888, in dem 
er zum Schluß den Kaiser gebeten hat, das Schreiben nach ge- 
nommener Einsicht zu verbrennen: „dasselbe berührt Dinge und 
Fragen, die ich in der Regel nicht für nützlich halte, dem Papiere 
anzuvertrauen und anders als mündlich zu verhandeln, solange 
ihre tatsächliche Entwicklung nicht vorliegt.“ Bismarck äußert 
sich hier über den Rückversicherungsvertrag folgendermaßen: 
„Graf Schuwalow hatte geglaubt, ich würde auf fünf Jahre einen 
so hohen Wert legen, daß er dafür noch besondere, in seiner In- 
struktion nicht verlangte Konzessionen von uns würde heraus- 
drücken können, während ich umgekehrt für dieses, mit unserem 
österreichisch-italienischen Verpflichtungen konkurrierende, und 
unter gewissen Konstellationen deshalb schwierige Verhältnis eine 
längere Dauer als drei Jahre von Hause aus nicht erstrebte; ich 
wollte lieber die Möglichkeit der Verlängerung vorbehalten, bis 
man besser als damals die Zukunft übersehen konnte. Für uns 
kam es im Frühjahr 1887 in erster Linie darauf an, für den Fall 
eines französischen Angriffs der russischen Neutralität versichert 
zu sein; die Wahrscheinlichkeit, von Frankreich angegriffen zu 
werden, lag uns damals, wo Boulanger sich noch in aufsteigender 
Bewegung befand, näher als heute.“ Aus dieser Briefstelle ergibt 
sich zweierlei. Bismarck hat selbst den Widerspruch stark emp- 
funden, der zwischen dem Rückversicherungsvertrag und dem 


226 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 


Dreibund nebst seinen Ergänzungsverträgen bestand — es wird 
also nicht mehr möglich sein, diesen tatsächlich vorhandenen Wider- 
spruch von seiten der Geschichtsschreibung abzuschwächen oder 
zu negieren. Und das zweite Moment ist: Bismarck hat sich die 
Möglichkeit der Verlängerung des Rückversicherungsvertrags vor- 
behalten, unbedingt für notwendig gehalten hat er diese Ver- 
längerung aber nicht, sondern er wollte sie abhängig sein lassen 
von der Entwicklung der russisch-französischen Beziehungen. 
Durch die ganzen Hergänge beim Abschluß des Rückver- 
sicherungsvertrages ist Bismarck zweifellos enttäuscht gewesen. 
Aber er hat das natürlich nicht merken lassen wollen. Ent- 
scheidend für ihn waren, wie er wiederholt auseinandersetzt, die 
Erlebnisse von 1878/79; er bezeichnet es als unmöglich, sich etwa 
im Vertrauen auf Rußland von Österreich loszusagen. Das Bündnis 
mit Österreich hatte nach seiner Ansicht eine breite Basis: „in 
Rußland dagegen beruhen unsere Beziehungen ausschließlich auf 
der Persönlichkeit des Kaiser Alexander; einen andern Boden hat 
das Faß dort nicht“ (Schreiben vom 20. Juni 1887 an den Prinzen 
Reuß). Der Abschluß des Rückversicherungsvertrags hat auch 
keineswegs eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Rußland 
und Deutschland zur Eolge gehabt — sie sind vielmehr so ge- 
spannt gewesen, wie kaum je zuvor. Es war für Deutschland 
schwer erträglich, daß die französischen Revanchepolitiker wie 
Triumphatoren in Rußland empfangen wurden. Auch jetzt wieder 
liegt allein in der Natur der russisch-französischen Beziehungen 
der Schlüssel für das Verständnis der Bismarckischen Politik 
gegenüber Rußland. Aus den Akten ergibt sich, daß von August 
bis November 1886 mehrmals Allianzanerbietungen von maß- 
gebender russischer Seite in Paris gemacht worden sind, und zwar 
ist es in erster Linie der russische Generalstabschef gewesen, der 
sich dabei direkt auf den Kaiser berufen hat. In Frankreich er- 
weckten diese Eröffnungen Verlegenheit und Befremden; eine 
kleinere Gruppe, General Boulanger an der Spitze, wollte zu- 
greifen, die Mehrzahl verhielt sich aber abwartend. Das russische 
Betragen, und insbesondere der Charakter Alexander III. er- 
scheint nach diesen Aktenbelegen völlig rätselhaft. Bismarck hat 
sogar an das Bestehen von russisch-französischen Geheimverträgen 
schon damals geglaubt. Nach der Aufzeichnung Berchems vom 
29. August 1887 hat er die folgenden Bemerkungen an diese Frage 
geknüpft: „Die ganze russisch-französische Frage, wie sie in 
Petersburg behandelt wird, in Verbindung mit der Tatsache, daß 
Frankreich gegenwärtig für einen Krieg mit Deutschland noch 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 227 


nicht vorbereitet ist, daB es infolge verschiedener Boulangerscher 
Maßregeln und der darin liegenden Irrtümer erst in einigen Jahren 
mit seiner Bewaffnung fertig werden wird, läßt die Auslegung zu, 
daß Rußland mit Frankreich geheime Verträge hat, die bestimmt 
sind, in Kraft zu treten, sobald Frankreich zu “einem Kriege gegen 
uns bereit ist.‘ 


Aus allen diesen Momenten scheint sich mir die klare Linie 
der Bismarckischen Politik in den letzten Jahren zu ergeben: Die 
schwere Krise von 1887 kämpft er mit dem festen Wunsche, den 
Frieden zu erhalten, durch. Das deutsch-österreichische Bündnis 
ist und bleibt der Kern seines Systems; Rußland und Frankreich 
sind bereits zusammengeschlossen — der Rückversicherungsvertrag 
wird also jetzt für Deutschland zur Kulisse. Bismarck hat lediglich 
den doppelten Thronwechsel im Jahre 1888 abgewartet, um sich 
dann im Januar 1889 mit einem direkten Bündnisangebot an 
England zu wenden. Wäre dieses von Bismarck lang vorbereitete 
Bündnis verwirklicht worden, dann war Deutschland gegenüber 
dem russisch-französischen Bündnis gesichert. Dieses Angebot, das 
jetzt durch die Akten bekannt geworden ist, bekrönt die Bis- 
marcksche Bündnispolitik; es bedeutet die Absage an den Rück- 
versicherungsvertrag. Bekanntlich ist das deutsch-englische Bünd- 
nis nicht zustande gekommen; es lag damals an den Schwierig- 
keiten, die von England, hauptsächlich aus innerpolitischen 
Gründen, gemacht worden sind. Wohl aber kam man überein, in 
einer Art Entente zusammen zu arbeiten, und das Ergebnis ist der 
bereits von Bismarck vorbereitete Helgolandvertrag. Die Politik 
des neuen Kurses ist also in einem viel höheren Maße eine un- 
mittelbare Fortsetzung der Politik Bismarcks, als man es bis jetzt 
gewußt hat. Das letzte Wort über den Rückversicherungsvertrag 
und seine Nichterneuerung wird erst nach Veröffentlichung der 
Akten der 90er Jahre gesprochen werden können. 


Caseel, 7. 11. 96. 


Seit zwei Wochen befindet sich die politische und besonders die 
publizistische Welt in großer Aufregung, deren Ursache eine in den 
„Hamburger Nachrichten“, dem Organ des Fürsten Bismarck, erschienene 
„Enthüllung“ ist; ein Geheimnis, welches während fünfzehn Jahren 
gewissenhaft bewahrt wurde, wird jetzt, nicht etwa aus Unvorsichtigkeit, 
sondern mutwillig, mit fast zynischer Untreue und mit Vertrauens- 
Mißbrauch den erstaunten Regierungen und Nationen verkündet. Der 
Fürst erzählt nämlich unbefangen, daß bis zu seinem Rücktritt im März 
1890 ein Vertrag zwischen uns und Rußland bestanden habe, durch 
welchen letzteres uns seine Neutralität im Falle eines französischen 
Angriffskrieges zusicherte; dieser Assekuranz-Vertrag sei vom General 





228 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 





Caprivi nicht erneuert worden, obgleich Rußland sich hierzu bereit 
erklärt hatte. Die Wirkung einer solchen Veröffentlichung mußte eine 
große sein, verschiedenartig bei Freund und Feind und im Inlande; so- 
weit ich bis heute urteilen kann, ist sie uns eher nützlich als schädlich, 
doch auch hierdurch könnte der Verrat von Staatsgeheimnissen nicht 
gerechtfertigt werden. i 

Da ich während 23 Jahren Botschafter erst in Wien und dann in 
Petersburg war und von den Herrschern der drei Kaiserreiche mit 
großem Vertrauen beehrt wurde, so bin ich über die Beziehungen dieser 
Monarchien in dem Zeitraum von 1870 bis 1890 vielleicht besser unter- 
richtet, als andere Diplomaten, und deshalb will ich dasjenige, was ich 
in meinem Gedächtnis und in meinen recht lückenhaften Aufzeichnungen 
finde, insoweit als es auf die geheimen Verträge Bezug hat, zusammen- 
stellen; in später Zukunft kann dies für die Erforschung der Wahrheit 
behilflich sein. 

Da ich nur für mich und für Fachmänner schreibe, welche mit der 
Geschichte der letzten 30 Jahre vertraut sind, so darf ich mich auf kurze 
Andeutungen der jeweiligen politischen Situationen, in denen Verhand- 
lungen über geheime Verträge stattfanden, beschränken. 

Gleich nach Österreichs Besiegung und Ausscheidung aus dem 
deutschen Bunde schritt Graf Bismarck zu Versuchen, den Verlust, 
welchen Deutschland hierdurch erlitt, möglichst zu ersetzen; wie groß 
dieser Verlust für das Deutschtum war, hat die durch fünfzigjähriges 
Toben gegen das Metternich’sche System irregeleitete öffentliche Meinung 
noch heute nicht begriffen; der Niedergang germanischer Vorherrschaft 
und Bildung in Böhmen, Mähren, Galizien, Ungarn, Slavonien und Süd- 
Tirol datiert von jenem als Triumph deutschen Wesens gepriesenen 
Ereignis; das kräftige Zusammenfassen aller Teile des deutschen Torso 
und die Entstehung des Reiches haben nach Innen und nach Außen 
herrliche Früchte gezeitigt, aber dem großen Staatsmann konnte nicht 
einen Augenblick verborgen bleiben, daß in die Vormauer Deutschlands 
nach Südosten hin eine klaffende Bresche gelegt war; deshalb schickte 
er schon 1867 einen bayrischen Diplomaten, den Grafen Tauffkirchen 
nach Wien, um ein Bundes-Verhältnis mit Österreich-Ungarn anzubahnen. 
Graf Bismarck war nicht glücklich in der Wahl seines Abgesandten, 
auch der Zeitpunkt war nicht gut gewählt, denn Graf Beust fühlte sich 
nach dem Ausgleich mit Ungarn sicher und durch den Besuch Napoleons 
in Salzburg gehoben; die Mission hatte keinen Erfolg; doch dies 
schreckte den Kanzler des Norddeutschen Bundes nicht ab: als unser 
herrlicher Kronprinz die Reise zur Eröffnung des Suezkanals antrat, 
wurde er angewiesen, einen Besuch am Wiener Hofe zu machen und die 
Aussöhnung vorzubereiten; diese herbeizuführen wurde ich berufen und 
in vollem Maße ist es mir gelungen, freilich nicht durch mein Verdienst, 
sondern unter dem Eindrucke unserer Siege auf französischem Boden. 

Es ist hier nicht der Ort zu erzählen, wie ganz Österreich-Ungarn 
den Franzosen zu Hilfe geeilt wäre und wodurch es daran verhindert 
wurde, nur das muß ich aussprechen, weil ich es besser wissen kann als 
irgend Jemand, daß Rußlands Haltung nicht allein die Ursache war, 
„daß der Krieg keine größere Ausdehnung gewann“, wie Kaiser Wilbelm 
in dem unseligen Dankes-Telegramm an Alexander II. sich ausdrückte. 
Kurz, der Sieg war gewonnen, ohne daß Österreich uns störte und ohne 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 229 


daß auch nur ein Bataillon unserer Armee vom Kampfe fern gehalten 
wurde, um uns gegen die böswilligen aber ohnmächtigen Bestrebungen 
des Erzherzogs Albrecht und des Grafen Beust zu sichern. Als Kaiser 
Wilhelm von Paris nach Berlin zurückkehrte, ließ mich Kaiser Franz 
Joseph rufen, dankte mir in wärmster Weise für meine Haltung während 
des Krieges, überreichte mir das Großkreuz des Leopoldsordens und 
schickte seinen Generaladjutanten, den Grafen Bellegarde, nach Berlin, 
um unserem erhabenen Souverän zum Geburtstage zu gratulieren; als 
späterhin unsere ruhmreichen Truppen in die Hauptstadt einzogen, mußte 
Feldzeugmeister Baron Gablenz dem Triumphe beiwohnen. Um kein 
falsches Bild von den Gesinnungen des Kaisers Franz Joseph zu geben, 
muß ich hier einschalten, daß er nicht immer so versöhnlich war, wie 
nach der Kapitulation von Paris. Gleich nach dem Tage von Sedan 
hatte ich an Graf Bismarck die Bitte gerichtet, mich zu ermächtigen, 
eine Audienz zu verlangen und dem Kaiser zu sagen, daß unser König 
auf seinem Siegeszuge gern an die Zeiten zurückdenke, in denen öster- 
reichische Heere neben den unsrigen denselben Weg gezogen seien; 
hieran wollte ich dann Ideen über die wünschenswerte Gestaltung 
unseres Verhältnisses zu Österreich-Ungarn anknüpfen. Leider erhielt 
ieh Graf Bismarcks zustimmende Antwort erst Mitte Oktober; in der 
Zwischenzeit hatte sich das Bild verändert: unsere Armee, die Paris in 
einem Umkreise von 90 Kilometern einschloß, war nicht halb so stark 
als die umringte bewaffnete Macht; neue Truppenmassen sammelten sich 
an der Loire und im Norden und Metz war noch immer nicht gefallen; 
an die Stelle blasser Furcht, welche nach Napoleons Gefangennahme 
den Hof von Wien ergriffen hatte, waren sanguinische Hoffnungen 
getreten, genährt durch Emissäre des Erzherzogs Albrecht und des Kriegs- 
ministers Kuhn, die sich in Tours befanden. Als ich nun mit meiner 
schönen Rede in der Hofburg erschien, antwortete mir Seine Majestät 
kühl, er bewundere unsere herrlichen Weaffentaten, aber er könne 
lediglich die Interessen seines Landes ins Auge fassen. Trotz dieses 
kalten Wasserstrahls änderte ich mein versöhnliches Benehmen nicht, 
sondern hielt immer die Fiktion aufrecht, daß Österreich aus Rücksicht 
auf die deutsche Gesinnung in den Erblanden und besonders in Wien 
neutral bleibe; ich drohte nie, auch dann nicht, als nach dem scheinbar 
gelungenen Ausfall von Champigny Budapest, wo der Kaiser weilte, 
iluminiert wurde und als in der Tat einige Kriegsvorbereitungen statt- 
fanden, während man von Bourbakis Zuge nach Südosten, von welchem 
man in Wien schon Anfang Dezember wußte, Großes erwartete. 

Dies war nun, wie gesagt, alles anders geworden und der Plan, nach 
welchem 1867 mit der Tauffkirchenschen Sendung der erste Schritt 
erfolglos getan worden war, konnte jetzt der Ausführung näher gebracht 
werden, obgleich Graf Beust noch im Amte blieb und ein preußenfeind- 
liehes Ministerium in Cisleithanien ans Ruder gekommen war. Kaiser 
Wilhelm, begleitet vom Grafen Bismarck, traf im August 1871 in Salz- 
burg mit dem Kaiser Franz J oseph, welcher die Grafen Beust, Hohenwart 
und Andrassy mitbrachte, zusammen, nachdem er vorher, von mir 
begleitet, Kaiser und Kaiserin in Ischl besucht hatte. Bald nachher fiel 
das Ministerium Hohenwart, und nicht lange nach diesem seinem letzten 
Erfolge stürzte Graf Beust; Graf Andrassy trat an seine Stelle, und nun 
ging es schnell auf dem vom Fürsten Bismarck eingeschlagenen Wege 





230 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 





weiter; eines der letzten Hindernisse wurde durch den Tod der Erz- 
herzogin Sophie, der Mutter des Kaisers, beseitigt, und dessen Reise nach 
Berlin ward beschlossen. Jetzt waren wir dem beharrlich angestrebten 
Ziele nahe; mit Kaiser Franz Joseph und Graf Andrassy in Berlin 
konnte das freund- und nachbarliche Verhältnis in bindende, wenn 
auch noch nicht vertragsmäßige Form gebracht werden. Da trat Kaiser 
Alexander II. dazwischen; durch einen Brief des ehemaligen Hof- 
schauspielers, jetzt Hofrats Louis Schneider, welcher mit Erlaubnis 
unseres Monarchen mit dem russischen korrespondierte, angeregt, meldete 
der Zar seinen Besuch an. Auf diese Weise kam es zu dem sogenannten 
Drei-Kaiser-Verhältnis, gegen welches übrigens gar nichts einzuwenden 
war, da wir die Führung hatten, und welches sehr segensreich geworden 
wäre, wenn es nicht schon nach zwei Jahren, im Sommer 1874, durch 
Bismarcks Anerkennung der spanischen Republik einen unheilbaren Rig 
bekommen hätte; als dann, wiederum nach zwei Jahren, die orientalischen 
Wirren eintraten, war es nicht mehr stark genug, um gerneinsames 
Handeln herbeizuführen. Im Herbst 1876 wurde Alexander II. wie 
bekannt gegen seinen Willen gezwungen, allein gegen die Türkei vor- 
zugehen; in Warschau überbrachte ihm Feldmarschall Manteuffel einen 
Brief des Kaisers Wilhelm und begleitete dessen Inhalt mit mündlichen 
Ergießungen, welche den Zaren in der Meinung bestärkten, daß er auf 
unsere Gegenleistungen für die uns 1870 geleisteten Dienste im Sinne 
des Versailler Dankes-Telegramms rechnen könne; bald darauf, in Livadia, 
sprach er dies dem General Werder aus und beauftragte ihn, dem Kaiser 
Wilhelm zu schreiben, daß er sich zuverlässig darauf verlasse, Deutsch- 
land werde erforderlichen Falles Österreich-Ungarn ebenso im Zaume 
halten, wie er es damals getan. Fürst Bismarck mißbilligte scharf, daß 
General Werder jenen Auftrag ausführte, und hieß mich, meinen Urlaub 
im Reinhardtswalde unterbrechen und zu ihm nach Varzin zu kommen. 
Dort ließ er seinen Zorn über Werders Verhalten gegen mich aus; er 
behauptete, daß gar keine Analogie bestehe zwischen Frankreichs Angriff 
auf uns und Österreich-Ungarns Stellung zu den Balkanfragen, und 
beauftragte mich, sofort in die Krim zu reisen, um dem Kaiser Alexander 
seine Illusionen zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Fürst, es 
sei ja denkbar, daß wir, wenn man sich auf Gortschakow verlassen 
könnte und wenn Rußland uns angemessene Vorteile böte, mit diesem 
durch „dick und dünn“ gingen. Auf meine Frage, was uns Rußland 
gewähren solle, entgegnete der Kanzler: „zum Beispiel die Garantie 
Elsaß-Lothringens“. Als ich aber auf der Durchreise in Berlin, nach 
vorhergegangenem Besuche unseres Kaisers in Baden, von diesem im 
Beisein des Staatssekretärs eine ausführliche, vom Fürsten gebilligte 
schriftliche Instruktion erhielt, fand ich in dieser das Verbot, uns durch 
traktatmäßige Zusicherungen dauernd zu binden. Hierdurch wurde es 
mir unmöglich gemacht, der Bismarckschen Idee, für eine Garantie 
Elsaß-Lothringens durch dick und dünn zu gehen, nachdrückliche Folge 
zu geben; ich hielt es aber doch für meine Pflicht, dem Fürsten 
Gortschakow zu sagen, daß wir eine vertragsmäßige Garantie unserer 
Eroberungen gern sehen würden. „Dies würde Ihnen wenig nützen; in 
unserer Zeit haben Traktate einen sehr geringen Wert.“ 

Der Kaiser Alexander II. hat mir nach Jahren zum Vorwurf gemacht, 
daB ich ihm nicht von dieser Sache gesprochen hätte; Graf Peter 








— 


Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 231 


Schuwalow hatte vom Fürsten Bismarck bei einem Besuche in Friedrichs- 
ruh gehört, ich sei beauftragt gewesen, unsere rückhaltlose Mitwirkung 
zuzusagen, wenn wir die erwähnte Garantie erhielten; Graf Schuwalow 
erzählte dies seinem hohen Herrn und brachte diesen gegen mich auf, 
interpellierte mich auch persönlich und außerdem erhielt ich einen 
heftigen Erlaß des Fürsten mit der Frage, warum ich seinen Auftrag 
nicht ausgerichtet hätte? Ich verwies ihn auf das oben erwähnte ganz 
bestimmte Verbot, worauf er mir mürrisch schrieb, dem Buchstaben der 
Instruktion nach habe ich zwar recht, aber ich würde mich doch wohl 
seines Ausdrucks „durch dick und dünn“ erinnern. 

Rußland schloß nun den bekannten, geheimen, aber von uns später 
unbefugt veröffentlichten Vertrag mit Österreich-Ungarn, durch welchen 
diesem Bosnien und die Herzegowina in Aussicht gestellt wurden, was 
auch schon in Reichstadt geschehen war. Dann folgten die für Rußland 
traurigen Jahre, der Krieg, der Kongreß, bei dem es durchaus mehr 
erhielt, als es vor dem Kampfe gefordert hatte, die Rekriminationen 
gegen uns, welche Fürst Bismarck durch rexatorische Maßregeln er- 
widerte, endlich der törichte Brief des nervösen, müden, von Nihilisten 
verfolgten Zaren an unseren Kaiser, welchen Bismarck durch seine Reise 
nach Wien und den Abschluß des Bündnisses mit Österreich-Ungarn 
beantwortete. Die Spitze dieses Vertrages wurde mehr als nötig 
demonstrativ gegen Rußland gekehrt; ich habe das Meinige getan, um 
dem Kaiser Alexander II., der mich immer wieder an das, was er 1870 
getan hatte und an den von Manteuffel 1876 überbrachten Brief eriunerte, 
die Bitterkeit wegen unseres vermeintlichen Undanks zu mildern; er 
war tief unglücklich in jener Zeit, sowohl im eigenen Hause als auch 
in der inneren und äußeren Politik; in letzterer schlug er in seinem 
letzten Lebensjahre ohne Ranküne den richtigen Weg ein zur Wieder- 
herstellung des Einvernehmens zwischen den drei großen Monarchien. 

Die unklaren Verhältnisse auf dem Balkan enthielten den Keim zu 
Verwicklungen mit Österreich-Ungarn; um solchen vorzubeugen, wurde 
unter Fürst Bismarcks Ägide ein Abkommen angebahnt, welches dem 
Abschlusse nahe war, als der Kaiser ermordet wurde. Sobald als Herr 
von Giers bei dem Nachfolger die Erlaubnis erlangt hatte, durch 
Zirkular an die Missionen zu erklären, daß Rußland den alten Tradi- 
tionen in der äußeren Politik treu bleiben wolle, wurden die unter- 
brochenen Verhandlungen wieder aufgenommen, und zwar nach wie vor 
durch Fürst Bismarcks Vermittlung; dieser unterrichtete mich über 
Inhalt und Fortschreiten derselben nur unvollständig, aber Herr v. Giers 
sagte mir alles. Am 2. Juni 1881 machte ich hierüber nachstehende 
Aufzeichnung: 

„Herr v. Giers schilderte mir aus freien Stücken die Lage oder viel- 
mehr den Stillstand der Verhandlungen, welche durch Fürst Bismarcks 
Vermittlung mit Wien geführt werden. Minister Haymerle, sagte Herr 
v. Giers, sei zu umständlich, wolle immer etwas ändern, setze an die 
Stelle milder, die Sache aber präzis bezeichnender Ausdrücke schroffe, 
verletzende, die hier Anstoß geben; indessen habe sich Kaiser Alexander 
darin gefunden. Letzterer sei wirklich von dem aufrichtigen Wunsche 
beseelt, das von seinem Vater begonnene Werk, die Verständigung zu 
dreien mit dem pivot in Berlin zu vollenden und die von jenem bereits 
gemachten Zugeständnisse vollinhaltlich aufrechtzuerhalten; er nehme 





230 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 





weiter; eines der letzten Hindernisse wurde durch den Tod der Erz 
herzogin Sophie, der Mutter des Kaisers, beseitigt, und dessen Reise nach 
Berlin ward beschlossen. Jetzt waren wir dem beharrlich angestrebten 
Ziele nahe; mit Kaiser Franz Joseph und Graf Andrassy in Berlin 
konnte das freund- und nachbarliche Verhältnis in bindende, wenn 
auch noch nicht vertragsmäßige Form gebracht werden. Da trat Kaiser 
Alexander II. dazwischen; durch einen Brief des ehemaligen Hof- 
schauspielers, jetzt Hofrats Louis Schneider, welcher mit Erlaubnis 
unseres Monarchen mit dem russischen korrespondierte, angeregt, meldete 
der Zar seinen Besuch an. Auf diese Weise kam es zu dem sogenannten 
Drei-Kaiser-Verhältnis, gegen welches übrigens gar nichts einzuwenden 
war, da wir die Führung hatten, und welches sehr segensreich geworden 
wäre, wenn es nicht schon nach zwei Jahren, im Sommer 1874, durch 
Bismarcks Anerkennung der spanischen Republik einen unheilbaren Biß 
bekommen hätte; als dann, wiederum nach zwei Jahren, die orientalischen 
Wirren eintraten, war es nicht mehr stark genug, um gemeinsames 
Handeln herbeizuführen. Im Herbst 1876 wurde Alexander II. wie 
bekannt gegen seinen Willen gezwungen, allein gegen die Türkei vor- 
zugehen; in Warschau überbrachte ihm Feldmarschall Manteuffel einen 
Brief des Kaisers Wilhelm und begleitete dessen Inhalt mit mündlichen 
Ergießungen, welche den Zaren in der Meinung bestärkten, daß er auf 
unsere Gegenleistungen für die uns 1870 geleisteten Dienste im Sinne 
des Versailler Dankes-Telegramms rechnen könne; bald darauf, in Livadia, 
sprach er dies dem General Werder aus und beauftragte ihn, dem Kaiser 
Wilhelm zu schreiben, daß er sich zuverlässig darauf verlasse, Deutsch- 
land werde erforderlichen Falles Österreich-Ungarn ebenso im Zaume 
halten, wie er es damals getan. Fürst Bismarck mißbilligte scharf, daß 
General Werder jenen Auftrag ausführte, und hieß mich, meinen Urlaub 
im Reinhardtswalde unterbrechen und zu ihm nach Varzin zu kommen. 
Dort ließ er seinen Zorn über Werders Verhalten gegen mich aus; ef 
behauptete, daß gar keine Analogie bestehe zwischen Frankreichs Angriff 
auf uns und Österreich-Ungarns Stellung zu den Balkanfragen, und 
beauftragte mich, sofort in die Krim zu reisen, um dem Kaiser Alexander 
seine Illusionen zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Fürst, o 
sei ja denkbar, daß wir, wenn man sich auf Gortschakow verlassen 
könnte und wenn Rußland uns angemessene Vorteile böte, mit diesem 
durch „dick und dünn“ gingen. Auf meine Frage, was uns Rußland 
gewähren solle, entgegnete der Kanzler: „zum Beispiel die Garantie 
Elsaß-Lothringens“. Als ich aber auf der Durchreise in Berlin, nach 
vorhergegangenem Besuche unseres Kaisers in Baden, von diesem im 
Beisein des Staatssekretärs eine ausführliche, vom Fürsten gebilligte 
schriftliche Instruktion erhielt, fand ich in dieser das Verbot, uns d 
traktatmäßige Zusicherungen dauernd zu binden. Hierdurch wurde es 
mir unmöglich gemacht, der Bismarckschen Idee, für eine Garantie 
Elsaß-Lothringens durch dick und dünn zu gehen, nachdrückliche Folge 
zu geben; ich hielt es aber doch für meine Pflicht, dem Fürsten 
Gortschakow zu sagen, daß wir eine vertragsmäßige Garantie unserer 
Eroberungen gern sehen würden. „Dies würde Ihnen wenig nützen; in 
unserer Zeit haben Traktate einen sehr geringen Wert.“ 

Der Kaiser Alexander II. hat mir nach Jahren zum Vorwurf gemacht, 
daß ich ihm nicht von dieser Sache gesprochen hätte; Graf Peter 


ETS 





Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 231 


Schuwalow hatte vom Fürsten Bismarck bei einem Besuche in Friedrichs- 
ruh gehört, ich sei beauftragt gewesen, unsere rückhaltlose Mitwirkung 
zuzusagen, wenn wir die erwähnte Garantie erhielten; Graf Schuwalow 
erzählte dies seinem hohen Herrn und brachte diesen gegen mich auf, 
interpellierte mich auch persönlich und außerdem erhielt ich einen 
heftigen Erlaß des Fürsten mit der Frage, warum ich seinen Auftrag 
nicht ausgerichtet hätte? Ich verwies ihn auf das oben erwähnte ganz 
bestimmte Verbot, worauf er mir mürrisch schrieb, dem Buchstaben der 
Instruktion nach habe ich zwar recht, aber ich würde mich doch wohl 
seines Ausdrucks „durch dick und dünn“ erinnern. 

Rußland schloß nun den bekannten, geheimen, aber von uns später 
unbefugt veröffentlichten Vertrag mit Österreich-Ungarn, durch welchen 
: diesem Bosnien und die Herzegowina in Aussicht gestellt wurden, was 
auch schon in Reichstadt geschehen war. Dann folgten die für Rußland 

traurigen Jahre, der Krieg, der Kongreß, bei dem es durchaus mehr 
erhielt, als es vor dem Kampfe gefordert hatte, die Rekriminationen 
gegen uns, welche Fürst Bismarck durch rexatorische Maßregeln er- 
widerte, endlich der törichte Brief des nervösen, müden, von Nihilisten 
verfolgten Zaren an unseren Kaiser, welchen Bismarck durch seine Reise 
nach Wien und den Abschluß des Bündnisses mit Österreich-Ungarn 
beantwortete. Die Spitze dieses Vertrages wurde mehr als nötig 
demonstrativ gegen Rußland gekehrt; ich habe das Meinige getan, um 
dem Kaiser Alexander II., der mich immer wieder an das, was er 1870 
getan hatte und an den von Manteuffel 1876 überbrachten Brief eriunerte, 
die Bitterkeit wegen unseres vermeintlichen Undanks zu mildern; er 
war tief unglücklich in jener Zeit, sowohl im eigenen Hause als auch 
in der inneren und äußeren Politik; in letzterer schlug er in seinem 
letzten Lebensjahre ohne Ranküne den richtigen Weg ein zur Wieder- 
herstellung des Einvernehmens zwischen den drei großen Monarchien. 

Die unklaren Verhältnisse auf dem Balkan enthielten den Keim zu 
Verwicklungen mit Österreich-Ungarn; um solchen vorzubeugen, wurde 
unter Fürst Bismarcks Agide ein Abkommen angebahnt, welches dem 
Abschlusse nahe war, als der Kaiser ermordet wurde. Sobald als Herr 
von Giers bei dem Nachfolger die Erlaubnis erlangt hatte, durch 
Zirkular an die Missionen zu erklären, daß Rußland den alten Tradi- 
tionen in der äußeren Politik treu bleiben wolle, wurden die unter- 
brochenen Verhandlungen wieder aufgenommen, und zwar nach wie vor 
durch Fürst Bismarcks Vermittlung; dieser unterrichtete mich über 
Inhalt und Fortschreiten derselben nur unvollständig, aber Herr v. Giers 
sagte mir alles. Am 2. Juni 1881 machte ich hierüber nachstehende 
Aufzeichnung: 

„Herr v. Giers schilderte mir aus freien Stücken die Lage oder viel- 
mehr den Stillstand der Verhandlungen, welche durch Fürst Bismarcks 
Vermittlung mit Wien geführt werden. Minister Haymerle, sagte Herr 
v. Giers, sei zu umständlich, wolle immer etwas ändern, setze an die 
Stelle milder, die Sache aber präzis bezeichnender Ausdrücke schroffe, 
verletzende, die hier Anstoß geben; indessen habe sich Kaiser Alexander 
darin gefunden. Letzterer sei wirklich von dem aufrichtigen Wunsche 
beseelt, das von seinem Vater begonnene Werk, die Verständigung zu 
dreien mit dem pivot in Berlin zu vollenden und die von jenem bereits 

_ gemachten Zugeständnisse vollinhaltlich aufrechtzuerhalten; er nehme 


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232 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 
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die Sache ernst, beschäftige sich fleißig damit und beweise durch 
Äußerungen und Argumente, daß er sie verstehe und ihre Tragweite 
würdige. Giers sagt, er habe den Kaiser noch nie für eine geschäftliche 
Frage so interessiert gesehen, gestern habe er sogar, als man ihn zum 
Frühstück rief, das Gespräch nicht abgebrochen. Es kommt nun schließ- 
lich darauf hinaus, daß der Kaiser sowie sein Vater darein willigt, die 
Okkupation von Bosnien und der Herzegowina eventuell zur Annexion 
werden zu lassen, daß er dieses fatale Wort auch in die Abmachung 
aufnimmt, daß er aber Bedenken trägt, das gleiche auch für das 
Sandschak von Nowi-Bazar zuzugestehen. Ich erinnerte den Staats 
sekretär an die geheime Abmachung, welche Fürst Gortschakow und 
Graf Andrassy an einem der letzten Tage des Berliner Kongresses Anfang 
Juli 1878 unterzeichnet haben; er antwortete, Kaiser Alexander III. 
erhalte dieses Abkommen aufrecht, obwohl es ihm wie seinem Vater 
verhaßt sei; gerade wegen dieses Engagements sei der verewigte Kaiser 
so erbittert gegen Graf Schuwalow gewesen. Als ich bemerkte, daß es ja 
von Fürst Gortschakow unterzeichnet sei, sagte Herr v. Giers, der Fürst 
habe schon damals nicht mehr gewußt, was er tue; Graf Peter Schuwalow 
aber habe behauptet, nur auf diese Weise die Zustimmung Andrassys 
zum Erwerb Batums erlangen zu können. Giers wollte nun, um die 
Verhandlungen wieder in Gang zu bringen, offen mit dem Botschafter 
Grafen Kalnoki darüber sprechen, gab indessen diese Absicht wieder auf 
und hat auch dem Kaiser, welcher an den Kaiser Franz Joseph schreiben 
wollte, abgeraten, dies zu tun; er will dabei bleiben, daß die Verhand- 
lungen mit Wien nur auf dem Wege über Berlin geführt werden und 
ich bestärkte ihn in dieser Auffassung. Nach Berlin aber schrieb ich, 
die Österreicher würden gut tun, wenn sie sich beeilten, ein schwer 
rückgängig zu machendes Zugeständnis von Rußland verbrieft zu er- 
halten; es könne leicht zu spät werden, denn wenn Graf Ignatiew jetzt 
im Innern Erfolge habe, so würde er sich bald stark genug fühlen, die 
Fäden zu zerreißen, mit welchen man, wie er sagen würde, dem Kaiser 
die Hände binden will.“ i 

Am 8. Juni erhielt ich als Antwort auf meinen geheimen Bericht ein 
Telegramm des Fürsten Bismarck, dessen Inhalt ich Herrn v. Giers 
sogleich mitteilte, der sehr erfreut darüber war; ich sprach dann auch 
mit Graf Kalnoki über die „grande affaire“, wie wir es nannten; am 
15. teilte er mir mit, die grande affaire sei zum Abschluß fertig; Giers 
war hoch befriedigt und sagte mir: „Sehen Sie, es ist doch das Beste, 
wenn man offen und ehrlich zu Werke geht.“ Auch ich war zufrieden 
mit der schnellen und entscheidenden Wirkung meines Eingreifens. Am 
18. Juni erhielt ich ein Telegramm mit dem Vermerk, es selbst zu ent 
ziffern; es meldete die soeben erfolgte Unterzeichnung; da dies am 
Jahrestage der Schlacht von La belle alliance geschah, so gab ich in 
“meinen Gesprächen mit Giers scherzhaft dem geheimen Vertrage zu 
Dreien diesen Namen.’ Er war für drei Jahre gültig. 

Als diese Frist sich ihrem Ablaufe näherte, war die Gesamtlage 
günstiger als 1881 trotz mancher Irrungen in Bulgarien; die Friedens 
liebe des Kaisers von Rußland war nicht mehr zu bezweifeln, sein 
Charakter hatte sich Anerkennung erworben, seine Stellung im Innera 
war nach der glücklich verlaufenen Krönung fest und dank der 
energischen Verwaltung des Grafen Tolstoy weniger bedroht; in Berlin 





Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 233 





war der unruhige und unzuverlässige Botschafter Saburow durch den 
Fürsten Orloff, einen alten Freund Bismarcks, ersetzt worden, in Wien 
war an die Stelle des ängstlichen Baron Haymerle Graf Kalnoki und an 
die des Herrn von Oubril Fürst Lobanow getreten. Im Januar 1884 kehrte 
der Minister Giers aus der Schweiz über Wien zurück; über seinen 
dortigen Aufenthalt erzählte er mir unter anderem folgendes: „Kaiser 
Franz Joseph erwähnte der Vertragserneuerung und äußerte seine Be- 
friedigung, daß ihr kein Hindernis im Wege stehe; in Einzelheiten 
betreffend die Dauer und Änderungen wurde nicht eingegangen.“ „Graf 
Kalnoki war mit mir darüber einig, daß der gewisse Satz, an welchem 
mein Souverän immer wieder Anstoß nimmt, unwesentlich sei und 
vielleicht ganz wegbleiben könne, ene an der Hauptsache etwas zu 
ändern; ich bin überhaupt der Ansicht und fand hierin die volle Zu- 
stimmung des Fürsten Bismarck, daß es vor allem darauf ankomme, einen 
solchen Vertrag schwarz auf weiß zu besitzen.“ „Was nun die Dauer des 
zu erneuernden Abkommens betrifft, so habe ich den Grafen Kalnoki 
daran erinnert, daß Österreich-Ungarn es gewesen sei, welches auf der 
kurzen Frist von drei Jahren bestanden habe; Kaiser Alexander II. 
wollte dreißig! Der Graf antwortete: Daran sei Haymerle schuld gewesen 
wie an manchen anderen Fehlern. Ich sagte, jetzt werde es schwer sein, 
meinen allergnädigsten Herrn zu vermögen, daß er einen längeren Termin 
als den schließlich von seinem verewigten Vater gutgeheißenen annehme.“ 

Als nun Herr v. Giers seinem Kaiser über die in Wien besprochene 
Vertragserneuerung Vortrag hielt, sagte ihm Seine Majestät: „Comme 
vous vous entendez si bien avec le general Schweinitz vous pourriez traiter 
cette affaire avec lui.“ Ich wurde telegraphisch ermächtigt zu erklären, 
Fürst Bismarck lege keinen Wert darauf, daß die Verhandlungen in 
Berlin geführt würden. Am 29. Januar 1884 hat Herr v. Giers dies dem 
Kaiser mitgeteilt, und dieser hat ihm erlaubt, mit mir zu verhandeln. 
Giers hat gebeten, die Ankunft des Fürsten Orloff abwarten zu dürfen; 
„Lempereur a des velleites“ sagte er mir. Den Gang der Verhandlungen 
dachte er sich folgenderweise: Verständigung mit mir, Mitteilung durch 
mich nach Berlin, Weitergabe von dort nach Wien, Bevollmächtigung des 
österreichisch-ungarischen Botschafters am russischen Hofe und Unter- 
zeichnung in Petersburg. Herr v. Giers sprach sich eingehend über die 
velleit&s de l’Empereur aus: „Saburow, der noch nicht gewiß weiß, aber 
doch vermutet, daß er nächstens vom Berliner Posten abberufen werden 
soll, bemüht sich, den Kaiser zu überzeugen, daß durch Erneuerung des 
unveränderten Abkommens Frankreich uns und der Vernichtung preis- 
gegeben werde. Außerdem treffen beunruhigende Berichte des Herrn 
Nelidow aus Konstantinopel und von Herrn Hitrowo aus Egypten ein; 
unter dem Eindrucke solcher Nachrichten hat S. M. Giers gefragt, ob es 
nicht besser wäre, den Vertrag bloß für die Dauer eines Jahres zu ver- 
längern. Diese mich überraschende Äußerung behandelte ich als gar 
nicht ernst zu nehmen; ich erbat und erhielt aber einen Erlaß des 
Fürsten Bismarck, welcher mich instand setzte, unsere Stellung zu Frank- 
reich klar darzulegen und die bestimmte Versicherung abzugeben, daß 
Deutschland keiner Regierung, die sich in Frankreich etwa konstituieren 
könnte, aggressiv entgegentreten wolle. Der Minister sprach mir rück- 
haltlog seine Freude über diese Zusicherung aus: dies sei gerade das, 
was er brauche und sei gerade jetzt vom höchsten Werte für ihn. Am 


234 Valentin, Neues über die Vorgeschichte des Rückversicherungsvertrags 





2 Februar kam Fürst Orloff an; Herr v. Giers sagte: „Jetzt werde ich 
tambour battant vorgehen.“ Am 7. stellte ich mit Giers die grande affaire 
definitiv fest, möglichst kurz und klar. Für den 9. hatte sich Herr 
v. Giers einen besonderen Vortrag erbeten, um die Ermächtigung zu 
erhalten, mir ein Memoire zu überreichen, in welchem gesagt wird: „Das 
Kabinett von St. Petersburg wünscht eine Verständigung mit den 
Kabinetten in Wien und Berlin herbeizuführen betreffend den Vertrag 
vom 18. Juni 1881, und zwar über folgende drei Punkte: 

1. der dritte Satz des Artikel I fällt weg; 

2. im zweiten Alinea des Artikels II wird statt der Worte Ju 

Turquie d’Europe“ gesagt: „la dite peninsule“; 

8. der Vertrag wird auf dreieJahre erneuert. 
Am Abend dieses Tages speiste ich mit Herrn v. Giers bei Sir Edward 
Thornton; nach Tisch, im Rauchzimmer, schien sich der Minister zu 
wundern, daß ich ihm gar nichts sagte, und endlich fragte er mich, ob 
ich denn nicht seinen Brief erhalten habe? Als ich dies verneinte, war 
er außer sich; er habe ihn doch schon um 2 Uhr abgeschickt und bis 
7 Uhr war er noch nicht in meine Hände gelangt. Nun erzählte mir 
Herr v. Giers, er habe seinen Vortrag gehabt und die verabredete Vorlage 
gemacht; der Kaiser sei ganz zufrieden, sogar herzlich erfreut gewesen 
und habe sofort zugestimmt; aber er, Giers, habe gebeten, diese Zu- 
stimmung schriftlich zu bestätigen, worauf der Kaiser „Einverstanden” 
darunter geschrieben hat; der Minister, ergriffen von der Bedeutung des 
Aktes, hat das Zeichen des Kreuzes gemacht, obgleich er lutherisch ist, 
und als der Kaiser ihn fragte, warum er dieses tue, hat er geantwortet, 
daß er glaube, ein gutes und wichtiges Werk vollbracht zu haben. Am 
12. Februar schickte ich das Originaldokument durch den Feldjäger nach 
“Berlin. Am 9. März, dem Geburtstage Kaiser Alexanders III., empfing 
mich dieser im Anitschkow-Paläis; während des längeren Gesprächs 
sagte Seine Majestät, es gereiche ihm zu hoher Befriedigung, den Vertrag 
erneuert zu sehen, er erwarte davon großen Nutzen für beide Staaten, 
es sei sehr erfreulich, daß auf diese Weise die Ruhe und die Beziehungen 
„beider Staaten“ gesichert seien'). Ehe ich noch einwerfen konnte, daß es 
sich um drei Staaten handle, sagte Seine Majestät: von Österreich spreche 
er nicht, weil zwischen diesem und Rußland gar so viele divergierende 
Interessen beständen. Ich erlaubte mir zu bemerken, daß gerade in 
bezug auf Österreich und dessen jene Interessen berührende Politik der 
Vertrag besonders wertvoll sei. Statt diesen Gedanken aufzunehmen, 
sagte der Kaiser, er hoffe dringend, daB man das Geheimnis streng 
wahren werde. „Sie kennen Rußland zu genau“, sagte der Kaiser, „um 
nicht zu wissen, daß jede Abmachung mit Ihnen gern gesehen werden 
würde, daß aber das Bekanntwerden eines Abkommens mit Österreich 
große Unzufriedenheit zur Folge haben müßte.“ Ich antwortete, Seine 
Majestät könne sich versichert halten, daß wir die bisher gewahrte 
Diskretion auch fernerhin beobachten würden. 





1) Vgl. Diplomat. Akten III, S. 331. ~ 


XII 


Die Paulskirche im Wandel der Geschichts- 
auffassung 
Von Axel v. Harnack 


Die deutsche Historiographie befand sich in den vierziger 
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf dem Wege zu hoher 
Blüte. An den führenden Universitäten lehrten Forscher, welche 
ihre Namen durch gewichtige und umfangreiche Werke wie durch 
eine mächtige Wirksamkeit im Hörsaal bekannt gemacht hatten. 
Die Geschichtsforschung war im Begriff, sich des Einflusses zu 
bemächtigen, welchen philosophische Strömungen im ersten Drittel 
des Jahrhunderts besessen hatten’). Was ihr in jener Zeit des 
Vormärz noch fehlte, war die volle Resonanz in einem weiten 
Kreis des Volkes. Es bestand noch keine reine Harmonie zwischen 
dem, was der Geschichtsforscher bieten konnte und dem, was das 
gebildete Publikum an historisch-politischer Lektüre verlangte. 
Die Revolution von 1848 hat diesen Zwiespalt beseitigt. Sie hat 
die Forschung mächtig belebt und gleichzeitig den weiten deut- 
schen Leserkreis zu einer lebhafteren Auffassung geschichtlicher 
Gegenstände erzogen. 

Für den Aufschwung der Geschichtsforschung in den fünfziger 
Jahren bedarf es kaum eines Beweises. Führt doch unsre vor- 
nehmste geschichtswissenschaftliche Revue, die „Historische Zeit- 
schrift“, ihren Ursprung in diese Epoche zurück, und sind doch 
zahlreiche Geschichtswerke, ohne die unsre heutigen Anschau- 
ungen undenkbar sind, damals zuerst ans Licht getreten*). Den 


1) Vgl. Sybel an Waitz bei Gründung der Historischen Zeitschrift 
„Vorträge und Abhandlungen“, 1897 (= Histor. Bibl. Bd. 3) S. 86: „Wir 
dürfen ja wohl sagen, daß mit jedem Jahre mehr die Geschichte in Deutsch- 
land für die öffentliche Meinung und als Ferment der allgemeinen Bildung 
in die Stelle einrückt, welche vor 20 Jahren die Philosophie einnahm. 
Die Tatsache scheint mir unzweifelhaft, sie scheint mir eine der wenigen 
positiven Errungenschaften von 1848 zu sein.“ 

7) Am wichtigsten sind hier H. v. Sybels Zeugnisse: „Über den 
Stand der neueren deutschen Geschichtsforschung“, 1856 (in: Kleine 


236 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 


Männern, die in den fünfziger Jahren ihre wissenschaftliche Lauf- 
bahn begannen, floß das Blut frischer durch die Adern als der 
älteren Generation, und es wäre eine lockende, aber nicht leichte 
Aufgabe, zu untersuchen, wo und wie sich in den Geschichtswerken 
jener Zeit die Erfahrungen des Revolutionsjahres manifestieren. 
Würde man auf die Wahl des Gegenstandes, auf den Stil und auf 
die Kunst und die Mittel der Charakterisierung achten, so würde 
das gewiß zu interessanten Ergebnissen führen’). Die Unter- 
suchung wäre erschwert durch den Umstand, daß der Geschichts- 
schreiber es sich in der Regel nicht anmerken lassen will, daß die 
Wellen einer aufgeregten Zeit um ihn branden, und daß aktuelle 
politische Gedanken sich hineindrängen in die Epoche, die er sich 
gewählt. Wir begegnen also einmal der Tendenz, die eigene Dar- 
stellung mit dem Glanze einer absoluten Wahrheit zu umkleiden, 
und finden andererseits wieder Männer, die ihre persönlichen 
Erfahrungen mit ihrer Forschung verschmelzen und so bewußt 
politisch-erziehend zu wirken beabsichtigen. l 

Die Frage, zu deren Beantwortung die folgenden Seiten bei- 
tragen wollen, ist nur nicht die, wie die Revolution auf die 
Historiker gewirkt hat, sondern die nach den Wandlungen des 
Urteils über die Revolution in den letztvergangenen siebzig Jahren. 
Dabei soll der Blick vor allem auf die mächtigste Erscheinung 
des Revolutionsjahres, auf die Paulskirche gerichtet sein, während 
wir an einem andern Hauptproblem, der Beurteilung des König® 
Friedrich Wilhelms IV., vorbeigehen*). Es wird sich ergeben, daß 
das Urteil über die ganze Revolution eine merkwürdige Wandlung 
durchgemacht hat, welche in engstem, funktionellem Zusammen- 
hang mit der politischen Gestaltung Deutschlands steht. 


historische Schriften Bd. 1, 2. Aufl. 1869, S. 353ff.), ferner Ludwig 
Häußers vielseitige Bemerkungen in seinen „Gesammelten Schriften , 
wobei besonders auf Bd. 1 (1889) S. 422 und auf Bd. 2 (1870) S. 584 hin- 
zuweisen ist. Schöne Worte über die Neubelebung des geschichtlichen 
Sinnes hat Rudolf Haym gefunden im „Leben Max Dunckers“ (1891) S- 160. 

?) Ansätze dazu bei H. Baumgarten: Der deutsche Liberalismus, 
1866 (in: „Historische u. polit. Aufsätze“ (1894) S. 151ff.). Fueter, 
„Geschichte der neueren Historiographie“ (1911), bringt S. 556 einen 
instruktiven Hinweis. — Hippolyte Taine ist in der oben erwähnten 
Beziehung erfolgreich untersucht von V. Giraud: Essai sur Taine, 4. éd., 
Paris 1909, vgl. besonders S. 24 Anm. 1. f 

4) Im ersten Kapitel der Schrift von Elisabeth Schmitz: „Edwin 
v. Manteuffel als Quelle zur Geschichte Friedrich Wilhelms IV.“, 1921 
(Historische Bibliothek Bd. 45) besitzen wir eine sehr klare Übersicht 
über dies Problem, welches in den letzten Jahren immer komplizierter 
geworden ist. 











v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 237 





Wie beurteilte man die Revolution in den zwanzig Jahren, bis 
zur Aufrichtung des deutschen Kaiserreichs? In dieser Zeit ist 
kein großes, zusammenfassendes Werk von dauernder Wirkung 
erschienen, welches ihr gewidmet ist. Die Geschichtsforschung 
bedarf einer gewissen Distanz*), und so wandte man sich weiter 
zurückliegenden, abgeschlossenen Epochen zu. Sybel hat in seine 
„Geschichte der Revolutionszeit‘‘, Mommsen hat in seine „Römische 
Geschichte" ein gut Teil seiner eigenen Sorgen, Hoffnungen und 
Erfahrungen hineingelegt. Das Problem der deutschen Einheit, 
welches die Revolution nach 1815 zum erstenmal wieder energisch 
aufgerollt hatte, war in jenen beiden Dezennien ein offenes. Es 
ließ sich vom rein historischen Standpunkt aus noch kein festes 
Verhältnis zu ihm gewinnen, weil es zu sehr im Streite der Parteien 
stand. Man kann aber sagen, daß die Träger der Revolution und ihr 
Hauptwerk, die Reichsverfassung von 1849, sich hoher Achtung 
erfreuten. Gerade in den fünfziger Jahren, als die „Grundrechte“ 
in den Einzelstaaten wieder abgeschafft wurden, richtete sich die 
Bewunderung der jüngeren Generation auf dies Werk, welches 
zum erstenmal Forderungen kodifiziert hatte, die nicht dauernd 
unerfüllt bleiben konnten. Man sah eine Bürgschaft für eine ge- 
sunde Fortentwicklung darin, daß fast das ganze deutsche Volk 
sich gewissermaßen in einem mächtigen und tiefen Atemzuge 
einmal Luft geschafft hatte, und meinte darin eine Gewähr für die 
Zukunft zu sehen. Die Publizisten der Zeit betonen das immer 
wieder, während die Historiker den Schauplatz verlegen und ihre 
Gedanken über die Einigung Deutschlands im Rahmen der be- 
rühmten Kontroverse über die deutsche Kaiserpolitik des Mittel- 
alters zum Ausdruck bringen". 

Die Gründung des deutschen Kaiserreichs durch Bismarck hat 
die Stimmung gegenüber der Revolution umschlagen lassen. Es 





H Während des Jahres 1348 wurde die Stoßkraft der Revolution und 
die Macht der Paulskirche auch von kompetenten Besbachtern oit über- 
schätzt. Dahlmann meinte, die Nationalversammiurg Lätte die EiLiguLg 
Deutschlands auf dem Wege der Revolution durchsetzen korren, sei aber 
stark genug gewesen, diesen Weg nicht zu enen, Sehon seine Er- 
fahrungen als verantwortlicher Minister im Septer.ter 1745 dürften dee 
Ansicht bei ihm umgestoßen haben. (Ygl. Lexz: K.eize histor. Sehr.ften, 
2 Aufl., 1913, S. 355.) 

H Vgl. dazu außer den oben erwärnten Bemerkungen Hžußers 
Doch: Baumgarten, Wie wir wieder ein Volk gewsrien sini”, 14790 
(Historische u. polit. Aufs., 1594, S. 25), vzd Gusar Freytag, Kar! 
Mathy (= Ges. Werke, Bd. 2, 1555, S. Za mowie „Zeitschrift für Kiiv- 
geschichte“ Bd. 3 (1896) S. 18. 


Zeitschrift für Politik. 12. 15 





238 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 


entsteht eine neue Atmosphäre, welche zunächst entschieden revo- 
lutionsfeindlich ist. Kehrte auch ein Hauptgedanke der Revolution, 
das allgemeine Wahlrecht, in der Bismarckschen Reichsverfassung 
wieder, so waren doch deren andere Elemente und die Umstände, 
wie sie zustande gekommen war, keineswegs nach dem Sinne der 
Patrioten von 1848. Damals wollte man den föderativen Charakter 
Deutschlands viel weniger betonen, man wollte nichts wissen von 
Mediatisierung, von Annexion und von Krieg gegen das Ausland. 
Dem ungeheuren Erfolge Bismarcks beugte sich nun fast die ganze 
öffentliche Meinung und verurteilte fortab die Revolution, weil 
sie mit falschen Mitteln falschen Zielen nachgestrebt habe. Etwa 
bis zum Ende des Jahrhunderts — und in ihrem Fortklingen 
spüren wir sie noch heute — herrschte diese Stimmung, die für 
weite Kreise des gebildeten Bürgertums charakteristisch ist”). 
Auch Sybels Werk, das zu Ende der achtziger Jahre erschien, hat 
sie nicht zu überwinden vermocht. Sie kennzeichnet sich durch die 
zahlreichen und groben Vorwürfe gegen die weltfremden Pro- 
fessoren, gegen den Mangel an Entschlossenheit auf seiten der 
Regierungen wie des Parlaments, sie tritt auf mit der unbeweis- 
baren Behauptung, daß schon 1848 „ein großer Mann“ die Eini- 
gung Deutschlands hätte vollziehen können. Sie weiß nichts oder 
will nichts wissen von den großen Opfern an Leben und Blut, die 
damals gebracht wurden, sie gefällt sich endlich darin, zu erklären, 
daß landfremde Emigranten und Empörer von entscheidender Be- 
deutung beim Ausbruch und bei der Fortführung der Revolution 
gewesen seien. Fragt man nun, welcher Geschichtsforscher sich diese 
Ansichten zu eigen gemacht und begründet hat, so muß man die 
auffällige Tatsache konstatieren, daß sie in so krasser Form bei 
keinem der führenden hervortritt, ja daß es überhaupt schwer ist, 
Zeugnisse dafür in der wissenschaftlichen Literatur zu finden’). 


1) Die Sozialdemokratie hat solchen Anschauungen gegenüber Zurück- 
haltung geübt und sich der Demokraten von 1848 stets dankbar erinnert. 
Es ist interessant, daß die liberale öffentliche Meinung auf ihre enge 
Verwandtschaft mit den mittelparteilichen Führern der Paulskirche nur 
sehr geringen Wert legt. 

H Noch im Jahre 1870 muß Gustav Freytag in seiner Biographie 
Karl Mathys schreiben (oa, S. 279): „Es ist jetzt, wo viele unter dem 
Eindruck glänzender Waffentaten und neuer Gesetzgebung urteilen, nicht 
ungewöhnlich, die Verfassungsarbeit von 1848 als einen vergeblichen 
Anlauf zu betrachten, ganz unwesentlich gegen die praktischen Erfolge 
der letzten Jahre. Wer so urteilt, vergißt, daß die Fortsetzung nicht 
möglich war ohne den Anfang. Wer sich aber der leichten und erfreuenden 
Arbeit nicht entzieht, das Gewebe unserer politischen Gegenwart bis über 




















BE re a a a 
v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 239 





Nichtsdestoweniger haben sie geherrscht; sie sind von Leitartikel 
zu Leitartikel, von Wahlversammlung zu Wahlversammlung weiter- 
getragen worden. Stand doch hinter ihnen der meist falsch ver- 
standene Meister jener Zeit, der Fürst Bismarck selbst, wenn er 
auch innerlich weit darüber herausgewachsen war. Als Beleg für 
die hier charakterisierte Auffassung kann die „Deutsche Geschichte 
von der Auflösung des alten bis zur Errichtung des neuen Kaiser- 
reichs“ dienen, welche v. Zwiedineck-Südenhorst ver- 
öffentlicht hat’). In diesem umfangreichen Werke finden wir mehr- 
fach, wie den deutschen Regierungen und dem deutschen Volke 
die Zensur „unreif‘“ erteilt wird, wie der Verfasser es sich leicht 
macht, die bekannten Urteile Bismarcks über Heinrich v. Gagern 
zu wiederholen, statt sie kritisch zu benutzen, wie er es nicht dazu 
bringt, die großen geschichtlichen Gegenstände im ganzen zu- 
sammenfassend zu überschauen, sondern bei seinen häufig wert- 
vollen und nützlichen Einzelbeobachtungen und Forschungsergeb- 
nissen stehen bleibt’). 

Im Jahre 1889 begann Heinrich v. Sybels „Begründung des 
Deutschen Reichs durch Wilhelm I.“ zu erscheinen. Damit hatte 
zum erstenmal ein anerkannter Meister nach dem Stoffe gegriffen 
und sein Werk auch durchgeführt. Er hat im ersten Bande die 
Revolution dargestellt als die Grundlage, von der die Bismarcksche 
Politik ausgegangen. „Vornehmlich nach den preußischen Staats- 
akten“ hat er auf das Titelblatt gesetzt, und dieser Zusatz ist von 
hoher Wichtigkeit, da er sofort auf den besonderen Charakter des 
Buches führt. Preußen, das ihm mit seinen Archiven entgegen- 
kam, ist im Mittelpunkt der Darstellung, und vom preußischen Ge- 
sichtspunkt aus ist sie geschrieben. Aus dem Überwiegen der 





das Jahr 1848 rückwärts zu betrachten, dem heftet sich zuletzt der Blick 
auf jenen kleinen Kreis von Männern: die Gründer der „Deutschen 
Zeitung“, die Führer der Heidelberger Versammlung, die vertraute 
Genossenschaft, welche den Kern des Kasinoklubs in Frankfurt bildete, 
aus Darmstadt, Nassau, Baden.“ 

Dä Bände, Stuttgart 1897—1905, im Rahmen der „Bibliothek deutscher 
Geschichte“. 

1%) Vgl. besonders Bd. 2 (1903) S. 401 und Bd. 3 (1905) S. 80. Nicht 
einwandfrei ist bei ihm die Verwertung der Quellen; z. B. spielt das 
Archiv des Erzherzogs Johann, das er benützt, eine unverhältnismäßig 
bedeutende Rolle. — Auch die „Weltgeschichte in Umrissen“ - des 
Obersten York v. Wartenburg, welche man als eine der bedeutendsten 
historiographischen Leistungen des letzten Menschenalters ansehen darf, 
übt an der Paulskirche scharfe Kritik. Bei der ausgesprochenen politi- 
schen Einstellung des Verfassers wird das nicht Wunder nehmen (8. Aufl.. 
1904, S. 482). 

16* 





240 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 


preußischen Quellen ergibt sich auch, daß der europäische Charakter 
der Revolution zurücktritt. Hatte Sybels Darstellung der franzö- 
sischen Revolution von 1789 gerade den Vorzug, den weltpolitischen 
Gesichtspunkt zur Geltung zu bringen, so glaubte er ihn offenbar 
bei seinem zweiten großen Werk mehr im Hintergrund lassen zu 
sollen. Daß der Gang seiner wissenschaftlichen Studien ihn von 
1789 in die Paulskirche und dann zu Bismarck geführt, sagt e" 
in der Vorrede selbst. So erklärt es sich, daß ihm die französische 
Revolution als Revolution vor Gomm erschien und daß er gelegent- 
lich ihre Terminologie in seine Schilderung des Jahres 1848 hinein- 
trug. Das legten freilich auch die Quellen selbst nahe, die oft 
Bilder und Gedanken aus jener Zeit bringen"), Sybel ist bei 
seinem ausgebildeten historischen Takt den Fehlern ausgewichen, 
die durch übertriebene Analogien der beiden Revolutionen ent- 
stehen und sein kunstvolles Bild verzerren konnten. 

Er sah die Revolution als die notwendige Voraussetzung für 
die Bismarcksche Reichseinigung an. Diese Grundanschauung er- 
laubte es ihm, Einzelerscheinungen scharf zu kritisieren, aber doch 
die Bewegung als ganzes für gesund und in sich berechtigt zu er- 
klären. Für die Paulskirche hegt er zwar keine Sympathie, tritt 
ihr aber doch unvoreingenommen gegenüber und erkennt an, daß 
die Aufgabe, die sie sich vorgenommen, an und für sich damals un- 
lösbar war" Nachdrücklich weist er aber auch auf die Be- ` 
deutung hin, welche die Tätigkeit des Parlaments für die Folge- 
zeit in sich barg. 

Sybel ist mit allgemeinen Urteilen zurückhaltender als Ranke. 
Er vermeidet sie und führt seine Darstellung an Stellen, wo sie 
besonders erwartet werden könnten, in rascher, zielbewußter und 
glatter Weise weiter. So haben seine Kapitelschlüsse — nament- 
lich im ersten Bande — eine gewisse Mattigkeit: man erfährt eben 
nur, daß ein neues Moment eintrat, welches wieder eine neue Lage 
schuf. Man kann die Hochschätzung seines großen Werkes sehr 
wohl mit der kritischen Betrachtung Hermann Onckens verbinden, 
welcher in Sybels Geschichtsschreibung einen dogmatischen Cha- 
rakter konstatiert’), und wird diesen Charakter richtig definieren, 


11) Vgl. den Hinweis in meiner Schrift: F. D. Bassermann und die 
Revolution von 1848/49. 1920, S. 64. (Historische Bibliothek, 

12) Bd. 1 (1889) S. 319. 

18) Oncken: Histor. u. politische Aufsätze, Bd. 2 (1914) S. 4. — In 
welche charakteristische Situation Sybel während der Revolution geriet, 
zeigte ein Satz Eduard Zellers: „Während ihm die Marburger Demo- 


v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 241 


wenn man sagt, daß Sybel dem deutschen Volke im Zeitalter 
höchster monarchischer Macht die im besten Sinne offiziüse Dar- 
stellung seiner Revolution geschenkt hat. 

Zwei Ereignisse waren es, die im Jahre 1898 die Revolution 
in einen neuen Aspekt treten ließen: der Tod Bismarcks und 
das fünfzigjährige Jubiläum der Märztage. Dieser Erinnerungstag 
brachte zwei programmatische Arbeiten, die an Bedeutung die 
üblichen Festartikel überragten. Max Lenz und Erich Marcks 
ergriffen damals das Wort. Von besonderem Einfluß ist nament- 
lich Lenz’ Aufsatz. geworden“). Er knüpft an Ranke") an und 
hebt im Gegensatz zu Sybel den europäischen Charakter der Revo- 
lution hervor. Wie sie in den einzelnen europäischen Staaten auf- 
trat, wie sie die leicht zerreißbaren Bänder zwischen ihnen zu zer- 
schneiden drohte, wie die deutschen Einzelstaaten damals weniger 
denn je Herren ihres Schicksals waren, kommt bei ihm zu deut- 
lichem Ausdruck. So findet er Worte der Anerkennung für die 
Frankfurter Mehrheit, die ihm realpolitisch und nicht doktrinär 
erscheint, und sieht überhaupt in dem ganzen Revolutionsjahr, wenn 
auch ein „tolles“ Jahr, so doch eine Epoche, auf die man auch 
nach und trotz 1870 mit Stolz blicken könne. Als er diese Ge- 
danken niederschrieb, lebte kaum noch einer von den Trägern der 
Bewegung von 1848. Fünfzig Jahre hatten genügt, um zu zeigen, 
daß — um Lenz’ Worte zu gebrauchen — die Revolution sich zur 
Reichsgründung verhält wie die Saat zur Ernte. Erich Marcks’ 
Gedanken bewegen sich in ähnlicher Richtung'®). „Wir haben es 
nicht mehr nötig, 1848 einseitig zu befehden‘“, beginnt er, und 
mahnt zur „Bescheidenheit historischen Begreifens“. Er will die 
Schlagworte, welche so oft die gerechte Beurteilung der Revolution 
erschwerten, zurückdrängen und namentlich nicht nach der Schuld, 
sondern nach den Ursachen fragen. Für ihn liegen sie weit zurück 
und „keineswegs bloß in einer Umnebelung der Köpfe durch die 
Tagesphrasen'’). Ein Gedanke ist bei Marcks besonders charak- 
teristisch-. Er meint, wir hätten ja von Bismarck viel gelernt, aber 
noch lange nicht genug, um hochmütig auf 1848 sehen zu dürfen. 





kraten die Fenster einwarfen, galt er bei Hofe für einen Jakobiner 
(In: v. Sybel: Vorträge und Abhandlungen, 1897, S. 74, Historische 
Bibliothek, Bd. 3.) 

14) „1848“ in Kleine histor. Schriften, 2. Aufl. (1913), S. 345. 

18) Vgl. Elisabeth Schmitz a. a. S. 7. 

‘) „Männer und Zeiten“, Bd. 1, 1912, S. 216ff. 

v) a. a. O. S. 285 u. 244. Immerhin spricht doch Marcks einmal von der 
„subjektiven Unreife des deutschen politischen Wesens“. 


242 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 


„Wir wohnen im festen Hause der Macht‘ schreibt er und kenn- 
zeichnet damit die stolze Sicherheit, mit welcher der deutsche Ge- 
schichtsschreiber um die Jahrhundertwende schreiben durfte. Die 
Konsolidierung des Deutschen Reichs, seine mächtige Stellung in 
der Welt, welche die öffentliche Meinung für noch stärker ansah, 
als sie wirklich war, ließen den politisch eingestellten Historiker 
die Stürme von 1848 in günstigem Lichte sehen. Gerade weil die 
Reichsgründung wertvolle Gedanken aus jener Zeit ergriffen hatte, 
konnte man die Männer der Paulskirche jetzt dankbar feiern. 

In der Richtung, die Lenz eingeschlagen, bewegen sich auch 
die Arbeiten eines Forschers, den man in die hier angedeutete 
Entwicklung nicht ohne weiteres hineinstellen kann, die Friedrich 
Meineckes. Mit seinen Schriften, welche nur in zweiter Linie der 
Darstellung und Beurteilung der Revolution gewidmet sind, hat er 
von den ersten Jahren dieses Jahrhunderts an starken Einfluß 
ausgeübt und reiche Anregung gegeben. Sie haben einen eigenen 
Charakter. In: „Weltbürgertum und Nationalstaat‘“'*) behandelt 
er — auf Deutschland blickend — ideengeschichtlich einen der 
wichtigsten politischen Gedanken, der schon das Altertum beschäf- 
tigt hat, und bietet von diesem Gesichtspunkt aus eine detaillierte 
Schilderung bestimmter Vorgänge des Revolutionsjahres. In dem 
zweiten Buch, das ebenfalls nur zu einem Teil die Revolutionszeit 
behandelt, ist das große Thema die Gestalt des Generals von Rado- 
witz'°). Hier steht bei den Historikern das Interesse für einen be- 
deutenden Mann im Vordergrund, dessen Wirksamkeit groß ge- 
wesen ist und dessen Persönlichkeit einen mächtigen Reiz schon 
auf ihre Zeitgenossen ausgeübt hat. Das Schicksal hat Radowitz 
auch in die Paulskirche geführt, und so verdanken wir seinem 
Biographen Bemerkungen über das Parlament, welche die ganze 
Eigenart dieses Historikers zeigen. Er baut vor den Augen des 
Lesers die gedanklichen Fundamente der Revolution auf. Das 
Ringen der Geister, das Aufsteigen neuer politischer Gedanken, 
das Unterliegen antiquierter Ideen können wir bei ihm studieren. 
Zurücktritt in seiner fesselnden Darstellung das Einfach-Tatsäch- 
liche, und es lockt den Autor nicht, all dem eine neue Seite ab- 
zugewinnen, was sichtbar geschehen ist und was — durch feste 
Überlieferung gesichert — klar vor aller Augen liegt. Meinecke 
ist weit davon entfernt, die Bedeutung der „Tatsachen“ zu unter- 
schätzen, von denen ja jegliche historische Betrachtung auszu- 
— — — o 


18) 1, Aufl. 1907, 5. Aufl. 1919. 
In Radowitz und die deutsche Revolution. Berlin 1918. 


v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 243 


gehen hat; es handelt sich hier vielmehr — so wird man sagen 
können — um die richtige Dosierung der einzelnen Elemente in 
der geschichtlichen Darstellung. Sie wird nur dann wahrscheinlich 
und glaubhaft werden, wenn der Historiker allen Lebensäuße- 
rungen seiner Epoche mit feinem Gefühl nachgeht und seine ganze 
eigene Lebenserfahrung bei der Abwägung, Sichtung und Prüfung 
der Quellen einsetzt. Dies Problem, an welches an dieser Stelle 
nur erinnert werden soll, hat Meinecke in Gegensatz zu dem 
Geschichtsforscher gebracht, der als letzter vor dem Zusammen- 
bruch des Bismarckschen Reichs im Jahre 1918 der Revolution von 
1848 eine große Darstellung gewidmet hat, zu Erich Branden- 
burg?°). Auf die Begriffe „Macht“ und „Staat“ läßt sich — im 
großen gesehen — seine historische Arbeit zurückführen, und mit 
bewußt realpolitischer Einstellung tritt er an die geschichtlichen 
Erscheinungen heran. In seinem Werk: „Die Reichsgründung“ 
(1916) und in seiner für ein weiteres Publikum bestimmten Schrift: 
„Die deutsche Revolution 1848?!) begegnet man einer Stimmung 
williger Anerkennung gegenüber den Leistungen des Revolutions- 
jahres; ja Brandenburg hat es geradezu unternommen, eine „Ret- 
tung“ der Paulskirche zu schreiben. Er legt besonderes Gewicht 
auf den Gedanken, daß erst durch die Revolution „die nationale 
Idee in weiten Kreisen unseres Volkes zu einer lebendigen Kraft 
geworden ist“”). Diese große Idee ist, wie er hervorhebt und 
damit einen scharfen Gegensatz zur älteren Auffassung feststellt, 
erst damals „aus dem Reich der Gefühle und Träumereien in das 
Reich des Möglichen und Erreichbaren versetzt worden“. Im An- 
schluß an diese allgemeinen Betrachtungen nimmt Brandenburg 
nun auch das Verhalten der Mehrheit der Paulskirche im einzelnen 
in Schutz. Es läßt sich seiner Meinung nach ausreichend recht- 
fertigen, daß im Sommer zunächst die Grundrechte durchberaten 
wurden. Überhaupt habe sich die Versammlung nicht nach 
Theorien gerichtet. sondern stets bemüht, nach praktikablen 
Wegen zu suchen. Ihre Verfassung war kein Werk „grauer 
Theorie", sondern ein Kompromiß,. daa hohe Anerkennung ver- 
diene. Die Männer. die daran gearbeitet, sind auch Begründer 
des Reichs. 

Als das Brandenburgsche Buch erschien, stand das Bismarck- 
sche Reich bereits mitten im Kampf um seine Existenz. Sein 





u Hisor. Zei’#:-_ Bi 1! 8 u. 119 1917 o 19:8. Vgl. auch peine 
oben S. MU erwäirı eir.iı Ser Besserzezn. kg 

Wl In der Bac re: „Wisserseral: Gd E Zoe, 2 Ask. Zen 

wéi Bd 1.5 SI. 





244 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 


Zusammenbruch im Jahre 1918 hat eine, uns alle schwer be- 
lastende Frage aufgeworfen, die vorher kaum jemand zu stellen 
gewagt hat, nämlich die, ob die Bismarcksche Lösung der Reichs- 
gründung die einzig mögliche und Sicherheit für die Zukunft ge- 
währende war. Diese Frage, welche die Geschichtsforschung gewiß 
noch lange beschäftigen wird, zu beantworten suchen, würde 
mitten in die Tagespolitik hineinführen. 

Als im Jahre 1919 die Nationalversammlung in Weimar tagte 
und die Verfassung beriet, lag es nahe, daß die Gedanken sich bis- 
weilen auf die Paulskirche richteten. So mancher Abgeordnete 
mag zufällig auch nach den Stenographischen Berichten des 
Frankfurter Parlaments oder nach den Protokollen des Ver- 
fassungsausschusses gegriffen haben. In der Presse fanden sich 
häufig Erinnerungen an das Jahr 1848, und Würdigungen der 
neuen Verfassung, die nun bald ins Leben treten sollte, begannen 
nicht selten mit einem Rückblick auf die alte, die zu keiner Zeit 
in Kraft gewesen war. 

In diesen Monaten der Arbeit unter schwerem äußeren Druck 
gewann die erste Revolution ein neues Gesicht. Man suchte zu 
prüfen, ob nicht die Ziele, die sie sich gesteckt, richtiger waren 
als die Bismarcks, ob insbesondere nicht der Unitarismus als 
Ferment des Zusammenhalts des Reichs mehr betont werden müsse. 
Wir besitzen aus jener Zeit einen lehrreichen Vortrag von Fritz 
Hartung, welcher in den „Schriften der deutschen Gesellschaft 
für Politik an der Universität Halle-Wittenberg“ erschienen ist”). 
Seinem Urteil nach ist die allgemeine Stimmung der Revolution 
bereits zu günstig; er sagt: „Solange Deutschland unter dem Ein- 
druck der Bismarckschen Politik stand ... wurden die Männer 
von 1848 oft verkannt: man nahm sie vielfach nicht recht ernst... 
Heute muß er (d. i. d. Historiker) vor einer Überschätzung der 
ersten Revolution warnen .. .“ In einer kurzen Formel hat 
Hartung die Bedeutung der Revolution zusammengefaßt: „Die An- 
passung der politischen Verfassung Deutschlands an die wirt- 
schaftlichen und sozialen Verhältnisse ist erreicht worden“ ”). 
Diese Anerkennung läßt er ihr ganz, lenkt aber dann wieder auf 
ältere Meinungen zurück, wenn er der Paulskirche nicht den Vor- 
wurf ersparen kann, daß sie im Sommer 1848 die beste Zeit nutzlos 
habe verstreichen lassen”). 


233) Bd. 1, 1920, S5. 52 ff. 4) 2.2.0. S. 71. 

35) a.a.0. S. 65. Der Verfasser dürfte ein Gegner der Revolution von 
1918 sein (vgl. S. 58 und 59). Um so bemerkenswerter ist seine Ansicht, 
daß die Bismarcksche Verfassung, welche den einzelstaatlichen Parla- 





v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 245 


An der Schwelle der Gegenwart angelangt, werfen wir noch 
einen Blick in ein Buch, in welchem sich geschichtliche Anschau- 
ungen spiegeln, wie sie heute in weiten, politisch links stehenden 
Kreisen herrschen. Im vorigen Jahre erschien in Leipzig das Werk 
von Robert Riemann: „Schwarzrotgold. Die politische Geschichte 
des Bürgertums seit 1815‘ *°). Diese Schrift darf mit den Dar- 
stellungen, die wir bisher betrachtet, nicht auf die gleiche Stufe 
gestellt werden. Sie tritt nicht mit gelehrten Ansprüchen auf, 
sondern ist eigentlich ein großer historisch-politischer Leitartikel. 
Der Verfasser, der für so manches einen richtigen Blick hat, ist 
kein selbständiger Geschichtsforscher. Für bestimmte historische 
Erscheinungen, wie z. B. die Bedeutung einzelner Männer inner- 
halb einer bestimmten Zeit, fehlt ihm das Organ. Man vermißt 
auch einen gewissen Grad von Ehrfurcht vor dem geschichtlich 
Gewordenen. So heißt es gleich am Anfang: „das Bismarcksche 
Reich ist eine Künstlichkeit. Weniger wäre mehr gewesen‘“”'). 
Ferner ist die Verknüpfung der Tatsachen, die Riemann bietet, 
sehr wenig befriedigend. Gerade bei der Schilderung der Revo- 
lution von 1848 tritt das hervor. Hier erhält derjenige, welcher 
nur Riemanns Darstellung kennt, gar kein Bild von der Wirkung, 
welche die einzelnen Machtzentren Berlin, Wien und Frankfurt 
gegenseitig aufeinander ausgeübt haben. Freilich stellt die Schil- 
derung dieser Revolution mit ihrem ständig wechselnden Schau- 
platz die höchsten Anforderungen an die Darstellungskunst des 
Historikers. Der Paulskirche steht Riemann freundlich gegenüber. 
Mit dem Urteil über sie verbindet er aber sofort einen Hieb auf 
seine politischen Gegner. Er schreibt — zunächst von den Göttinger 
Sieben sprechend: „In der Bismarckschen Ära hat man verächtlich 
auf dieses Zeitalter der „Professorenpolitik‘“ zurückgeblickt, heute 
findet man wieder den Weg zu ihrer richtigen Einschätzung, weil 
die Militärpolitik - mm Kurse gesunken ist“”). Ferner: „Die 
Neigung der Paulskirche zu grundsätzlichen Erörterungen ist 
keine Schwäche, sondern es ist sehr bedauerlich, daß man sich 
das später abgewöhnt hat. Die unmündig Gewordenen sollten es 
sich nicht herausnehmen, über die aufrechten Achtundvierziger, 





menten relativ geringe Bedeutung ließ, der konstitutionellen Entwicklung 
des Reichs hinderlich gewesen ist (S. 67ff). Das Reich hat — so kann 
man sagen — bis zum Jahre 1918 die Einzelstaaten allmählich ausgehöhlt. 
Das Flottenbudget ist hier von besonderer Bedeutung. 

t) Ausführliche Besprechung in den Preuß. Jahrbüchern, Bd. 187, 
1922, S. 80 ff. 

8.10. 22) 8. 59. 


246 v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 





die eine eigene Meinung hatten und vertraten, unter knecht- 
seliger Anrufung Bismarcks zu spotten“””). 

Mancherlei schwere Übertreibungen°®), vor allem aber der über- 
aus selbstbewußte, oft höhnische Ton machen die Lektüre zu keiner 
erfreulichen. Die ganze Haltung des Verfassers erinnert bisweilen 
an die Betrachtungen, welche Karl Marx über die Revolution von 
1848 in den fünfziger Jahren angestellt hat und welche erst 1896 
durch Kautsky in Deutschland bekannt gemacht worden sind”). 
Seine scharfsinnigen, ganz einseitigen Gedanken, in denen man 
oft sehr treffende Urteile über die Revolution findet, müßten in 
diesem Zusammenhang wohl gewürdigt werden, wenn sie nicht 80 
isoliert stünden und die Historiographie kaum beeinflußt hätten. 
Ihre Darstellung und kritische Behandlung würde überdies den 
Rahmen dieses Überblicks sprengen. 


Im Herbst 1849, als die Revolution ihren völligen Abschluß 
gefunden hatte, schrieb Max Duncker, welcher ein führendes Mit- 
glied der Parlamentsmehrheit gewesen war, eine Schrift: „Zur 
Geschichte der Nationalversammlung in Frankfurt“. In dem Vor- 
wort findet sich ein Abschnitt, den wir an den Schluß unserer 
Betrachtung stellen®). Wir glauben, daß er heute so aufmerksame 
und nachdenkliche Leser finden sollte wie damals und wünschen, 
daß auch in unserer Zeit die gleichen Gedanken lebendig sind, mit 
welchen vor siebzig Jahren ein überlegener Geist die Bilanz der 
Revolution zog und in die Zukunft schaute: 


„ .. Aber die Demokratie ist besiegt wie wir. Es ziemt heute 
nicht mehr mit ihr zu rechten, es gilt heute andere Gegner ZU 
bekämpfen. Wie wir nicht müde geworden sind, der Demokratie 
vorauszusagen, welche Früchte ihr Treiben der Nation eintragen 
würde, so wollen wir uns auch heute nicht ersparen, die, welche 
jetzt die Zügel in Händen haben, die Regierungen wie die Ver- 
tretungen großer deutscher Stämme zu warnen, weiterzugehen auf 
den unheilbringenden Pfaden, welche bereits betreten sind. Ver- 
steht man nichts als das Gegenstück des vorigen Jahres auf- 
zuführen, reicht die Politik nicht weiter, als in einem Moment der 
Ermüdung und Abspannung die Bewegung so weit als möglich 
zurückzudrücken, so kann man gewiß sein, daß man den Gegner 
wacker in die Hände arbeitet, daß die nächsten Zeiten die Scenen 


2») S, 118. 

*) z. B. S. 121 über den Einfluß des Reichstags. 

3) Karl Marx: Revolution und Kontra-Revolution in Deutschland. 
6. Aufl., 1920, Stuttgart. (Internationale Bibliothek, Bd. 24.) 

22) S. VIIIff. Das Vorwort ist datiert vom 81. Okt. 1849. 


v. Harnack, Die Paulskirche im Wandel der Geschichtsauffassung 247 


des vorigen Jahres erneuern werden. Je weiter rückwärts, desto 
sicherer und unausbleiblicher ist der Sieg der Demokratie.“ 

„Was uns Not tut, ist eine wirklich konservative Politik. 
Konservativ sein heißt nicht im Momente des Stoßes soweit nach- 
geben, als möglich, um nachher desto weiter zurückzugehen; kon- 
servativ sein heißt nicht dem Volk so wenig als möglich und der 
Regierung so ausgedehnte Machtbefugnisse als möglich gewähren. 
Könnten diese letzteren schützen, wäre es möglich, mit ihnen allein 
ein Volk zu leiten und auf dem rechten Weg zu halten — wir 
hätten das Jahr 1848 nimmer erlebt. Konservativ sein heißt viel- 
mehr dem normalen Proceß der Geschichte mit Bewußtsein, mit 
Klarheit und Entschiedenheit folgen; konservativ sein heißt die 
gesunden Kräfte des Volkes an sich heranziehen, um mit ihnen 
das Gebäude des Staates dauernd zu begründen; konservativ sein 
heißt endlich feste Rechtsordnungen gründen, der Willkür keinen 
Spielraum lassen und das Volk dadurch mit dem Sinne des Rechts 
und der Gesetzlichkeit durchdringen.“ 


Friedensverträge und Wiederaufbau der Welt 


Kritisches und Positives aus den Hauptkalturländern 


Im Vorwort zum zwölften Band war die Einrichtung von ständigen 
Referaten angekündigt worden über das zu den Problemen der Friedens- 
verträge und des Wiederaufbaus der Welt in den verschiedenen Kultur- 
ländern Geleistete. Wir veröffentlichen nunmehr die ersten beiden dieser 
Referate, die sich mit England und Frankreich beschäftigen. Es sind 
Generalübersichten, die vom Ausgang des Krieges bis zur Gegenwart 
führen; sie behandeln diese große Epoche naturgemäß in großen Zügen. 
Die künftigen Referate über England und Frankreich werden sich, da 
sie kleinere Zeiträume zu berücksichtigen haben, auch mit mehr Einzel- 
heiten, z. B. auch mit bedeutsamen Reden und wichtigeren Aufsätzen in 
Zeitungen und Zeitschriften, beschäftigen können. Aufgabe der Ein- 


führungsreferate — das gilt auch für die noch kommenden ersten 
Berichte — ist Herausarbeitung der bestimmenden Linien der Ent- 
wioklung. Die Redaktion 


A. England’) 


(Erster Bericht) 
Von Hans Mannhart 


I. Die Friedenskonferenz 


Es erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, daß über die Friedens- 
konferenz von Paris, die stärker in die Geschicke der Völker eingegriffen 
hat als der Wiener Kongreß, in einem Zeitalter konstitutioneller 
Regierungsformen so gut wie keine amtlichen Urkunden vorhanden sind. 
Tatsächlich haben sich die diplomatischen Geschäftsmethoden der Pariser 
Konferenz nicht grundlegend von denen früherer Jahrhunderte unter- 
schieden. Die erste der Forderungen Wilsons, öffentlich zu verhandeln, 
konnte nicht erfüllt werden. Nur von den Plenarsitzungen, die im 
wesentlichen repräsentativen Charakter trugen, erschienen offizielle 
Berichte. Die Sitzungsprotokolle des Rates der Zehn und der Fünf 
wurden für den inneren Gebrauch vervielfältigt, aber nicht gedruckt, 
die Berichte der Kommissionen wohl gedruckt, aber nicht veröffentlicht. 
So steht man vor dem Komplex der Friedensverträge als vor einem 


!) Der Weltkriegsbücherei in Stuttgart sei für die Überlassung vieler 
heute in Deutschland schwer zugänglicher Materialien der Dank des 
Ref. ausgesprochen. 


Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 249 


fertigen Bauwerk. Ein Bild der Kräfte, die es aufgerichtet haben, läßt 
sich nur nachträglich aus den Aussagen inoffizieller Zeugen bis hinab 
zur Berichterstattung der Tagespresse konstruieren. 

Als es zum Waffenstillstand kam, waren die Kriegs- und Friedens- 
ziele seit Monaten und Jahren von den Sachverständigen der interessierten 
Staaten geprüft und abgesteckt worden. Die Materialien, die ihr Urteil 
vielfach entscheidend bestimmten, liegen zum Teil vor; sie erlauben 
Rückschlüsse auf ihre Herkunft und Tendenz. Die vollständigste Samm- 
lung dieser Art in englischer Sprache sind die vom Foreign Office in 
einer Reihe von mehr als 70 Bänden herausgegebenen Government Hand- 
books (London: H. M. Stationary Office, 1920—21). 

Sämtliche englischen Vertragstexte sind am besten zugänglich in 
den British Parliamentary Papers, Treaty Series, 1919—1920. 

Das grundlegende private Quellenwerk über die Konferenz bleibt das 
vom Institute of International Affairs herausgegebene Sammelwerk 
A History of the Peace Conference of Paris, edited by H. W. V. Temperley. 
Vol. 1-5. London: Frowde and Hodder & Stoughton, 1920 ff. Erschienen 
sind bisher 5 Bände, von denen Band 1 und 2 dem Ref. vorliegen. Der 
Herausgeber ist der Cambridger Historiker und Mitarbeiter der Cambridge 
Modern History H. W. V. Temperley. Das Institute of International 
Affairs entstand Ende 1919 aus den engen Zusammenkünften der briti- 
schen und amerikanischen Sachverständigen bei der Konferenz. Bei der 
Gründungsversammlung, der Lord Robert Cecil präsidierte, bildete sich 
in ihrem Schoß ein Kommittee, in dem sich Briten und Amerikaner die 
Wage hielten. Der 1920 verstorbene Amerikaner George Louis Beer 
(Columbia-Universität) entwarf in Verbindung mit Lord Eustace Percy 
den Plan des Werkes. Die Mitarbeiter sind zum größeren Teil Dozenten 

e der alten englischen Universitäten, zum kleineren amtliche Persönlich- 
keiten der Vereinigten Staaten und Englands. Das so entstandene Werk 
ist insofern ein echtes Kind angelsächsischen Geistes, als es sich weit 
von dem entfernt, was man auf dem Festland systematisch nennt; es ist 
teils Chronik, teils Urkundensammlung, teils Kritik, teils Apologie. Die 
einzelnen, oft nicht genannten Mitarbeiter hatten die Freiheit und Ver- 
antwortung des eigenen Urteils. Will man in dieser jedem Sammelwerk 
anhaftenden Eigentümlichkeit einen Mangel sehen, so stehen ihm er- 
hebliche Vorteile gegenüber. Das Werk ist in allen seinen Teilen belebt 
und beseelt von dem politischen Tatsachensinn, der ein kostbares Erbe 
der angelsächsischen Rasse darstellt. Es vermeidet im allgemeinen 
Polemik wie Propaganda. Es baut sich auf der Grundanschauung der 
angelsächsischen inneren Politik auf, die man mit der Formel govern- 
ment by consent zu kennzeichnen gewöhnt ist. Es fällt seine Urteile 
von dieser Basis der Demokratie aus und zwar mehr im Sinne der ameri- 
kanischen als der englischen Ausprägung. Es betont den amerikanischen 
Ursprung der Richtlinien für den Friedensschluß, der Richtlinien, die 
Wilson aus der Geschichte der Union entwickelte. Die Urkunden, in 
denen diese Grundsätze niedergelegt sind, von der First Charter of Vir- 
ginia, 1606, angefangen bis zu Wilsons Four principles vom 11. Februar 
1918, sind 1921 unter dem Titel Great political documents of the United 
States als Nr. 52 der schmucken Pandoraausgaben im Urtext zusammen- 
gefaßt worden (Leipzig: Inselverlag 1921). Auch wenn diese Richtlinien 
in Paris verlassen wurden, hält die History an der Auffassung fest, daß 


Et 
Fe 


ef 





250 Mannbhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 





die Konferenz einen Versuch darstellte, die Interessengegensätze der 
Welt künftig durch friedliches Verhandeln beizulegen, statt sie sich in 
bewaffneten Zusammenstößen entladen zu lassen, oder um den Heraus 
geber sprechen zu lassen: ` 

„The general principle or guiding thread in these volumes kás been 
the attempt to exhibit the Peace as a great constructive experiment“ 
(I, XXX). Durch die Zerstörung des alten Gleichgewichts der Kräfte in 
Europa sei das Zentrum der politischen Schwerkraft nach Westen ge- 
rückt und einer den Frieden erhaltenden Organisation der Staaten unter 
Einschluß Amerikas der Boden bereitet. Die geistige Grundlage der 
History of the Peace Conference ist Optimismus gegenüber dem Werk 
von Versailles und Vertrauen auf die ihm folgende Entwicklung. 

Der erste Band (XXXI, 517 S. 8° P. 42.—, erschienen am 15. 7. 20) 
schildert im Teil I die allgemeine Lage zu Ende des Krieges, die mili- 
tärische Erschöpfung und die inneren Bedingungen, die der Revolution 
in Deutschland den Weg ebneten, schließlich die politische Bedeutung 
der Verhandlungen vor und nach Abschluß des Weaffenstillstandes. 
Wilsons Kongreßrede vom 8. Januar 1918 (enthaltend die 14 Punkte) mit 
der Einschränkung durch die Antwort der Verbündeten (vom 5. No- 
vember 1918) werden in aller Form als legale und moralische Grundlage 
der Waffenstillstandsverhandlungen hingestellt.e Teil II, „Europa in 
Auflösung“, kennzeichnet die materiellen Wirkungen des Krieges und 
der Blockade auf Neutrale und Kriegführende, erörtert die offiziellen 
Kriegsziele der Regierungen und die der internationalen Arbeiterklasse, 
sowie die bolschewistischen Verhandlungsmethoden in Brest-Litowsk und 
ihren Einfluß auf Westeuropa. T. III beschäftigt sich mit der eigent- 
lichen Organisation der Friedenskonferenz, schildert die theoretischen 
Vorbereitungen der einzelnen Mächte, prüft freimütig den Wert ihrer 
Materialien und Sachverständigen, die Bildung des Rates der Zehn, der 
Kommissionen, des Sekretariats, der Entwurfskommission und die Be 
handlung der kleinen Mächte. In seinen „Allgemeinen Betrachtungen" 
erklärt der Herausgeber den Vertrag für ein Kompromiß zwischen den 
14 Punkten Wilsons und den Geheimverträgen der Verbündeten, ein 
Kompromiß, das dadurch gemildert werde, daß der Völkerbundspakt mit 
dem eigentlichen Vertrag verkoppelt sei. 

Temperley bezweifelt, daß es ratsam war, die Öffentliche Meinung 
während der Verhandlungen ganz ihren Mutmaßungen zu überlassen. 
Auf jeden Fall hätte der vollständige Vertragstext gleichzeitig mit der 
ersten Aushändigung an den Feind veröffentlicht werden sollen. Die 
Presse aller Länder habe versagt und einseitig nationale Interessen ver- 
fochten. Ein gut Teil der Verträge sei Provisorium. Das Problem be- 
stehe darin, einen Apparat für die Revision und die Behandlung der 
Fragen zu finden, die sich in Paris als zu schwierig erwiesen oder be- 
wußt beiseite geschoben wurden. 

Dieser Teil schildert ferner die Tätigkeit der Exekutive der Konfe 
renz, insbesondere der Waffenstillstandskommission und des Obersten 
Wirtschaftsrates und ihre Aufgaben, stellt ausführlich das System inter- 
nationaler Verträge vor und während des Krieges dar und entwickelt 
die Bedingungen und Grundsätze des Weaffenstillstandsabkommens in 
Vergleichung mit den Wilsonschen Kundgebungen, deren wichtigste im 
Wortlaut wiedergegeben werden. Hier sind nicht nur die 14 Punkte, 


Masnnhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 251 


sondern auch die Grundsätze für den Friedensschluß (Principles of Settle- 
ment) aus den Reden von Baltimore, Mount Vernon und New York als 
bindend angesehen. Der Anhang enthält neben vielen anderen wichti- 
gen Urkunden alle Waffenstillstandsabkommen und den Organisations- 
plan der Konferenz. Er ist reich an interessanten Aufschlüssen und 
zeigt z. B., daß sich Frankreich in der Zusammensetzung der Kom- 
missionen einen überragenden Einfluß zu sichern gewußt hat, wie es 
auch nach Ansicht des Herausgebers am besten auf alle territorialen 
Fragen in Europa vorbereitet war. 

Der zweite Band (XVII, 488 S. 8%, erschienen am 26. August 1920, 
£. 42.—) umfaßt die gesamten Verhandlungen, die zum Friedensschluß 
mit Deutschland führten. Die Einleitung skizziert die diplomatischen 
Ereignisse bis zur Unterzeichnung des Vertrages und gibt ein allgemeines 
Urteil über die Friedensbedingungen ab. Der Verf. hält die territorialen 
Regelungen im allgemeinen für gerecht; er hat nur bei der Frage des 
Saargebiets, Danzigs und dem Anschlußverbot gegen Österreich Bedenken. 
Er hält Volksabstimmungen für ein zweifelhaftes Mittel, die wahre und 
dauernde Willensmeinung festzustellen. Viele Teile des Vertrages erklärt 
er mit der Tatsache, daß die leitenden Staatsmänner sich dem Druck 
der öffentlichen Meinung und der Massen nicht entziehen konnten, daß 
die Abschnitte des Vertrages unabhängig voneinander entstanden seien 
und daß sich kein Mensch von der aus ihnen sich ergebenden Gesamt- 
belastung des Gegners ein Bild gemacht habe. Der Einschluß der Militär- 
pensionen in die Reparationspflicht werde von vielen verurteilt. 

Kapitel II schildert in Teil I die Geschichte des Völkerbundpaktes, 
in Teil II die internationalen Arbeitsprobleme auf der Konferenz, gibt 
n Teil III und IV einen Überblick über die finanziellen und wirtschaft- 
lichen Klauseln, in Teil V über die im Vertrag festgelegte Verkehrs- 
politik. Kap. II erläutert die militärischen Bedingungen einschließlich 
der Besetzung Deutschlands, Kap. III—IV die territoriale Regelung in 
Europa, Kap. V die Verteilung der Kolonien. Es ist, soweit ich sehe, 
das einzige Kapitel, in dem der Grundgedanke des Werkes, Objektivität 
zu erstreben, völlig aufgegeben wurde. Das Mandatsystem wird mit 
Deutschlands Unfähigkeit zum Kolonisieren und seiner Eingeborenen- 
behandlung gerechtfertigt, eine Argumentierung, die von britischen und 
französischen Fachleuten inzwischen wieder aufgegeben worden ist. Das 
Kernstück des zweiten Bandes ist Kap. VI. Hier werden die Abmachun- 
gen bis zum Waffenstillstand (Pre-armistice-agreement) und das Waffen- 
stilltandsabkommen (Armistice-convention) als legale Basis des end- 
gültigen Vertrages untersucht und der Widerstreit der Ansichten der 
Konferenz in der Auslegung dieser Abkommen dargestellt. Die den 
Waffenstillstandsverhandlungen zugrunde liegenden abstrakten Grund- 
sätze — Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit der Staaten, Nationali- 
täten- und Selbstbestimmungsrecht — werden erörtert und ihre Anwen- 
dung durch den Vertrag geprüft. Dabei stellt der Verf. der deutschen 
Antwort auf den Vertragsentwurf die Erwiderung der Alliierten und 
Assoziierten Mächte gegenüber. Er hebt hervor, daß diese deutsche Ent- 
gegnung außer durch die private American Association for International 
Conciliation in keinem Ententestaat veröffentlicht worden sei. 

Teil XIII stellt in übersichtlicher Weise die gegensätzliche Auf- 
fassung der beiden Parteien mit Bezug auf die Anwendung der erklärten 





252 Meannhart, Friedensverträge u. Wiedersufben der Welt. A England 





Friedensgrundsätze in dem tatsächlichen Friedensdcokument zusammen. 
Der Band klingt in ein Schlußkapitel „Das neue Deutschland“ aus, das 
die politischen und wirtschaftlichen Zustände vom Zusammenbruch des 
alten Regimes bis gegen Ende des Jahres 1919 umreißt. 

Band III enthält eine Zeittafel der Ereignisse von 1914—18 und der 
wichtigen Akte der Konferenz, der Anhang die deutschen Verträge von 
Brest-Litowsk und Bukarest, Kundgebungen und Texte zum Völkerbunds 
pakt, Reden der leitenden Staatsmänner zum Vertrag, den vollständigen 
Text des Friedensvertrages mit Deutschland und der damit zusammen- 
hängenden Verträge (Rheinlandabkommen), die neue deutsche Verfassung, 
schließlich eine Übersicht über den Ablauf der im Vertrage festgesetzten 
einzelnen Fristen. Band IV umfaßt die Regelung mit Österreich-Ungarı, 
Bulgarien und der Türkei. Band V ist den wirtschaftiichen Klauseln 
der Verträge und den Minderheitenschutzverträgen gewidmet. Dieser 
Band enthält ferner die Texte der mit Österreich, Ungarn und Bulgarien 
geschlossenen Friedens-, sowie der von Polen, Südslavien, Rumänien und 
der Tschechoslowakei unterzeichneten Minderheitenschutz-Verträge. Die 
Fragen des Fernen Ostens, der britischen Dominien, der Türkei, Polens 
und Rußlands sollen dem Band VI vorbehalten bleiben. Über Band UI 
bis VI wird ausführlich berichtet werden, so bald sie dem Ref. vorliegen. 

Seinen vollen Wert wird das Werk des Institute of International 
Affairs erst entfalten, wenn alle seine Materialien mit den Urkunden- 
und Memoirenwerken der anderen Nationen verglichen sind, wie dies 
Keynes für Teile getan hat. 

Vom australischen Gesichtspunkt beleuchtet J. G. Latham, Mitglied 
der australischen Abordnung, die Konferenz in einem vor der Melbourne 
University Association am 23. Oktober 1919 gehaltenen Vortrage (Latham 
J. G., The significance of the Peace Conference from an Australian point 
of view. Melbourne: Melville & Mullen 1920. 24 S. 8%). Auch dieser 
Autor betrachtet die 14 Punkte und 4 Grundsätze Wilsons als bindend 
für das eigentliche Vertragswerk. Im übrigen behandelt sein Vortrag 
die formelle Frage der Vertretung der Dominien und des Commonwealth 
auf der Konferenz. Die Stellung der britischen Empirestaaten war 
bekanntlich unverhältnismäßig stark. 

Was sonst an englischen Berichten über die Konferenz vorliegt, 
gehört abgeschen von Keynes in das Gebiet des Journalismus in mehr 
oder minder hoher Form. Der sachliche Wert jeder dieser Darstellungen 
hängt im wesentlichen von den Beziehungen ab, die der Verfasser zu 
den verschiedenen Abordnungen hatte. Was auf diesem Wege in die 
Öffentlichkeit drang, ist fast ausnahmslos durch die Tagespresse, die ja 
nach Nachrichten über die Konferenz hungerte, bekannt geworden. 

Sisley Huddlestone, der von Paris aus für die Westminster Gazette, 
Daily Graphic und die alte liberale Contemporary Review Bericht er- 
stattote, hat seino Eindrücke in den 15 Kapiteln seines Buches um 
einzelne Bilder und Probleme der Konferenz übersichtlich gruppiert 
(once Making at Paris. London: Fisher Unwin 1919. 240 S. 8%). Er 
kehört zu jenen onglischen Liberalen, die an den Anbruch einer neuen 
Avra in den internationalen Beziehungen glaubten und ist schmerzlich 
enttäuscht, die alten Gegensätze der Interessen gleich in den ersten 
Tagon dor Konferenz hart aufeinander platzen zu sehen. Seinen Be- 
riohten, dio geschmackvoll und lebendig sind, kommt insofern politische 


Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 253 


Bedeutung zu, als sie zuerst die liberale englische Auffassung in der 
Frage der Grenzen und der Reparationen in der englischen Presse ver- 
breiteten und die englische Regierung in ihrem Bestreben, sich dem 
nationalistischen Druck der Massen und der konservativen Presse zu ent- 
ziehen, unterstützten, dem Anschein nach von ihr auch ermutigt wurden. 
Huddlestone sieht den Hauptfehler der Konferenz darin, daß sie die 
ersten zwei Monate ungenutzt verstreichen ließ, statt einen Präliminar- 
irieden mit Deutschland zu schließen, Europa wirtschaftlich auf die 
Beine zu helfen und Russen und Deutsche zum endgültigen Friedens- 
:chluß an den Verhandlungstisch zu bringen. 

Vernon Bartletts Mitte Juni 1919 abgeschlossener Band „Behind the 
scenes at the Peace Conference“ (London: Allen & Unwin o. J. IX, 
208 S. 8°) berichtet, so gut es ein Journalist vermag, von den Konferenz- 
ereignissen, die der Presse planmäßig vorenthalten wurden. Der still- 
schweigende Kampf zwischen den Berichterstattern und den Delega- 
tionen, die entweder die Presse ignorierten oder sie, wie die britische 
Abordnung es tat, auf die Diät magerer Bulletins setzten, ist ja eins der 
Merkmale dieser Konferenz, die nach dem ersten der Wilsonschen Punkte 
unter dem Zeichen „Open covenants of peace openly arrived at“ tagen 
sollte. Bartlett ist ein Engländer von Geschmack und Bildung mit einer 
guten Dosis Humor und gesunden Menschenverstandes. Seine Portraits sind 
witzig und realistisch gesehen. In seinen dem Verlauf der Geschehnisse 
folgenden impressionistischen Zeitbildern ist nichts mehr von dem theore- 
tischen Optimismus der History of the Peace Conference. Bartlett ist 
als Anhänger der Wilsonschen Ideen nach Paris gegangen; mit einem 
Schmerz, über den seine Ironie nicht hinwegtäuscht, sieht er das Ge- 
stirn seines Helden in einer Welt rauher Tatsachen und unverbesserlicher 
menschlicher Instinkte untergehen.. 

H. Wilson Harris’ „The Peace in the making“ (New York 1920) liegt 
mir nicht vor. Der amerikanische Sachverständige Haskins nennt sein 
Buch „an intelligent account by a fair-minded British liberal“, während 
er von dem mir ebenfalls unbekannten Buche E. J. Dillons, The inside 
history of the Peace Conference (New York 1920), sagt „a diffuse com- 
posite of hearsay and newspaper clippings; it is anti-French, but in 
general friendly to small nations“. l 


II. Das politisch-geographische neue Weltbild 


Das politisch-geographische Bild der Welt nach dem Friedensschluß 
sucht eine Reihe von mehr oder minder wissenschaftlichen Veröffent- 
liehungen festzuhalten und zu erklären. An die Spitze sei, obgleich 
amerikanischer Herkunft, das Werk von Charles Homer Lea und Robert 
Howard Lord gestellt, da es auch in England allgemeine Anerkennung 
gefunden hat (Sorne problems of the Peace Conference, Cambridge (U. S. 
Am.): Harvard University Press 1920. XII, 307 S. 8%). Die Verfasser, 
von denen der erste das einleitende Kapitel „Aufgaben und Methoden 
der Konferenz“ geschrieben und die Westfragen, der: zweite die ost- 
europäischen Probleme behandelt hat, standen mit der „Commission of 
nquiry“, der amerikanischen wissenschaftlichen Kommission für die 
Friedensfragen, in Verbindung und gehörten der Abteilung für terri- 
toriale Fragen bei der amerikanischen Delegation an. Ihr Werk ist die 

e Einführung in die geschichtlichen Grundlagen der territorialen 


Zeitschrift für Politik. 12. 17 





254 Mannbhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 





Streitigkeiten in Europa, soweit sie von den Friedensverträgen von 
1919—1920 berührt werden. 

In die nächste Nachbarschaft dieses gründlichen Buches gehört 
Isaiah Bowmans „The new World. Problems in political geography” 
(London: George Harrap 1922. VI, 6382 S. 8° 21 ei Als Direktor der 
American Geographical Society, Leiter der 1917 gebildeten „Inquiry“ 
und Hauptsachverständiger für territoriale Fragen hat Bowman einen 
entscheidenden Einfluß auf die amerikanische Friedenskommission und 
die Gestaltung der neuen Grenzen gehabt. Das umfangreiche Werk be 
handelt vom politisch- und wirtschaftsgeographischen Gesichtspunkt aus 
in 34 mit Karten und Diagrammen prachtvoll ausgestatteten Kapiteln 
alle von den Friedensverträgen berührten Komplexe. Das zweite Kapitel 
ist eine eingehende Studie über die Probleme des britischen Weltreichs. 
Bowmans Urteil ist durch seine enge Verbindung mit französischen 
Geographen und die Bevorzugung französischer Quellen (s. die Biblio- 
graphie S. 583—598) beeinflußt. 

In der Sammlung „The World of to-day“ hat H. J. Fleure, Pro- 
fessor der Geographie und Anthropologie am University College of Wales, 
Aberystwyth, ein Bändchen „The Treaty settlement of Europe. Some 
geographic and ethnographic aspects“, erscheinen lassen, das auf knappem 
Raume eine Reihe interessanter grundsätzlicher Betrachtungen enthält 
(London: Oxford University Press 1921. 83 S. 8%. Nachdem er einige 
kulturgeographische Theorien entwickelt hat, geht er zur Kritik der 
durch die Friedensverträge geschaffenen Verhältnisse über. Fleure lehnt 
die Gleichsetzung von Rassen und Sprachen in wissenschaftlichen Ar- 
beiten und den Rassenbegriff im gewöhnlichen Sinn als unbrauchbar 
ab. Er weist an mehreren Beispielen nach, daß die Sprachgrenzen selten 
mit strategischen oder wirtschaftlichen Grenzen zusammenfallen und 
daß die Schöpfer der neuen Verträge bei der Grenzziehung sich zu Un- 
recht von einseitig politisch-militärischen Gesichtspunkten haben leiten 
lassen. Aus seiner universalen Einstellung lehnt Fleure die lineare Grenze 
überhaupt ab und erklärt den scharf umgrenzten Nationalstaat für über- 
lebt. Folgerichtig möchte er die linearen Grenzen durch ein System inter- 
nationaler Grenzzonen ersetzt sehen, wobei allerdings die vom heutigen 
Staatsbegriff untrennbare Frage der Souveränität ungeklärt bleibt. 
Fleure denkt sich alte territoriale Konflikte durch moderne wirtschaft- 
liche Kooperation gelöst, z. B. den Gegensatz zwischen Deutschland und 
Frankreich durch gemeinsame Bewirtschaftung des lothringischen Eisen3 
und der Ruhrkohle. In der Internationalisierung der großen Ströme 
sieht er an sich einen Vorteil, obgleich er die Motive, die die Sieger- 
staaten dabei leiteten, nicht gutheißen kann; die territoriale Regelung 
an Deutschlands Westgrenze sieht er ganz in französischem Licht. In 
der Regelung der Ostgrenze erblickt er die Wiederherstellung des Zu- 
standes gegen Ende der deutschen Kolonisation der Ostmarken IM 
15. Jahrhundert. Deutsch-Südtirol wünschte er als neutralen Staat unter 
internationaler Aufsicht bestehen zu sehen. 

R. W. Seton-Watsons „Europe in the melting-pot“ (London: Mac- 
millan 1919. XIII, 400 S. 8° 4 s. 6 d.) enthält Vorlesungen und Auf- 
sätze, die zum größten Teil bereits während des Krieges erschienen sind. 
Sie verdienten es, als Buch veröffentlicht zu werden, sind sie doch ei 
fast einzigartiges Beispiel dafür, wie die zunächst der Forschung 


— 





Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 255 





dienende Arbeit eines Mannes vermocht hat, den Gang der praktischen 
Politik zu beeinflussen. R 

Seton-Watson war bereits vor dem Kriege der erklärte Freund der 
Slaven, er galt in England als unumstrittene Autorität für süd- und 
westslavische Fragen, wie etwa in Frankreich Ernest Denis von der 
Sorbonne oder in Deutschland (für ein kleineres Gebiet und in beschei- 
denerem Maße) Hermann Wendel. Er hatte insbesondere die magyarische 
Nationalitätenpolitik zum Gegenstand vernichtender Untersuchungen 
gemacht. Die Anschauungen über die slavische Welt, die Seton-W atson 
als Herausgeber der Zeitschrift „Ihe new Europe“ und in Verbindung 
mit Wickham Steed (von der Times) und dem in London im Exil weilen- 
den Professor Masaryk mit außerordentlicher Zähigkeit, zunächst ohne 
Unterstützung der alliierten Regierungen, propagierte, sollten sich am 
Ende doppelt auswirken: politisch in dem Entschluß, die Donaumonarchie 
endgültig zu sprengen mit Hilfe des Nationalitätenprinzips, zu dem 
Seton-Watson den Schlüssel geliefert hatte und das er als Mitglied von 
Northeliffes Propagandaministerium hinter der Front zur Revolutionie- 
rung Österreich-Ungarns anwandte; militärisch in der Reorganisation 
des serbischen Heeres, der Begründung der Basis von Saloniki und der 
Aufrollung der Balkanfront der Mittelmächte. Die territoriale Friedens- 
regelung in Südosteuropa deckt sich völlig mit den von Seton-Watson 
seit 1915 entwickelten Leitsätzen. Die Voraussicht eines Theoretikers 
hat hier einen Triumph erlebt, wie er praktischen Politikern selten ver- 
gönnt ist. „Europe in the melting-pot“, das in seinen Aufsätzen den 
Leser von dem allgemeinen Problem des Panslavismus bis zu einzelnen 
Studien über hervorragende Persönlichkeiten führt, wird für jeden, der 
die slavische und balkanische neueste Geschichte in ihren Zusammen- 
hängen studiert, eine wertvolle, wenn auch einseitige Quelle bleiben. 

Walter Schaetzel, bekannt durch völkerrechtliche Arbeiten über 
Minderheitenschutz, gibt in seiner Schrift „Die Welt der Pariser 
Friedensschlüsse“ (Berlin: Stilke 1921. 128 S. 8) eine gediegene 
geographisch-statistische Übersicht. Französische und englische Quellen 
änd verwertet; dem britischen Weltreich ist der gebührende Raum ge- 
widmet, die durch den Krieg noch enger gewordene Verflechtung der 
angelsächsischen Interessen ist richtig dargestellt. Dem politisch- 
geographischen Teil geht ein einleitendes Kapitel über das Problem einer 
zwischenstaatlichen Organisation voran, in dem die Versuche vom Haag, 
der Genfer Völkerbund und Präsident Hardings Gesellschaft der Nationen 
miteinander verglichen werden. 


III. Internationales Privatrecht 


Das riesige Gebiet der privatwirtschaftlichen Interessen, soweit sie 
durch die Kriegsgesetzgebung und die Friedensverträge berührt werden, 
wird von dem Londoner Rechtsanwalt J. W. Scobell Armstrong behandelt 
(War and Treaty legislation, affeeting British property in Germany and 
Austria, and enemy property in the United Kingdom. London: Hutchin- 
son 1921. XIX, 489 S. 8). Die rein sachliche Darstellung folgt chrono- 
logisch dem Gang der Gesetzgebung. Die gesetzgeberischen Akte zur 
Beschränkung der privaten Handels- und Verkehrsfreiheit werden teils 
Inextenso, teils im Auszug wiedergegeben und kommentiert. Teil 1 
umfaßt die Behandlung des britischen Privateigentums, der Rechte und 


17* 





256 Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 


Interessen in Ee während des Krieges, Teil 2 dasselbe ent- 
sprechend in Österreich, Teil 3 die Behandlung feindlichen Eigentums in 
Großbritannien während des Krieges, Teil 4 die Regelung durch die 
Friedensverträge von Versailles, St. Germain und Trianon. Dem allge- 
meinen Index ist ein deutschsprachiger Index zu den deutschen und 
österreichischen Gesetzen vorangestellt. Der Verfasser beginnt die Ein- 
leitung seines Werkes mit der Feststellung, daß der Handels- und Wirt- 
schaftskrieg von den Alliierten eröffnet und von Deutschland nur wider- 
strebend als Vergeltungsmaßnahme aufgenommen wurde. 

Kürzer und nur für praktische Zwecke bestimmt ist Cyril M. Pic- 
ciottos „The Treaty of Peace with Germany: clauses affecting mercantile 
law (Recovery of debts, contracts, property, rights and interests, ete). 
with an introduction, commentary, and index. London: Stevens 199. 
IV, 97 S. 8%). Die Artikel des Vertrages, die private Schuld- und Ver- 
tragsforderungen, Rechte und Interessen behandeln, sind abgedruckt, 
kommentiert und durch tatsächliche deutsch-englische Bechtsfälle er- 
läuter. Für die Rechtsprechung der gemischten Schiedsgerichtshöfe 
grundsätzlich wichtige Entscheidungen werden angeführt. 


IV. Völkerrecht und Völkerbund 


Die Versuche, die völkerrechtlichen Beziehungen auf eine neue 
Grundlage zu stellen, haben in den angelsächsischen Ländern eine un- 
geheure Literatur entstehen lassen, die sich um den Genfer Völkerbund 
und Hardings „Gesellschaft der Nationen“ gruppiert. Die League oi 
Nations Union (Englische Liga für Völkerbund) gibt seit 1920 eine eigen? 
Monatsschrift „Headway. A Review of the World’s Affairs“ heraus, wie 
sie den Völkerbundsgedanken auch durch eine große Zahl von Einzel- 
schriften zu popularisieren bestrebt ist. Es seien hier nur die wichtigsten 
genannt: The League of Nations. Nine essays, by Viscount Grey and 
others (London: Oxford University Press 1919), The Idea of a League of 
Nations, by H. G. Wells and others, for the Research Committee of the 
League of Nations Union (OxfordPress 1917), Gilbert Murray, The League 
and its guarantees; Arnold Toynbee, The League in the East; Delisle 
Burns, The League and Labour; Norman Angell, Economic functions of 
the League; Leonard Woolf, Mandates and Empire; G. Lowes Dickinson. 
The future of the Covenant (sämtlich bei der League gf Nations Union, 
15, Grosvenor Crescent, London SW 1). — Das deutsche Gegenstück zu 
„Headway“, die „Brücken“ der Liga für Völkerbund, das viele englische 
Beiträge und wertvolle Materialien zur Minderheitenfrage brachte, ist 
leider 1921 eingegangen. 

Das von G. Butler herausgegebene Handbook to the League of Nation? 
(London 1919) und die von der History of the Peace Conference als 
bedeutend bezeichnete Kundgebung des General Smuts, The League of 
Nations — Practical suggestions, liegen mir nicht vor. 

Der oben genannte Bartlett wirft in Kapitel 6 seiner Schilderung 
einige Streiflichter auf die Entstehung des ersten Entwurfs des Völker- 
bundpaktes. Er hebt die vergeblichen Versuche der Japaner hervor, Ver- 
besserungen der Satzungen im Sinne des ursprünglichen Gedankens des 
Bundes zu erreichen. 

Der Edinburgher Universitätsprofessor Charles Sarolea betrachtet 19 
seinem Bande „Europe and the League of Nations“ (London: Bell 1919. 


Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 257 


317 S. 8%) verschiedenartige aktuelle Fragen von der Warte der Ge- 
schiehts- und Moralphilosophie. Anhänger einer politischen Entwick- 
lungslehre, die an die Überwindung der Gegensätze durch immer weiter- 
gehende internationale Arbeitsteilung und immer umfassendere Zu- 
sammenschlüssee in der Zukunft glaubt, untersucht Sarolea die Natur- 
geschichte des Patriotismus, die politische Moral des Völkerbundes und 
die Hindernisse, die ihm entgegenstehen. Sarolea lehnt das Werk von 
Versailles sowohl vom Standpunkt der internationalen Moral wie der 
Interessen der Gesamtheit der beteiligten Völker in schroffer Formu- 
lierung ab, die durch geschichtliche Parallelen Reiz und Perspektive 
erhalt. Einzelne Kapitel sind dem neuen Deutschland, der Zukunft 
Polens, der Unzulänglichkeit der Demokratie in der äußeren Politik, 
Belgien als Typus eines Nationalitätenstaates gewidmet. Wenn Sarolea 
in der äußeren Politik Internationalist ist, so ist er in der inneren 
Föderalist. Das führt ihn z. B. zu der Anschauung, daß Deutschland nach 
seiner Lage und Geschichte für eine Politik des Friedens, für Dezentrali- 
sation und die bundesstaatliche Regierungsform bestimmt sei. Der 
politische Ausdruck der kommenden deutschen Dezentralisation werde 
ein Bündnissystem freier deutscher Staaten und Städte sein. Seine 
Hoffnung auf den kommenden wahren Völkerbund gründet Sarolea auf 
sein Studium der Vereinigten Staaten, die er entgegen der Durchschnitts- 
meinung nicht als ein kompaktes Machtzentrum, sondern als eine durch 
jahrhundertelang geübtes föderalistisches Denken gebundene Einheit 
widerstrebender Kräfte anzusehen lehrt, Eine deutsche Übersetzung, die 
bis auf die Wiedergabe einzelner angelsächsischer politischer Begriffe 
einwandfrei ist, hat Dr. Mutschmann erscheinen lassen (Sarolea, Versailles 
und der Völkerbund. Bonn: Röhrscheid 1920. 119 S.). Eine Chronik der 
ersten Völkerbundsversammlung in Genf hat O. Brett im Auftrage der 
League of Nations Union verfaßt (The first assembly. A study of the 
proceedings of the first assembly of the League of Nations. London: Mac- 
millan 1921. VIII, 277 S. 8%). Sie enthält eine fesselnde Schilderung der 
Versammlung, eindrucksvolle Porträts der führenden Männer, nützliche 
Daten über die Kommissionen, die Entscheidungen der ersten Versamm- 
lung und die erste Geschäftsordnung. Lord Robert Cecil (mit Lord 
Balfour und Mr. Fisher Vertreter Großbritanniens und eifrigster Vor- 
kämpfer des Völkerbundgedankens) hat ein Schlußkapitel beigesteuert, 
in dem er freimütig die Kompetenzkonflikte zwischen Völkerbundsrat 
und Vollversammlung untersucht und die autokratischen Eingriffe des 
Obersten Rates kritisiert. 

Zu den englischen Intellektuellen, die ihre Hoffnung auf den Völker- 
bund setzen, gehört auch der Oxforder Gräzist Gilbert Murray. In seinem 
Bändchen The problem of foreign policy (London: George Allen & Unwin 
1921. 121 S. 8) wägt er zunächst an dem Beispiel des deutsch-französi- 
schen Gegensatzes, dann der brennenden Fragen des nahen Orients und 
Rußlands die Aussichten einer Politik der Rüstungen gegen die einer 
Verständigung ab und kommt zu dem Schluß, daß nur eine Politik des 
friedlichen Aufbaus den seit 1914 fortschreitenden Niedergang der 
europäischen Kultur aufhalten kann. Der Völkerbund soll dabei die kurz- 
sichtigen, schließlich sich selbst ad absurdum führenden nationalen 
Egoismen zügeln helfen. 





258 Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 


Der Dichter H. G. Wells hat die Berichte, die er bis zum 15. Dezember 
1921 für die New York World und die Chicago Tribune schrieb, in 
Buchform zusammengefaßt (Washington and the hope of peace. London: 
Collins 1922. VIII, 272 S. 8). Sie schließen sich zwanglos dem Gang 
der Konferenz an, geben aber mehr die subjektiven Eindrücke und 
Gedanken eines Teilnehmers als die Verhandlungen selbst wieder. Wells 
ist leidenschaftlich erfüllt von dem Gedanken an einen organisierten 
Weltfrieden. Er ist als Dichter nicht blind gegen die wirklichen Mächte 
dieser Erde, entschleiert das neue Schlagwort der „Sicherheiten“, fordert 
ein Ventil in Gestalt großer produktiver Unternehmungen für den 
gefährlichen Betätigungsdrang der privaten Rüstungsinteressen. Die 
Hardingsche „Gesellschaft der Nationen“ erscheint ihm als rettender 
Ausweg aus dem drohenden Zusammenbruch des komplizierten, auf 
stabilen Währungen und sicheren Kreditverhältnissen aufgebauten 
Systems der Weltwirtschaft vor dem Kriege. Eine sehr gute deutsche 
Übertragung von Robert West ist in geschmackvoller Ausstattung er- 
schienen („Hoffnung auf Friede“. München: Kurt Wolff 1922. VII, 
375 S. $. Geb. M. 72.—). 


V. Wirtschaftsfragen und Wiederaufbau 


Wenn das Schlagwort reconstruction in der äußeren Politik Wieder- 
herstellung eines Systems lebensfähiger Staaten in Europa bedeutet, 20 
in der inneren Politik Englands den Neuaufbau des ganzen volkswirt- 
schaftlichen Produktions- und Verteilungsapparats. Bei der Struktur 
der englischen Wirtschaft hängen die nationale und die internationale 
Seite des Wiederaufbaues enger zusammen als bei wirtschaftlich selbst- 
genügsameren Völkern. Kein Wunder, daß in England nicht nur eine 
breite nationale Literatur entstand, die für den internationalen Wirt- 
schaftsfrieden arbeitet; hier finden auch die gleichgesinnten Wirtschafts- 
politiker anderer Länder wie der Italiener Nitti, der Schwede Gustaf 
Cassel, der Niederländer Vissering ihre Verleger und ihr Publikum. 

Der Komplex der Wiederaufbaufragen im nationalenglischen Sinn 
wird von dem Sammelwerk „After-war problems“ umschrieben (London: 
Allen & Unwin. 366 S. 8. 8 s. 6 d.) 1917 zuerst erschienen, bis 
wiederholt aufgelegt, ist es noch heute lesenswert. Sein Herausgeber 
W. H Dawson gewann einige der berufensten Federn, darunter den ver 
storbenen Earl of Cromer, Sir H. Johnston, Viscount Haldane, Prof. 
S. J. Chapman und Prof. Alfred Marshall zur Mitarbeit. Vier große 
Abschnitte — Empire and Citizenship — National Efficiency — Social 
Reform — National Finance and Taxation — zeigen, mit welchem Ernst 
man während des Höhepunktes des Krieges an die Aufgaben des Wieder- 
aufbaues heranging. > 

Der Publizist Ellis Barker hat die Nachkriegsprobleme einseitige! 
vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt dargestellt (Economic statesmanshiP. 
The great industrial and financial problems arising from the War. 
London: Murray 1918. VIII, 408 S. 8). Das Buch ist überholt, doch 
bleibt im Hinblick auf ihr frühes Datum die Ansicht des Verfassers 
keines Freundes Deutschlands, siehe sein „Modern Germany“ — 
merkenswert, daß Deutschland erhebliche Reparationen nur in Sach- 
lieferungen werde leisten können (p. 12). 


Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 259 


a 





Der Jungliberale Brougham Villiers ist ein ausgesprochener Gegner 
der britischen Regierung und der alten Unionisten (England and the new 
Era. London: Fisher Unwin 1920). Er hält die Tendenz zur Bildung 
immer größerer Imperien für abgeschlossen und durch die Entwicklung 
kleiner Nationalstaaten für abgelöst. Seine Hoffnung auf eine fried- 
lichere Entwicklung gründet er auf die junge Generation und die vor 
allem bei der Arbeiterklasse zunehmende Einsicht in die weltwirtschaft- 
lichen Zusammenhänge. In der Kriegsschulden- und Reparationsfrage 
macht er den radikalen Vorschlag, alle Kriegsschulden zu streichen. Der 
wirtschaftliche Wiederaufbau der daniederliegenden Völker liege im 
gemeinsamen Interesse aller durch den Krieg geschädigten Nationen. 

Der Finanzsachverständige W. R. Lawson beschränkt sich im wesent- 
lichen auf das Gebiet der englischen Finanzierung des Krieges und der 
Übergangsbudgets (Europe after the World War. A financial and economic 
survey. London: The Financial News 1921. XI, 276 S. 8. 7 s. 6 d.). Zu 
seiner mit Parallelen aus den napoleonischen Kriegen begründeten Auf- 
fassung, daB große Kriege meist mit gutem Geschäftsgang (boam) ver- 
bunden seien, steht der Satz der Vorrede vom April 1921, daß die Friedens- 
konferenz leider den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas nicht einmal 
versucht habe, einigermaßen in Gegensatz. Lawson ist ein Citymann, 
kapitalistisch, nationalistisch, arbeiterfeindlich und damit diametraler 
Gegner Norman Angells, den er glatt ablehnt. 

Norman Angell ist, seit er 1909 „The great illusion“ (deutsch: Die 
falsche Rechnung. Charlottenburg: Vita 1913) schrieb, bekannt genug. 
Er kann für sich in Anspruch nehmen, daß er seine Anschauungen nicht 
erst der Katastrophe des Weltkrieges verdankt, sondern sie jahrelang 
vorher und auf dessen Höhepunkt gegen die öffentliche Meinung und 
die britische Regierung mannhaft vertreten hat. Während der Friedens- 
konferenz gehörte er mit J. M. Keynes, Sir George Paish und anderen 
Sachverständigen ersten Ranges dem volkswirtschaftlichen Ausschuß des 
„Fight the Famine Council“ an, das die größten Verdienste um die Auf- 
klärung der öffentlichen Meinung in den Siegerländern und um die 
Hilfeleistung für Mitteleuropa hat. Indessen ist für seine Friedens- 
propaganda kennzeichnend, daß sie aus sittlichem Pessimismus auf alle 
moralische Begründung verzichtet und sich mit ihren Beweisen von der 
Unrentabilität aller Eroberungskriege nur an den rechnenden Verstand 
wendet. Seinem ersten Buch ließ Angell neben unzähligen Aufsätzen 
zwei Bücher folgen: The Peace Treaty and the economic chaos of Europe 
(London: The Swarthmore Press 1920. 143 S. 8%) und The fruits of 
victory. A sequel to „The great illusion“ (London: Collins 1921). Im 
Kampf mit einer tendenziös eingestellten Presse stellt Angell dem ge- 
störten, aber intakten Wirtschaftsleben der britischen Inseln das 
Gemälde Mitteleuropas (unter Einschluß von Polen und Serbien) mit 
seinen einheitlichen Zügen von Not und Elend gegenüber, wie es jeder 
Einsichtige aus den amtlichen Berichten Sir William Goodes, Sir George 
Paishe und Mr. Hoovers seit einem Jahre gewinnen konnte. An zahl- 
reichen Beispielen beweist A., daß die Friedensverträge durch die Zer- 
reißung organischer Gebilde die einzelnen Staaten an den Rand des 
Abgrunds, die Weltwirtschaft in Zerrüttung gebracht haben. Die Ge- 
sundung Deutschlands und das Einströmen seiner Arbeitskraft nach Ruß- 
land zu verhindern, hält er für einen schweren Fehler. Privatwirtschaft- 





258 Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 





Der Dichter H. G. Wells hat die Berichte, die er bis zum 15. Dezember 
1921 für die New York World und die Chicago Tribune schrieb, in 
Buchform zusammengefaßt (Washington and the hope of peace. London: 
Collins 1922. VIII, 272 S. gei, Sie schließen sich zwanglos dem Gang 
der Konferenz an, geben aber mehr die subjektiven Eindrücke und 
Gedanken eines Teilnehmers als die Verhandlungen selbst wieder. Wells 
ist leidenschaftlich erfüllt von dem Gedanken an einen organisierten 
Weltfrieden. Er ist als Dichter nicht blind gegen die wirklichen Mächte 
dieser Erde, entschleiert das neue Schlagwort der „Sicherheiten“, fordert 
ein Ventil in Gestalt großer produktiver Unternehmungen für den 
gefährlichen Betätigungsdrang der privaten Rüstungsinteressen. Die 
Hardingsche „Gesellschaft der Nationen“ erscheint ihm als rettender 
Ausweg aus dem drohenden Zusammenbruch des komplizierten, auf 
stabilen Währungen und sicheren Kreditverhältnissen aufgebauten 
Systems der Weltwirtschaft vor dem Kriege. Eine sehr gute deutsche 
Übertragung von Robert West ist in geschmackvoller Ausstattung er- 
schienen („Hoffnung auf Friede“. München: Kurt Wolff 1922. VII, 
N5 S. P. Geb. M. 72.—). 


V.Wirtschaftsfragen und Wiederaufbau 


Wenn das Schlagwort reconstruction in der äußeren Politik Wieder- 
herstellung eines Systems lebensfähiger Staaten in Europa bedeutet, 30 
in der inneren Politik Englands den Neuaufbau des ganzen volkswirt- 
schaftlichen Produktions- und Verteilungsapparats. Bei der Struktur 
der englischen Wirtschaft hängen die nationale und die internationale 
Seite des Wiederaufbaues enger zusammen als bei wirtschaftlich selbst- 
genügsameren Völkern. Kein Wunder, daß in England nicht nur eine 
breite nationale Literatur entstand, die für den internationalen Wirt- 
schaftsfrieden arbeitet; hier finden auch die gleichgesinnten Wirtschafts- 
politiker anderer Länder wie der Italiener Nitti, der Schwede Gustaf 
Cassel, der Niederländer Vissering ihre Verleger und ihr Publikum. 

Der Komplex der Wiederaufbaufragen im nationalenglischen Sinn 
wird von dem Sammelwerk „After-war problems“ umschrieben (London: 
Allen & Unwin. 366 S. 8. 8 s. 6 d.). 1917 zuerst erschienen, bis 1919 
wiederholt aufgelegt, ist es noch heute lesenswert. Sein Herausgeber 
W. H. Dawson gewann einige der berufensten Federn, darunter den ver- 
storbenen Earl of Cromer, Sir H. Johnston, Viscount Haldane, Prof. 
S. J. Chapman und Prof. Alfred Marshall zur Mitarbeit. Vier große 
Abschnitte — Empire and Citizenship — National Efficieney — Social 
Reform — National Finance and Taxation — zeigen, mit welchem Ernst 
man während des Höhepunktes des Krieges an die Aufgaben des Wieder- 
aufbaues heranging. Ä 

Der Publizist Ellis Barker hat die Nachkriegsprobleme einseitiger 
vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt dargestellt (Economic statesmanship. 
The great industrial and financial problems arising from the War. 
London: Murray 1918. VIII, 408 S. pk Das Buch ist überholt, doch 


bleibt im Hinblick auf ihr frühes Datu Ansicht des Verfassers — 
keines Freundes Deutschlands, siehe e odern Germany“ — be- 
merkenswert, daß Deutschland — Pparationen nur in Saob 


lieferungen werde leisten können (p..- i 


! / 


Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 259 





Der Jungliberale Brougham Villiers ist ein ausgesprochener Gegner 
der britischen Regierung und der alten Unionisten (England and the new 
Era. London: Fisher Unwin 190). Er hält die Tendenz zur Bildung 
immer größerer Imperien für abgeschlossen und durch die Entwicklung 
kleiner Nationalstaaten für abgelöst. Seine Hoffnung auf eine fried- 
lichere Entwicklung gründet er auf die junge Generation und die vor 
allem bei der Arbeiterklasse zunehmende Einsicht in die weltwirtschaft- 
lichen Zusammenhänge. In der Kriegsschulden- und Beparationsfrage 
macht er den radikalen Vorschlag, alle Kriegsschulden zu streichen. Der 
wirtschaftliche Wiederaufbau der daniederliegenden Völker liege im 
gemeinsamen Interesse aller durch den Krieg geschädigten Nationen. 

Der Finanzsachverständige W. R. Lawson beschränkt sich im wesent- 
lichen auf das Gebiet der englischen Finanzierung des Krieges und der 
Übergangsbudgets (Europe after the World War. A financial and economic 
survey. London: The Financial News 1921. XI, 276 8. &®. 7 2.6 dl Zu 
seiner mit Parallelen aus den napoleonischen Kriegen begründeten Auf- 
fassung, daß große Kriege meist mit gutem Geschäftsgang (boam) ver- 
bunden seien, steht der Satz der Vorrede vom April 1921, daß die Friedens- 
konferenz leider den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas nicht einmal 
versucht habe, einigermaßen in Gegensatz. Lawson ist ein Citymanı, 
kapitalistisch, nationalistisch, arbeiterfeindlich und damit diametraler 
Gegner Norman Angells, den er glatt ablehnt. 

Norman Angell ist, seit er 1909 „The great illusion“ (deutsch: Die 
falsche Rechnung. Charlottenburg: Vita 1913) schrieb, bekannt genug. 
Er kann für sich in Anspruch nehmen, daß er seine Anschauungen nicht 
erst der Katastrophe des Weltkrieges verdankt, sondern sie jahrelang 
vorher und auf dessen Höhepunkt gegen die öffentliche Meinung und 
die britische Regierung mannhaft vertreten hat. Während der Friedens- 
konferenz gehörte er mit J. M. Keynes, Sir George Paish und anderen 
Sachverständigen ersten Ranges dem volkswirtschaftlichen Ausschuß des 
„Fight the Famine Council“ an, das die größten Verdienste um die Auf- 
klärung der öffentlichen Meinung in den Siegerländern und um die 
Hilfeleistung für Mitteleuropa hat. Indessen ist für seine Friedens- 
propaganda kennzeichnend, daß sie aus sittlichem Pessimismus auf alle 
moralische Begründung verzichtet und sich mit ihren Beweisen von der 
Unrentabilität aller Eroberungskriege nur an den rechnenden Verstand 
wendet. Seinem ersten Buch ließ Angell neben unzähligen Aufsätzen 
zwei Bücher folgen: The Peace Treaty and the economic chaos of Europe 
(London: The Swarthmore Press 1920. 143 S. 8%) und The fruits of 
victory. A sequel to „The great illusion“ (London: Collins 1921). Im 
Kampf mit einer tendenziös eingestellten Presse stellt Angell dem ge- 
störten, aber intakten Wirtschaftsleben der britischen Inseln das 
Gemälde Mitteleuropas (unter Einschluß von Polen und Serbien) mit 
seinen einheitlichen Zügen von Not und Elend gegenüber, wie es jeder 
Einsichtige aus den amtlichen Berichten Sir William Goodes, Sir George 
Paishs und Mr. Hoovers seit einem Jahre gewinnen konnte. An zahl- 
reichen Beispielen beweist A., daß die Friedensverträge durch die Zer- 
reißung organischer Gebilde die einzelnen Staaten an den Band des 
Abgrunds, die Weltwirtschaft in Zerrüttung gebracht haben. Die Ge- 

dung Deutschlands und das Einströmen seiner Arbeitskraft nach Ruß- 

zu verhindern, hält er für einen schweren Fehler. Privatwirtschaft- 








260 Meannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 


liche Interessen hätten zum Schaden der Allgemeinheit die Friedens 
konferenz beeinflußt und den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete und 
die Wiederbelebung des internationalen Wirtschaftsprozesses verzögert. — 
Angell hat das Verdienst, den Begriff der wechselseitigen Abhängigkeit 
der Völker (interdependence) in unermüdlicher Arbeit popularisiert und 
die weltwirtschaftliche Solidarität, die vor dem Kriege eine abstrakte 
Kathederformel war, als lebendigen Faktor in die Politik des Wieder- 
aufbaus eingesetzt zu haben. Von „The Peace Treaty ...“ ist eine gute 
deutsche Übertragung durch A. du Bois-Reymond erschienen („Der 
Friedensvertrag und das wirtschaftliche Chaos in Europa. Berlin: Deutsche 
Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte 1920. 116 S. 89). 

Norman Angell stehen nahe E. D Morel (Thoughts on the War, the 
Peace, and Prison. — Truth and the War. — Diplomacy revealed. Sämt- 
lich London: Union of Democr. Control) und die Union of Democratic 
Control, die auf dem Festland viel zitierten Wochenschriften Commor 
Sense und Nation mit ihrem Herausgeber Henry Brailsford, der geistigen 
Einstellung nach, obgleich sie sich von Politik fern halten, auch die 
Quäker mit ihrer ausgedehnten Flugschriftenliteratur und dem „Friend“. 
In der Ablehnung des Versailler Vertrages aus sittlichen und wirtschaft- 
lichen Gründen, in der Forderung einer produktiven Politik und der 
materiellen und geistigen Abrüstung auch auf seiten der Sieger sind sich 
diese humanitären Schichten des gebildeten Mittelstandes, Schüler des 
alten wirtschaftlichen Liberalismus, und die aufgeklärte Arbeiterschaft 
einig. Ihr Einfluß auf die Regierungsmaschine und die Massen der 
Gewerbetreibenden und Kleinbürger wird von Ausländern leicht über- 
schätzt. 

Die Auffassung der Reparationsfrage in diesen Kreisen findet man 
am knappsten bei J. A. Hobson niedergelegt (The economics of repara- 
tion. London: Allen & Unwin 1921. 32 S. &). Als Richtlinien für eine 
gesunde Reparationspolitik stellt Hobson auf: 1. Streichung aller die 
wirtschaftliche Erholung Deutschlands hemmenden Klauseln des Ver- 
trags, 2. Wiederherstellung der vollen Verkehrsfreiheit, 3. Unterstützung 
durch Kohlen und Kredite, 4. Verweisung der Reparationsfrage vom 
Forum des Obersten Rates und der Reparationskommission an eine un- 
parteiische Kommission von Neutralen mit dem Ziele, Deutschland eine 
Reparationssumme aufzuerlegen, die eine Generation abtragen könne, 
ohne völlig zu verarmen und den Handel der anderen Völker durch 
Unterbietung zu schädigen. 

Die erste Auflage von „The economic consequences of the Peace“ 
(London: Macmillan. 279 S. 8% 8 s. 6 d.) von John Maynard Keynes 
erschien im Dezember 1919. Das Werk wurde in zwölf Sprachen, darunter 
ins Chinesische, übersetzt und ist heute in mindestens 150 000 Exemplaren 
verbreitet. Es gehört zu den seltenen Büchern, denen es beschieden ist, 
ein Stück Geschichte zu bestimmen. Wenn es überflüssig ist, über seinen 
Inhalt heute noch Worte zu machen, so ist es vielleicht erlaubt zu fragen, 
was den Erfolg des Buches ausmachte. Daß der Versailler Vertrag einer 
legalen und moralischen Grundlage entbehre, hatten andere vor Keynes 
behauptet; daB die Mittelmächte unter der Last des Friedens zusammen- 
brechen mußten, hatten andere prophezeit; daß der große Moment in 
Paris ein kleines Geschlecht fand, darüber bestand in aufgeklärten 
Köpfen kein Zweifel. Es war, so scheint es, das Zusammentreffen von 





Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 261 


Quslitäten des Verstandes mit Vorzügen der Form und dem Ethos eines 
Charakters, das dem Buch in einem Augenblick, da die Siegervölker aus 
ihrer Kriegspsychose zu einer nüchterneren Betrachtung der Dinge er- 
wachten, Flügel verlieh. Vorzüge des Stils, der an die wuchtige Prosa 
des 16. und 17. Jahrhunderts erinnerte, sind jedenfalls Ursache, daß die 
Friedenskonferenz in der Vorstellung der Nachwelt so weiterlebt, wie 
Keynes sie in seinem dritten Kapitel gezeichnet hat — obgleich ein 
Sachverständiger wie Haskins bestreitet, daß Keynes die „großen Vier“ 
je am Werk gesehen habe. Die Sachlichkeit seiner wirtschaftlichen 
Beweisführung, die die Zeit erhärtet hat, führte Keynes Anhänger zu 
aus Kreisen, die sein sittliches Pathos kalt gelassen hätte. In der 
prütenden Atmosphäre von Paris war er, der Engländer, sich der Insel- 
haftigkeit des englischen Menschen, der Losgelöstheit von den Schick- 
salen des Kontinents, bewußt geworden. Die erschütternde Einsicht in 
ien untrennbaren Zusammenhang aller europäischen Kräfte weckte in 
Zem guten Engländer den guten Europäer. 

Dieses Pathos ist nicht das des Moralisten; es ist das des Gelehrten, 
er Einsichten über Absichten stellt. Keynes bestreitet, daß die Ver- 
»ündeten einen Frieden nach ihrem Gutdünken zu schließen das Recht 
tatten. Nachdem sie sich für einen punischen Frieden entschieden haben, 
teweist Keynes, daß die beiden Tendenzen des Vertrages von Versailles, 
möglichste wirtschaftliche Schwächung der Mittelmächte und möglichst 
hohe Entschädigung der Sieger, einander aufheben. Aus der Gegenüber- 
stellung zweier kunstvoll gestalteter Kapitel, dem Bilde des empfind- 
‚ichen, hochentwickelten, auf Arbeitsteilung und Höchstleistung beruhen- 
den Wirtschaftsorganismus des übervölkerten Mitteleuropa und dem 
anderen der zu unbegrenzten Lasten verurteilten verstümmelten Reste 
jener selben Einheit, folgt der zwingende Schluß, daß die wirtschaft- 
lichen Klauseln des Vertrages unerfüllbar sind, was 1919 noch zu beweisen 
war, nach weiteren drei Jahren keines Beweises mehr bedarf. 

„A Revision of the Treaty“ (London: Macmillan 1922. VII, 23 S. Se 
‘2. dd.) erschien Anfang 1922. Es ist eine Fortsetzung des ersten Werkes. 
Es galt, der Entwicklung der Dinge zu folgen und Stellung zu nehmen. 
„Meine Aufgabe ist streng begrenzt; sie besteht darin, Zahlen und Daten 
beizubringen für eine vernünftige Revision des Reparationsproblems, wie 
es sich heute darstellt.“ Der Plan des Buches ist so klar wie möglich: 
der erste Teil, die Chronik der Geschehnisse seit dem Waffernstillatar.d. 
führt ganz natürlich zum Gegenstand des zweiten Teiles, dem krisen- 
haften Zustand Europas als dem wesentlichen Ergebnis der bisherigen 
Verträge und politischen Maßnahmen. Der dritte Teil zeigt die Wege, 
die aus dem Wirrwarr von heute herausführen soilen. Ala der eigent- 
lehe Feind einer vernünftigen Regelung der Dirge. einer Regelung, die 
den entscheidenden Tatsachen, den wirtschaftlichen Kräften der Leieip 
ten Völker, gerecht wird, erscheiren bei Keynes gar nicht die leitenden 
Stastsmänner. Der Feind sarhlicker Klärurg ist nach Kezten de im 
Kriege aufgepeitsehte öffentliche Meinung. die Meinung der Massen, derer, 
eine hemmungslose Propagarda Sitze urd T.ineinzen ins Gerirn Sri 
hämmert hat, die kraft des Trägteitsgeserzer pick? zeit werben wien. 

Im zweiten Teil greift Keyres das Bac ronctiek der Henaratınaturie- 
rungen, den Ersatz der unmittelbaren Kriegim:z acen Auen Ge Azat. aR- 
gen, an. Er erklärt den Umfarg der Bezarziiunstorcerungen für we.‘ 





262 Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England 


übertrieben und führt den zahlenmäßigen Nachweis, indem er die amt- 
lichen Zahlen der französischen Wiederaufbaustatistik zu den geforderter 
Ersatzszummen in Beziehung setzt. Nach seiner Berechnung sind die 
Zerstörungsschäden in der Kriegszone etwa 3t/s fach überschätzt. Trotz- 
dem bildet dieser Teil nur ein Drittel der geforderten Gesamtsumme vo: 
138 Milliarden Goldmark. Die übrigen zwei Drittel entfallen auf eine 
Forderung, deren Illegalität Keynes unzweifelhaft ist, auf den Brot 
der Militärpensionen und Abfindungen an Hinterbliebene. K. schlägt 
vor, diese Forderung als unehrenhaft und nicht zu Recht bestehend glatı 
zu streichen. Die Restforderung bleibe zur Not innerhalb der theoreti- 
schen Grenzen der Leistungsfähigkeit Deutschlands, sie buchstäblich bei- 
zutreiben liege indessen nicht im Interesse des Wiederaufbaus der Welt- 
wirtschaft. Im Sinn einer positiven Lösung der Reparationsfrage macht 
Keynes zwei Vorschläge: 1. Verzicht aller Verbündeten auf Rückzahlung 
der gegenseitig aufgenommenen Kriegsschäden, Verzicht Englands und 
der Vereinigten Staaten auf eine Geldentschädigung durch Deutschland. 
Bürgschaft beider Staaten für die Sicherheit Frankreichs und Belgien: 
gegen Räumung des linken Rheinufers. 2. Für den Fall, daß Amerika 
für eine so großzügige Lösung noch nicht zu haben sei: Verzicht Groß- 
britanniens auf Rückzahlung der Kriegsdarlehen seiner Verbündeten und 
auf deutsche Reparationen; Deutschland leiste 30 Jahresraten von J? 
1260 Millionen Goldmark und stelle Wiederaufbaukredite von rund 
1 Milliarde Goldmark für Polen und Österreich bereit. Von diesen 
Jahresraten solle Frankreich je 1080, Belgien je 180 Millionen erhalten. 
— Auch dieser gemäßigte Reparationsplan ist, wie Keynes vor kurzem 
in Oxford erklärte, inzwischen längst unausführbar geworden. 


Durch seine Verbindung mit dem Manchester Guardian, dessen 11 
vielen Sprachen erscheinende Reconstruction Numbers er redigiert, übt 
Keynes einen weitreichenden Einfluß auf die liberale englische Presse 
und die der Neutralen aus. Im eigenen Lande wird er von der konser- 
vativen Presse (Morning Post) und den Blättern des NorthcliffekonzerDS, 
in Frankreich von einer besonderen Propagandistengruppe (Raphaöl- 
Georges Levy, ‘Brenier) heftig befehdet. 


Von „Ihe economic consequences of the Peace“ ist eine fragwürdige 
Übersetzung („Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“), vo? 
„A Revision of the Treaty“ („Revision des Friedensvertrages“. vI 
244 S.) eine leidliche Übertragung durch F. Ransokoff, beide bei Dunoker & 
Humblot, München 1920 bzw. 1922, erschienen. 


G. Visserings „International economic and financial problems” 
(London: Macmillan 1920. 107 S. 8°) stellt die Wiederaufbaufrage vom 
Standpunkt des Finanzsachverständigen dar, der von seiner Tätigkeit 
in China her eine ungewöhnliche Erfahrung in der Behandlung scheit" 
ger Währungsprobleme mitbringt. Er untersucht die Ursachen der Zer- 
rüttung der Währungen in Europa während des Krieges und später und 
schildert ihre unheilvollen Folgen für Schuldner- und Gläubigerländer:. 
Als Abhilfe schlägt er vor: 1. Einstellung der Inflation, 2. Revision der 
Kriegs- und Reparationsschulden, 3. eine allgemeine internationa® 
Kreditorganisation, 4. Schaffung von Warenbörsen für Staaten mit ent- 
werteten Währungen. Kap. VI enthält einen Bericht über die inter- 
nationale Finanzkonferenz, die unter dem Vorsitz Visserings am 19. und 








Mannhart, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. A. England :263 


14. Oktober 1919 in Amsterdam tagte, und den Wortlaut ihres Memo- 
'anduma. 

Als weitere Urkunden über internationale Wiederaufbauversuche sind 
zu bewerten Papers relating to International Economic Conference, 
Genoa. April-May 1922. Presented to Parliament (Cmd. 1667. London 
1922. 99 S. 8°). Sie enthalten die Schriftwechsel mit der russischen und 
der deutschen Delegation, die Berichte der Kommissionen 2—4, im An- 
hang einen Auszug aus den Beschlüssen der ersten Verkehrskonferenz des 
Völkerbundes in Barcelona (16. 3.—20. 4. 1921) und den Text des in 
Porto-Rose abgeschlossenen Verkehrsabkommens der 7 Nachfolgestaaten 
Österreich-Ungarns. 

J. Saxon Mills’ „The Genoa Conference“ (London: Hutchinson. 24 s.) 
liegt mir leider nicht vor. 

Der Aufklärung des englischen Publikums über die wahren wirt- 
schaftlichen Zustände in Mitteleuropa haben einige Bücher gedient, 
deren Verfasser politische oder humanitäre Absichten nach dem Fest- 
lande trieben. Der oben schon genannte Henry Noël Brailsford bereiste 
Mitteleuropa zwischen Februar und Mai 1919. Seine für Daily Herald, 
Nation, The new Republic und The Manchester Guardian geschriebenen 
Berichte erschienen erweitert in Buchform (Across the blockade. A 
record of travels in enemy Europe. London: George Allen & Unwin 
[1919]. 157 S. oe Brailsford gibt realistische Schilderungen vom kom- 
munistischen Ungarn, Hunger und Aufruhr in Wien, Krieg, Elend und 
Judenverfolgung in Polen, dem Deutschland während der Tagung der 
ersten Nationalversammlung, zum Schluß einen vernichtenden Kom- 
mentar zum Friedensvertrag. Brailsford ist Sozialist; dadurch ist seine 
Stellung zur englischen Regierung, zum Kommunismus in Ungarn und 
zur deutschen Republik bestimmt. 

Auch das Quäkerehepaar Charles Roden and Dorothy Frances 
Buxton, dem tausende deutscher, österreichischer und polnischer Kinder 
zu danken haben, faßte seine düsteren Eindrücke von der wirt- 
schaftlichen Not Mitteleuropas in einem Buche zusammen (The world 
after the War. London: George Allen & Unwin 1920. 7 2.6 d.). Es 
macht die überlebte Politik der Ententemächte zum großen Teil für diese 
Zustände verantwortlich und setzt seine Hoffnung auf eine friedlichere 
Entwicklung auf die junge Generation Deutschlands und Frankreichs. 

A. Lethbridge schildert in seinem Reisebuche „Germany as it is 
to-day“ (London: Nash 1921. XXXIII, 819 S. 8%) die Verhältnisse in den 
besetzten Gebieten, den Niedergang der Großstädte und die Proletari- 
sierung des Mittelstandes, Er verweilt ausführlich bei der Not der 
geistigen Arbeiter und der Studenten und ermutigt das britische Hilfs- 
werk. Seine Auffassung der inneren Lage und der Stimmung in Deutsch- 

land deekt sich am ehesten von allen Berichten mit den Tatsachen. 


VI. Politische Geschichte 


„Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und England 
vom Ausgang des Mittelalters bis zum Jahre 1815“ hat G. v. Schoch in 
einer auf reichlicher Benutzung englischer, deutscher und französischer 
Quellen beruhenden Darstellung übersichtlich, unter Betonung der mili- 
tärischen Bündnisse und der kriegerischen Ereignisse, behandelt (Bonn u. 





264 Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 





Leipzig, Kurt Schroeder 1921. VII, 282 S. 8°. Bücherei der Kultur un- 
Geschichte. Bd. 20). 

Die dreibändige „Neuere Geschichte Englands“ von K. Ore&an- 
(Bonn-Leipzig: Schröder 1921. XVI, XXIV, XXV, 1133 S. PV M. 400.—. 
Bücherei der Kultur und Geschichte. Bd. 13—15) füllt eine Lücke au:, 
da eine handliche, alle Kulturgebiete umfassende Geschichte Englaniü: 
in Deutschland bisher fehlte. Innerpolitischer, Rechte, Wirtschafts- un‘: 
Kulturgeschichte ist der gebührende Raum gewidmet. Im zweiten Teil! 
wird man die ausführliche Schilderung der Loslösung der Vereinigten 
Staaten begrüßen, während die Behandlung der napoleonischen Kriege 
zu breit geraten ist und sich in ganzen Kapiteln wie eine deutsche Ge- 
schichte liest. Der dritte Teil ist dem inneren und äußeren Ausbau des 
britischen Reiches gewidmet und führt bis zum Ausbruch des Welt- 
krieges. Die knappe Zeichnung der wirtschaftlichen Entwicklung seit 
der Industrialisierung ist in diesem Teile hervorzuheben. Eine wün- 
schenswerte Zugabe wäre ein Literaturverzeichnis und häufigere Zi- 
tierung der Quellen gewesen. | 

Viscount Haldanes Memoirenwerk „Before the War“ (London: Cassell ` 
1920. 207 S. 8%) gibt in der Form der Ich-Erzählung eine sehr vorsichtig 
abgewogene Darstellung der englischen Politik in der Zeit vom Januar 
1906 bis zum Kriegsausbruch, der Zeit, in der der Verfasser Staatssekretär 
und Lordkanzler war. Das Buch ist, wie die meisten seiner Klasse, zum 
guten Teil Apologie. Indem es für beide Teile des elastischen Satzes, 
daß die britische Regierung bemüht war, den Krieg zu vermeiden und 
nur für den Fall, daß diese Bemühungen scheiterten, die notwendigen 
Vorbereitungen traf, Beweise beibringt, sucht es die Angriffe von Impe- 
rialisten und Pazifisten zugleich zu entwaffnen. Der Auseinandersetzung ` 
mit den Erinnerungswerken Bethmann-Hollwegs und Tripitz’ ist ein 
breiter Raum gewidmet. Der Epilog atmet versöhnlichen Geist und 
empfiehlt die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. 


B. Frankreich 
(Erster Bericht) 
Von Fritz Roepke 


Der Friede von Versailles ist nicht ein Friede in dem Sinne, daß er 
den mehr als vierjährigen Krieg endgültig abschloß und das Ringen 
zweier gewaltiger Mächtegruppen liquidierte.e. Er gab durch die Ent- 
waffnung und Unterwerfung der einen Partei nur die Vorbedingung für 
eine neue Macht- und Kräfteverteilung; und es lag in der Natur des 
Vertrages begründet, daß die Befestigung der veränderten Verhältnisse 
and ihre Erweckung zu einem neuen politischen Leben eine schwierige 
und für den Aufbau Europas sehr gefährliche Aufgabe der nächstfolgen- 
den Zukunft blieb. 

Dies trifft insbesondere auf die Festlandmächte und auf die beiden 
Hauptgegner: Deutschland und Frankreich zu. Während für viele 
Staaten der Krieg mit dem Abschluß des Vertrages tatsächlich sein Ende 
erreichte und die Möglichkeit vorhanden war, zu einem normalen Leben 








Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 265 


zurückzukehren, sind diese beiden Länder erst auf dem Wege der Aus- 
einandersetzung und von dem Ziel anscheinend noch sehr weit entfernt. 

Auf Grund des Friedensvertrages besitzt Frankreich das Recht, von 
Deutschland Wiedergutmachung, d. h. Schadenersatz und Wiederaufbau 
der zerstörten Gebiete zu verlangen; aber die Höhe der Entschädigung 
wurde durch den Vertrag nicht festgelegt. Die Grenzen des neuen 
Deutschlands wurden zwar in Versailles im großen und ganzen gezogen; 
aber die Nationalitätenfrage blieb teilweise (wie in Nordschleswig, in 
Oberschlesien und im Saargebiet) einer künftigen Regelung vorbehalten 
oder wurde ganz beiseite gelassen (s. den Minderheitenschutz in den 
Auch-Siegerstaaten) oder einfach verneint (Deutsch-Österreich),. Ganz 
ungelöst blieb ferner die Frage, wie denn dieser neue europäische Orga- 
nismus, der rein willkürlich nach machtpolitischen und ethnographischen 
Grundsätzen, unter bewußter Zerreißung der Jahrhunderte lang bestehen- 
den wirtschaftlichen Beziehungen operiert worden war, nun überhaupt 
leben und sich entwickeln sollte Frankreichs Lage in Europa war 
schließlich noch abhängig von den ungeklärten Verhältnissen im nahen 
Osten. Die Verbündeten hatten sich zwar über die Verteilung der Ein- 
flußzonen geeinigt; doch gerade aus dem Vertrag von Sèvres, der den 
Frieden auch in diesem Erdenwinkel begründen sollte, erwuchsen der 
griechisch-türkische Kampf und der englisch-französische Gegensatz in 
der Orientfrage. 

So deckte der Friede erst Probleme auf, an denen heute Europa mehr 
krankt als am Kriege. 

Frankreichs Stellung zu dem Vertrag ergab sich aus seinen Zielen 
und Mitteln. Das Ziel war: die Schäden seines eigenen Landes bald- 
möglichst zu heilen; die alte, 1870 verlorene und nur Schritt für Schritt 
wiedergewonnene politische und wirtschaftliche Machtstellung auf dem 
Festlande für Generationen zu sichern und die um die Wende des Jahr- 
hunderts begründete Weltmachtpolitik fest zu verankern; die Mittel 
waren ihm durch seine gewaltige Militärmacht sowie durch die ihm in 
Versailles von den alliierten Mächten zugesicherte Rolle als Gläubiger 
Deutschlands und Wächter des Vertrages an die Hand gegeben. 

Der Teil des Vertrages, der trotz des überragenden Einflusses der 
Franzosen bei den Friedensverhandlungen nicht ganz nach dem Ausmaß 
der nationalen Wünsche ausgefallen war, unterlag denn auch sehr bald 
einer heftigen Kritik. Zweierlei warf man besonders seinen Urhebern 
vor: die Einheit Deutschlands blieb trotz der Gebietsverluste gewahrt, 
und der Rhein blieb Deutschlands Strom und wurde nicht Deutschlands 
Grenze. Tardieu sagt zwar: „Es ist augenscheinlich nicht nur falsch, 
daß Frankreich immer nachgegeben hat, sondern es steht fest, daß der 
französische Standpunkt, nicht ohne Kampf, immer gesiegt hat.“') Aber 
Tardieu spricht pro domo; er will sein Werk gegen seine Kritiker ver- 
teidigen. Und wir wissen aus seiner eigenen, eben angeführten Dar- 
stellung der Friedensverhandlungen, daß die französische Regierung das 
linke Rheinufer einverleiben oder „neutralisieren“*) und das Saargebiet 
Ee | 

D André Tardieu, La Paix. Préface de Georges Clemenceau. Paris: 
Payot. 1921. XXXII, 520 S. ®. 

?) S. 180, vertraulicher Brief Briands an Paul Cambon: „die Wieder- 
nahme der Rheinprovinzen, die uns vor einem Jahrhundert entrissen sind“. 





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‚chen Burspas wieder eivgefügter Deuiscker Burd ist eine Bürgschaft 
Zeg Gieichgewichte” Man kann allerdings mit Bardoux über den 
eur des Gleichgewichts streiten; Frankreichs straff organisierte 
politische Einheit und Militärmacht dürfte ein Gleichgewicht nicht 
aufkommen lassen. Bagen wir statt dessen „Frankreichs Vormacht- 


"tellung um Rhein’, so haben wir den Sinn des Satzes eher getroffen. 





') Gabriel Hanotaux, Le Traité de Versailles du 38 juin 1919. L’Alle- 
mugne et Europe, Ae édition. Paris: Plon-Nourrit. 1919. XX, 368 S. ®. 

°) Jayuen Bardoux, De Paris à Spa. La Bataille diplomatique pour 
In puix française, Paris: Alcan. 1921. VIII, 396 S. 8°. 


Roepke, Friedensverträge u. Wiederanfbau der Welt. D Frankreich 267 


Durch die Versuche, das Rheinland wirtschaftlich und kulturell 
zu durchdringen, ist der praktische Anfang mit der Zerstückelungspolitik 
gemacht worden. Aus den Vorlesungen von Barrès an der Universität 
Straßburg über den „französischen Genius am Rhein“, aus den Aufsätzen 
Jes „Temps“, des „Echo de Paris“, der „Revue des deux mondes“ 
(Poincaré) u. a. sind wir über die französischen Pläne aufgeklärt. Ge- 
stützt auf die langjährige Besetzung deutscher Gebiete, will man diese 
allmählich von Deutschland loslösen. Das Ideal ist ein neuer Rheinbund, 
der sich politisch, wirtschaftlich und geistig von Deutschland absonderte 
und sich gewöhnte, seine Politik von Paris bestimmen zu lassen. Man 
müsse, heißt es da, am Rhein eine kräftige antipreußische Plattform 
aufrichten, den konfessionellen und politischen Gegensatz zu Preußen 
verschärfen und überhaupt den Vormund der rheinischen Bevölkerung 
gegenüber der Berliner Regierung spielen. Bald nach der Besetzung 
durch die französischen Truppen setzte eine lebhafte Kultur- und Wirt- 
»chaftspropaganda ein. Der Unterricht in der französischen Sprache 
wurde mit Hochdruck betrieben. Die geistige Einfuhr vom Reich wurde 
behindert, dagegen überfluteten die großen Pariser Tageszeitungen das 
Land, neue Zeitungen in französischer Sprache, wie das „Echo du Rhin“, 
wurden auf deutschem Boden gegründet. „Kulturträger“ wurden ins 
besetzte Gebiet geschickt, Ausstellungen französischer Kunst, französi- 
scher industrieller Erzeugnisse veranstaltet und Banken aufgekauft. 
Zahlreiche französische Firmen ließen sich im Rheinland nieder. Dorten 
gebar die Rheinische Republik; la recherche de la paternité est interdite. 

Bei dem Versuch, das Rheinland zu isolieren, findet Frankreich eine 
wichtige Stütze in dem Schluß des Art. 428 und im Art. 429 des Ver- 
trages: „Wenn zu diesem Zeitpunkte (d. h. nach Ablauf von 15 Jahren) 
die Sicherheiten gegen einen nicht herausgeforderten Angriff Deutsch- 
lands von den alliierten und assoziierten Regierungen nicht als aus- 
reichend betrachtet werden, so kann die Entfernung der Besatzungs- 
truppen in dem Maße aufgeschoben werden, wie dies zur Erreichung der 
genannten Bürgschaften für nötig erachtet wird.“ „Falls die Wieder- 
gutmachungskommission während der Besetzung oder nach Ablauf 
der im Vorhergehenden genannten 15 Jahre feststellt, daß Deutschland 
gar nicht oder nur teilweise die Verpflichtungen erfüllt hat, die ihm 
aus dem vorliegenden Vertrage erwachsen, so werden die im Art. 428 
genannten Gebiete ganz oder teilweise sofort von neuem durch die 
alliierten und assoziierten Truppen besetzt.“ Das bedeutet, daß, wenn die 
ungeheuren deutschen Verpflichtungen nicht gemindert werden und 
Deutschland infolgedessen zahlungsunfähig bleibt, möglicherweise die 
französischen Truppen auf absehbare Zeit das Rheinland nicht verlassen 
und die französische Propaganda gegen die Reichseinheit weitergeführt 
werden kann. 

Einen willkommenen Anlaß, die Besetzung zu verschärfen, bot der 
Abbruch der Londoner Verhandlungen im Jahre 1921. Unter Berufung 
auf den Art. 270 des Vertrages wurde ein selbständiges Zollgebiet am 
Rhein errichtet. Der betreffende Artikel spricht den alliierten Mächten 
das Recht zu, „für den Fall, daß nach ihrer Meinung eine solche Maß- 
nahme notwendig ist, um die wirtschaftlichen Interessen der Bevölke- 
rung dieser Gebiete zu wahren“, nicht aber als Strafmaßnahme. Daß 
auch die Schadloshaltung nicht etwa der Beweggrund für die „Sank- 





268 Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 





tionen“ war, ergab sich daraus, daß die Franzosen selbst aus den Zöllen 
nur eine jährliche Einnahme von 120—150 Millionen Goldmark heraus- 
rechneten, die durch die Kosten der Einrichtung wahrscheinlich auf- 
gewogen würden. Die eigentliche Absicht war, die besetzten Rheinlande 
durch die Zollinie vom Reiche abzusondern, den Warenaustausch mit dem 
unbesetzten Deutschland zu hemmen und die rheinische Industrie in den 
französischen Markt einzugliedern. 
d %* 


* 

Amerika hat sich sehr bald wieder von Europa zurückgezogen; Eng- 
land, mit inneren und kolonialen Sorgen beschäftigt, interessiert sich 
für die europäischen Fragen nur noch, soweit es sein eigenes Interess 
fordert. So ist es erklärlich, daß hauptsächlich Frankreich die Aufgabe 
zufällt, die Organisation des durch den Frieden neugeschaffenen Europa: 
zu überwachen. Diese Stellung hat Frankreich dazu benutzt, um den 
Status quo des Friedensvertrages zu sichern und einen Wall feindlicher 
Staaten um seinen Gegner Deutschland und das unsichere Rußland 
aufzurichten. 

An der Existenz des Staates Polen hat Frankreich großes Interesse: 
denn bricht Polen zusammen, so besteht die Gefahr, daß die ehemal: 
deutschen Gebiete sich wieder ans Reich anschließen. Deshalb unter- 
stützte man Polen in seinem Kampf gegen Sowjet-Rußland mit Ge- 
schützen und strategischen Beratern. Im Februar 1921 wurde mit Polen 
ein weitgehendes Abkommen unterzeichnet. Es enthält die Verpflichtung 
der beiden Regierungen, sich über alle auswärtigen Fragen, die beide 
Staaten angehen, miteinander zu verständigen; ferner einen Defensiv- 
vertrag, der jedem der beiden Staaten im Falle eines nicht heraus- 
geforderten Angriffs die gemeinschaftliche Verteidigung ihres Gebiets 
zusichert. Auch wirtschaftliche Abkommen sind getroffen worden, die 
auf eine französische Monopolstellung in den galizischen Ölgebieten 
hinauslaufen. Die polenfreundliche Haltung der französischen Besatzung 
in Oberschlesien ist hinlänglich bekannt. Es lag in Frankreichs eigenen! 
Interesse, die polnischen Ansprüche zu schützen; denn polnische Kohlen- 
gruben sind französische Kohlengruben. 

Im Südosten kam mit französischer Unterstützung die Kleine Entente 
zustande, durch die Frankreich seine Einflußsphäre bedeutend erweitern 
konnte, Die Kleine Entente umfaßt die französischen Freunde Rumänien. 
Jugoslavien und Tschechien; sie wird von Männern geleitet, die mit 
französischer Kultur großgezogen sind, und das diplomatische Einver- 
ständnis mit Paris ist bisher vollkommen gewesen. Der rumänische 
Ministerpräsident bemühte sich, als Schüler seiner französischen Meister. 
die Kleine Entente in ein Defensivbündnis zu verwandeln und so die 
von Frankreich wieder aufgewärmte, verderbliche europäische Bündnis- 
politik nachzuahmen. Er ging vor der Konferenz von Genua nach Paris. 
zog den Marschall Foch als Militärsachverständigen zu Rate und ließ 
sich dort die Versicherung geben, daß die Aufrechterhaltung des Gleich- 
gewichts im Osten, d. h. der Kleinen Entente, einen Bestandteil des 
französischen Sicherheitsprogramms bilde und daß Frankreich im Falle 
von Streitigkeiten die Kleine Entente nicht im Stiche lassen werde. Die 
Entstehung dieses Staatenbundes hatte für Frankreich noch den Vorteil. 
da8 Ungarn, so von franzosenfreundlichen Staaten eingekeilt, auch die 
französische Freundschaft suchte. 








Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 269 





Die Stärkung des französischen Einflusses im Osten und Südosten 
Europas gestattete die Einkreisung Deutschlands und versprach einen 
unmittelbaren Erfolg, nämlich die Errichtung eines antibolschewistischen 
Bloeks. Die französische Regierung, die mit dem zaristischen Rußland 
im Bündnisverhältnis gestanden und mit der Regierung Kerenski- 
Miljukow das gute Einvernehmen und die Kampfgenossenschaft weiter 
gepfiegt hatte, betrachtet Sowjet-Rußland schon deshalb als seinen 
Feind, weil dieses die Schulden der zaristischen Regierung nicht an- 
erkennen und den Kampf gegen den Kapitalismus auch international 
gegen die Westmächte führen wollte. Frankreich hatte aber auch 
positive Pläne; es wollte das alte Großrußland mit der bürgerlichen 
Tradition wiederherstellen. Damit hoffte es den Block gegen Deutsch- 
land zu verstärken und andererseits erwartete es nur von einem bürger- 
lichen Rußland die Wiederaufnahme der alten Handelsbeziehungen und 
einen geregelten Warenaustausch zwischen dem agrarischen Rußland und 
dem durch den Krieg stark industrialisierten Frankreich. Deshalb nahm 
es die gegenrevolutionäre Partei, die in Paris überhaupt ihren Mittel- 
punkt hatte, unter seine Obhut und erkannte den Führer der Weiß- 
gardisten, den General Wrangel, an. Es nahm sogar tätigen Anteil an 
dessen Kampf gegen die Regierung Lenin-Trotzki, indem es die Wrangel- 
truppen organisierte, dem französischen General Weygand, dem militäri- 
schen Berater Polens, das Oberkommando in der Ukraine verschaffte und 
im Oktober 1920 eine französische Schwarzmeerflotte nach Odessa 
schickte. Der Feldzug Wrangels endete allerdings mit einer ent- 
scheidenden Niederlage des Generals, und die Aussicht, die Sowjets zu 
stürzen und einer Frankreich genehmen Regierung den Weg zu bahnen; 
war außerordentlich gering geworden. Seitdem bewahrt Frankreich eine 
größere Zurückhaltung gegenüber Rußland, ohne von seiner Stellung 
einen Schritt zurückzuweichen: es besteht nach wie vor auf der Be- 
zahlung der russischen Schulden und ihrer Zinsen und der Entschädigung 
seiner früher in Rußland interessierten Staatsangehörigen, es verurteilt 
das herrschende System; es hält schließlich die Wiederaufnahme der 
Handelsbeziehungen nur dann für möglich, wenn die Wiederherstellung 
der früheren rechtlichen Ordırung, die Anerkennung des persönlichen 
Eigentums und der Handelsfreiheit (auch für die russischen Emigranten) 
vorangegangen ist, d. h. erst dann, wenn ein Wechsel des Systems ein- 
getreten ist. Von diesen Forderungen ließ sich Frankreich auf der 
Konferenz von Genua kein Tüpfelchen abhandeln, und der Zusammen- 
kunft im Haag blieb Frankreich ganz fern, weil es nur unter diesen 
Bedingungen verhandeln wollte. Frankreich zeigt hier, wie überall, 
seinen starren, prinzipienfesten, intransigenten Charakter. Ob diese 
Politik oder die anpassungsfähigere, schmiegsamere, kaufmännische der 
Engländer mehr Erfolg gegenüber Rußland bietet, wird erst die Zukunft 
lehren. Jedenfalls erscheint die englische, weil sie fähig ist, rücksichts- 
los neue Wege einzuschlagen, in dieser durchwühlten Zeit hoffnungs- 
reicher als die französische, die ohne Anknüpfung an eine feste, über- 
lieferte Doktrin nicht leben zu können meint. 

Im Westen Deutschlands wurde die Mauer durch das im September 
1920 abgeschlossene belgisch-französische Militärabkommen verstärkt. 
Nach den Regierungserklärungen handelt es sich um ein Defensiv- 
bündnis und um einen von den beiden Generalstäben ausgearbeiteten 


Zeitschrift für Politik. 12. 13 





270 BRoepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 


gemeinsamen ÖOperationsplan. Die Einzelheiten des Vertrages werden 
geheimgehalten. Nach den Andeutungen der belgischen Zeitungen 
scheint der französische Generalstab durch das Abkommen einen erheb- 
lichen Einfluß auf die belgischen Rüstungen erreicht zu haben. 

An der Westgrenze bleibt allerdings noch eine Lücke, welche dir 
Franzosen gern ausgefüllt hätten: Holland. Zweimal ließ die französische 
Regierung einen Versuchsballon hoch, um zu erfahren, ob die Stimmung 
in Holland einer militärischen Übereinkunft nach Art des französisch- 
belgischen Abkommens günstig wäre. In beiden Fällen war die Ab- 
lehnung der holländischen Presse und der Regierung einmütig; man gab 
deutlich zu verstehen, daß Holland sich nicht in eine abenteuerliche 
Politik einlassen wolle und daß es weit mehr von einem internationalen 
Völkergerichtshof als von geheimen Bündnissen erwarte. 

Jede auch nur moralische Stärkung des Deutschen Reichs wird vor 
Frankreich eifrig hintertrieben. Der mehrfach geäußerte Wunsch der 
Deutsch-Österreicher, sich dem Mutterlande anzuschließen, kann infolge 
des Widerstandes der Franzosen nicht verwirklicht werden. So oft die 
Bevölkerung versucht, ihren Willen kundzugeben, wird der Brotkorb 
höher gehängt. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker gilt eben nur 
für die Entente und ihre Freunde. 

Li e 
* 

In der Wiedergutmachungsfrage hatte der Frieden: 
vertrag folgendes bestimmt: die Höhe der von Deutschland zu ersetzenden: 
Schäden sollte von dem Wiedergutmachungs-Ausschuß bis zum 1. Mei 
1921 festgesetzt werden; Deutschland war aber verpflichtet, bis zu diesem 
Zeitpunkt in bar und in Waren 20 Milliarden Goldmark in Anrechnung 
auf die alliierten Forderungen zu zahlen. Für Frankreich war die 
Wiedergutmachung eine Frage von höchster Bedeutung. Vor dem Kriege 
der Bankier Europas, war es jetzt in ein drückendes Schuldverbältnis 
geraten. Der Weltkrieg hat ihm im ganzen ungefähr 200 Milliarden 
Mehrausgaben verursacht, wobei zu beachten ist, daß für über 30 Milliarden 
Auslandsverpflichtungen an England und Amerika vorliegen, die mit 
ihrem Goldwert einzusetzen sind. Die wirtschaftliche Krise, unter der 
nach Abschluß des Weaffenstillstandes fast alle Staaten zu leiden hatten, 
` ergriff auch Frankreich. Die französische Industrie hatte sich mehrere 
Jahre hindurch den Bedürfnissen des Krieges angepaßt und während- 
dessen an Ausdehnung und Leistung gewaltig zugenommen. Nach Be- 
endigung der Feindseligkeiten konnte sie sich nicht sofort auf den 
Friedensbedarf einstellen und sah sich noch dazu einer seit 1914 stark 
verringerten Nachfrage gegenüber. Infolge der ungeheuren Rohstofi- 
und Lebensmitteleinfuhr war das Passivsaldo des französischen Handels 
bis auf 372°) gestiegen. Das Budget war damit ganz aus dem Gleich- | 
gewicht gekommen, und die neuen Steuern, die man in der Kriegszelt 
eingeführt hatte, hatten sich als vollkommen unzulänglich erwiesen. Die 
Notenpresse konnte wohl den Bedarf an Geld im Inlande decken; abe! 
die Tatsache, daß 1918 der Notenumlauf das Fünffache des Friedens 
standes ausmachte, drückte ebenso wie die vorher erwähnten Umstände 
den Kurs des Franken bis auf die Hälfte des Goldfranken herunte!- 
Schließlich mußte man große Mittel bereitstellen, um die zerstörte? 
Gebiete wiederaufzubauen und die Geschädigten zu befriedigen. 


Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Fraukreich 271 


Der Friedensvertrag hatte den Grundsatz der uneingeschränkten 
Wiedergutmachung durch Deutschland aufgestellt. Es war seit den 
barbarischen Zeiten immer das Recht des Siegers, sich am Besiegten 
schadlos zu halten. Foch erklärte mit militärischer Kürze, das französische 
Volk werde es nie verstehen, daß der Sieger im Kriege bankrott sein 
solle Im Vertrag hat man allerdings versucht, diesem rohen Siegerrecht 
eine moralische Basis zu geben, indem man die Pflicht zur Wieder- 
gutmachung auf Deutschlands Schuld am Kriege zurückführte, und von 
den französischen Politikern wird die sittliche Grundlage immer wieder 
betont. Daß es sich in Wahrheit doch nur um die wirtschaftliche Aus- 
nutzung des militärisch unterlegenen Gegners handelt, beweist die 
ständige Verquickung mit dem Siegerrecht, das noch weiter in den 
Köpfen lebt: wir sind Sieger, also darfs uns nicht schlecht gehen. Das 
Moralische hat nur agitatorische Bedeutung. Die Franzosen sind nicht 
imstande, ein wirklich neues, die Welt erlösendes sittliches Recht auf 
der Reparationspflicht aufzubauen. Die Versuche, die damit gemacht 
sind, kann man leicht ad absurdum führen. Ein französischer Jurist, 
André Toulemon, hat es unternommen, eine Theorie der Wiedergut- 
machung der Kriegsschäden in einem sonst klaren und aufschlußreichen 
Buche aufzustellen *). Er ist der Ansicht, die Rechtsprechung im Wieder- 
gutmachungsprozeß müsse ihre Grundsätze vom Strafrecht hernehmen; 
die Invasion habe die größte Ähnlichkeit mit einem Verbrechen, und der 
Staat, der nach seiner Niederlage zur Wiedergutmachung gezwungen sei, 
gleiche mehr einem wegen Vergehens gegen die Gesellschaft Verurteilten 
als demjenigen, der infolge Verletzung eines Privatvertrages für den 
Schadenersatz haftbar gemacht wird. Der völkerrechtliche Grundsatz, 
nicht eine beliebig hohe Kriegsentschädigung zu fordern, sondern dem 
Besiegten die Rechnung der von ihm verursachten Schäden zu präsen- 
tieren, ist aber keineswegs etwas Neues: er entspricht dem bisher 
geltenden Satz: wenn mit Gewalt völkerrechtliche Zustände herbeigeführt 
sind, so werden damit diese Zustände legalisiertt.e Und das Verfahren, 
das in Ausführung des Versailler Friedensvertrages bisher angewandt 
wurde, sieht mehr nach Selbstrache als nach einem Rechtsspruch aus. 
Denn der Rechtsgang setzt voraus, daß es eine überparteiliche Autorität 
gibt, die Streitigkeiten in einer rechtlich bindenden Weise entscheidet. 
Zu solchen Folgerungen kommt übrigens Toulemon auch selbst im Laufe 
seiner Begriffsbestimmung. Schuld und Strafe (Sanktion) müssen, sagt 
er, im Namen des Rechts, eines allgemein anerkannten Grundsatzes fest- 
gestellt werden; die Strafe darf nicht vom „Opfer“, sondern muß von 
einem Vollstrecker ausgeführt werden, den die höhere richterliche Auto- 
rität damit beauftragt. Toulemon kommt zu einem Schluß, der sioh 
stark der von Lloyd George verfochtenen These nähert: wenn die Gesell- 





D André Toulemon, La Réparation des dommages de guerre. Paris: 
Plon-Nourrit. 1921. 191 S. 8°. — Toulemon unterrichtet ausgezeichnet 
über die gesetzliche Regelung und praktische Anwendung des Schaden- 
ersatzes in Frankreich. Interessant ist z. B. die Entstehung der fakul- 
tativen Regelung des „remploi“. Der sozialistisch anmutende Vorschlag, 
die Entschädigung’ nur dem zu gewähren, der die Summe zum eigent- 
liehen Wiederaufbau verwendete, wurde vom Senat als unvereinbar mit 
dem Gesetz des Eigentums abgelehnt. 

18* 


272 Boepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 





schaft der Nationen sich zu einer Vereinigung aller moralischen Kräfte 
der Welt auswüchse, so wäre sie die richtige und beste Vertreterin 
dieser Rechtsidee. Solange aber eine unparteiische, internationale Über- 
organisation, nach rein moralischen Gesetzen gebildet, nicht vorhanden 
ist, kann man auch die Regelung der RBeparationsfrage nicht als einen 
Rechtsvorgang ansprechen. Wenn die Partei sich selbst zum Richter 
und Vollstrecker aufwirft, so ist das nur eine subjektive Machthandlung, 
die sich ein paar juristische Fachausdrücke für ihre Zwecke geborgt hat. 
Augenblicklich, sagt Toulemon sehr richtig, ist Frankreich, da ein 
Bechtsspruch nicht erfolgt ist noch erfolgen kann, auf das System der 
privaten Rache angewiesen. Wir kommen also auf dem Gebiete des 
Völkerrechts immer wieder auf die barbarische Sitte der Selbsthilfe 
zurück, von der uns der Rechtsgang vor Gericht innerhalb des nationalen 
Staates schon lange befreit hat. 

Damit wäre die Frage nach dem moralisch-rechtlichen Werte der 
gegenwärtigen Beparationen tatsächlich erledigt, wenn wir nichts aus 
dem Kriege gelernt hätten. Die deutsche Regierung hat die moralische 
Verpflichtung zur Wiedergutmachung ihrerseits anerkannt; sie tat das 
nicht nur aus Furcht vor dem Sieger, oder weil Deutschland den Krieg 
erklärt hatte (die Kriegserklärung war ja nur das äußere Zeichen für 
das Eingeständnis, daß man mit der Weisheit der verhängnisvollen 
Gleichgewichtstheorie am Ende war); sie tat es in dem Bewußtsein, mit 
dieser freiwilligen Übernahme einer menschlichen Pflicht einen notwen- 
digen Schritt auf dem Wege zur internationalen Rechtspflege und zum 
Menschheitsbewußtsein zu gehen. 

Die praktische Behandlung der Reparationsfrage 
verläuft auf der Linie London-San Remo-Hythe-Boulogne-Brüssel-Spaa- 
Cannes-Genua. London, im März 1921, brachte allen die Überzeugung, 
daß die Grundlage der Wiedergutmachung nicht der von den Siegern 
errechnete Schaden (ein Grundsatz, den der Vertrag durchblicken ließ. 
der aber zu ganz phantastisch hohen Summen führte), sondern die tat- 
sächliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands sein müsse. 

Die Zusammenkunft der Premierminister in Hythe im Mai 19% 
brachte eine vorübergehende technische Änderung. Um den Geschäfts- 
gang zu vereinfachen, setzte man an die Stelle des gemäß dem Friedens- 
vertrag eingerichteten Wiedergutmachungsausschusses die alliierten Re- 
gierungen selbst; ein Verfahren, das umso leichter einzuführen war, als 
die Mitglieder des Ausschusses nicht vollkommen unabhängig waren, 
sondern von ihren Regierungen ernannt wurden, also von vornherein als 
ihr Sprachrohr gelten konnten. Die Maßregel war mit dem für die 
Franzosen unangenehmen Ergebnis verknüpft, daß die Reparationssumme 
herabgesetzt wurde. Poincaré, der Vorsitzender des Ausschusses und 
damals noch dessen eifriger Anwalt war, gab seine Entlassung. In der 
Kammer kam es zu einer lebhaften Auseinandersetzung, in deren Ver- 
lauf sich eine „Partei des Vertrages“ bildete. Sie wird von Tardieu, 
dem Clemenceau-Anhänger und Mitarbeiter am Vertrag, geführt und be 
steht auf der restlosen Durchführung des Versailler Textes. 


Die Zusammensetzung der Kammer mußte die Haltung der Re 
gierung zur Reparationsfrage stark beeinflussen. Die Wahlen hatten | 


Ende 1919 den Sieg des nationalen Blocks ergeben (Rechts 
und Mittelparteien).. Die Radikalen, die ohne Parole in die Schlacht 





Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 273 





gelaufen waren, wurden zusammengehauen. Der Sozialismus hatte sich 
zu offen zu bolschewistischen Gedanken bekannt, um große nichtprole- 
tarische Massen, die sonst zu seiner Gefolgschaft gehörten, mit sich fort- 
zureißen. Dem Bauer und Kleinbürger gruselte es vor dem bolsche- 
wistischen Gespenst, und er stimmte aus Angst vor Umsturz und Un- 
ordnung lieber für die herrschende Regierung. Der Wahlsieg der 
nationalistisch gesinnten Parteien war die unmittelbare Folge des fran- 
zösischen Sieges und einer jahrelangen, ganz auf die Entfaltung des 
nationalen Willens gerichteten Politik. Frankreich war Sieger, sein 
Selbstbewußtsein ging gesteigert aus dem Krieg hervor. Es ist verständ- 
lich, daß dieses Parlament entschlossen ist, den französischen Frieden 
soweit wie möglich auszunutzen. Daß aber eine Versammlung von un- 
gefähr 600 Menschen imstande sei, die verwickelten Wirtschaftsfragen 
der Wiedergutmachung durch Debatten und Mehrheitsbeschluß zu lösen, 
ist ein Aberglaube, der mit Demokratie nichts zu tun hat. Leider hat 
die politisch orientierte Kammer sich allzu oft als Sachverständiger 
gefühlt und die Entwicklung der Verhandlungen gehemmt. „In Wirk- 
lichkeit sind . . . Gesamtschuldsumme, Berechnung des Forfait, Zinssatz, 
Koeffizient des Wiederaufbaus, die Schwankungen des deutschen 
Wechselkurses für die Redner ebenso viele Unbekannte, über die sie 
ihrer Stellung nach entscheiden. Man wird insbesondere bemerken, daß 
die Anhänger Clemenceaus ihre Folgerungen auf der Hypothese einer 
schnellen Erholung des Franken bis zur Goldparität aufbauen, während 
die Leute um Briand mit einer Markhausse und einer beträchtlichen 
Steigerung der deutschen Ausfuhr rechnen. Ferner sprechen die Abge- 
ordneten abwechselnd von Gold- und Papiermark .. . sie sprechen nicht 
dieselbe Sprache. Dieses von Zahlen trunkene Parlament ist ein 
Babel“ ei. 

Die Ministerpräsidenten waren mehr oder weniger abhängig von dem 
Willen der nationalistischen Kammer oder der in ihr vertretenen poli- 
tiseh-kapitalistischen Truste. Millerand war vielleicht noch am selb- 
ständigsten, weil er politische Erfolge aufzuweisen hatte: er verstand 
es, die Engländer zur Annahme der französischen Pläne und Methoden 
zu bewegen, verhalf Polen zum Siege, schuf das belgisch-französische 
Bündnis. Als nach Ablauf der Präsidentschaft Poincares und der kurzen 
Amtszeit Deschanels Millerand im September 1920 zum Präsidenten der 
Republik gewählt wurde, nahm Leygues den Vorsitz im Kabinett ein. 
Er rückte von Millerands Politik etwas ab und wollte sich wieder mehr 
nach der Stimmung in England richten. Damit mußte er allerdings 
die Unentwegten und Imperialisten, deren Absichten sich England aus 
Furcht vor einem überragenden französischen Industriestaat widersetzte, 
vor den Kopf stoßen. Noch nicht vier Monate nach seinem Amtsantritt 
mußte Leygues demissionieren, weil das Parlament den englischen Brems- 
versuchen einen wirksameren Damm entgegenstellen wollte. Briand, der 
Vielgewandte, verstand es besser, die Gefühle der Kammer zu schonen 
und zu sagen, was man hören wollte. „Wir haben die Gewalt“, heißt es 
in seiner Regierungserklärung. Wenn es nötig sei, müsse man Deutsch- 





% Alfred Fabre-Luce, La Crise des Alliances. Essai sur les relations 
iranoo-britanniques depuis la signature de la paix (1919—1921). Paris: 
421 8. 8. (S. 196). 


274 BRoepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 


land die Achtung vor allen unterschriebenen Verpflichtungen aufzwingen. 
Er hoffe zuversichtlich, daß England Frankreich in allen Maßnahmen 
zum Vorteile des Gläubigers unterstützen werde. Aber Briands notge- 
drungen praktische Realpolitik veranlaßte die Kammer, argwöhnisch 
alle seine Handlungen zu überwachen. Und gleichsam als Warnung für 
ihn wählte der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten Poincaré, 
die Hoffnung aller Gewaltpolitiker, zu seinem Vorsitzenden. Tatsächlich 
ist denn auch Briand mehr der Gefangene der Kammer gewesen, ais 
daß er sie geführt hätte. 

Nachdem man in Boulogne die Bezahlung der Reparationsschulden 
auf der Grundlage eines „Forfait“ beschlossen und sich in Spaa mit den 
Deutschen über die Kohlenlieferungen geeinigt hatte, bereitete man sich 
in Paris auf den 1. Mai 1921 vor. Es wurden dort 42 feste und 42 be 
wegliche Jahreszahlungen festgesetzt. Im März 1921 legte man in 
London den Deutschen die alliierte Entschließung vor. Die deutsche Re- 
gierung erklärte, den Plan nicht annehmen zu können und arbeitete 
einen eigenen aus, der im Einklang mit der Leistungsfähigkeit des 
Reichs stand. Am 3. März stellten die Alliierten Deutschland ein Ulti- 
matum, am 7. März traten die angedrohten Sanktionen in Kraft: Düssel- 
dorf, Duisburg und Ruhrort wurden besetzt, die Zölle an der Westgrenze 
beschlagnahmt, eine Zollgrenze im Rheinland errichtet und 50 Prozent 
des Verkaufswertes der deutschen Waren zurückgehalten. 

In Frankreich wurde der Bruch beifällig aufgenommen. Man hatte 
sich schon lange von den Engländern bedrückt gefühlt, die immer nach 
einem Kompromiß suchten, die französischen Forderungen herabsetzen 
wollten und alle etwas unter dem Einfluß des in Frankreich so ver- 
fehmten Buches von Keynes standen. Die französische Regierung er- 
hielt durch London einen Teil ihrer Handlungsfreiheit zurück. 

Selbstverständlich bedeutete der Bruch keineswegs eine endgültige 
Regelung der Reparationsfrage. Briand hatte wohl einen augenblick- 
lichen Vorteil errungen und seine Stellung in der Kammer gestärkt. 
Aber die Sanktionen waren ein sehr zweifelhafter Erfolg. Eine ver- 
nünftige Berechnung mußte zeigen, daß die jährlichen Besatzungskosten 
die Forderungen der Franzosen und die Summe, die man ebenfalls aus 
den Zöllen usw. herauswirtschaften konnte, bei weitem überstiegen. 
Briand mußte zwar, um vor der Kammer bestehen zu können, an der 
Theorie der Sanktionen festhalten. Aber sie blieb in seinem Munde eins 
bloße Drohung, mit der er auf den Gegner einwirken wollte. „Die 
Schwierigkeit“, sagt der bereit angeführte Fabre-Luce, „besteht darin. 
den Bluff für ernst auszugeben ... Das ist Sache politischer Geschick- 
lichkeit“. 

Dank der Besetzung Belgiens durch die deutschen Truppen war e 
Frankreich schließlich gelungen, die Engländer aus ihrer Isolierung 
herauszureißen und zur Teilnahme am Kriege zu bewegen. Nach dem 
Kriege versucht es, die englische Freundschaft in den Dienst der fran- 
zösischen Reparationsforderungen zu spannen. Je stärker in England 
die Einsicht wird, daß diese herabgesetzt werden müssen, desto ärger: 
licher und mißtrauischer wird Frankreich. Es verlangt von England Im 
Namen dieser Freundschaft größere Nachgiebigkeit und will nicht im 
Fahrwasser Englands schwimmen. Diese Verhältnisse führen zum Sturz: 
Briands im Januar 1922. Briand hatte in Cannes gegenüber dem Mo 


Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 275 
EE EES, E 


— 


ratoriumsgesuch der Deutschen und den Ansichten der Engländer eine 
Haltung angenommen, die der Kammer (und Millerand) nicht gefiel. 
So kam Poincaré an die Reihe, dem man stärkeres Rückgrat zutraute. 

Poincaré unterschied sich bewußt von Briand dadurch, daß er 
Frankreichs Handlungsfreiheit in der Reparationspolitik bei England 
durehzudrücken suchte, selbst auf Kosten der englisch-französischen 
Freundschaft. Er gab sich keine große Mühe, mit Amerika zu cinem 
Bündnis zu gelangen, worum sich Briand vergebens bemüht hatte. Er 
hatte es mit dem englisch-französischen Pakt nicht eilig. Ihm lag viel- 
mehr daran, die Frankreich verpflichteten Staaten auf dem Kontinent 
fester zusammenzufassen und England eine gleichwertige Macht gegen- 
überzustellen. Er suchte Konferenzen zu vermeiden, weil Frankreich auf 
ihnen Gefahr lief, überstimmt zu werden und an Prestige einzubüßen. 
Sein Bestreben ging dahin, im nichtöffentlichen kleinen Kreise eine für 
Frankreich günstige Entscheidung herbeizuführen, die Deutschland dann 
einfach hinzunehmen hätte. Als er in Lloyd George einen Gegner von 
ebenbürtiger diplomatischer Geschicklichkeit fand, und der Konferenz 
von Genua nicht mehr ausweichen konnte, erreichte er wenigstens, daß 
die Reparationsfrage von der Behandlung auf der Konferenz ausge- 
schlossen wurde. 

Selbstverständlich hatte die französische Regierung ihr eigenes Re- 
parationsprogramm; sie wollte es nur nicht der öffentlichen Diskussion 
preisgeben. Eine Darstellung und Verteidigung der amtlichen Auf- 
fassung finden wir in dem Buche, das kurz vor der Konferenz unter dem 
Pseudonym „Celtus“ herausgekommen ist”). Celtus schlägt zur Heilung 
der europäischen Krankheit zwei Mittel vor: Regelung des Warenaus- 
tausches und des Durchgangsverkehrs und eine auswärtige Anleihe. Er 
erkennt an, daß der Friedensvertrag, weil er nur von moralischen und 
politischen Grundsätzen ausging, die wirtschaftlichen Notwendigkeiten 
nicht genügend berücksichtigt habe. Deutschlands einheitlicher Wirt- 
schaftsorganismus sei durch die Lostrennung einiger Gebiete zerstört; 
ebenso leide jeder österreichische Nachfolgestaat unter der „brutalen 
Zerreißung‘“ des Habsburgischen Reiches. Es handle sich nun darum, 
ohne an die durch den Friedensvertrag geschaffene Lage zu rühren, die 
zerrissenen Handelsbeziehungen wieder anzuknüpfen und die Balka- 
nisierung Europas wieder gutzumachen. Die Regelung des Durchgangs- 
verkehrs sei eine der nützlichsten Aufgaben von Genua und werde der 
Wiedergeburt des Handels förderlich sein. In der Reparationsfrage tritt 
Celtus der englischen Auffassung entgegen, als ob der Sturz der Mark 
die Folge der von Deutschland geleisteten Zahlungen wäre. Der Tief- 
stand der deutschen Valuta sei Schuld des Reichs. Deutschland habe das 
System der Inflation begonnen und mit Bewußtsein weitergeführt. Es 
habe die Industrie geschont, die Beamtengehälter, Pensionen und Ar- 
beitslosenunterstützungen erhöht, den Werften Entschädigungen für die 
abgelieferten Schiffe bewilligt, neue Kanäle, neue Wohnungen gebaut, 
das Brot verbilligt usw.; alles, um auf diese Weise den Versailler Ver- 
trag zu sabotieren. Deutschland hat seinen Zusammenbruch unvermeid- 
lich gemacht; seine Schuld war zuerst Schwäche, dann Sorglosigkeit und: 





’) Celtus, La France à Gênes. Un programme francais de recon- 
struction économique de l’Europe. Paris: Plon-Nourit. 1922. 186 S. 8. 





276 Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 


zuletzt Berechnung. Um wirksame Arbeit zu leisten, müsse man das 
Beich hindern, seine Finanzpolitik fortzusetzen. Dazu sei eine Finanz- 
kontrolle notwendig, ferner Autonomie der Reichsbank, Stilleguag der | 
Notenpresse, innere Anleihe, wirksame Kapitalfluchtmaßnahmen. 
Deutschland habe zwar beträchtliche Reparationsverpflichtungen, könne | 
sie aber dank seiner Hilfsquellen erfüllen. Um nicht durch umfang 
reiche Devisenankäufe die Mark weiter schwächen zu lassen, könne | 
Frankreich nicht etwa von seinen Rechten noch mehr ablassen und die 
Summe herabsetzen, sondern nur daran denken, Sachlieferungen zu ver- 
langen. Diese brauchten sich nicht auf die verwüsteten Gebiete zu be- 
schränken, es könnten auch Öffentliche Arbeiten in anderen Gegenden, 
sogar in den Kolonien und selbst von deutschen Arbeitern ausgeführt 
werden. Die Sachlieferungen würden Deutschland nur von einem ver- 
bältnismäßig schwachen Teil seiner Schuld befreien. Geldleistungen 
müßten den größten Tel decken. Da der Devisenankauf nicht vorteil- 
haft sei, bliebe nur die auswärtige Anleihe. Wenn das Reich nicht über 
genügend Kredit im Ausland verfüge, müsse dieser durch die deutsche 
Industrie hergestellt werden. Der Ruf und das ausländische Guthaben 
der deutschen Industriellen bilde ein wertvolles Pfand. 

Die Konferenz von Genua, auf die man so viel Hoffnungen gesetzt 
hatte, blieb ohne Erfolg. Sie stand unter der Polizeiaufsicht Poincarks, 
der nicht duldete, daß über das eigentliche Ubel, die Beparationen, vert- 
handelt wurde. DaB die französische Regierung mit ihrem eigenen, Wen 
Celtus skizzierten Plan nicht mehr Glück hatte, bewies der Mißerfolg 
des Morgan-Komitees. Da der Hauptgläubiger Deutschlands, Frankreich, | 
nicht wünschte, daß „eine Empfehlung erfolgte, die die Möglichkei | 
neuer Begrenzungen von Deutschlands Verpflichtungen mit sich Eee | 
konnte“, vermochte das Komitee seine Untersuchungen mit Nutzen ni 
fortzusetzen. Eine Anleihe war ohne Herabsetzung der französischen 
Forderungen, in die man in Paris nicht einwilligen wollte, nieht mög 
lich; und die französische Regierung konnte doch nicht den | 
erheben, nur durch die Finanzkontrolle und Regelung des Wares- 
austausches Deutschland wieder leistungsfähig zu machen. b 

Die Tatsache, daß das Wiedergutmachungsproblem drei J ahre nac P 
Friedensschluß noch immer ungelöst ist, bedeutet für die politische ve | 
wirtschaftliche Lage ganz Europas eine schwere Belastung. Frankreien 
wälzt die Schuld auf Deutschland und England. Es verkennt dabei die 
ungeheuren inneren Schwierigkeiten Deutschlands und will deg peyebe 
logisehen Zustand des englischen Volkes nicht begreifen. Es 
mehr erreichen, wenn es eine neue, praktischere Politik begänne- Ich 
will hier noch einmal Fabre-Luce anführen, auf dessen sachliches, 
an Tatsachenmaterial und vernünftigen Erwägungen reiches Buch ieh 
noeh an anderer Stelle zurückkommen muß. Ich will zur Würdigung 
seiner Worte vorausschicken, daß er, wie er selbst erklärt, keinerlei 
besondere Sympathie für Deutschland empfindet. „Nicht ohne eigen® 
Gefahr“, heißt es am Schlusse des Buches, „steht Frankreich seit dem 
Waffenstillstand als erste Militärmacht der Welt da. Es war 
geneigt, in der materiellen Kraft die Lösung seiner Schwierigkeiten 5% 
finden, als in einem Aufwand geistiger Tatkraft. .. . Die Zukunft 
gehört der Regierung, die ihre Politik auf dem umfassenden, den Kries 
ablösenden Pasifismus aufzubauen versteht. ... Zuerst ist die bereit 











Roepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich 277 





stimmung der Nation über eine grundsätzliche Frage herbeizuführen: 
die Begrenzung unserer ehrgeizigen Wünsche . . . Die beiden Völker 
sind gezwungen, sich kräftig für einander zu interessieren.“ 

Millerand hatte schon im Jahre 1920 begriffen, daß eine notwendige 
Solidarität den Gläubiger an den Schuldner kettet, und hatte das Wort 
von der „wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ geprägt. Das Abkommen 
von Wiesbaden zwischen Rathenau und Loucheur war ein guter Anfang, ` 
dessen praktische Fortsetzung allerdings lange auf sich warten ließ. Nur 
auf diesem Wege ist es möglich, der Reparation ihren verhängnisvollen 
politischen Charakter zu nehmen und die notwendige wirtschaftliche 
Unterlage zu geben. 

Ob und wann Frankreich diese Politik einschlagen wird, kann man 
natürlich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Vorläufig, das dürfen 
wir uns nicht verhehlen, klafft zwischen beiden Völkern ein Abgrund. 
Es muß erst die nötige geistige Atmosphäre hergestellt werden. Daß 
sich darum in Frankreich eine Reihe von Persönlichkeiten bemühen, 
kann man nicht verkennen. Vor allem strebt der Sozialismus eine Ver- 
ständigung an. Aber da seine politische Bedeutung in Frankreich nicht 
allzu groß ist, wird sein Einfluß kaum hoch zu bewerten sein. Auch die 
äußerst rührige Clarte-Gruppe ist stark von sozialistischen und kommu- 
aistischen Gedanken durchsetzt und arbeitet für die Solidarität der 
Völker®). Ebenso wirkt die über das ganze Land verbreitete „Liga für 
Menschenrechte“. Französische Politiker kommen jetzt öfter nach 
Deutschland, um sich über dessen wirkliche Lage zu unterrichten. Der 
Bericht Ruyssens über seine Reise’) zeigt, daf er sich mit einem 
offenen, freien Blick in Berlin umgesehen hat und daß er für sein Teil 
mithilft, einen neuen Weg zu weisen. Eine der sympathischsten Persön- 
lichkeiten ist Mare Sangnier, der noch dazu der “parlamentarischen 
Rechten angehört. Seit langem als Herausgeber des „Sillon“ bekannt, 
setzt er jetzt seine ganze Kraft ein für den demokratischen Gedanken 
auf christlichkatholischer Grundlage und für die Entwaffnung des 
Völkerhasses. Die internationalen demokratischen Kongresse in Paris 
(Dezember 1921) und Wien (Septemter 1922) sind sein Werk'®). 





D Vgl Paul Logis Le mensonge de la pair Paris 1921. — Louis 

Gestant, Bericht über den Verirag von Versai.les und die Schuld am 
Berlin: Webers 1922 

s) Enthalten in den „Cabiers des dc de bomme“ vom %5. August 
1922, die von der Liga kerausgegeien werden 

TD Der Bericht des erroz Äosızreassı irt in einer Konzert der von 
d'Ee herausgegetener ` Zeceizft la Dexuerat:e aigeiruckt. 

8. hat auch eine sehr „»erüge Vaser ft la jure Kryi.o,ue” 


ins Leben gerufen. 


276 Boepke, Friedensverträge u. Wiederaufbau der Welt. B. Frankreich z 
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zuletzt Berechnung. Um wirksame Arbeit zu leisten, müsse man das +. 
Reich hindern, seine Finanzpolitik fortzusetzen. Dazu sei eine Finanz- }:- 
kontrolle notwendig, ferner Autonomie der Reichsbank, Stillegung der }- 
Notenprese, innere Anleihe, wirksame Kapitalfluchtmaßnahmen. 

- Deutschland habe zwar beträchtliche Reparationsverpflichtungen, könne 
sie aber dank seiner Hilfsquellen erfüllen. Um nicht durch umfang- 
reiche Devisenankäufe die Mark weiter schwächen zu lassen, könne ) 
Frankreich nicht etwa von seinen Rechten noch mehr ablassen und die 
Summe herabsetzen, sondern nur daran denken, Sachlieferungen zu ver- 
langen. Diese brauchten sich nicht auf die verwüsteten Gebiete zu be- 
sehränken, es könnten auch öffentliche Arbeiten in anderen Gegenden, 
sogar in den Kolonien und selbst von deutschen Arbeitern ausgeführt 
werden. Die Sachlieferungen würden Deutschland nur von einem vetr- 
hältnismäßig schwachen Teil seiner Schuld befreien. Geldleistungen 
müßten den größten Teıl decken. Da der Devisenankauf nicht vorteil- 
haft sei, bliebe nur die auswärtige Anleihe. Wenn das Reich nicht über 
genügend Kredit im Ausland verfüge, müsse dieser durch die deutsche 
Industrie hergestellt werden. Der Ruf und das ausländische Guthaben 
der deutschen Industriellen bilde ein wertvolles Pfand. 

Die Konferenz von Genua, auf die man so viel Hoffnungen gesetzt 
hatte, blieb ohne Erfolg. Sie stand unter der Polizeiaufsicht Poincares, 
der nicht duldete, daß über das eigentliche Übel, die Reparationen, ver- 
handelt wurde. Daß die französische Regierung mit ihrem eigenen, VOR 
Celtus skizzierten Plan nicht mehr Glück hatte, bewies der Mißerfolg 
des Morgan-Komitees. Da der Hauptgläubiger Deutschlands, Frankreich, 
nicht wünschte, daß „eine Empfehlung erfolgte, die die Möglichkeit 
neuer Begrenzungen von Deutschlands Verpflichtungen mit sich bringen 
konnte“, vermochte das Komitee seine Untersuchungen mit Nutzen nicht 
fortzusetzen. Eine Anleihe war ohne Herabsetzung der französischen 
Forderungen, in die man in Paris nicht einwilligen wollte, nicht mög- 
lieh; und die französische Regierung konnte doch nicht den Anspruch 
erkeben, nur durch die Finanzkontrolle und Regelung des We: 
austausches Deutschland wieder leistungsfähig zu machen. 

Die Tatsache, da8 das Wiedergutmachungsproblem drei Jahre nach 
Friedensschluß noch immer ungelöst ist, bedeutet für die politische und 
wirtschaftliche Lage ganz Europas eine schwere Belastung. Frankreich 
wälzt die Schuld auf Deutschland und England. Es verkennt dabei die 
ungeheuren inneren Schwierigkeiten Deutschlands und will den psycbo 
logisehen Zustand des englischen Volkes nicht begreifen. Es 
mehr erreichen, wenn es eine neue, praktischere Politik begänne. Ieh 
will hier noch einmal Fabre-Luce anführen, auf dessen sachliches, 
an Tatsachenmaterial und vernünftigen Erwägungen reiches Buch ich 
noeh an anderer Stelle zurückkommen muß. Ich will zur Würdigung 
seiner Worte vorausschicken, daß er, wie er selbst erklärt, keinerlei 
besondere Sympathie für Deutschland empfindet. „Nicht ohne eigen® 
Gefahr“, heißt es am Schlusse des Buches, „steht Frankreich seit dem 
Waffenstillstand als erste Militärmacht der Welt da. Es war eher 
geneigt, in der materiellen Kraft die Lösung seiner Schwierigkeiten zu 
finden, als in einem Aufwand geistiger Tatkraft. .. . Die Zukunft 
gehört der Regierung, die ihre Politik auf dem umfassenden, den Ree 
ablösenden Pezifismus aufzubauen versteht. ... Zuerst ist die Ober 


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Ob und wann Frankreich diese Pc!iiik eirsch/agez viri, KRILI nen 
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lichkeiten ist Marc Sangnier, der noch dazu der "pariamertizrischen 
Bechten angehört. Seit langem als Herausgeber des at. Jon" bekamat, 
setzt er jetzt seine ganze Kraft ein für den demokratischen Gedarken 
auf christlichkatholischer Grundlage und für die Entwaffnung des 
Völkerhasses. Die internationalen demokratischen Kongresse in Paris 
(Dezember 1921) und Wien (September 1922) sind sein Werk’”) 





H Vgl. Paul Louis, Le mensonge de la peix. Paris 121 — Louis 
@ustant, Bericht über den Vertrag von Versailles und die Schuld am 
Kriege. Berlin: Webers. 1922. 

°) Enthalten in den „Cahiers des droits de l'homme“ vom 25. August 
1922, die von der Liga herausgegeben werden. 

mm Der Bericht des ersten Kongresses ist in einer Nummer der vom 
Sangnier herausgegebenen Zeitschrift „La Démoeratie“ abgedruckt. 
8. hat auch eine sehr lebendige Wochenschrift „La jeune RBepubliyue” 
ins Leben gerufen. 


Bespra-banzen 


Arlcrzıs VE: Dis winzeg Merifest Biehtlinien 
e er Ze Eezkiet roe- ri Goes. Srattgart und 

z IZL e, Le Lok IT milan, 
„> Dil renrizeri zir von Linreißendem 
e EK: denira wirgerödes Manifest er- 
Sarel, wird zicli a2? wie Beeizcıe iorz Der Form nach ist es 
: — er Meer tuer IZI feingeistigen Art, 
ger Seier sesiiver seriiert der Verf. die 
E m? SCENE ker, Probleme der 


" 


rer Taze eraz: i ren Vom serrlirzer Sterdrurkte aus hätte 

BIE gesit: ier _Poilister-meietiile” abgelehnt und 
der prazisre Urterziie!: liekzılizien eizrer zeiigerzäden Sozial- und 
Wirtschaftzwiitik” al:ein übrizeeilisien wäre 

Imimeruin verstreickt gereume Zein bis der Verf. zu seinem eigent- 
lichen Thema gelangt. Zuräctkst werden in metreren Kapiteln zahlreiche 
soziologiscehe Grunätegr:fe ana.ysierı Oft ärd es kaum mehr als An- 
deutungen. Aber der Gedankenganrz fesselt durch Eigenart und durch 
offenzichtliches Bemühen, bisher uzrheachtete Taitestände zu ermitteln, 
sie begrifflich zu fassen und zum Teil auch ceu zu tenernen. Die Gesell 
schaft erscheint dem Verf. als die Gesamtheit der durch Interessen- 
zusammenhänge verknüpften Personen. Unter diesem Gesichtspunkt 
spricht er von der „gesellschaftlichen Gruppe“. die er auch als „Gebiets- 
gemeinschaft” bezeichnet, vom „gesellschaftlichen Paar”, der „gesell- 
schaftlichen Masse“ und dem „gesellschaftlichen Verband“; mit Hilfe 
der gefundenen Oberbegriffe weiterhin von Nation. Staaf, Gesellschafts- 
klasse, Beruf, Ständen und Parteien. Zwei Kapitel über Interessen- 
kmeinschaften und Interessengegensätze (wobei, abweichend von Toen- 
nies, „Gemeinschaft“ und „Vereinigung“ miteinander konfrontiert 
werden) und über Kampf und Frieden in der Geselllschaft schließen sich 
an. Und erst im vierten Kapitel beginnt der Verf. den Begriff der 
wirtschaftlichen Gesellschaft und den Begriff des Marktes zu definieren. 

So birgt der erste Teil des Manifests einen unerwartet abstrakten 
Inhalt, Der Verf. will hier, wie er selbst bekennt. eine „neue exakte 
Grundlegung der Soziologie" geben: „eine vollständige Übersicht über 
die »oziologischen Grundgebilde und ihre Beziehungen, insbesondere eine 
Lehre vom Kampf in der Gesellschaft, die bisher fast ganz fehlte und 
weiterer Ausgestaltung fähig ist“. Im Rahmen dieser Besprechung kann 
ieh leider den Verlauf des Gedankenganges nicht im einzelnen verfolgen 
oder ihn gar kritisch würdigen. Nur auf einen für die folgenden Aus- 
führungen wichtigen Zusammenhang sei hier verwiesen: 

Nachdem der Begriff des „Tauscherpaares“ als der wichtigsten 
— dor wirtschaftlichen Gesellschaft erläutert worden ist, gelangt 
der Verf, zum Begriff des Marktes, den er als „Vereinigung zweier 
Murktpurteien" definiert (S. 25); nebenbei bemerkt, wenig glücklich, da 














Besprechungen: 279 





ım Begriff der Marktparteien schon der Marktbegriff vorausgesetzt wird. 
Anschließend führt er aus, daß die auf dem Markt zusammentreffenden 
Glieder des Tauscherpaares zwar bezüglich des Größenverhältnisses von 
Leistung und Gegenleistung Gegner, bezüglich des Austauschabschlusses 
aber Gleichinteressierte sind. Daraus erkläre e3 sich, daß sich nicht nur 
die Marktparteien in Kartelle, Gewerkschaften, Unternehmerverbände 
usw. organisieren, sondern daß auch die organisierten Marktparteien sich 
weiterhin zu einer höheren Organisation — wie z. B. der Tarifgemein- 
schaft — zusammenschließen, die der Verf. als „Marktvereinigung“ 
charakterisiert. — Damit soll für ein später auftauchendes Postulat das 
wissenschaftliche Fundament gelegt sein. 

Immerhin spielen diese Kapitel nur die Rolle theoretisch-soziologi- 
scher Präludien. Der Schwerpunkt der Schrift ruht in seinem zweiten 
praktisch-politischen Teil (5.—9. Kapitel), obwohl dessen Charakter durch 
eingesprenkelte geschichtliche Rückblicke und theoretische Betrachtun- 
gen verschleiert wird. 

Gustav Schmoller hat gern geschildert, wie in der Wirtschafts- 
geschichte aller Völker die Zeiten größerer Gebundenheit von den Zeiten 
größerer Freiheit verdrängt werden, bis auch diese wieder zu stärkeren 
Bindungen übergehen müssen. Dasselbe Wechselspiel beschäftigt den Verf. 
Die beiden wirtachaftstheoretischen Ideale,der wirtschaftlicheLiberalismus 
und der „wirtschaftliche Gubernalismus“ (eine aus mehreren Gründen 
unzulängliche Bezeichnung) hätten einander so regelmäßig abgelöst, daß 
ihr Wechsel als „wirtschaftsgeschichtliches Gesetz" bezeichnet werden 
dürfte (S. 29). Der Streit der wirtschaftspolitischen Meinungen und der 
ihnen entsprechenden Wirtschaftsordnungen wird ausführlich geschildert: 
jedoch nicht in dem Sinne, den Grad historischer Berechtigung der je- 
weiligen Zeitanschauungen und Einrichtungen zu ermitteln, vielmehr zu 
dem polemischen Zweck, den Wahrheiten des Liberalismus die Torheiten 
des Gubernalismus gegenüberzustellen. Den Sozialisten, Staatssozialisten 
und Bodenreformern, sogar auch den Sozialpolitikern geht es dabei herz- 
lich schlecht! Die „sozialpolitische Ideologie“ wird ad absurdum ge- 
führt, der Kapitalismus gegen die Vorwürfe der Krisenverursachung und 
der Ausbeutung verteidigt, die vollkommene Unparteilichkeit des heuti- 
gen Wirtschaftsrechtes gepriesen. „Diese Feststellung über den voll- 
kommen unparteiischen Charakter des bestehenden Wirtschaftsrechtes ist 
natürlich für den wirtschaftlichen Frieden, den wir erstreben, von 
größter Wichtigkeit. Sie macht der Behauptung ein Ende, daß dieses 
Recht selbst ein Produkt des Klassenkampfes und eine Waffe in ihm sei, 
die sich die gegenwärtig herrschende Partei der Kapitalisten selbst 
geschaffen habe. Sie lehrt ferner, daß dieses Recht keiner anderen Rege- 
lung der Güterverteilung im Wege ist, und daß das Streben der Arbeiter, 
die politische Macht in die Hand zu bekommen, um das bestehende 

ht zu ändern, daher vollkommen zwecklos ist“ (S. 52). Schließlich 
gelangt der Verf. zu denselben Ergebnissen, die wir aus der Epoche 
des wirtschaftlichen Liberalismus kennen. Unumwunden formuliert er: 

r Mensch denkt, aber die inneren unzerstörbaren Kräfte der wirt- 
schaftlichen Gesellschaft lenken. Der Markt triumphiert über . alle 
Künste der Sozialisten und anderer Marktregulierer. Die Physiokraten 
haben recht behalten: Laßt alles ruhig laufen; es reiben sich zwar 
manchmal die Steine in wirtschaftlichem Getriebe stark aneinander, 
aber sie schleifen sich gegeneinander von selbst ab, und nach einiger 
Zeit ist die Wirtschaft wieder im alten Gang“ (S. 98). EI 

Im Gedankensystem des Verf. befindet sich hier ein weithin sicht- 
barer Bruch. Besteht eine Harmonie der ökonomischen Interessen, fallen 
insbesondere die privatwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Inter- 
essen zusammen, 80 ist, wie der Liberalismus es lehrte, jeder menschliche 
Eingriff abzulehnen; würde er doch nur schaden, indem er den natür- 





Defy Besor-echumpgen 

zi 1 me Ler Zant abienst. Trotzdem will der Veri. 
= AE Dwa ler ÄräeenAtrkt wie der Warenmarkt 

ken ıx Licni rmf ier ser wriena De Parteien der Arbeit- 





geter 32° Ameizeimer ë soeg m3 zu „Marsigeneinschaften“ zu 
salmzelzll 2er IÍ numea . aber eiıstische Tarifverträge 


toen, Biere wiri 2.1 1-u74 barina emp’stlen: statt der gleiten- 
den Lobzsza:a E keete ER cilen zunächst Mindest- 
ohne. geralze ur E Tess werien: alsiann Abstufungen 
für jedes eirze.ne Gewerte ia Ser Irez in Anschluß an die Marktlage 
gefundenen _Köurjuiciurz Ett Tem” weiten Die Abgrenzung der Ge- 
werbe und die Auswar. Get rzgrazie ra ezenien Warenpreise dürften 
zahlreiche Kumpi:izatiszer wZater Destıi: müssen wir bezweifeln, ob 
die neue Berechnungsari. wie i-r Verl Zeiziert zerinzere Schwierigkeiten 
als die Indexziffern des dure-se&n:i:2.:c5=a Preispegels bereitet (S. 130). 
Analog den Arbeitsmärkten zird ah die Warenmärkte zu gestalten. 
An der Hand von Konjunkiurincexzilerz sa ep sich die Organisationen 
der Käufer und Verkäufer über die Mark:irreise verständigen und den 
Markt kontrollieren. Dadurch würden die Unstimmigkeiten zwischen 
den Preisen, die sich auf dem unorganisierten Markt nur langsam aus 
gleichen, im Fluge beseitigt werden können. _Damit sind die Grund- 
nätze einer zeitgemäßen Sozial- und Wirtschaftspoiitik entwickelt. Sie 
lauten: Fort mit der unfruchtbaren Kritik am Markte und der von ihm 
beherrschten modernen Volkswirtschaft! Anerkennung dieser Herrschaft, 
aber Beseitigung der Unvollkommenheiten des unorganisierten Marktes 
durch Organisation der Marktparteien und Vereinigung dieser zu Markt- 
a Das ist hier der Weg zum wirtschaftlichen Frieden” 
(S. 169). 

Vergleichen wir beide Auffassungen. Einerseits führt der Verf. aus: 
dor Markt triumphiert über alle Künste der Marktregulierer. Die Phy- 
»iokraten hätten mit der Parole „Laßt alles ruhig laufen“ recht be- 
halton, Im wirtschaftlichen Getriebe reiben sich die Steine zwar manch- 
mal stark aneinander, aber sie schleifen sich von selbst wieder gegen- 
einander ab, und nach einiger Zeit ist die Wirtschaft wieder im alten 
Uang (m ol, Andererseits hält er kunstvolle menschliche Einrichtungen 
und Berechnungsmethoden für unentbehrlich, um die Unvollkommen- 
halten und Unstimmigkeiten des unorganisierten Marktes zu beseitigen. 
Kür den politischen Praktiker ist dieser Widerspruch verhältnismäßig 
leinht erklärlich: er wird ihn für ein Kompromiß mit den Mächten der 
een wart halten, Wie aber soll sich der Theoretiker beide Auffassun- 
pon muaanmenreimen? 

Nohenbot xoi bemerkt, daß der Verf. bei der Organisation des Ar- 
Iuitmmarkten dio Hilfe der sich zur Klassenkampfidee bekennenden 
wusinlintinchen Gewerkschaften verschmäht. Erreichbar sei das Ziel nur 
vw den wirtschaftafriedlichen Gewerkschaften, deren Lob er so begeistert 
verkündet, dal or en in einer Fußnote (S. 144) für nötig hält, sich gegen 
den mi lieben Verdacht: er werbe für einen bestimmten Gewerkschafts- 
vuthandd dm voraua zu verwahren. Und doch liegt der Werbegedanke 
dtom Nuohe nieht forn: Int on doch der „Wirtschaftsfriedlichen Studenten- 
gu uiin an der Anivernität Frankfurt a. M.“ gewidmet. 

Wallon wir der Nohrift den richtigen Platz zuweisen, so können wir 
Vun nitt bepriffliehen Unterscheidung ausgehen, die der Verf. selbst 
vleysartlteth gibt: Thooria wäre wissenschaftlich begründete Erkenntnis, 
Käadiect dng agoen ein von einer politischen Idee beherrschtes Gedanken- 
et AN AL AM, Die politischen Ziele bilden an jeder Stelle des 
Mauttuetne die deutlich hörbare Dominante. So hat es ein seltsames 
\urhanpute mulet, daf vine Schrift, die den sozialpolitischen und 
enatnltettuntinn ` Ldeuabhug Lon den endgültigen Garaus bereiten will, vom 
huuihwu in die namliche Kategorio verwiesen werden muß. Was der 


Besprechungen 281 


Verf. über die Marktharmonie und Marktgemeinschaft, was er über die 
allgemeine Entwicklungstendenz, den Wirtschaftskampf auf friedsame 
Form zu beschränken, ausgeführt hat, ist in gleichem Maße wie Libera- 
lismus und Sozialismus ideologischer Natur; zumal, wenn wir bedenken, 
daß, sobald jener ihm vorschwebende friedsame Zustand erreicht ist, sein 
„wirtschaftsgeschichtliches Gesetz“ vom Wechsel zwischen Liberalismus 
und Gubernalismus außer Funktion gesetzt werden soll. Was der Verf. 
vor Jahren in einem seiner schönen Bücher selbst gesagt hat, gilt gerade 
von seinem wirtschaftsfriedlichen Manifest: „Auch darüber möchte ich 
keinen Zweifel bestehen lassen, daß ich meine Arbeit, soweit zie Welt- 
anschauungsfragen behandelt, für keine wissenschaftliche, im engeren 
Sinne des Wortes, halte. Unsere Weltanschauung ist das große Axiom, 
mit dem wir an die Welt herantreten, und das daher durch Wissen- 
schaft weder zu beweisen noch zu widerlegen ist“ (Die sozialen Utopien, 
Leipzig 1906, V). Fritz KarlMann 


Ludwig Bergsträßer, Geschichte der politischen Parteien in Deutsch- 
land. 2. verbesserte und ergänzte Auflage. Mannheim, Berlin, 
Leipzig 1921. J. Bensheimer. XVI u. 148 S. 


Genug Schriften sind kleiner als ihr Format; als Papier und Druck 
bei uns wesentlich wohlfeiler waren, gab es solche Schriften in Menge: 
schön ausstaffiert, aber inhaltlos. Jetzt ist — einziger Vorteil der 
Teuerung — mehr die entgegengesetzte Kategorie auf dem Markt: 
Schriften, die größer sind als ihr Format. Zu ihnen gehört das vor- 
liegende Buch, es ist klein und eng gedruckt, während es weit anspruchs- 
zoller auftreten sollte. Es handelt sich um die erste brauchbare deutsche 
Parteigeschichte. Gewiß ein erster Versuch, der noch viel zu wünschen 
übrigläßt, dennoch aber sehr nützlich für jeden, der die Entwicklung 
der deutschen Parteien nebeneinander und miteinander erkennen will. 
Immer ist ein erster Versuch besonders zu rühmen. Was hatten wir bis 
jetzt an ähnlichen Darstellungen? Eigentlich nur, von ein paar ganz 
veralteten Werken abgesehen, die kurzen Hillgerschen Wegweiser zu 
verschiedenen Reichstagswahlen (wissenschaftlich fast wertlos) und dann 
das im Jahre 1912 erschienene, aus einem Artikel im „Wörterbuch der 
Volkswirtschaft“ entstandene Buch von Hermann Rehm „Deutschlands 
politische Parteien“. Aber Rehm gibt mehr Parteienlehre als Partei- 
geschichte, und zwar ist die Parteienlehre sogar das eigentlich Wertvolle 
an seinem Buch. Über Begriff und Einteilung der politischen Parteien 
finden wir bei ihm dankenswerte Ausführungen, noch interessaatere 
über die verschiedenen Wahlverfahrenssysteme. Viel Bedeutenderes zur 
Parteienlehre freilich findet sich in zwei Werken, die sich nicht ex 
professo mit diesem Gegenstand beschäftigen: in Richard Schmidts „All- 
gemeiner Staatslehre“ und in dem, ebenso benannten Buch von Georg 
Jellinek. Jellineks Unterscheidung zum Beispiel echter und unechter 
Parteien ist für eine tiefere Erfassung der Materie gar nicht zu ent- 
behren. Schließlich aber sind das doch, weil im Rahmen eines größeren 
Ganzen stehend, nur fragmentarische Erörterungen. Auch was wir sonst 
zur begrifflichen Grundlegung der Parteienkunde und zu den Wahlrechts- 
systemen besitzen, begreift, so bemerkenswert es teilweise auch ist, doch 
nicht den Gesamtkomplex der Probleme; es behandelt bestimmte Fragen 
und hat darum mehr monographischen Charakter. Zu nennen ist ins- 
besondere das sehr bekannt gewordene Buch von Robert Michels „Zur 
Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ (vgl. die Be- 
sprechung des jetzigen Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik 
Thomas G. Masaryk in der „Zeitschrift für Politik“ Bd. V S. 603 f.) und 
eine ausgezeichnete Abhandlung von E. Lederer „Das ökonomische 
Element und die politische Idee im modernen Parteiwesen“ in der „Zeit- 





282 Besprechungen 





ee u EL V S. 535. Das in allerneuester Zeit erschienene 
a won Waiter Sulzbach „Die Grundlagen der politi- 


Lean lesse,lie Die 
scher Parzeii:liurg”. cas weiter unten von Alfred Vierkandt besprochen 
sext sich zwar weitere Ziele, aber bietet doch auch mehr 


turg eirzeiner Probleme (zum Teil im Anschluß ar 
Jellirex, als eice Gesamischau. einen Überblick nach allen Seiten. Vor 
der Li:eraiur über die Weahirechtssssteme sind namentlich die sehr 
gründlichen Schriften des aiten Vorkämpfers für die Proportionalwsh: 
R. Siegfried und das allgemeine Ubersichtswerk Georg Meyers (1901) zu 
erwähnen. 

Auch die historische Literatur über das deutsche Parteiwesen hat 
diesen monographischen Charakter. Verdienstlich hat hier vor allem 
Adalbert Wahl mit seinen „Beiträgen zur Parteigeschichte“ gewirkt 
(1910—14, acht Hefte). Weit höher noch stehen Gustav Mayers zahl- 
reiche Darstellungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung und des 
Sozialismus; für die anderen politischen Richtungen ist auch nur ap: 
nähernd Gleichbedeutendes nicht vorhanden. Unzulänglich dagegen und 
subaltern sind meistens die Darstellungen einzelner Parteien, die wir 
besitzen; hervorragend nur (wenn auch im einzelnen sehr bestreitbar) 
Franz Mehrings Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Daneben 
aber hat uns eine Gesamtgeschichte der Parteien sehr gefehlt. i 

Bergsträßer freilich beschränkt sich allzu ängstlich auf das Historische 
und bietet nur in der Einleitung ein paar Hinweise auf die soziologischen 
Grundlagen. Dafür behandelt er die historischen Grundlagen, die 
fänge der deutschen politischen Parteien bis 1848, verhältnismäßig aus- 
führlich. Kein Zweifel, daß die spätere Entwicklung der Parteien über- 
baupt nur klar wird, wenn man diese frühe Zeit ausreichend berück- 
sichtigt. Während späterhin die geistigen Inhalte der Parteien sowo 
durch taktische Erwägungen wie auch vor allem durch die Verquickung 
mit Interessenorganisationen oft verfälscht werden, treten in der S 
zeit diese Inhalte klar und eindringlich hervor. Das gilt vorzugsweise 
vom Liberalismus und vom Konservatismus (dessen Loslösung vom 
Gouvernementalismus Bergsträßer mit wenigen, aber starken Strichen 
deutlich macht), teilweise aber auch vom Klerikalismus. Gerade we 
das Parteileben nach den Freiheitskriegen bis 1848 — vorher sin 
höchstens Anfänge der Anfänge festzustellen — kaum auf richtigem 
parlamentarischen Leben fußte, sondern nur auf dem Viertelparis- 
mentarismus der halbständischen Kammern der deutschen Staaten, die 
sich zur Einführung einer Verfassung entschlossen hatten, entwickelte 
rich in besonderem Maße der Kampf der Ideen. Das Paulskirchen- 
Ben war davon der intenzivste Niederschlag; wenn man es 8&3 

tofessorenparlament verspottet, so ist das nicht nur menschlich, sondern 

vor allom historisch ungerecht: einem Ideenstreit konnte nur ein Ideen- 
mrlament entspringen. Auch die revolutionären Bewegungen in dieser 
who eind vorwiegend ideenmäßig zu verstehen, selbst die französische 

Julirovolution von 1830; als damals das Bürgertum gegen Restauration 
und Feudalismus rebellierte, ging es ihm wirtschaftlich schon vortref- 
Ich und auch wesentliche soziale Positionen waren ihm nicht vor- 
enthalten: man sieht daa gut aus den Balzacschen Romanen. Die Jub- 
wvwlutien richtete sich also in erster Reihe gegen überlebte Symbole. 
Wax an nun wirtschaftlichen Bewegungen in dieser Epoche vor Sie 
Kg Undditen in kugland, schlesischer Weberaufstand und so weiter -> 
na war ‚uch mehr Episode, hervorgerufen entweder durch die Neuheit 
vor Machine, an die sich der Mensch noch nicht gewöhnen konnte, oder 
EN van buiantm Ausschreitungen eines noch gänzlich ungezügelten 
E Wwe su umfassende Bewegung der ausgebeuteten 
en = der Uhartiemus in England ist doch viel weniger wirt- 
“A ais niell au verstehen: sie ging auf Erkämpfung des sll- 








Besprechungen 283 


gemeinen Wahlrechts und nur ganz sekundär auf Wirtschaftsreformen. 
Erst als die liberalen Ideen des Bürgertuma sich auf der ganzen Linie 
durchgesetzt hatten — eben mit 48 — und nun die regulären Wirkungen 
des Kapitalismus zutage traten, entwickelten sich die wirtschaftlichen 
Kräfte zu seiner Zerstörung und die wirtschaftlichen Gegenkräfte zu 
seiner Aufrechterhaltung. Damit aber hört daz „ideale“ Zeitalter des 
Parteiwesens auf, der Kampf der Ideen wird zum erheblichen Teil — 
gewiß nicht vollständig — abgelöst durch den Kampf der Wirtschafts- 
meinungen. Immer sind die Parteien soziale Gebilde gewesen, aber 
während vordem einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht eine be- 
stimmte Idee entsprach, wird nun die soziale Schicht vorwiegend zum 
Träger wirtschaftlicher Grundsätze und Forderungen. Die Stände zer- 
morschen, es bilden sich die Klassen. Stärker und stärker dominiert im 
Parteileben der Sozialismus, der ja viel mehr noch eine wirtschaftliche 
als eine politische Anschauung ist. Am meisten Weltanschauliches hat 
sich der Klerikalismus bewahrt, beinahe wie ein Fremdling ragt er 
hinein in eine gewandelte Zeit des Parteiwesens, unter einem geistigen 
Generalnenner die verschiedenen Wirtschaftsanschauungen vereinigend. 

Wenn also, um die geistigen Grundrichtungen des Parteilebens 
wirklich zu begreifen, Schilderung der Frühzeit dringend notwendig ist, 
so ist doch solche Schilderung auch wieder besonders leicht und dankbar. 
Es ist alles noch wenig kompliziert, die Parteibestrebungen lassen sich 
ohne viel Mühe auf eine, zwei Hauptideen zurückführen. Töricht ist es, 
diese frühe Epoche obenhin als Biedermeierzeit zu bezeichnen, denn sie . 
war erfüllt von unaufhörlichen Zuckungen; aber versteht man unter 
Biedermeier eine gewisse Simplizität des Geschehens, so paßt der Name 
einigermaßen. Hier, um es nochmals zu sagen, ist Bergsträßer auf 
seiner Höhe. Hier werden auch, was besonders dankenswert ist, die 
Anfänge des Pressewesens — Parteiwesen und Pressewesen sind ja nicht 
zu trennen — gut herausgearbeitet. Der Bericht über die spätere Ent- 
wicklung dagegen läßt sich nicht mit dem gleichen Lob versehen. Zu 
sehr verbeißt sich Bergsträßer hier in Einzelheiten; in der Entwicklung 
der Fortschrittler zum Beispiel werden die vielen Fusionen und 
Spaltungen mit den errungenen Mandatsziffern ziemlich genau dar- 
gestellt, die große Linie aber geht darüber verloren. Fast gänzlich fehlt 
in der Spätzeit auch die Charakteristik der Parteiführer, während in 
der Frühepoche schlagende, wenn auch kurze Charakteristiken leitender 
Persönlichkeiten häufig sind. So kommt es, daß in den späteren Kapiteln 
der nicht durchaus sachverständige Leser mehr verwirrt als erhellt wird. 
Immerhin gibt der Verfasser hier wie früher so reichlich Literatur, daß 
der Interessierte imstande ist, selbständig weiter zu forschen. Freilich 
fehlt die Zitierung eines so wichtigen (sit venia verbo!) Unternehmens, 
wie es das Beiblatt der „Zeitächrift für Politik“ „Die Parteien“ dar- 
stellte. Unsere älteren Leser werden sich erinnern, daß wir vor dem 
Kriege etwa eineinhalb Jahre lang versucht haben, die Parteienkunde 
durch eine umfangreiche Bibliographie und Materialsammlung ent- 
scheidend zu fördern. Der Krieg hat dieser Veröffentlichung, die 
hoffnungsvoll begann, ein Ende gemacht, und wir sind bei der gegen- 
wärtigen Teuerung auch nicht in der Lage, zie in absehbarer it 
wieder aufzunehmen. Wir hatten damals für die „Parteien“ einen großen 

aktionsapparat zusammengebracht, der heute natürlich gar nicht zu 
beschaffen wäre. 

Die Gerechtigkeit gebietet zu sagen, daß der Verf. in seinen letzten 
Kapiteln — in der Darstellung der Parteientwicklung im Kriege sowie 
in und nach der Revolution — den Anschluß an die große Linie wieder 
findet: ja er geht hier sogar in der Generalisierung zu weit, so weit, 
daß er weniger eine Geschichte der Parteien als eine abgekürzte Ge- 
schichte dieses Zeitraums selber bietet. Es scheint eben doch sehr 








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= weiser Hnis davon stattfanden, Si 
erster Lizkez besondere dürftig. Vergessen 
zum Beispiel ist de Bwezsizz Let Juzrzer”, die im Oktober 1891 ein? 
neue Partei. den Verein Uz? -zis!!sten mit dem „Sozialist" 
als Parteiorgan grüzieter, gar picti erwähn: sird die syodikalistischen. 

nd z E: -en Strömurgen, die doch nicht 
Sozialismus beeinflußten. 


D 


áanarchosoziaistiacken und arereristi 
unwesentlich cie parmeitroitiahe Ha: s X $ 
Auch vom Jungiiberalism us. der sich in dem Jahrzehnt vor dem Krieg: 
innerhaib der nationa!iiveraien Partei erbot. ist nicht die Rede, eben: 
wenig vom Kulturkonservatismus der im gleichen Zeitraum innerha:h 
der konservativen Parteien wirkte urd Anschluß des Konservatismu:s 
an die treibenden Kräfte der Zeit sich zum Ziel setzte. 
Bergstraßers Buch hat in kürzester Zeit zwei Auflagen erlebt; weitere 
Auflagen sind. da daz Werk keinen Wettbewerb hat, mit Sicherheit zu 
erwarten; der Verf. hat also Gelegenheit zu bessern und zu ergänzen. 
Vielleicht entschließt er sich dann auch. die Einleitung mit ihren all- 
gemeinen Darlegungen wenigstens in etwas zu erweitern. Es ist schlied- 
lich doch unerfreulich, wenn man in einem derartigen Buch nicht einmal 
eine Definition der politischen Partei findet. In dieser Hoffnung wollen 
wir gern noch eine Zeitlang auf das große Handbuch der Parteienkund? 
warten, das neben dem historischen Teil ausführliche soziologische b- 
schnitte bietet. Ein solches Handbuch wird eingehend die ausländischen 
Forschungen zu berücksichtigen haben, die Bergsträßer gänzlich über- 
geht, namentlich die sehr bedeutende französische Literatur, die sich um 
Seignobos und Ostrogorski gruppiert. Adolf Grabowsky 





Walt or Sulzbach, Die Grundlagen der politischen Parteibildung- 
Tübingen 1921. J. C. B. Mohr. VIII und 121 S. 


Dio überwiegende Betrachtung des Parteiwesens stellt den Gedanke! 
den Kampfes und der Gegensätzlichkeit der Parteien in den Mittel- 
un Der Verfasser der vorliegenden Arbeit neigt eher dazu, das 

arbindende und Gemeinsame der verschiedenen Parteien voran" 
vuntollen, Die Marxistische Theorie des Parteiwesens lehnt er demgemä 
ab, ebenso aber auch jede andere allgemeine, abstrakte Theorie und beton! 
ER donon den Einfluß der historischen „Zufälligkeit“ auf die Partei 
idung. 

Kur das Wesen der echten Partei , betont S., ist charakteristisch. 
And vie nicht nur nuf eine Teilgruppe mit ihren Bestrebungen gerichte 
Int, rondern das Ganze des Staates und der Gesellschaft in einer 
„nten Weise gestalten will. Objekt ihrer Tätigkeit ist also nicht die 
duch du Partei vertretene Teilschicht, sondern die gesamte Nation. Im 
anderen Fall spricht S, von unechten Parteien. Dahin gehörten oder 





Besprechungen 285 


vehören z. B. bei uns die Polen und Elsässer, der Bund der Landwirte oder 
jer Hansabund. In Deutschland haben die Parteien gegenwärtig über- 
lıaupt die Tendenz, immer mehr unter den Einfluß der verschiedenen wirt- 
:chaftlichen Verbände zu geraten und sich damit vom Wesen der echten 
Partei zu entfernen (S. 106). Echte Parteien unterscheiden sich von den 
ımechten u. a. dadurch, daß sie miteinander.argumentieren. Mit Recht 
betont S. die Gemeinsamkeit, die in dieser Art Kampf enthalten ist und 
Je der Gemeinsamkeit des Objekts entspricht: die echten Parteien be- 
regnen sich darin, daß sie jede auf ihre Art das Wohl des Ganzen an- 
streben (oder anzustreben die Miene aufsetzen). 

Noch unter einem zweiten Gesichtspunkt betont S. das Verbindende 
Jer Parteien. Jede Partei hält nicht nur ihre Anschauungen für die 
-inzig richtigen, sondern hält es auch für unmöglich, daß andere 
Menschen mit normalen geistigen und sittlichen Qualitäten zu anderen 
Anschauungen kommen können, hält also die tatsächlich vorhandenen 
"ntgegengesetzten Anschauungen für den Ausfluß von Dummheit oder 
Böswilligkeit oder mindestens Egoismus. Aber die Tatsache, daß jede 
Partei von jeder anderen so denkt, beweist das Irrige dieser vulgären 
Psychologie. Tatsächlich bedeuten die Anschauungen der verschiedenen 
Parteien über denselben Gegenstand ebensoviele Stellungnahmen, die 
unter den gegebenen Verhältnissen innerhalb einer Nation überhaupt 
ubjektiv möglich sind. In der „Existenz solcher verschiedenen 
Möglichkeiten erblickt S. die letzte Ursache der Parteibildung: wo über 
«ine einzelne Frage die Meinungen auseinandergehen können, sind 
.Parteiungen“ möglich. Die Existenz von Parteiungen ist daher wesens- 
notwendig. Wie sich aber die Parteiungen verallgemeinern und gleich- 
zeitig verhärten zu Parteien, das hängt vom Spiel der geschichtlichen 
.Zufälligkeiten“ ab (S. 168). Von allgemeinen Theorien der Partei- 
»ildungen hält unser Verfasser nichts, wie schon gesagt. Die ökonomische 
Theorie als allgemeines Prinzip lehnt er gewiß mit Recht ab. Aber in 
liesem Zusammenhang hätte doch wohl der kollektive Machtwille und 
!aneben auch die kollektive Kampfesfreudigkeit gewürdigt werden 
müssen. Auch scheint es mir unfruchtbar, die Partei gleichsam als eine 
Summe von Parteiungen, also „additiv“ aufzufassen. Für die Geistes- 
wissenschaften bedürfen wir der Totalitätsauffassung: sie müssen von dem 
anzen Menschen und der ganzen Gruppe ausgehen; im vorliegenden 
Fall überdies nicht in erster Linie von der denkenden und meinenden, 
öndern von der wollenden und handelnden Gruppe. 


Alfred Vierkandt 


Ludwig Kantorowiez, Die sozialdemokratische Presse Deutschland». 
Eine soziologische Untersuchung. Tübingen 1922. J. C. B. Mohr. 


‚ Der Verfasser selbst nennt in der Vorrede seine Arbeit einen „ersten 
Versuch“ und bittet quasi um Entschuldigung, wenn im Titel von 
„Soziologie“ die Rede sei. Damit ist er persönlich zweifellos entlastet, 
aber der Anspruch der Broschüre als solcher bleibt bestehen. Der Mut, 
lie Aufgabe angegriffen zu haben, die schon lange nach verständnisvoller 
Bearbeitung verlangt (Partei- und Pressewesen müssen nun einmal leider 
als Stiefkinder deutscher Wissenschaft gelten!), verdient Dank. 

Die formale Anordnung erscheint mir nicht einwandfrei. Verf. 
scheidet zwischen „statischen Problemen“ einerseits und „dynamischen 
Problemen“ andererseits. Zu den ersteren rechnet er die Entwicklung, 
geographische und berufsmäßige Verteilung des Leserkreises, die Ver- 
änderung der „Erscheinungshäufigkeit“ der sozialdemokratischen Presse, 
alles Erscheinungen, die eminenten, schon zahlungsmäßigen Wandlungen 
ınterworfen, also (wenn wir den Begriff nicht zu sehr vergewaltigen 

Zeitschrift für Politik. 12. 19 


— — 


286 Besprechungen 


m l e — — — — 








— — 


wollen) gerade als dynamisch anzusprechen sind. Verf. erklärt zwa: 
im Vorwort kurz, alle jene Komplexe als „soziale Statik“ zu begreifer. 
unterläßt aber jede Begründung dieser seltsamen Einteilung. Vor aller: 
ist mir rätselhaft, wie einer derartigen sozialen Statik eine Dynamik 
gegensätzlich gegenübergestellt werden kann, die von „dem Wirke: 
der sozialdemokratischen Presse auf die Partei als politischen Orgam: 
mus“ handelt, d. h. konkret hauptsächlich von der Preßkommission un: 
den Redakteuren spricht. Warum überhaupt dieses Kautschukbegriflspar' 
Statik— Dynamik anwenden, das augenblicklich leider in der Geseli- 
schaftswissenschaft zu modern ist? Als Schumpeter vor fünfzehn Jahre: 
scharfsinnigst sich bemühte, für die ökonomische Theorie diese Unie: 
scheidung fruchtbar zu machen, hatte er trotz ausführlicher Begründur: 
nicht alle logischen Unklarheiten beseitigt. Was soll uns aber Stat:: 
und Dynamik in einem Gebiete materieller Soziologie, die dieses Büchle.: 
anpackt, wenn wir uns unter Statik, um nicht jeden Boden unter di‘ 
Füßen zu verlieren, eine Art „Momentphotographie‘“ der sozialen Er- 
scheinung vorstellen? Dann bleibt für sie nur reserviert eine kleine Ar 
teilung, die die Dinge in einem gegebenen Zeitpunkt (z. B. am 1. Janus! 
1922) betrachtet: also vor allem die Zahlenangaben der Zeitungen, de 
Redakteure, die Abonnentenziffer, die geographische Verteilung — al: 
andere, das historische Werden vor allem, die Ideenzusammenhänge u! 
Ideenwandlungen der Presseaufgaben, muß dann notwendigerweise 7i’ 
Dynamik kommen. Eine solche Einteilung in zwei Kapitel, von dene: 
das erste in ein paar Seiten sich erschöpfte, das zweite jedoch 95 Prozer! 
der Abhandlung umfassen mußte, scheint zweckwidrig. 

Die Ergiebigkeit des Inhalts wechselt. Daß der Prozentsatz d: 
industriellen Bevölkerung den Prozentsatz der sozialdemokratischer 
Zeitungen (im Verhältnis zu anderen Zeitungen) bestimmt, freut m+: 
sich bestätigt zu sehen, auch wenn man dies vorher schon annimn! 
Über die „territoriale Dichtigkeit“ der Zeitungen bleiben wir dam: 
leider oberflächlich orientiert, da nur (wie der Verf. selbst ©. - 
schreibt) die Erscheinungsorte, aber nicht die Verbreitung: 
orte statistisch festgestellt werden. Das Zurückbleiben der Zahl dr 
Zeitungen hinter den steigenden Wählermassen (Wahldichtigkeit) mi 
1877—1920 wird, da Abonnentenziffern nur bis 1914 gegeben werdei.. 
abgesehen von der kurzen Erwähnung der schamhaften, unorgani 
sierten sozialistischen Wähler vor dem Kriege, vor allem mit dei 
„theoretischen“, starren und ermüdenden Charakter der Blätter begründe' 
Zweifellos spielen diese inhaltlichen Schwächen ihre Rolle, wenn ©- 
auch Kantorowiez weit überschätzt. Das Bedürfnis nach einer Zeitun: 
muß jedoch auch erst geweckt werden, und in vielen Fällen kann di’ 
Partei aus mangelnden Geldmitteln (vor allem seit dem Kriege) ihre 
Presseorganisationen nicht ausbauen. Dadurch entstehen sehr ici 
Abonnentenverluste für die Partei, da eine Zeitung für ein zu grobes 
Gebiet den lokalen Teil vernachlässigen muß und dadurch das Parte: 
mitglied zum neutralen Käseblatt treibt (wie der Verfasser selbst !" 
anderem Zusammenhang erwähnt). Der Papiermangel tut das Senf" 
um, abgesehen von dem musterhaften Stand des Feuilletons, die Zeitunr 
stark auf parteimäßig wichtige Ereignisse einzuschränken und de 
„kulturpolitische Leben" notgedrungen zu beschneiden. Da die Frag" 
zahlreicher und guter Korrespondenten (vor allem im Ausland) ebenfall: 
eine geldmäßige ist, erklärt sich manche Vernachlässigung. RKantorowie 
spürt weiterhin nicht den soziologisch interessanten Fragen nach, Si 
weit mehrere selbständige Leute aus Ersparnisgründen nur °!” 
Abonnement nehmen, wie weit der Wirtshausbesuch das Abonnemen' 
überflüssig macht und wie weit eine Zeitung, je ausgesprochener sie — 
Parteizeitung (wie alle sozialdemokratischen Blätter) ihr Parteiprogram" 
nale festumrissene Weltanschauung besitzt, die Masse der Zufalls- oder 








— o — ç —ñ— — — —— — — a —— — — — — — — — Nr — — — — 4- 


Besprechungen 287 


— — — 





Interessen- oder Verärgerungswähler nicht in ihren Bann ziehen kann, 
um dafür mit einer festen Kerntruppe vorliebzunehmen. 

Im dynamischen Teil zeigt der Verfasser einwandfrei, wie die 
Provinzblätter vom Parteivorstand tatsächlich unabhängig sind, während 
nur das Zentralorgan de facto et de jure stärker vom Parteivorstand 
beherrscht wird. Wenn auch in dem folgenden Kapitel über die viel- 
befehdete und selten verteidigte Preßkommission manch feine soziologi- 
sche Bemerkungen stehen — z. B. der Unterschied zwischen einem 
sozialen Gebilde und einer technischen Institution, an der Preß- 
kommission expliziert —, so scheint mir Kantorowiez zu einseitig zu 
werden, wenn er zu dem Schluß kommt, die Preßkommission sei nicht 
imstande, oligarchischen Ansätzen entgegenzuwirken, sie sei ein „rein 
demokratisches Aushängeschild‘ der Partei. Ein so erfahrener und trotz 
langjähriger journalistischer Führerarbeit inmitten der Partei so objek- 
tiver Kenner, wie Adolf Braun, legte erst letztlich in einem Vortrag 
einwandfrei die gesunden gesellschaftlichen Tendenzen der Preß- 
kommission dar, wie sie z. B. den Redakteur der Partei gegenüber stark 
entlaste, die notwendige Fühlung zwischen Lesern und Redakteur her- 
stelle u. a. m. Im Schlußkapitel wird die politische Stellung des 
sozialdemokratischen Journalisten scharf herausgehoben. 

Die Schrift bereichert trotz einzelner anfechtbarer Urteile die magere 
Literatur über den Gegenstand. Ihren Zweck hätte sie allein dann schon 
erfüllt, wenn sie durch ihre notwendigen Lücken (wo noch keine aus- 
reichende Parteigeschichte, kann keine die Ideenentwicklung berück- 
sichtigende Pressedarstellung entstehen!) zu verstärkter Mitarbeit auf- 
fordern würde. Paul Hirschmann 


Otto Brandt, A. W. Schlegel. Der Romantiker und die Politik. 
Stuttgart-Berlin 1919. Deutsche Verlagsanstalt. 258 S. 


Seit Meinecke Fr. Schlegel und Novalis eine Rolle in der Geschichte 
des deutschen Nationalstaatsgedankens zugewiesen hat, ist das Interesse 
des Historikers an der politischen Gedankenwelt der Romantik erwacht. 
Zuletzt hatte R. Volpers 1917 Fr. Schlegel als „politischen Denker und 
deutschen Patrioten“ ausführlich behandelt. Und nun tritt O. Brandt 
mit einer umfangreichen Arbeit über A. W. Schlegel auf den Plan. 
Durch sein früheres Buch über „die napoleonische Weltpolitik und Eng- 
land“ ist Brandt Kenner der ersten Jahrzehnte des neunzehnten Jahr- 
hunderts. Die neuen Untersuchungen, auf gründlichen und umfassenden 
Studien geschichtlichen und literargeschichtlichen Materials aufgebaut, 
verraten das Bestreben des Verfassers, die einzelnen (Gedanken 
A. W. Schlegels herausgewachsen zu zeigen aus allgemein zeitgeschicht- 
lichen oder persönlichen Voraussetzungen. Hierin ist in Brandt der 
Schüler Hermann Ouckens erkennbar. 

‚Er gibt seinem Buch den Untertitel „Der Romantiker und die 
Politik“. Er hat, was er im Schlußgedanken zusammenfassend selbst 
sagt, zwei Ideale als Träger von A. W. Schlegels politischem Wesen ge- 
sehen: „Er ging mit dem universalen Zug der Zeit, als Bürger der Welt 
für die Menschheit zu wirken, und aus der Not des Vaterlandes erwuchs 
ihm die nationale Aufgabe, als Bürger Deutschlands sich ihm zu 
weihen ... Die beiden stärksten und entgegengesetztan Bewegungen 
seiner Zeit haben sich bei ihm in der Weise zusammengefunden, daß 
æn Vaterlandsgefühl sein Menschheitsbewußtsein beherrschte und 
durchdrang“ (S. 240). Damit wird ihm A. W. Schlegel zum politischen 

antiker schlechthin. Diese Grundanschauung Brandts dürfte auf 

Widerspruch stoßen. Es mag richtig sein, daß A, W. Schlegel als Erster 

unter den Romantikern den mittelalterlichen Feudalstaat vertreten hat 
19* 


— 





288 Besprechungen 


CC EREECHEN 


(S. 48), und daß das von ihm entworfene Bild des Mittelalters die 
skizzenhaften Andeutungen seines Bruders weit in den Hintergrund 
drängt (S. 58), das Vorhandensein einer alle politischen Einzelanschav- 
ungen bestimmenden und zu einer Einheit zusammenfassenden politi- 
schen Grundauffassung kann meines Erachtens nicht als bewiesen an- 
gesehen werden. f IE 

Das Interessante — für die Denkweise wie für die Persönlichkeit 
A. W. Schlegels — ist, daß in seinen politisch fruchtbarsten und bedeut- 
samsten Jahren (1812—1813) der Vaterlandsgedanke gegenüber der Ver- 
fechtung Bernadottescher Ansprüche und Interessen stark in den Hinter- 
grund tritt und jedenfalls nur so weit sich vorwagt, als eine Kollision 
beider nicht zu befürchten ist. Man macht doch ein großes Frage- 
zeichen hinter die Betonung der nationalen Beweggründe für ‚seine 
Befürwortung der schleswig-holsteinischen Rechte gegenüber dänischer 
Vergewaltigung (S. 158), wenn man hört, wie er noch wenige Monate 
vorher die Vorteile dänischer Untertanenschaft gegenüber den Gebieten 
gerühmt hatte, die man in Norddeutschland als Bündnispreis den Dänen 
zu überlassen gewillt war (S. 158). Das Interessante des Schlegelbuches 
liegt, wie ich glaube, in ganz anderer Richtung. Es offenbart eine 
nahezu völlige Charakterlosigkeit des Politikers Schlegel. Es ist höchst 
bezeichnend, daß er aus Furcht vor der russischen Polizei nur im Flüster- 
ton in Petersburg zu reden wagte (S. 115) und daß er aus Angst vor 
Verfolgung die in Frankreich entstandene erste Ausgabe seiner Gedichte 
verbrannte, daß er aber unmittelbar nach der Niederlage Napoleons 1812 
ein Pamphlet nach dem andern von Schweden aus gegen den Besiegten 
losließ. Ebenso stellt es ihn in ein eigenartiges Licht, daß er aus sach- 
lichen Gründen, bei denen unverkennbar die Unzufriedenheit mit den 
innerpolitischen Dingen seit dem Karlsbader Beschlüssen durchschimmert 
(S. 220), sein Lehramt an der Bonner Universität niederlegt und es kurz 
darauf nach der Gewährung günstigster persönlicher Bedingungen wieder 
aufnimmt und „ein korrekter königlich preußischer Professor“ wird. 
— Si seiner Behörde auf möglichst gutem Fuß zu stehen wünscht 
(8. 

Es würde über den Rahmen einer kurzen Besprechung des Buches 
hinausgehen, wenn die von Brandt mit ungemeiner Lebendigkeit heraus 
gearbeiteten kleinen Züge der Persönlichkeit und politischen Gedanken- 
welt A. W. Schlegels alle herausgehoben werden sollten. Auch wein 
politisches Wesen ist eine große Kette geistiger Abhängigkeiten. Fichte. 
Stein, Novalis — sie alle haben, was Brandt immer sehr fein streift, 
bei irgend einem Gedanken des Politikers Schlegel Pate gestanden. 

Der große Wert des Buches ‚scheint mir in dieser Einordnung 
Schlegels in seine Zeit zu liegen. Brandt gibt kein Lebensbild eines 
Menschen, der im leeren Raume steht, sondern eines solchen, der be- 
einflussend und beeinflußt in einer lebendigen Wirklichkeit steht. ` 

Das Buch bringt im Anhang drei bisher ungedruckte Briefe 
A. W. Schlegels und zieht höchst interessantes unveröffentlichtes Material 
heran. Die durchaus selbständige und eigenartige Behandlung des 
Stoffes und die geschmackvolle Form der Darstellung sichern ihm 
achtung und Bedeutung auch tiber den engen Kreis der Fachwissn- 
schaftler hinaus. Else Kemper 


Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Buchädruckerel, Berlin W 8 


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Abhandlungen 


XIII 
Frankreich und das Reparationsproblem 


Von Charles Gide 


Seit drei Jahren, sprechen die französischen Zeitungen ohne 
Aufhören von der Böswilligkeit Deutschlands in der Erfüllung 
seiner Verpflichtungen und stellen ihr die Promptheit und Ge- 
nauigkeit gegenüber, mit der Frankreich nach 1871 den seinigen 
nachgekommen ist. Auf der anderen Seite klagt die deutsche 
Presse unaufhörlich über Frankreichs gierige Wildheit in der Ver- 
folgung seiner Schuldforderung. Bald wird es mit Shylock ver- 
glichen, der auf einem Pfund Fleisch seines Schuldners hartnäckig 
besteht, bald mit dem Minotaurus, der als Tribut die junge 
Generation fordert, um sie zu verschlingen. Und selbst wenn man 
zugibt, daß die Journalisten etwas übertreiben, so glaubt die 
deutsche öffentliche Meinung in der Tat, daß Frankreich danach 
strebt, sich ohne Grund auf Kosten Deutschlands zu bereichern. 

Nichts ist mehr dazu angetan, die Erbitterung zwischen zwei 
Nationen zu verschärfen als beiderseitige ungerechte Beschuldi- 
gungen. Wir haben zwar ein französisches Sprichwort, das besagt, 
nur die Wahrheit erzürne — aber das trifft vielleicht für die 
Dummen zu; für die Vernünftigen gibt es nichts Aufreizenderes, 
als ungerecht angeklagt zu werden. Infolgedessen haben die- 
jenigen, die die Völkerversöhnung herbeisehnen, keine dringendere 
Aufgabe, als zu versuchen, diese ungerechten Beschuldigungen zu 
widerlegen. Jedesmal, wenn ich für den Kreis meiner Landsleute 
schrieb, habe ich mich zu zeigen bemüht, daß die Hindernisse bei 
der Bezahlung der Wiedergutmachungsforderungen nicht allein 
und selbst nicht in der Hauptsache auf die Böswilligkeit Deutsch- 
lands zurückzuführen seien, sondern auf fast unübersteigliche wirt- 
schaftliche Ursachen. Heute, wo ich für deutsche Leser schreibe, 
sei es mir gestattet, die umgekehrte Haltung einzunehmen und 

Zeitschrift für Politik. 12. 20 


290 Gide, Frankreich und das Reparationsproblem 


den Versuch zu machen, darzulegen, daß diese Anschuldigungen 
zu einem großen Teil ungerecht und unbegründet sind, obwohl sie 
durch ein paar Zeitungen unserer Verbündeten oder der Neutralen. 
ja selbst durch Erklärungen einiger meiner besten Freunde in 
Frankreich gestützt werden. Ich will, soweit ich sie kenne, fünf 
der deutschen Beschwerden aufzählen, die die Reparationsforde- 
rungen betreffen (ich lasse alle Klagen politischer Art gegen den 
Vertrag von Versailles beiseite), und ich will kurz zusammengefaßt. 
aber so objektiv wie möglich zum Ausdruck bringen, was meiner 
Meinung nach davon berechtigt und was zurückzuweisen ist. Ich 
möchte wünschen, daß meine deutschen Kollegen es ebenso in 
französischen Zeitschriften machen. 


I 


Die erste Beschwerde ist die, daß die Wiedergutmachung: 
forderung Deutschland durch Artikel 221 des Versailler Vertrag: 
als Folge seiner alleinigen Schuld am Kriege auferlegt worden 
sei. Nun sagt Deutschland, diese einseitige Schuld sei keinesweg: 
erwiesen, im Gegenteil scheine die der Alliierten mehr und mehr 


festzustehen, demzufolge breche die Grundlage der Reparationer 


zusammen und reiße den ganzen Versailler Vertrag mit sich. Sv 
erklärt Prof. Delbrück in der Kontroverse mit Prof. Aulard: 
„Deutschland ist moralisch zu nichts verpflichtet, weil die deutsch? 
Regierung am Kriegsausbruch unschuldig ist.“ Dieselbe Schlub- 
folgerung habe ich bei D..Morel, dem Sekretär der Union Demo- 


cratic Control, und bei meinen Landsleuten und Freunden 


Demartial und Gouttenoire de Toury gefunden; nichtsdestowenige 
hat dieses Argument nach meiner Ansicht gar keinen Wert. 

Ich bemerke, daß ich den Artikel 221 des Versailler Vertrag‘ 
keineswegs verteidige. Ganz im Gegenteil: seit der Unterzeich- 
nung des Vertrags habe ich unaufhörlich in den Zeitungen, in 
denen ich schreibe, gegen diesen ebenso unmoralischen wie Di 
sinnigen Artikel protestiert: er ist unmoralisch, weil selbst für den 
Fall, daß Deutschland schuldig wäre, das moderne Gerichts- 
‚verfahren nicht mehr erlaubt, einen Angeklagten zu zwingen, sich 
als Verbrecher zu bekennen; unsinnig, weil man durch Verbinden 
der pekuniären und der politischen Verantwortlichkeit den! 
Schuldner eben das Mittel liefert, sich der ersten zu entziehen. 
indem er die zweite leugnet. 

Aber der Irrtum der Verfasser des Versailler Vertrags kan 
nicht genügen, um Deutschland zu entlasten, und seine finanzielle. 
wenn nicht moralische Verpflichtung wäre nicht weniger groß. 


Gide, Frankreich und das Reparationsproblem g 291 


wenn, wie wir es wünschten, der Artikel 221 gestrichen würde. 
Um diese Verpflichtung aufzustellen, brauchten wir uns nicht ein- 
mal auf das alte Kriegsrecht zu berufen, nach dem der Besiegte 
die Kosten trägt, ebenso wie es bei allen Spielen Regel ist, daß 
der, der die Partie verloren hat, den Einsatz bezahlt — ein Recht, 
das sicher von keinem deutschen Professor angefochten würde, und 
das von ihm unfehlbar angewandt worden wäre in dem Fall, daß 
sich das Kriegsglück gegen uns gewandt hätte — nein! Wir 
werden uns einfach auf den Artikel unseres Code civil beziehen, 
der sich übrigens in der Gesetzgebung aller Kulturländer findet 
und der besagt, daß „jeder, der durch seine Tat (man beachte: 
durch seine Tat, es ist nicht einmal notwendig, daß es durch 
seine Schuld geschieht) einem andern einen Schaden verursacht 
hat, gehalten ist, ihn wieder gutzumachen“. — Wurde Schaden 
verursacht? Man braucht ihn nur zu betrachten. Ist dieser 
Schaden die Tat der deutschen Heere und der von der Führung 
gegebenen Befehle? Niemand bestreitet das. Also ist die Frage 
entschieden. Es handelt sich hier nicht um eine strafrechtliche, 
sondern um eine zivile Verantwortlichkeit. 

Man sage nicht, daß diese Schäden die unvermeidlichen Folgen 
jeden Krieges sind und daß sie genau so von den alliierten wie 
von den deutschen Heeren angerichtet wurden. Das ist ohne 
Zweifel der Fall in den Gebieten, die sich in der Feuerzone be- 
fanden, aber darüber hinaus sind die Verwüstungen auf Grund 
deutlicher Befehle in unerbittlicher Weise und mit dem festen und 
lange gereiften Plan ausgeführt worden, die französische Industrie 
auf wenigstens zehn Jahre zu vernichten. Diejenigen, die die zer- 
störten Gebiete vor dem Wiederaufbau besucht haben, können 
keinen Zweifel deswegen haben; übrigens sind ja die offiziellen 
Instruktionen über die Art des Vorgehens bei den Zerstörungen 
und über die wirtschaftlichen Ergebnisse, die man davon erwarten 
konnte, aufgefunden und veröffentlicht worden. 


D 


Eine andere Beschwerde ist die, daß der Betrag der Wieder- 
gutmachungsforderung übermäßig, wucherisch sei und keinen 
anderen Zweck habe, als Frankreich zu bereichern, indem es 
Deutschland ein halbes Jahrhundert lang Tribut zahlen läßt. 

Die Reparationsziffer ist, obwohl sie von Konferenz zu Konfe- 
renz fast auf die Hälfte herabgesetzt wurde, noch fürchterlich hoch, 
das ist wahr. 132 Milliarden Goldmark, von denen 68 Milliarden 
auf Frankreich entfallen, sind das 17 fache der Frankreich 1871 

20° 


292 Gide, Frankreich und das Reparationsproblem 


auferlegten Kriegsentschädigung. Wir sind bereit zuzugeben, dab 
diese Ziffer noch ziemlich starke Ermäßigungen vertragen kann. 
und wir werden gleich sagen welche. Aber wir betonen, daß. 
selbst wenn die 68 Milliarden Goldmark gänzlich gezahlt würden, 
dem französischen Staat kein Gewinn bleiben würde — zum Unter- 
schied von der Entschädigung von 4871, die von den 5 von Frank- 
reich gezahlten Milliarden dem Deutschen Reich 231. Milliarden 
Gewinn ließ, d. h. einen Nutzen von 233 Prozent. Nicht nur würde 
diese Zahlung die eigentlichen französischen Kriegskosten, 180 
Milliarden, bestehen lassen, sondern sie würde wahrscheinlich nich: 
einmal für die unmittelbar aus dem Kriege folgenden Ausgaben 
genügen. In der Tat hat der Staat den Kriegsgeschädigten be- 
reits 85 bis 90 Milliarden Francs gezahlt, die er sich natürlich 
leihen mußte, und man rechnet auf ebendieselbe Summe, damit 
das Werk des Wiederaufbaus zur Beendigung kommt. Man muß 
dann noch die Zinsen hinzufügen bis zu dem Tage, an dem 
Deutschland zahlen wird. Also auf der einen Seite 180 Milliarden 
Francs, die schon bezahlt oder in Kürze zu zahlen sind; auf der 
anderen 68 Milliarden Goldmark, die in dreißig Jahren einlaufen 
sollen, in der unwahrscheinlichen Voraussetzung, daf sie damı | 
einlaufen, — das ist eine Finanzoperation, die gewiß keinen Bank- 
mann verlockt! Denn obwohl bei dem augenblicklichen Franken- 
kurs 68 Milliarden Goldmark etwas mehr als 180 Milliarden 
Papierfrancs sind, werden sie vielleicht in zehn oder zwanzig 
Jahren nur 100 oder sogar nur 85 Milliarden Francs wert sein — 
und trotzdem wird der Staat mit der ganzen 180 Milliardenschuld 
belastet bleiben, denn die Rentenansprüche sind nicht in Papier- 
francs, sondern in Parifrancs ausgeworfen. 


Wie weit eine solche Operation davon entfernt wäre, einträg- 
lich zu sein, ja daß sie sogar höchst töricht wäre, das erscheint 
noch klarer, wenn man statt mit dem Kapital mit den Zinsen 
rechnet. Wie würde der Betrag der Annuitäten sein, den Frank- 
reich zu bekommen hätte, wenn man annimmt, Deutschland be- 
zahlte 4 Milliarden Goldmark (3 Milliarden, die von der Londoner 
Konferenz festgesetzt worden sind, und eine nicht absolut fest- 
stehende Milliarde, die auf die Ausfuhr erhoben wird? Hierbei 
kämen für Frankreich etwas mehr als 2 Milliarden Goldmark 
heraus, d. h. ungefähr 5 Milliarden Papierfrancs. Nun erreichen 
schon jetzt die Zinsen für die für die Reparation gemachten Vor- 
schüsse diese Ziffer, und sie werden bald 10 bis 12 Milliarden 
Francs betragen! 





Gide, Frankreich und das Reparationsproblem 293 


Mit einem Worte, selbst wenn Deutschland die festgesetzte 
Entschädigung ganz bezahlte, würde Frankreich mit einem ver- 
fünffachten oder versechsfachten Budget aus dem Kriege hervor- 
gehen, von dem drei Fünftel zur Bezahlung der Kriegskosten not- 
wendig wären. Eilsaß-Lothringen hätte es 250000 Francs pro 
Hektar gekostet und soviel Männer in der Vollkraft der Jahre, als 
diese beiden Provinzen Einwohner zählen, Frauen, Neugeborene, 
(reise und Sieche einbegriffen. Man soll also mit der Behaup- 
tung aufhören, daß Frankreich nur darauf sinne, aus dem Kriege 
Nutzen zu ziehen: das ist eine unpassende und beleidigende Unter- 
stellung. 

HI 


Schön, wird man sagen, geben wir zu, daß die Bezahlung der 
Entschädigung nicht die Bereicherung Frankreichs herbeiführen 
würde, aber halten wir uns an die Frage des Rechts. Ist der Be- 
trag der Kriegsentschädigung, so wie er von der Londoner Konfe- 
renz bemessen wurde, gerecht? Nein: er wurde willkürlich zu 
hoch festgesetzt, und zwar nach zwei Richtungen. 

Zunächst umfaßt, so erklärt man, die Zahl von 132 Milliarden 
die Entschädigung für die den Kriegsteilnehmern gewährten 
Renten und Pensionen, entgegen den vierzehn Punkten des Prä- 
sidenten Wilson, die in gemeinsamem Einverständnis als Grund- 
lage des Waffenstillstandes angenommen worden waren. Dieser 
Text sah nur die Wiedergutmachung der den Zivilpersonen zu- 
gefügten Schäden vor, und es ist klar, daß Pensionen für im Felde 
Verwundete oder Gefallene militärischen Charakters sind. Man 
muß also diese Ziffer von der Gesamtsumme streichen, und das 
ist nicht wenig. 80 Milliarden Mark ungefähr, d. h. fast zwei 
Drittel des Gesamtbetrags. 

Es sei! Wir gehören zu denen, die das gut Begründete dieser 
Reklamation zugeben. Wir werden nicht versuchen, sie dadurch 
zurückzuweisen, daß wir antworten, Präsident Wilson selbst habe 
durch Unterzeichnung des Vertrags von Versailles die Wieder- 
erstattung der Pensionen angenommen, was beweise, daß er darin 
keinen Widerspruch mit seinen Punkten sah; wir werden eher 
gestehen, daß er sich ganz einfach eines bedauerlichen Wider- 
spruchs schuldig gemacht hat, dessen Erklärung sich anderswo in 
mehreren Dokumenten findet. Wir werden auch nicht sagen, daß 
die deutsche Heeresleitung, als sie den Waffenstillstand annahm, 
um die Invasion deutschen Bodens zu vermeiden, jede Bedingung 
akzeptiert hätte, daher auch die Zahlung der Pensionen, wenn 
dies erwähnt worden wäre. Nein, wir erkennen an, daß in dem 


294 Gide, Frankreich und das Reparsationsproblem 


Augenblick, da die Ententemächte die vierzehn Punkte zu recht 
oder zu unrecht als Grundlage des Waffenstillstandes angenom- 
men hatten, daran gebunden waren und nicht mehr vom Text ab- 
weichen durften. 

Aber, wohlverstanden, wenn Frankreich auf seine Forderung 
verzichten soll, so kann das nur unter der Bedingung sein, daß 
alle seine Verbündeten es ebenso machen. Und dazu haben sie 
gar keine Lust, denn aus der Entschädigung für Pensionen setzt 
sich fast die gesamte Forderung Englands, der englischen Domi- 
niens und der Vereinigten Staaten zusammen. Für Frankreich 
dagegen macht sie nur den kleinsten Teil seiner Forderung aus. 
Deshalb könnte es nicht nur leicht darauf verzichten, sondern 
Clémenceau hätte, wenn er ein kluger Finanzmann gewesen wäre, 
sagar zusammen mit Wilson darauf verzichten müssen, und er 
hätte zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten verhindern 
müssen, daß diese Bestimmung in den Vertrag aufgenommen 
wurde. Tatsächlich wäre, wenn es sich allein um Reparations- 
entschädigung gehandelt hätte, Frankreich fast der einzige Gläu- 
biger neben Belgien (dies zu einem viel geringeren Teil) gewesen. 
und es wäre gewiß besser für Frankreich, 90 Prozent von sicheren 
50 Milliarden zu erhalten als 52 Prozent von 132 sehr ungewissen 
Milliarden. Hätte man nur Poincaré auf der Londoner Konferenz 
seine Vorschläge darlegen lassen! Es scheint nach Pressemeldun- 
gen, daß der allgemeine Verzicht auf die Pensionen in diesen Vor- 
schlägen mit einbegriffen war. 

Die Streichung der Pensionen würde keineswegs genügen. 
sagen unsere Kritiker, denn die Schuldforderung ist in anderer 
Weise zu hoch: durch die zu hohe Schätzung der verursachten 
Schäden. Man weiß, daß dieses Argument lang auseinander- 
gesetzt ist in dem berühmten Buch von Keynes, und daß man nach 
ihm die Hälfte oder vielleicht dreiviertel der offiziellen Schätzun- 
gen streichen müßte. 

Ich habe selbst vom ersten Tage an erkannt, daß die ersten 
Schätzungen enorm hoch gewesen sind, und Keynes selbst hat mir 
die Ehre erwiesen, mein Zeugnis zu zitieren — daß stark über- 
trieben worden ist, wie das bei allen Schätzungen von Schäden 
der Fall, besonders wenn es der Feind ist, der zahlen soll. Keynes 
Schätzungen aber enthalten meiner Meinung nach die entgegen- 
gesetzten Übertreibungen. Es ist sehr bedauerlich, daß nicht eine 
Kontrollkommission unter der Aufsicht des Völkerbundes einge- 
setzt wurde, der Sachverständige aus neutralen Ländern ange- 
hörten. Ihre Schätzungen hätten eine unerschütterliche Autorität 


Gide, Frankreich und das Reparationsproblem 295 


gehabt, während die von der interessierten Seite aufgestellten 
notwendigerweise verdächtig sind. 

Jedoch wird dieser unerfreuliche Eindruck einer systemati- 
schen Übertaxation gemildert, wenn man die folgenden Gesichts- 
punkte berücksichtigt: 

2) Dem Schadenersatz konnte nicht der Schaden zugrunde ge- 
legt werden, wie er am Tage der Zerstörung zu berechnen war. 
Der französische Staat hat in einem Gefühle der Solidarität, das 
sicher keine Kritik im Ausland finden wird, den Opfern die Ent- 
schädigung versprochen, die notwendig ist, um alles genau so 
wieder herzustellen, als ob der Krieg nicht stattgefunden hätte. 
Es wäre nicht gerecht gewesen, demjenigen, dessen Haus 1914 
niedergebrannt war, einfach den damaligen Preis dieses Hauses 
zu erstatten: man mußte ihm die Summe zurückgeben, die nötig 
war, um es so wiederaufzubauen, wie es vordem war. Nun weiß 
man, was für eine Preissteigerung in allen Ländern während des 
Krieges und mehr noch während der nachfolgenden Jahre eintrat; 
aber für den Wiederaufbau der Häuser und überhaupt für alle 
Wiederaufbauarbeiten ist die Preissteigerung noch sehr viel 
stärker gewesen als die Indexziffern verraten. Es ist in der Tat 
leicht zu verstehen, mit welchem Nachdruck das Gesetz des An- 
gebots und der Nachfrage schalten mußte, ebenso für den Kauf 
der Materialien wie für die Arbeitsleistung, in einem Zeitraum, 
in dem man einen so großen Teil Frankreichs wieder instand- 
setzen und Arbeiten für hunderte von Milliarden ausführen mußte. 
So sind alle gleich nach dem Waffenstillstand gemachten 
Schätzungen in unwahrscheinliichem Maßstabe überschritten 
worden. Der Koeffizient ist ungefähr auf das Fünffache im Laufe 
des Jahres 1920 gestiegen, d. h. man mußte 50 000 Fr. ausgeben, 
um ein bescheidenes Haus von 10 000 Fr. aufzubauen. Heute sind 
die Kosten etwas geringer, aber immer noch drei- oder viermal 
so hoch wie 1914. 

Was den Boden der Kriegszone betrifft, so glaubt Keynes, 
daß er keinen wirklichen Schaden erlitten und daß er sogar an 
Fruchtbarkeit gewonnen habe durch das Durchwühltwerden von 
den Granaten! Ich möchte glauben, daß unser hervorragender 
Kollege sich diesen Geistesblitz nicht erlaubt hätte, wenn er sich 
die Mühe genommen hätte, die Gegenden zu besuchen, wenn er 
die Erde gesehen hätte, die nicht nur von Milliarden jetzt noch 
eine Gefahr für den Landmann darstellenden Granaten aufgewühlt 
it, sondern auch durch tausende Kilometer von Schützengräben 





296 Gide, Frankreich und das Reparationsproblem 


(330 Millionen Kubikmeter sind zuzuschütten), die auf etwa 
380 Millionen Quadratmetern mit mehr Stacheldraht bedeckt ist 
als es in den Urwäldern Schlingpflanzen gibt, wenn er alle um- 
geschlagenen Bäume, selbst die friedlichen Obstbäume, alles fort- 
genommene Ackerbaugerät beachtet hätte. Man darf sich nicht 
wundern, wenn für einen großen Teil dieses Landes (für 
116000 Hektar) die Wiederaufbaukosten den Bodenwert über- 
stiegen haben. 


b) Das besetzte Frankreich begriff, obwohl es nur einen kleinen 
Teil der Gesamtfläche darstellte, die bevölkertsten und industriell 
reichsten Gebiete in sich. Es produzierte fast das ganze Eisen. 
mehr als die Hälfte der Kohle, dreiviertel des Zuckers, ja sogar 
20 bis 25 Prozent des Getreides. Es ist also eine sehr ungenau? 
Rechnung, den Schaden nach dem Durchschnitt des Boden- un! 
Häuserwerts in Frankreich zu schätzen: man muß ihn wenigsten“ 
verdreifachen. 


c) In die Gesamtsumme der Entschädigung muß man nich! 
nur den Sachschaden, sondern auch den den Einzelpersonen zu- 
gefügten Schaden einrechnen. Hunderte von Unschuldigen sind 
erschossen worden, Hunderttausende, darunter junge Mädchen 
und Kinder, sind mit einer Brutalität verschleppt worden, die die 
Empörung der ganzen Welt erregt hat. Die Opfer dieser Gewalt- 
tätigkeiten oder ihre Familien haben ein Recht auf Wieder- 
gutmachung: ein Recht, das in den Punkten des Präsidenten 
Wilson vortrefflich begründet ist und an dem kein Gerichtshof 
vorbeigehen kann. 


d) Endlich muß bemerkt werd